
Walker Evans (* 3. November 1903 in Saint Louis, Missouri; † 10. April 1975 in New Haven, Connecticut) war ein US-amerikanischer Fotograf.
Walker Evans wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und besuchte unter anderem die private Loomis Chaffee School in Windsor. Früh entwickelte er ein ausgeprägtes literarisches Interesse und unternahm im April 1926 eine Reise nach Paris, um sich auf eine Schriftstellerkarriere vorzubereiten. Dort schrieb er sich an der Université Sorbonne ein. Seine Studien galten den Werken von Gustave Flaubert und Charles Baudelaire, während er außerdem mit dem Werk von James Joyce sehr vertraut war. Er bewegte sich in Literaten- und Künstlerkreisen und unternahm mehrere Reisen in den Süden Frankreichs und nach Italien, ehe er im Mai 1927 in die USA zurückkehrte.
Dann gab Evans den Berufswunsch des Schriftstellers auf und widmete sich ab 1928 als Autodidakt der Fotografie. Vertraut mit den Arbeiten des Bauhauses und der Russischen Avantgarde, verfolgte er einen grafisch abstrahierenden, konstruktivistischen Stil. Seine Motive fand er vornehmlich in New York. Aus seiner 1929 aufgenommenen Serie der Brooklyn-Brücke wurden 1930 drei Fotografien, als Photogravüren, in dem Gedichtband The Bridge von Hart Crane veröffentlicht. Evans hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seinen Stil verändert. Er fotografierte auf 35-mm-Filmen das Leben auf den Straßen New Yorks.
Im selben Jahr lernte Walker Evans den ebenfalls literarisch interessierten Lincoln Kirstein kennen, Herausgeber der Zeitschrift Hound & Horn. Über ihn lernte er Berenice Abbott kennen, bei der er erstmals Originale von Eugène Atget sah. Kirstein initiierte 1929 Evans’ erste Ausstellungsbeteiligung (mit Margaret Bourke-White und Ralph Steiner) im Museum of Modern Art, New York. 1931 veröffentlichte Evans in Hound & Horn einen Artikel, in dem er seine Eindrücke von sechs neuen Fotografie-Büchern darlegte und der als programmatischer Text auch seines eigenen gerade am Beginn stehenden Werks gilt. Evans besprach darin u. a. auch zwei Bücher deutscher Fotografen – Die Welt ist schön von Albert Renger-Patzsch, das er eher negativ, und Antlitz der Zeit von August Sander, das er sehr positiv bewertete. Kirstein regte Evans an, sich mit den großen amerikanischen Dokumentaristen Mathew B. Brady und Lewis Hine zu beschäftigen, um ihm schließlich ein dokumentarisches Projekt vorzuschlagen. Zu einem von Kirstein geplanten Buch über die im Verschwinden begriffene viktorianische Architektur in Neu-England fotografierte Walker Evans 1931 typische Beispiele dieses historischen Baustils. Nach der Arbeit im Kleinbild setzte er hierzu erstmals eine geliehene Großformat-Kamera ein. Im Rahmen dieser Arbeit entwickelte Evans seinen „dokumentarischen Stil“ (documentary style). Er bildete die Gebäude weitgehend frontal ab, ohne stilistische Zuspitzungen (frontaler Zugang zur Wirklichkeit), und wählte ihm geeignet erscheinende Lichtbedingungen, mit denen Konturen betont werden können. Er legte Wert darauf, sich von der reinen Dokumentation (er nennt die Tatort-Fotografie der Polizei als Beispiel) abzugrenzen und verstand sich als Künstler.
Aufträge von Zeitschriften/Magazinen führten ihn 1932 nach Tahiti und 1933 nach Kuba. Anfang der 1930er Jahre teilte er mit dem Maler und späteren Fotografen Ben Shahn ein Studio in Upper Greenwich Village. Für die Zeitschrift Fortune entstand 1934 eine Reportage über die Kommunistische Partei der USA. 1935 fotografierte er für das Museum of Modern Art (MoMa) afrikanische Masken. Für mehrere Aufträge reiste Evans in den Süden der USA, der ihn zunehmend interessierte. Er erweiterte sein Spektrum um Innenaufnahmen und Straßenfotografie, mit dem er insbesondere Werbetafeln und die ihnen eigene zeitgemäße Typografie festhielt. Evans setzte neben einer Großformatkamera (8 × 10 inch) eine Leica ein.
Nachdem Evans mehrere Aufträge für die Resettlement Administration (RA) ausgeführt hatte, wurde er im Oktober 1935 von dieser eingestellt. Diese Institution war im Rahmen von Präsident Roosevelts Politik des New Deal zur Verbesserung der Lage der Landbevölkerung, besonders der Farmer und Pächter, gegründet worden. Evans war Mitarbeiter der Historical Section, die sich der fotografischen und soziologischen Dokumentation widmete – 1937 kam diese Organisation unter das Dach der Farm Security Administration (FSA). Walker Evans’ Vertrag war auf sein Drängen so ausgestaltet, dass er weitgehend seinen Interessen folgen konnte. Er hatte sich ausbedungen, dass er nicht direkt für den politischen (Propaganda-)Auftrag der RA/FSA eingesetzt werden würde; Evans: „Es handelt sich hier um ein bloßes Aufzeichnen, und vor allem nicht um Propaganda …“. Er arbeitete bis 1938 und hauptsächlich in den Südstaaten für die FSA.
1936 erhielt Walker Evans zusammen mit dem Schriftsteller James Agee, der damals als Redakteur für das Magazin Fortune arbeitete, den Auftrag für eine Reportage in den Südstaaten. Sie sollten über Situation der Landpächter berichten. Für diesen Auftrag ließ Evans sich von der FSA beurlauben. Dies kam unter der Bedingung zustande, dass die Rechte an seinen Fotografien an die FSA abgetreten wurden. Evans reiste mit Agee nach Alabama. Im Hale County trafen sie mit drei Familien eine lose Vereinbarung über die Zusammenarbeit für die geplante Reportage und über eine gewisse finanzielle Vergütung. Während Agee für den Zeitraum der Reportage zu einer der Familien (unter äußerst armen Rahmenbedingungen) zog, mietete Evans sich nach einer Weile in einem Hotel ein. Die dort entstandenen Aufzeichnungen von Agee und Evans entsprachen schließlich nicht den Erwartungen der Auftraggeber, da das Material den Rahmen einer Reportage sprengte. Agee entschloss sich daraufhin zu einer Buchveröffentlichung, 1941 erschien: Let us now Praise Famous Men (deutsche Ausgaben: Preisen will ich die großen Männer). Das Buch beginnt unvermittelt mit einer Auswahl von 31 Walker Evans’ Fotografien. Darauf folgt Agees Text. Von der Erstausgabe wurden nur 600 Exemplare verkauft, das Buch fand keine große Resonanz. In die Neuauflage von 1960 sind insgesamt 62 Fotografien einbezogen. Anscheinend bedingt durch die eingetretene größere zeitliche Distanz zur Großen Depression und dem Zweiten Weltkrieg wurde das Buch ein großer Erfolg.
Auf Anregung von Lincoln Kirstein richtete das MoMA 1938 für Walker Evans die erste Ausstellung eines einzelnen Fotografen aus: American Photographs. Bei der Ausstellung und beim parallel erschienenen Katalog folgte Evans, anders als allgemein üblich, unterschiedlichen Konzepten; sowohl die Auswahl (einhundert in der Ausstellung, siebenundachtzig im Buch – davon nur vierundfünfzig in beiden) als auch die Anordnung der Photographien waren verschieden.
In den Jahren 1938 bis 1941 erarbeitete Evans die „Subway-Serie“. Mit versteckter Kamera fotografierte er in der New Yorker U-Bahn sich unbeobachtet fühlende Passagiere. Diese Serie wurde erst 1966 unter dem Titel Many Are Called veröffentlicht.
In der Folgezeit lebte Walker Evans von wechselnden Aufträgen. So reiste er im Sommer 1941 im Auftrag von Fortune nach Bridgeport in Connecticut, Neu-England, um die dank der Kriegsindustrie florierende Stadt zu dokumentieren. Eine Auswahl der dort entstandenen Fotos erschien in der Zeitschrift im September 1941. Ende des Jahres 1941 erhielt er den Auftrag, ein Buch über Florida – Karl A. Bickels The Mangrove Coast – fotografisch zu illustrieren. Während seines sechswöchigen Aufenthalts im „Sonnenstaat“ entstanden Fotografien, die ein vielfältiges Spektrum an Motiven abdeckten: von Landschaftsaufnahmen über Aufnahmen der Freizeitaktivitäten von Rentnern bis zu Aufnahmen aus dem Winterquartier eines Zirkus in Sarasota. Zweiunddreißig dieser Fotografien wurden für das Buch ausgewählt. 1943 Jahr fand Evans eine Anstellung beim Magazin Time, für das er als Film-, Buch- und Kunstkritiker tätig war. Während des Krieges fotografierte er kaum noch, bis er 1945 beim Magazin Fortune eingestellt wurde.
1946 arbeitete Evans an „anonymen Porträts“. Er fotografierte in Detroit und Chicago Passanten von unauffälligen Standorten, überwiegend aus einer leichten Froschperspektive. In der Chicago-Serie, die in Fortune publiziert wurde, bildete er vornehmlich einkaufende Frauen ab.
Im Jahre 1950 veröffentlichte Evans in Fortune eine Serie von Fotografien aus dem fahrenden Zug. Evans sah diese Serie als Fortsetzung der Subway-Aufnahmen und betont das durch zufälliges Abdrücken geradezu automatische Entstehen dieser Fotografien.
1955 entstand Die Schönheit des Werkzeugs, eine größere Gruppe von Fotografien, die Fortune veröffentlichte. Evans bildete hier Werkzeuge in neutraler Umgebung ab. Bis zu seinem Ausscheiden bei Fortune 1965 erschienen dort regelmäßig weitere Beiträge von ihm. In diesem Jahr erhielt Evans an der Fakultät für Grafisches Design der Yale University School of Art eine Professur für Fotografie. Bei dieser Schule handelt es sich um die Kunstakademie der Yale-Universität.
1962 stellte das Museum of Modern Art, New York, (MoMA) eine Auswahl der Bilder, die es 1938 schon gezeigt hatte, erneut aus, unter dem Titel Walker Evans: American Photographs. 1971 kuratierte John Szarkowski für das MoMA Evans’ erste große Retrospektive.
1972 entdeckte Walker Evans die spezifischen Möglichkeiten der farbigen Polaroid-Sofortbildtechnik mit der ihr eigenen Ästhetik für sich, nachdem die Kamera Polaroid SX-70 auf den Markt gekommen war. Evans hatte bis dahin Farbfotografie weitgehend abgelehnt, erarbeitete allerdings zwischen 1945 und 1965 neun farbige Portfolios mit schwarz-weißen und farbigen Fotografien und weitere neun rein farbige Portfolios. Zur Arbeit mit der SX-70 Kamera sagte er: „Vor einem Jahr noch hätte ich behauptet, das Farbfoto sei etwas Vulgäres. Ein solcher Widerspruch ist typisch für mich. Nun werde ich mich mit aller Sorgfalt meiner Arbeit mit der Farbe widmen.“
The Estate of Walker Evans (die Nachlassverwaltung des Fotografen) trat 1994 Walker Evans’ Nachlass einschließlich aller Urheberrechte an das Metropolitan Museum of Art ab.
Walker Evans war zweimal verheiratet, von 1941 bis 1955 mit Jane Smith Ninas und von 1960 bis 1970 mit Isabelle Boeschenstein.
Walker Evans’ Bedeutung als Fotograf beruht im Wesentlichen auf seinen Fotografien, die er während der Großen Depression Mitte der 1930er Jahre machte. Mit seiner Arbeit bei der FSA und der Reportage im Hale County knüpfte Evans an die große amerikanische Tradition sozialdokumentarischer Fotografen an, benutzte allerdings einen sehr persönlichen Blick auf die dargestellten Personen. Die Porträts der drei Pächterfamilien Fields, Burroughs und Tingle wurden zu Ikonen der Fotografie-Geschichte. Sie werden in den Vereinigten Staaten als Dokumente zur Identität der armen weißen Amerikaner angesehen, die auch unter schwierigsten Umständen aufrechten Hauptes ihre Moral nicht verlieren.
Als typischer Ostküsten-Intellektueller hatte Evans eine enge Beziehung zu Literatur, Kunstgeschichte und war Kenner der zeitgenössischen Kunstentwicklung, so dass er vor einem solchen Hintergrund reflektiert die eigene Fotografie und die seiner Zeitgenossen würdigen und kritisch bewerten konnte. Entsprechend schnell hatte er sich die Sichtweisen europäischer Künstler und Fotografen angeeignet und als Impuls für seine eigene Entwicklung verstanden. Von dem Fotografie-Verständnis der bis dahin führenden amerikanischen Fotografen Edward Steichen und Alfred Stieglitz wandte er sich entschieden ab und bezeichnete deren fotografische Haltung als „artiness“. Damit bezog er sich auf eine Auffassung, die die Fotografie als Kunst etablieren wollte, indem sie Verfahren der Malerei nachahmte (Piktorialismus).
Eine eigenständige fotografische Sprache entwickelte Walker Evans von seiner Arbeit zur Dokumentation viktorianischer Architektur an. Mit der frontalen und scheinbar neutralen Herangehensweise ist er nah an den Verfahren von Kunsthistorikern und Denkmalpflegern, zugleich aber auch ein Vorläufer von Bernd und Hilla Becher, die seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre u. a. Industriedenkmäler systematisch dokumentierten.
Bei der Präsentation seiner Aufnahmen in Ausstellungen und Büchern ist auffallend, wie wichtig ihm die nachträgliche Bearbeitung der Bilder durch Beschnitt war. In der letzten Nacht seiner Einzelausstellung im MoMA muss er zusammen mit einem Handwerker des Museums die meisten der Fotografien noch einmal für die Präsentation beschnitten haben. Er präsentierte sie nicht in Rahmen, sondern aufgezogen auf Pappe.
Gleichzeitig kann Walker Evans als Vorläufer der Straßenfotografie (Streetphotography) verstanden werden. Einfluss auf viele Nachfolger hatte er zweifellos. Eindeutig belegt ist dies z. B. für Garry Winogrand, der selbst auf diesen Einfluss hinweist. Der Straßenfotografin Helen Levitt wiederum war Evans ab Mitte der 1930er Jahre Kooperationspartner und Mentor. Robert Frank hat bestätigt, dass die 1955/1956 aufgenommenen Fotografien seines Buches The Americans unter dem Einfluss von Walker Evans’ Werk entstanden.
Mit seinen Fotografien von Fotografien (Bild im Bild), etwa der Fotografie des Werbebildes eines New Yorker Passbild-Fotografen Studio, hinterfragte er sein Medium auf seine Entstehungsweise. Hierin sehen einige Kunsthistoriker eine gewisse Vorläuferschaft für die Appropriation Art, nämlich der Ver- oder Bearbeitung von Kunstwerken anderer.
Die Motivwahl von Walker Evans, die in einer Dokumentation der US-amerikanischen Alltagskultur bestand, hatte auch Einfluss auf die Maler des Fotorealismus.
Walker Evans’ in seinen letzten zwei Lebensjahren entstandene Polaroids, die durch ihre Farbe und ihre gewisse Unschärfe formal wenig mit seinen ikonischen Schwarzweiß-Fotografien der 1930er Jahre zu tun haben, werden inzwischen von der Kunstkritik überwiegend positiv bewertet. Zu einer Londoner Ausstellung der Polaroids hieß es im Guardian: „Evans sagte, niemandem unter 60 Jahren sollte es erlaubt sein, eine Polaroidkamera zu benutzen: »Man muss wirklich etwas von der Sache verstehen, bevor man es wagt, sie irgendwohin zu richten.« Er verstand sein Sujet tatsächlich – das amerikanische Leben, sowohl in seinen epischen als auch in seinen winzigen Erscheinungsformen. Diese letzten Bilder sind eine eindringliche Erinnerung daran.“
Gruppenausstellung
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Evans, Walker |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Fotograf |
| GEBURTSDATUM | 3. November 1903 |
| GEBURTSORT | St. Louis |
| STERBEDATUM | 10. April 1975 |
| STERBEORT | New Haven (Connecticut) |