Villa Beer

Straßenansicht (2026)
Gartenseite (2016)

Die Villa Beer (auch: Haus Beer) ist ein viergeschoßiges Villengebäude in der Wenzgasse 12 im 13. Wiener Gemeindebezirk, Hietzing, mit rund 800 m² Wohnfläche. Das von Josef Frank und Oskar Wlach von Sommer 1929 bis September 1930 errichtete Gebäude gilt als wichtiger architektonischer Vertreter der Moderne in Wien.

Geschichte

Die Bauherren der Villa Beer waren das Ehepaar Julius Beer, Mitinhaber der Berson Kautschuk Gummisohlenfabrik, und Margarete Beer (geb. Blitz). Beide gehörten dem liberalen Judentum an und werden als kunstsinnig beschrieben. Die Beers ließen das Haus errichten, um einen geeigneten Ort für Empfänge und musikalische Abendveranstaltungen zu schaffen. Bereits 1925 hatten Julius Beers Bruder Robert und seine Frau Elisabeth den Architekten Josef Frank mit der Einrichtung ihrer Wohnung am Schwarzenbergplatz beauftragt. Nachdem Julius Beer 1931 als Hauptgeschäftsführer ausgeschieden war und es zu Streitigkeiten mit den Hauptgesellschaftern Berson gekommen war, vermieteten er und seine Familie das Haus aufgrund der daraus resultierenden finanziellen Schwierigkeiten ab 1932. Die Familie Beer mit den Kindern Helene, Hans und Elisabeth bewohnte das Haus nur ein Jahr. Zwischenmieter des Hauses waren – während ihrer Aufenthalte in Wien – unter anderem Richard Tauber, Jan Kiepura mit Marcel Prawy sowie Marta Eggerth. 1935 leitete die hypothekenfinanzierende Allianz und Giselaverein-Versicherungs-AG ein Versteigerungsverfahren ein und erwarb 1936 die beiden unbebauten Grundstücke an der Lainzer Straße. 1937 wurde das Versteigerungsverfahren für die restliche Liegenschaft eröffnet, wobei die Versicherung 1938 den Zuschlag für das Haus samt mitverpfändeter Einrichtung von „Haus und Garten“ erhielt. 1941 erwarb der Textilunternehmer Harry Pöschmann zusammen mit seiner Frau Herta das Haus von der Versicherungsanstalt.

Rezeption

Das Haus steht seit 1987 unter Denkmalschutz (Listeneintrag). Laut Bundesdenkmalamt (BDA) stellt es einen Höhepunkt in der Entwicklung der modernen Architektur in Österreich dar und steht in einer Reihe mit Adolf Loos’ Haus Müller in Prag, Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brünn und Le Corbusiers Villa Savoye in Poissy bei Paris.

Laut der Kunsthistorikerin Maria Welzig stellen alle diese Einfamilienhäuser Manifeste für eine neuartige Architektur dar. Beim Bau der Villa Beer sei Architekt Frank mithilfe von z. B. unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner eingegangen. Das Haus sollte nicht einengen, sondern Freiheit zur Selbstentfaltung bieten.

Friedrich Achleitner nannte das Haus „das wohl bedeutendste Beispiel der Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit“. Josef Frank stelle sich hier in die Tradition Adolf Loos’, gestalte aber freier als dieser. Das Haus sei horizontal und vertikal entlang eines „räumlichen Rückgrats“ organisiert. Die Kontur des Grundrisses ähnle eher einem englischen Landhaus und erzeuge vielfältigere Ausblicke und Berührungspunkte zum Garten als es für Loos typisch wäre. Die vielen Terrassen seien Zeichen einer intensiven Innenraum-Außenraum-Beziehung. Vor allem lasse Franks Umgang mit Raumbegrenzungen den Bewohnern mehr Freiheiten für „sich frei entfaltende und ändernde Möblierung“. Auch die Fassaden wirkten frei komponiert. Die Mauerflächen dagegen bezögen sich streng auf die Form des Quadrats und seine Teilungen. Das Haus stelle in seiner Gesamtkonzeption eine „Meisterleistung in den Beziehungen von Regel und Freiheit“ dar und nehme zudem Einflüsse aus der angelsächsischen und asiatischen Kultur auf.

Wolfgang Born zählte das Haus bereits 1931 zu „jenen Meisterwerken der Architektur […], in denen über die Lösung einer speziellen Aufgabe hinaus ein künstlerisches Bekenntnis seinen vollkommenen Ausdruck gefunden hat.“

Museum

2016 forderte die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) in einer Petition die „Entwicklung eines Konzepts zur öffentlichen Nutzung unter Einbeziehung aller rechtlich Beteiligten und der kompetentesten Persönlichkeiten und Institutionen der Fachwelt, sowie die Einleitung eines Restaurierungsprozesses für das Haus und den Garten“. 2021 erwarb die Villa Beer Foundation gemeinnützige GmbH unter der Leitung von Lothar Trierenberg das Haus. Zuvor war das Haus von der Immobilienfirma Knight Frank LLP für 5,3 Millionen Euro zum Verkauf angeboten worden. Darauf folgte eine umfassende, mit dem Bundesdenkmalamt und Fachleuten abgestimmte Sanierung. Die Stadt Wien unterstützt die Sanierung der Villa Beer mit 500.000 € und fördert die museale Öffnung des denkmalgeschützten Gebäudes.

Im Frühling 2022 organisierte die ÖGFA gemeinsam mit Docomomo Austria und der Villa Beer Foundation ein internationales Symposium zur Zukunft der Villa Beer: Offene Moderne, Zur Zukunft der Villa Beer.

Seit dem 8. März 2026 ist die Villa Beer im Rahmen von Führungen sowie am Wochenende mit Zeitfenster-Tickets öffentlich zu besichtigen.

Literatur

Commons: Haus Beer – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Villa Beer, Josef Frank, Oskar Wlach - Wien (A). Abgerufen am 6. März 2026.
  2. ↑ Veranstaltung: Alles Frank! In: Architekturzentrum Wien. Abgerufen am 6. März 2026.
  3. ↑ Maria Welzig, Josef Frank: Josef Frank (1885–1967): Das architektonische Werk. Böhlau Verlag Wien, Wien 1998, ISBN 3-205-98407-2.
  4. ↑ Christopher Long: The New Space: Movement and Experience in Viennese Modern Architecture. Yale University Press, 2016, ISBN 978-0-300-22392-7 (google.com [abgerufen am 29. Juli 2021]).
  5. 1 2 3 Marlene Ott-Wodni: Josef Frank 1885-1967. Hrsg.: Eine Publikationsreihe MMD der Museen des Mobiliendepots. Band 33. Böhlau Verlag, Wien 2015, ISBN 978-3-205-79647-3, S. 208 (google.de).
  6. ↑ Franziska Leeb: Spiegel der Gesellschaft. Die Menschen der Villa Beer. In: Villa Beer Foundation gemeinnützige GmbH (Hrsg.): Villa Beer. 2026, ISBN 978-3-200-10810-3, S. 8 ff.
  7. 1 2 3 Tano Bojankin: Das Haus Beer und seine Bewohner. In: Iris Meder (Hrsg.): Josef Frank. Eine Moderne der Unordnung. Pustet, Salzburg und Wien, ISBN 978-3-7025-0581-3, S. 101–107 (ipts.at [PDF]).
  8. ↑ Marlene Ott: „Josef Frank (1885-1967) – Möbel und Raumgestaltung“. Hrsg.: Universität Wien. Wien 2009, urn:nbn:at:at-ubw:1-29934.17300.464361-4 (univie.ac.at).
  9. 1 2 Josef Franks Villa Beer in Wien. Abgerufen am 30. Juli 2021.
  10. ↑ Nina Schedlmayer: Architektur: Moderne Gebäude sind massiv bedroht. In: profil.at. 21. Juli 2016, abgerufen am 29. Juli 2021.
  11. ↑ Wahrnehmungsbericht des Denkmalbeirates. In: Bundesdenkmalamt. Denkmalbeirat beim Bundesdenkmalamt, 2017, abgerufen am 21. Juli 2021.
  12. ↑ Maria Welzig: Die Villa Beer im Werk von Josef Frank. Schriftliche Fassung des Vortrags am 12. Mai 2023. In: Martin Düchs, Christian Prasser (Hrsg.): Eine menschliche Moderne. Zum Menschenbild der Villa Beer von Josef Frank. Springer VS, 2023, ISBN 978-3-658-48482-8, S. 63 ff.
  13. ↑ Friedrich Achleitner: Wenzgasse 12. In: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. III|2. Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1995, ISBN 3-7017-0704-9, S. 65–66.
  14. ↑ Wolfgang Born: Ein Haus in Wien-Hietzing. In: Innen-Dekoration. Nr. 10/1931 (XLII. Jahrgang). Koch, Darmstadt 1931, S. 363–398. – Volltext online.
  15. ↑ Haus Beer in Gefahr — Österreichische Gesellschaft für Architektur. Abgerufen am 2. August 2021.
  16. ↑ Condé Nast: ARQUITECTURA EN EXTINCIÓN: Una casa de Josef Frank, salvada. 21. Juli 2021, abgerufen am 2. August 2021 (europäisches Spanisch).
  17. ↑ Haus Beer (Wien): Architekturjuwel von Josef Frank wird Museum. In: Initiative Denkmalschutz. 15. Juni 2021, abgerufen am 29. Juli 2021.
  18. ↑ Josef Frank's Villa Beer is ripe for renovation. In: The Spaces. 17. April 2020, abgerufen am 6. August 2021 (amerikanisches Englisch).
  19. ↑ Knight Frank: International Property Digest: A waltz around Vienna. Abgerufen am 22. November 2024 (englisch).
  20. ↑ Architektur-Juwel "Haus Beer" um 5,3 Mio. Euro zu haben. 20. Juli 2020, abgerufen am 22. November 2024.
  21. ↑ M. Kathryn: Villa Beer by Josef Frank. 26. Mai 2020, abgerufen am 22. November 2024.
  22. ↑ Sanierung von Villa Beer gestartet. In: wien.orf.at. 20. April 2024, abgerufen am 21. April 2024.
  23. ↑ Hietzing: Villa Beer wird Museum – Stadt Wien fördert Sanierung. 15. Juni 2024, abgerufen am 22. November 2024.
  24. ↑ Ernst Berger: Hietzing: Stadt fördert Sanierung der Villa Beer. In: Wiener Bezirksblatt. 13. Juni 2024, abgerufen am 22. November 2024.
  25. ↑ Symposium „Offene Moderne – Zur Zukunft der Villa Beer“: 24.–26.2.2022. Docomomo Austria, abgerufen am 22. November 2024.
  26. ↑ Architektur : Villa Beer zur Eröffnung ausgebucht. 8. März 2026, abgerufen am 8. März 2026.
  27. ↑ Der Baumeister, Neunundzwannzigster Jahrgang, Aug. 1931, Heft 8. In: The Digital Library of the Silesian University of Technology. Abgerufen am 18. April 2026.
  28. ↑ Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst (31.1932). Abgerufen am 3. September 2021.

Koordinaten: 48° 11′ 6,1″ N, 16° 17′ 35,4″ O