Vanguardia

Als Vanguardia wird die lateinamerikanische Variante der Avantgarde bezeichnet. Diese literarische Strömung entstand nach 1910 und erlebte ihre Blütezeit in den 1920er und 1930er Jahren. Die im Zusammenhang mit der Avantgarde verwendeten Begriffe arte nuevo und arte deshumanizado gehen auf den Essay La deshumanización del arte (1925) des Spaniers José Ortega y Gasset zurück. Ortega beschrieb damit die Loslösung der neuen Kunst von der erlebten Wirklichkeit und verstand den Begriff nicht abwertend. Die Vanguardia basiert auf der Idee eines sich von Europa loslösenden Modernisierungsprozesses, wobei unter anderem eine Berufung auf autochthone Belange erfolgt. Sie bricht mit bisherigen Strömungen und zeichnet sich durch neue Inhalte und auch Schreibweisen aus. Grenzen der Grammatik, Morphologie, Semantik und Rhythmen werden bewusst überschritten, Sprache wird teils neu erfunden, einschließlich neuer Wörter. Angst, Zeitlichkeit, die Rolle des Subjekts werden neu hinterfragt und schockierende, teils auch absurde Elemente treten auf. Die Strömung ist nicht homogen, einige Vertreter unterscheiden sich drastisch voneinander. Exemplarische Vertreter sind Pablo Neruda, Vicente Huidobro, César Vallejo, Jorge Luis Borges und Octavio Paz.

Creacionismo

Eine Variante der "Vanguardia" stellt der Creacionismo dar: Hier steht das revolutionäre Verhältnis zur Umwelt, zur Natur und zur Sprache im Vordergrund. Der Dichter kehrt vom Mimesisprinzip ab, er sieht sich ebenbürtig mit der Natur, statt sie nachzuahmen. Neue, freie Versformen werden entwickelt, sogar neue Worte erfunden. Auch die herkömmliche Gestaltungsform der Gedichte in Versen, die untereinander gefasst werden, wird in Frage gestellt: Die Grenzen der Sprache sollen bewusst überschritten werden, die geometrische Form des Gedichts dominiert den Inhalt. Quer zur Alltagslogik und unabhängig von der Realität soll so etwas Neues erschaffen werden. Ein typisches Gedicht ist "Minuit" aus dem Jahr 1922 des Chilenen Vicente Huidobro. Als creationistisch ist auch das in lexikalischer und syntaktischer Hinsicht äußerst kühne Werk "Trilce" des peruanischen Lyrikers und Journalisten César Vallejo aus dem gleichen Jahr zu bezeichnen.

Quelle

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Justin Read: Poetry of the Latin American Avant-Garde. In: Oxford Research Encyclopedia of Literature. Oxford University Press, 23. März 2022, doi:10.1093/acrefore/9780190201098.013.1293 (englisch).
  2. 1 2 Constanza Nieto Yusta: José Ortega y Gasset y la deshumanización del arte. In: Espacio, Tiempo y Forma. Serie VII, Historia del Arte. Nr. 20–21, 2008, doi:10.5944/etfvii.20-21.2007.1481 (spanisch).
  3. ↑ Ciriaco Morón Arroyo: Las dos estéticas de Ortega y Gasset. In: Jaime Sánchez Romeralo, Norbert Poulussen (Hrsg.): Actas del Segundo Congreso Internacional de Hispanistas. Instituto Español de la Universidad de Nimega, Nijmegen 1967, S. 439–445 (spanisch, cervantes.es [PDF; abgerufen am 27. September 2026]).
  4. 1 2 Latin American literature: The 20th century. In: Encyclopædia Britannica. Abgerufen am 27. September 2026 (englisch).
  5. ↑ Manifiestos: Non serviam. In: ICAA Documents Project. Museum of Fine Arts, Houston, abgerufen am 27. September 2026 (spanisch).
  6. ↑ Salle XIV. Vicente Huidobro and the Visual Arts. In: museoreinasofia.es. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, abgerufen am 27. September 2026 (englisch).
  7. ↑ Trilce / César A. Vallejo ; prólogo de Antenor Orrego. In: Biblioteca Virtual Miguel de Cervantes. Abgerufen am 27. September 2026 (spanisch).