Ehemaliger HWA-Amtssitz, Jebensstraße/Hertzallee, Berlin
Hof des früheren Heereswaffenamtes
Hofdenkmal, St. Barbara mit Handgranate in der linken Hand
Das Heereswaffenamt (HWA) war in Berlin als Militärbehörde die Zentralstelle für die technische Entwicklung und Fertigung von Waffen, Munition und Gerät des deutschen Heeres (Rüstungsforschung). In der Behörde waren etwa 5000 Beamte und Offiziere beschäftigt.
Der Hauptsitz des HWA war in Berlin, Hardenbergstraße 29.(Lage)52.50604500352913.334759828296 Das Gebäude wurde während der Luftangriffe auf Berlin zerstört und später abgetragen. Auch der Gebäudekomplex Jebensstraße/Hertzallee wurde vom HWA genutzt. Auf dem Hof der Jebensstraße 1(Lage)52.50879113.332212 befindet sich eine Statue der der Heiligen St. Barbara (Schutzpatronin der Artilleristen), die als Gefallenen-Denkmal der Artillerie-Prüfungskommission im Jahr 1930 von Otto Schulz erschaffen wurde.
Das Heereswaffenamt arbeitete bei der heimlichen Aufrüstung vor 1933 als auch im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg eng mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) zusammen, die bei der Absicherung der militärnahen Forschungen eine zentrale Rolle spielte. Umgekehrt sorgten die Aufträge des Heereswaffenamtes nicht selten dafür, dass die Institute der KWG lebensfähig blieben. Versuche des Waffenamtes das militärische Primat in der KWG durchzusetzen scheiterten, die „Laborkrieger“ der KWG konnten sich immer wieder behaupten.
Bei der Entwicklung eines Zielfernrohres im Jahr 1938 wollte das HWA eines mit vierfacher Vergrößerung, jedoch wurde durch Druck von industrieller Seite über „ganz hohe“ Parteistellen ein technisch sehr gutes, aber militärisch unbrauchbares Zielfernrohr mit eineinhalbfacher Vergrößerung entwickelt und eingeführt. Im Krieg trat dann doch die Forderung nach einem Zielfernrohr mit vierfacher Vergrößerung auf, das um 1942 eingeführt wurde.
In der zweiten Hälfte des Krieges wurde die Führung der Waffenentwicklung zu den Ausschüssen und Kommissionen der Industrie verlagert. Nach Erich Schneider spielte dabei neben politischen Gründen, das Streben gewisser Industriekreise nach sogenannter Selbstverantwortung eine wesentliche Rolle, nachdem man die Bestrebungen von dem damaligen Chef des HWA Karl Becker die Waffenämter der 3 Wehrmachtsteile zusammenzufassen, durch Intrigen vereitelt hat.
Gliederung zum 3. Januar 1939
Wa A - Heereswaffenamt
Wa Z - Zentralamtsgruppe
Stab
Wa Z 1 - Organisation
Wa Z 2 - Finalisierung und Vertrag
Wa Z 3 - Beauftragte mit der Weisung des Geschäftsführers
Wa Z 4 - Verschlusssache
Wa Z 5 - Bücherei
Wa Z 6 - Kommandantur
Wa Abn - Heeresabnahmeabteilung
Stab
Wa Abn Z - technische und statistische Abteilung, Personal und Haushalt
Wa Abn 1 - Abnahme von Waffen und Gerät
Wa Abn 2 - Abnahme von Munition
Wa Abn 3 - Abnahme von Kraftfahrgerät
Wa Abn 4 - Abnahme von Lehr- und Maschinengerät
Wa F - Forschungsabteilung
Wa Prüf - Amtsgruppe für Entwicklung und Prüfung
Stab
Wa Prüf 1 - Ballistische und Munitonsabteilung
Wa Prüf 2 - Infanterieabteilung
Wa Prüf 4 - Artillerieabteilung
Wa Prüf 5 - Pionier- und Festungspionierabteilung (Pionierversuchsstelle Sperenberg)
Wa Prüf 6 - Kraftfahr- und Motorisierungsabteilung
Wa Prüf 7 - Nachrichtenabteilung
Wa Prüf 8 - Abteilung für Optik, Meßwesen und Heereswetterdienst (Kummersdorf und Bad Saarow)
Wa Prüf 9 - Gasschutzabteilung (Gasschutzlabor Spandau und Versuchsgruppe Munster Nord)
Wa I Rü (WuG) - Amtsgruppe für Industrielle Rüstung (Waffen und Gerät)
Stab
Wa I Rü (WuG) 1 - allgemeines Heergerät
Wa I Rü (WuG) 2 - Waffen
Wa I Rü (WuG) 5 - Pioniergerät
Wa I Rü (WuG) 6 - Kraftfahrgerät
Wa I Rü (WuG) 7 - Nachrichtengerät
Wa I Rü (Mun) - Amtsgruppe für Industrielle Rüstung (Munition)
Stab
Wa I Rü (Mun) 1 - Geschosse
Wa I Rü (Mun) 2 - Minen, Zünder, Hülsen
Wa I Rü (Mun) 3 - chemische Munition
Wa I Rü (Mun) 4 - Infanteriemunition bis 2 cm
Wa I Rü (Mun) 5 - Packgefäße
Wa Vs - Vorschriftenabteilung
Weiterhin waren dem angegliedert:
L Flak - Amtsgruppe für Flakentwicklung, unterstellt dem Reichsluftfahrtministerium
Ztschr - Wehrmachtzeitschriftenabteilung, unterstellt dem Oberkommando der Wehrmacht
Das Heereswaffenamt wurde während des Krieges mehrfach umorganisiert. Am 1. Juli 1944 bestand es aus dem Stab mit Forschungsabteilung und sechs Amtsgruppen:
Wa Z - Zentralamtsgruppe (Organisation und Planung)
Wa Prüf - Amtsgruppe für Entwicklung und Prüfung
Wa Chef Ing - Amtsgruppe Chefingenieur
Wa I Rü (WuG) - Amtsgruppe für Waffen und Gerät
Wa I Rü (Mun) - Amtsgruppe für Munition
Wa Abn - Amtsgruppe für Abnahme
Aufgaben
Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht wuchs die Bedeutung des Heereswaffenamtes immer weiter an. Zu den Kernaufgaben gehörten:
Der Einsatz von Wissenschaft und Forschung für die Planung von Waffen, Gerät und Munition aller Art
Entwicklung der erdgebundenen Waffen aller Art, des Heergeräts und der Munition
Beschaffung der Waffen und Munition des Heergeräts, zum Teil auch für Marine und Luftwaffe
Aufstellen der Beschaffungsunterlagen für Waffen, Munition und Heergerät
technische Überwachung der Fertigung von Waffen, Munition und Heergerät, Einführung neuer Fertigungsverfahren, Erstellung neuer Kapazitäten
Vertretung des Heeres in allen Patent- und Musterschutzangelegenheiten, die Waffen, Munition und Gerät betreffen
Vereinheitlichung der Waffen, Munition und des Heergeräts
Aufstellung und Betreuung aller technischen Vorschriften und Fertigungsunterlagen für Waffen, Munition und Heergerät, einschließlich Schießbefehlen, sowie des waffentechnischen Teiles der Ausbildungsvorschriften
Technische Vorschriften und Normung: Die Vereinheitlichung des Heergeräts wurde nicht nur organisatorisch, sondern auch dokumentarisch über technische Vorschriften, Fertigungsunterlagen und Heergerätnormen abgesichert. Zu nennen wären Nummernsystem, Zeichnungsvorschriften, Werkstoff-/Prüfangaben und deren Funktion für Beschaffung, Fertigung und Abnahme.
Ermittlung der Schießgrundlagen für die verschiedenen Waffen und ihr Niederlegen in Schußtafeln und sonstigen Hilfsmitteln und Vorschriften für das Schießen, Bearbeiten des Wetterdienstes
Mitwirkung bei allen taktischen und schießtechnischen Fragen
Abnahme von Waffen, Munition und Heergerät
Überwachung der technischen Ausbildung der Offiziere
Bedarfsermittlung, Anerkennung und Zuteilung der kontingentierten und bewirtschafteten Rohstoffe für das Oberkommando des Heeres, Behebung von Lieferschwierigkeiten bei Rohstoffen
Errechnung mehrwirtschaftlicher Zahlenunterlagen mittels modernster Organisationsmaschinen (Lochkarten) für das Oberkommando des Heeres
Verfügungen und Befehle an die mehrwirtschaftlichen Außenstellen
Betreuung der dem Wa A und seinen Außenstellen angehörenden Beamten und technischen Angestellten
Die vom Chef der Heeresrüstung, General der Infanterie Walter Buhle, zum 15. Januar 1945 angeordnete Erweiterung des Heereswaffenamtes zum Wehrmachtwaffenamt kam wegen der sich zuspitzenden Lage an den Fronten über Ansätze nicht hinaus. Mitte April 1945 wurde der größte Teil des Heereswaffenamtes, nebst dessen Chef, nach Südbayern verlegt und durch Befehl vom 27. April 1945 endgültig aufgelöst.
Berühmte Entwicklung des HWA war das Eisenbahngeschütz „Dora“. Vor der Einrichtung der Versuchsanstalt in Peenemünde wurden hier erste Forschungen in der Raketentechnik betrieben.
Literatur
Peter Zimmermann: Technik für Rüstung und Krieg. 4. Wehrtechnik und Wehrwissenschaft zwischen den Weltkriegen. (= Mitteilungen aus dem Institut für Mechanik 89, 1). Neubiberg 1989.
Helmut Maier: Forschung als Waffe. Rüstungsforschung in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und das Kaiser-Wilhelm-Institut für Metallforschung 1900–1945/48. 2 Bände. Wallstein, 2007, ISBN 978-3-8353-0109-2.
Günter Nagel: Wissenschaft für den Krieg. Die geheimen Arbeiten der Abteilung Forschung des Heereswaffenamtes. Stuttgart 2012, ISBN 3-515-10173-X.
Michael Heidler: Deutsche Fertigungskennzeichen bis 1945. Visier-Edition, VS-Medien GmbH, Bad Ems, ISBN 3-9811018-7-1.
Hans-Henning Podzun: Das Deutsche Heer 1939. Gliederung, Standorte und Verzeichnis sämtlicher Offiziere am 3.1.1939, Verlag Podzun, Bad Nauheim 1953.
Heereswaffenamt:D. 30, Merkheft für Angehörige des Heereswaffenamtes. Zentraldruckerei, Berlin 1941.
Einzelnachweise
↑Burghard Ciesla: Das Heereswaffenamt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im „Dritten Reich“. Die militärischen Forschungsbeziehungen zwischen 1918 und 1945. In: Helmut Maier (Hrsg.): Gemeinschaftsforschung, Bevollmächtigte und der Wissenstransfer. Die Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im System kriegsrelevanter Forschung des Nationalsozialismus. Göttingen 2007, S. 75 f.
↑Emil Leeb: Aus der Rüstung des Dritten Reiches (Das Heereswaffenamt 1938–1945). Beiheft 4 der Wehrtechnische Monatshefte herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft für Wehrtechnik. Berlin 1958, S. 35.
↑Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft. Berlin 1985, Band 2, S. 71.
12
D. 30, Merkheft für Angehörige des Heereswaffenamtes. S.5.
123456789
D. 30, Merkheft für Angehörige des Heereswaffenamtes. S.21.
↑
D. 30, Merkheft für Angehörige des Heereswaffenamtes. S.6.
↑Alexander Geckeler:Wehrmacht: Technische Normen für Heeresgerät / Technical Standards for Army Equipment. 1. Auflage. BoD, Hamburg 2026, ISBN 978-3-696-38661-0, S.43–75.
↑Helmut Maier: Forschung als Waffe. S. 267 (s. Literatur).
↑Burkhard Cielsa: Karl Becker. In: Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. S. 263 (s. Literatur).