Walter Pohl

Walter Pohl, private Aufnahme im Juli 2021

Walter Pohl (* 27. Dezember 1953 in Wien) ist ein österreichischer Historiker. Er ist seit 2006 Professor für mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien. Pohl gehört zu den führenden Experten der sogenannten „Völkerwanderungszeit“.

Leben und Wirken

Walter Pohl studierte Geschichte an der Universität Wien, 1984 folgte die Promotion bei Herwig Wolfram mit einer Dissertation über die Awaren. Er absolvierte 1986 den Ausbildungskurs am Institut für Österreichische Geschichtsforschung. Von 1985 bis 1990 war Pohl angestellt beim Forschungsschwerpunkt „Neue Wege der Frühgeschichtsforschung“ am Institut für Österreichische Geschichtsforschung. 1989 folgte die Habilitation für Geschichte des Mittelalters an der Universität Wien. Ab 1990 war er angestellt bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Kommission für Frühmittelalterforschung). Pohl hatte Gastprofessuren an der Udmurtischen Universität in Ischewsk (1991), an der University of California, Los Angeles (1993), der Central European University Budapest (1994/95) und an der Rijksuniversiteit Leiden (1996). Die Habilitation für Historische Hilfswissenschaften erfolgte 2001 an der Universität Wien.

Seit 2004 ist Pohl Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Von 2011 bis 2019 war er Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Visions of Community. Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism (400–1600)“.

Seine Forschungsschwerpunkte sind die Verwandlung der spätrömischen Welt und die Reichsbildungen des Frühmittelalters, die ethnischen Prozesse und Identitäten zwischen Antike und Mittelalter, die „Völkerwanderung“ und andere Migrationen, die Geschichtsschreibung und ihre Überlieferung, die frühmittelalterlichen Gesetzbücher, die Geschichte der Steppenvölker und die Geschichte und Kulturgeschichte Italiens bis 1000. Pohl verfasste mehrere Lexikonartikel, etwa im Lexikon des Mittelalters und im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde.

In seiner Habilitationsschrift fragte er danach, wie in Montecassino im 10. und 11. Jahrhundert die ältere langobardische Geschichte gedeutet wurde. Dazu bediente er sich der Paläographie und Kodikologie; insbesondere wurden der Codex Vaticanus Latinus 5001, der das Chronicon Salernitanum und Erchemperts Historia Langobardorum Beneventanorum überliefert, der Codex Casinensis 175 mit dem Regelkommentar des Hildemar von Corbie, der Codex Cavensis 4 mit den Leges Langobardorum sowie karolingischen Kapitularien analysiert. Pohl legte zudem 2002 eine zusammenfassende Darstellung der „Völkerwanderung“ vor.

Auszeichnungen und Mitgliedschaften

Für seine Forschungen wurden Pohl zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen. Im Jahr 2000 wurde er zum korrespondierenden Mitglied, 2004 zum wirklichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Von 2002 bis 2008 war er österreichischer Vertreter im Standing Committee for the Humanities der European Science Foundation (ESF) sowie Delegierter in der General Assembly der ESF. Im Jahr 2004 wurde ihm mit dem Wittgenstein-Preis die höchste wissenschaftliche Auszeichnung in Österreich verliehen, 2010 erhielt er einen der renommierten ERC Advanced Grants der Europäischen Kommission. Seit 2013 ist er ordentliches Mitglied der Academia Europaea. Seit 2018 ist er corresponding fellow der Medieval Academy of America. Ihm wurde der Jubiläumspreis des Böhlau Verlages Wien verliehen.

2024 wurde ihm der Würdigungspreis für Geistes- und Sozialwissenschaften/Rechtswissenschaften des Kardinal-Innitzer-Preises zuerkannt, 2025 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. 2026 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Accademia Nazionale dei Lincei ernannt.

Schriften (Auswahl)

Monographien

Herausgeberschaften

Commons: Walter Pohl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. ↑ Projektvorstellung bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
  2. ↑ Vgl. dazu die Besprechung von Thomas Frank in: Historische Zeitschrift 277, 2003, S. 424–425.
  3. ↑ Vgl. dazu die Besprechung von Jörg Jarnut in: Historische Zeitschrift 278, 2004, S. 441–442.
  4. ↑ „ERC Advanced Grant“ und FWF-Förderung an Historiker Walter Pohl, Universität Wien, 3. Dezember 2010.
  5. ↑ Mitgliederverzeichnis: Walter Pohl. Academia Europaea, abgerufen am 19. Oktober 2021.
  6. ↑ Kardinal-Innitzer-Preis 2024 geht an Mediziner Dietrich Kraft. In: kathpress.at. 10. Oktober 2024, abgerufen am 10. Oktober 2024.
  7. ↑ Ehrenzeichen der Republik für Walter Pohl. 14. Oktober 2025, abgerufen am 5. Juni 2026.
  8. ↑ Pohl, Walter. Accademia Nazionale dei Lincei, abgerufen am 1. Oktober 2026 (italienisch, englisch).
Personendaten
NAME Pohl, Walter
KURZBESCHREIBUNG österreichischer Historiker
GEBURTSDATUM 27. Dezember 1953
GEBURTSORT Wien