
Das einsätzige Klavierwerk Vers la flamme (deutsch: „Der Flamme entgegen“) op. 72 des russischen Komponisten und Pianisten Alexander Skrjabin (1872–1915) wurde 1915 uraufgeführt.
Alexander Skrjabin widmete sich in seinen letzten Lebensjahren intensiv dem Plan eines als „Mysterium“ bezeichneten Gesamtkunstwerks, in dem Musik mit weiteren Künsten zusammenfließen und die Menschheit auf eine höhere Bewusstseinsebene führen sollte. Der Großteil seines Spätwerks war, wie Skizzen belegen, als Vorstufe dazu gedacht. Zudem spielte die Feuersymbolik in der Gedankenwelt Skrjabins – der den Feuerzauber aus Richard Wagners Walküre bewunderte – eine wichtige Rolle, wie dies auch in weiteren Werken wie Prométhée. Le Poème du feu oder Flammes sombres op. 73,2 zum Ausdruck kommt.
Laut Leonid Sabanajew skizzierte Skrjabin Vers la flamme im Jahr 1913 und spielte ihm insbesondere dessen Anfang häufig vor. Entwürfe befinden sich im Moskauer Glinka-Museum. Ebenfalls erhalten ist die autographe Stichvorlage, die Skrjabin 1914 dem Moskauer Verlag Jurgenson übergab. Im selben Jahr erschien das Werk unter der Opuszahl 72 im Druck. Die Uraufführung am 14. März 1915 in Charkiw spielte der Komponist selbst.
Vers la flamme war zunächst als Sonate gedacht, wurde dann aber mit dem Untertitel „Poème“ publiziert. Das Werk trägt die Tempovorschrift Allegro moderato, steht im 9/8-Takt und umfasst 137 Takte. Die Spieldauer liegt bei etwa 5 bis 6 Minuten. Elemente einer Sonatensatzform sind ansatzweise erkennbar und erlauben folgende Gliederung:
Das thematische Material ist stark reduziert und basiert hauptsächlich auf kleiner und großer Sekunde, wobei nach Skrjabin „alles allmählich aufblüht … aus dem Nebel zum blendenden Licht“. So folgt auf den verhalten-düsteren Beginn (Vortragsbezeichnung sombre) im Pianissimo eine permanente Steigerung, wobei Triller, Tremoloketten und Signalmotive (Vortragsbezeichnung comme une fanfare) die musikalische Textur zunehmend prägen. Skrjabins Vorstellung einer spirituellen Erhebung kommt auch durch Verlagerung des thematischen Material in immer höhere Regionen zum Ausdruck, bis am Ende des Stücks „Lichtblitze“ der rechten Hand im höchsten Register des Klaviers erklingen. Einige Takte kurz vor Schluss sind auf drei Systemen notiert.
Die Harmonik in Vers la flamme fußt auf der tritonalen Spannung zwischen E und B, die in Gestalt des im Spätwerk Skrjabins häufig erscheinenden Mystischen Akkords eingeführt wird und im Verlauf der Komposition zahlreiche Transformationen durchläuft.
Zu den größten klaviertechnischen Herausforderungen zählen häufige Handwechsel und diffizile Polyrhythmik (9 gegen 5). Das Werk liegt in zahlreichen Einspielungen vor. Hervorzuheben sind beispielsweise diejenigen von Ruth Laredo, Wladimir Horowitz, Christopher O’Riley und Swjatoslaw Richter. Die ursprüngliche Soloklavierfassung wurde mehrfach orchestriert, so für ein Ballett von Rudolf Bella nach Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ oder von David Matthews, aber auch für Klavierduo adaptiert.