
Violet Constance Jessop (* 2. Oktober 1887 bei Bahía Blanca, Argentinien; † 5. Mai 1971 in Great Ashfield, Suffolk, England) war eine britische Stewardess, die für die Schifffahrtsgesellschaft White Star Line tätig war und unter anderem an Bord aller drei Schiffe der Olympic-Klasse (Olympic, Titanic und Britannic) ihren Dienst versah und mit allen drei Schiffen in Unglücke verwickelt war.
Violet Jessop wurde als erstes von neun Kindern der irischen Emigranten William Jessop und Katherine Kelly Jessop in Argentinien bei Bahía Blanca geboren. Ihr Vater wanderte Mitte der 1880er Jahre von Dublin nach Argentinien aus, ihre Mutter kam 1886 nach. Kurz nach ihrer Ankunft heirateten beide. Ihr Vater verdiente sein Geld als Schäfer. Nur sechs der Geschwister überlebten, Violet selbst erkrankte in jungen Jahren an Tuberkulose. Als der Vater 1903 starb, zog die Familie nach Großbritannien. Violet ging dort in Kent auf einer Klosterschule. Ihre Mutter arbeitete als Stewardess bei der Royal Mail Line, die einen Linienbetrieb von Europa nach Südamerika und in die Karibik unterhielt. Violet Jessop kümmerte sich als älteste Tochter um die jüngeren Geschwister. Als 1908 ihre Mutter schwer erkrankte, verließ sie die Schule und wurde wie zuvor ihre Mutter Stewardess der Royal Mail Line. Ab September 1910 begann sie für die White Star Line zu arbeiten, deren drei Schwesterschiffe Olympic, Titanic und Britannic später traurige Berühmtheit erlangten.
Am 20. September 1911 war Violet Jessop an Bord der Olympic, als diese mit dem britischen Kreuzer Hawke kollidierte. Beide Schiffe wurden stark beschädigt, sanken jedoch nicht.
Sieben Monate später, am 10. April 1912, war sie eine der 23 Stewardessen an Bord der Titanic. Vier Tage später, am 14. April, kollidierte das Schiff im Nordatlantik mit einem Eisberg und sank etwa zwei Stunden und vierzig Minuten nach der Kollision. Jessop beschrieb in ihren Memoiren, wie sie an Deck beordert wurde, um den nicht englischsprachigen Passagierinnen, die den Anweisungen eines Schiffsoffiziers nicht folgen konnten, als Vorbild für das richtige Verhalten zu dienen. Während die Schiffsbesatzung die Rettungsboote vorbereitet und zu Wasser gelassen haben, versuchte Jessop den Frauen zu erklären, dass die Rettungsboote und -westen sicher seien. Kurz darauf wurde sie in das Rettungsboot Nr. 16 beordert, um den Frauen zu zeigen, was zu tun ist. Als das Rettungsboot zu Wasser gelassen wurde, übergab ihr der sechste Offizier der Titanic, James Paul Moody, ein Baby, auf das sie aufpassen sollte. In den frühen Morgenstunden des 17. April wurden Jessop und die anderen Überlebenden von der Carpathia gerettet und erreichten am 18. April New York City. Laut Jessop griff an Bord der Carpathia eine Frau – vermutlich die Mutter des Kindes – nach dem Baby, das Jessop die ganze Zeit im Arm hielt, und rannte weinend davon, ohne ein Wort zu sagen. Nach ihrer Ankunft in New York City kehrte sie später nach Southampton zurück.
Im Ersten Weltkrieg arbeitete Jessop als Krankenschwester für das Britische Rote Kreuz. 1916 war sie an Bord der Britannic stationiert. Am 21. November 1916 befand sich das Schiff im Ägäischen Meer und sank aufgrund einer Explosion, die wahrscheinlich von einer deutschen Seemine herrührte. Jessop saß in einem der beiden Rettungsboote, die in die noch rotierenden Schiffsschrauben gesogen wurden, konnte aber im letzten Moment herausspringen. Obwohl sie nicht schwimmen konnte und unter Wasser mit dem Kopf mehrmals gegen den Kiel eines Rettungsbootes schlug, schaffte sie es noch aufzutauchen, so dass sie von der Besatzung eines anderen Rettungsbootes gerettet werden konnte. Bis auf eine tiefe Schnittwunde am Bein und Kopfschmerzen hatte sie keine Verletzungen zu beklagen. Jahre später ergab eine ärztliche Untersuchung, dass ihre anhaltenden Kopfschmerzen auf eine Schädelfraktur zurückzuführen waren, die sie sich beim Untergang der Britannic zugezogen hatte.
Nach dem Krieg arbeitete Violet Jessop zunächst als Pflegerin und Dienstmädchen auf dem Land, bevor sie 1920 ihre Arbeit an Bord der Olympic wieder aufnahm. Anschließend wechselte sie zur Majestic, an deren Bord sie zwischen 1923 und 1935 insgesamt 36 Überfahrten absolvierte. Wie viele Besatzungsmitglieder dieser Schiffe half sie den US-amerikanischen Passagieren, die Prohibition zu umgehen, indem sie ihnen half, Alkohol an Land zu schmuggeln – eine Tätigkeit, die sie rückblickend als „tägliche Aufgabe“ bezeichnete. Neben ihrer Arbeit für die White Star Line war Jessop zeitweise auch für die Red Star Line im Einsatz, darunter auf den Schiffen Belgenland und Westernland. Von Mai 1926 bis März 1933 gehörte sie zur Besatzung der Belgenland und nahm an 35 Überfahrten teil, darunter zwei Weltreisen. Nach dem Niedergang der White Star Line und der Verschrottung der Olympic im Jahr 1935 kehrte Jessop zu ihrer ursprünglichen Reederei, der Royal Mail Line, zurück und diente bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unter anderem an Bord der Alcantara. 1945 war sie in einem Büro tätig. 1948, im Alter von 61 Jahren, diente sie erneut bei der Royal Mail Line für einen zweijährigen Einsatz.
In ihren späten 1930er Jahren war Jessop kurz verheiratet, die Ehe war kinderlos und wurde nach kurzer Zeit geschieden. 1950 setzte sie sich in Great Ashfield in der englischen Grafschaft Suffolk zur Ruhe – ein kleines Dorf etwa 15 Kilometer östlich von Bury St Edmunds gelegen. Dort starb sie 1971 im Alter von 83 Jahren an einer Herzinsuffizienz als eine der letzten verbliebenen erwachsenen Titanic-Überlebenden.
1934 verfasste Violet Jessop ihre Memoiren unter dem Pseudonym „Constance Ransom“ mit dem Titel Neptune’s Greenroom. Sie reichte das Werk unter anderem bei einem Literaturwettbewerb ein, blieb damit jedoch erfolglos. In den folgenden Jahren überarbeitete sie das Manuskript mehrfach und änderte den Titel in While I Remember. Zu ihren Lebzeiten wurde das Manuskript nicht mehr veröffentlicht. Erst nach ihrem Tod fanden ihre Angehörigen es in ihrem Haus.
1996 beschlossen die Angehörigen, die Memoiren von Jessop zu veröffentlichen, und schickten das Manuskript an den Verlag Sheridan House in Dobbs Ferry im US-Bundesstaat New York, der auf Bücher zum Thema Seefahrt spezialisiert war. Nach Prüfung des Textes beauftragte der Verlag den US-amerikanischen Autor und Maritimen Historiker John Maxtone-Graham mit der Überarbeitung ihrer Memoiren. Maxtone-Graham überarbeitete das Manuskript und ergänzte es um historische Fakten und Anmerkungen. Dass Maxtone-Graham den Auftrag bekam, war kein Zufall. Er hatte Jessop bereits im Frühjahr 1970 getroffen. Bei ihrem Gespräch über die transatlantischen Passagierschiffe der White Star Line sammelte er ihre Erfahrungen und Eindrücke, die später in sein erstes Buch The Only Way to Cross einflossen. Der Kontakt zu Jessop war zustande gekommen, nachdem Maxtone-Grahams Mutter sich positiv an sie erinnert hatte: In den 1920er-Jahren war sie, nach einer Operation, auf einer Fahrt mit der Majestic von Jessop betreut worden. Die beiden Frauen hatten sich tagelang über ihre Erlebnisse an Bord der Passagierschiffe unterhalten.
Das Buch von Maxtone-Graham erschien erstmals 1997 unter dem Titel Titanic Survivor: The Memoirs of Violet Jessop, Stewardess; 2004 erschien ein Nachdruck unter dem Titel Titanic Survivor: The Newly Discovered Memoirs of Violet Jessop who Survived Both the Titanic and Britannic Disasters. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Jessop, Violet |
| ALTERNATIVNAMEN | Jessop, Violet Constance (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | britische Stewardess |
| GEBURTSDATUM | 2. Oktober 1887 |
| GEBURTSORT | bei Bahía Blanca, Argentinien |
| STERBEDATUM | 5. Mai 1971 |
| STERBEORT | Great Ashfield, Suffolk, England |