Virrie Cohen

Virrie Cohen (* 20. April 1916 in Den Haag; † 23. Dezember 2008 in Amstelveen) war eine niederländische jüdische Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende während des Zweiten Weltkriegs.

Werdegang

Virginie Rivka „Virrie“ Cohen wurde 1916 in Den Haag als Tochter von Cornelia Slijper (1881–1953) und David Cohen (1882–1967) geboren. Mit ihren Geschwistern Herman (1914–2005) und Mirjam (1920–1990) wuchs sie in Den Haag und Amsterdam auf.

Jüdisches Waisenhaus in Rotterdam (1900)

In den 1930er Jahren absolvierte Virrie Cohen eine Ausbildung zur Kinderpflegerin in der Kinderkrippe (offiziell Vereeniging Zuigelingen-Inrichting en Kinderhuis, „Vereinigung für Säuglingsfürsorge und Kinderheim“) in der Plantage Middenlaan in der Plantagebuurt in Amsterdam.

Anschließend ging sie nach Rotterdam, fand eine Wohnung in der Schietbaanlaan 42 und war ab Januar 1939 im jüdischen Waisenhaus angestellt, in dem vor Beginn des Zweiten Weltkriegs dreißig Kinder lebten. Mit dem Eintreffen jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland stieg ihre Zahl deutlich an. Auch nach der Bombardierung von Rotterdam am 14. Mai 1940, bei der die komplette Altstadt zerstört wurde, und der Besetzung der Niederlande setzte Virrie Cohen ihre Tätigkeit fort. Sie wollte die Kinder auch bei der Deportation am 26. Februar 1943 in das Durchgangslager Westerbork begleiten. Ihr Vater David Cohen nutzte seinen Einfluss im Vorsitz des Judenrats der Niederlande, um sie gegen ihren Wunsch bei den Kindern zu bleiben, aus dem Zug holen zu lassen.

Widerstandstätigkeit

Virrie Cohen ging nach Amsterdam und arbeitete in der Kinderkrippe in der Plantage Middenlaan, in der sie auch ihre Ausbildung gemacht hatte. Die Kinderkrippe lag gegenüber dem Theater Hollandsche Schouwburg auf der anderen Straßenseite am Rande des historischen Amsterdamer Judenviertels, die ab Ende Juli 1942 als Sammelplatz für Juden vor dem Weitertransport in das Durchgangslager Westerbork oder das KZ Herzogenbusch diente. Im Oktober 1942 wurde die Kinderkrippe offiziell zu einer Außenstelle der Schouwburg. Die verängstigten Kinder wurden von ihren in der Schouwburg festgehaltenen Eltern getrennt und zunächst bis zu ihrer Deportation in der Krippe untergebracht. Walter Süskind und die Leiterin Henriëtte Pimentel baten einen kleinen Kreis von Betreuerinnen, bei der Rettung von Kindern zu helfen.

Nachdem Ende Juli 1943 die Kinderkrippe unerwartet von den Deutschen geräumt worden war und fast alle Kinder und ihre Betreuer, darunter auch Henriëtte Pimentel, in das Lager Westerbork transportiert worden waren, blieben als Betreuerinnen nur Betty Oudkerk, Sieny Cohen-Kattenburg und Virrie Cohen zurück, die die Leitung übernahm. Sie starteten fieberhafte Rettungsaktionen für die verbliebenen und neu hinzukommenden Kinder. Virrie Cohen schmuggelte Dutzende von Babys und Kleinkindern in die Büros der Jüdischen Gemeinde in der Plantage Parklaan und fast täglich wurden Kinder von Untergrund-Widerstandsgruppen abgeholt und in Verstecke gebracht. Am 29. September 1943 räumten die Nationalsozialisten die Kinderkrippe endgültig. Der Jüdische Rat wurde aufgelöst, und das gesamte Personal wurde nach Westerbork deportiert.

Betty Oudkerk, Sieny Cohen-Kattenburg und Virrie Cohen überlebten den Krieg, indem sie untertauchten. Virrie Cohen versteckte sich unter dem Pseudonym „Virrie de Koning“ bei verschiedenen Familien, so in der Nieuwstraat 2 in Blitterswijck bei Pieter und An P. Hendriks-Janssen und in der Dorpbroekstraat 25 in Meerlo bei der Familie von Hein und Grada Peters–Linssen. Von Anfang November 1944 bis April 1945 lebte sie bei Hanna van de Voort in der Spoorstraat in Tienray in der Gemeinde Horst aan de Maas. Gemeinsam sammelten sie bei örtlichen Landwirten Lebensmittel für die zahlreichen Flüchtlinge im benachbarten Kloster.

Weiteres Leben

Sarphatistraat 26–32 (1979)

Neben Virrie Cohen hatten auch ihre Eltern und die Geschwister den Holocaust überlebt. Die Kinderkrippe wurde unter dem Namen „Huize Henriëtte“ im Gedenken an Henriëtte Pimentel in der Sarphatistraat 26 wiedereröffnet und Virrie Cohen übernahm 1950 die Leitung.

Sie heiratete den jüdischen Metzger Maurits Oudkerk (1900–1974) und hatte mit ihm den 1955 geborenen Sohn Robert „Rob“ Herman Oudkerk. Ihr Ehemann, dessen gesamte Familie im Holocaust ermordet worden war, versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen. Im Sommer 1974 wurde sie Witwe. Auch ihre Schwester Mirjam starb 1990 durch Suizid. Virrie Cohen litt ihr Leben lang daran, dass neben den vielen geretteten Kindern Tausende andere nicht vor der Deportation und Ermordung bewahrt werden konnten. Sie lebte in ihren letzten Jahren in Amstelveen und starb am 23. Dezember 2008.

Medien und Gedenken

Virrie Cohens Sohn Rob Oudkerk veröffentlichte mit Virrie’s kinderen 2024 ein Buch über das Wirken seiner Mutter, das auf persönlichen Gesprächen, ihren Notizbüchern und zahlreichen Fotografien, die sie kurz vor ihrem Tod ihrem Sohn übergab, beruht. Es schildert auch die Spannungen zwischen ihr und ihrem Vater, der als einer der beiden Vorsitzenden des Jüdischen Rates von den deutschen Besatzern gezwungen war, Selektionslisten von Juden zu erstellen, die daraufhin deportiert und getötet wurden.

In der fünfteiligen niederländischen Drama-Fernsehserie De Joodse Raad unter der Regie von Paula van der Oest aus dem Jahr 2024 ist Virrie Cohen eine der Hauptpersonen. Die Serie folgt der Geschichte von David Cohen, dem Vorsitzenden des Judenrates, und seiner Tochter Virrie Cohen. Sie wurde vom Sender Evangelische Omroep im März 2024 ausgestrahlt.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 Virrie Cohen. In: joodsamsterdam.nl. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  2. 1 2 3 De Hollandsche Schouwburg als deportatieplaats. In: Joods Cultureel Kwartier. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  3. ↑ Betty Goudsmit-Oudkerk. In: joodsamsterdam.nl. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  4. ↑ Betty Goudsmit-Oudkerk - Rescuer of Jewish Children. In: artworkarchive.com. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  5. ↑ Virrie Cohen. In: Tienray 75 jaar bevrijd. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  6. ↑ Virrie's kinderen. In: tracesofwar.nl. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  7. 1 2 Marchien den Hertog: Recensie: Overleven is een zware last. In: Ons Amsterdam vom 8. April 2024. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  8. ↑ Rob Oudkerk spreekt over ‘Virrie’s kinderen’ bij Blankevoort in Amstelveen. In: Amstelveens Nieuwsblad vom 10. April 2024. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  9. ↑ Jochem Rietjens: Nadat Virrie Cohen ‘haar baby’s’ in Tienray verstopte, dook ze er zelf onder: haar verhaal is te zien in de dramaserie ‘De Joodse Raad’. In: De Limburger vom 15. März 2024. Abgerufen am 25. Oktober 2026
  10. ↑ Esther Tims-Van Helden: Claire Bender in ‘De Joodse Raad’: ‘Het is een prachtig, maar ook ver­schrik­ke­lijk verhaal’. In: Evangelische Omroep vom 5. März 2024. Abgerufen am 25. Oktober 2026
Personendaten
NAME Cohen, Virrie
ALTERNATIVNAMEN Cohen, Virginie Rivka, Oudkerk-Cohen, Virginie Rivka
KURZBESCHREIBUNG niederländische Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg
GEBURTSDATUM 20. April 1916
GEBURTSORT Den Haag, Niederlande
STERBEDATUM 23. Dezember 2008
STERBEORT Amstelveen, Niederlande