Valentin Senger

Grab von Valentin Senger von E. R. Nele auf dem Waldfriedhof Oberrad

Valentin Senger (geboren 28. Dezember 1918 in Frankfurt am Main; gestorben 4. September 1997 ebenda) war ein deutscher Schriftsteller, Autor und Journalist russisch-jüdischer Herkunft.

Leben

Sengers Eltern waren wegen ihrer revolutionären Aktivität aus dem zaristischen Russland nach Frankfurt am Main geflohen. Der Name Senger wurde nach der Russischen Revolution angenommen. Der Vater Moissee Rabisanowitsch war Facharbeiter und Revolutionär. Sengers Mutter Olga Moissejewna war eine politisch aktive Frau. Sie setzte sich in Frankfurt am Main unter anderem für die Aktionsgemeinschaft zur Abschaffung des § 218 (Schwangerschaftsabbruch) ein und engagierte sich in den Vereinen und Bünden der russisch-jüdischen Arbeiterbewegung wie zum Beispiel im linksorientierten Jüdischen Arbeiter-Kulturbund. In Deutschland traten sie der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Valentin Senger und seine beiden Geschwister waren von klein auf in den Jugendorganisationen der Partei aktiv.

Er lebte und arbeitete von 1918 bis 1997 in Frankfurt am Main. Er absolvierte seine Lehre als Technischer Zeichner, Maschinenbauschule, Konstrukteur und Betriebsleiter.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, war die Familie wegen ihres kommunistischen Engagements und ihrer jüdischen Herkunft doppelt gefährdet. Dennoch überlebten sie die zwölf Jahre der NS-Herrschaft als einzige jüdische Familie (im Familienverbund) unentdeckt in Frankfurt. Seine Erlebnisse in dieser Zeit verarbeite Senger 1978 im Buch Kaiserhofstraße 12. Der Bestseller wurde 1980 vom Hessischen Rundfunk als Fernsehspiel verfilmt.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus war Valentin Senger bis zum Verbot 1956 als Redakteur der kommunistischen Sozialistischen Volkszeitung (SVZ) tätig. Der Hauptgrund für seine Trennung von der KPD Ende 1958 war ihre unzureichende Aufarbeitung des Stalinismus im Zusammenhang mit den Enthüllungen des XX. Parteitags der KPdSU. Den Loslösungsprozess von der Partei hat Senger in seinem Buch Kurzer Frühling geschildert.

Nach seinem Parteiaustritt fand Valentin Senger wieder zu seinen jüdischen Wurzeln zurück. Obwohl er in Deutschland geboren war, musste er 25 Jahre für seine Einbürgerung kämpfen. Ihm wurde nach seinem Antrag auf Einbürgerung, den er am 4. Januar 1958 gestellt hatte, wegen seiner kommunistischen Vergangenheit die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt. Erst nach Veröffentlichung seines erfolgreichen Buches Kaiserhofstraße 12 bot man ihm im Juli 1981 die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Ab Ende der 1950er Jahre bis zu seiner Pensionierung war Senger beim Hessischen Rundfunk als Reporter für Hörfunk, Fernsehen und Leiter der Fernseh-Wirtschaftsredaktion tätig. Der bekannte ARD-Moderator Frank Lehmann berichtete, dass er ohne seinen ehemaligen Vorgesetzten Senger wahrscheinlich kein Wirtschaftsjournalist geworden wäre. Senger habe Wirtschaft in erster Linie als Sozialpolitik, als Wirtschaft des kleinen Mannes, verstanden.

Seine ersten Bücher publizierte Valentin Senger unter dem Pseudonym Valentin Rabis in den 1950er Jahren: Die Brücke von Kassel (1954) und Am seidenen Faden (1956) wurden im Verlag Neues Leben veröffentlicht. In den 1980er und 1990er Jahren folgten weitere Erzählungen, Romane, autobiografische Texte. Insbesondere widmete er sich der Erforschung des jüdischen Lebens in Frankfurt am Main. Ein besonderes Interesse hatte er an der Recherche zu Themen über das Ostjudentum und die armen Juden wie zum Beispiel die Wanderjuden (Roman: Die Buchsweilers).

Valentin Senger war seit 1950 bis zu seinem Tod mit der Fernsehjournalistin Irmgard Senger verheiratet. Sie hatten zwei Töchter und einen Sohn. Valentin Senger hatte vier Enkel.

In Frankfurt am Main gibt es eine Straße mit seinem Namen (Valentin-Senger-Straße) und ein Valentin-Senger-Haus. 1990 wurde ihm durch Oberbürgermeister Volker Hauff die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main verliehen. 1992 wurde er mit der Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet.

Der Vorschlag, die Frankfurter „August-Henze-Schule für Sprachbehinderte“ in Valentin-Senger-Schule umzubenennen, konnte sich in den 1990er Jahren nicht durchsetzen. Der zuständige Ortsbeirat beschloss 1998 stattdessen, ihren alten Namen Weißfrauenschule wieder zu verwenden. Im selben Jahr zeigte das Museum Judengasse in Frankfurt am Main eine Ausstellung zu Valentin Senger mit dem Titel Valentin Senger – Fremder in der Heimat. Im September 2010 wurde in der Valentin-Senger-Straße 9 eine Außenstelle der Comeniusschule unter dem Namen Valentin-Senger-Schule eingerichtet. Es ist eine Grundschule mit Ganztagsangeboten.

Eine weitere Diskussion mit Lesung im Museum Judengasse folgte 2006 mit dem Titel Ich will reden von der Angst meines Herzens.

2009 erwarb der Verlag Schöffling & Co. die Rechte an Kaiserhofstraße 12 und publizierte dieses Buch 2010 neu.

Valentin Senger wurde auf dem Waldfriedhof Oberrad beerdigt. Auf seinem Grab steht eine bemerkenswerte Skulptur (siehe Foto), geschaffen von der Künstlerin E. R. Nele (d. i. Eva Renée Nele Bode). Diese Grabfigur bezieht sich auf Neles Kasseler Kunstwerk „Die Rampe“, das die Transporte von Menschen in Vernichtungslager thematisiert.

Werke

Autogramm

unter dem Pseudonym Valentin Rabis:

unter eigenem Namen:

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ vgl. Valentin Senger: „Kaiserhofstraße 12.“ Der Schriftsteller und Journalist. In: FAZ. 29. April 2010 (nach: Romanfabrik, Pressespiegel 2010). Siehe auch: Valentin Senger (Hrsg.): Einführung in die Sozialpolitik: Soziale Sicherheit für alle. Rowohlt, Reinbek 1970.
Personendaten
NAME Senger, Valentin
KURZBESCHREIBUNG deutscher Schriftsteller russisch-jüdischer Herkunft
GEBURTSDATUM 28. Dezember 1918
GEBURTSORT Frankfurt am Main
STERBEDATUM 4. September 1997
STERBEORT Frankfurt am Main