Walther Borgius

Walther Borgius (* 2. November 1870 in Frankfurt (Oder); † 1. Oktober 1932 in Berlin-Nikolassee) war ein deutscher Nationalökonom und Vertreter des individualistischen Anarchismus. Borgius zählt, unter anderem neben Paul Eltzbacher, Ernst Viktor Zenker und dem Historiker Max Nettlau, zu der ersten Generation von Anarchismusforschern des 20. Jahrhunderts, die den Anarchismus nicht mit dem negativen Attribut von „Chaos und Terror“ darstellten.

Leben

Walther Borgius studierte Volkswirtschaft, Jura und Philosophie in Tübingen, Berlin, Breslau und Heidelberg. Er promovierte an der Universität Heidelberg 1897 mit dem Thema Die Fruchtmarktgesetzgebung in Kurpfalz im 18. Jahrhundert. Während seines Studiums in Breslau studierte er unter anderem bei Werner Sombart und Ludwig Elster und in Berlin bei Max Weber.

Am 19. Februar 1894 wandte sich Borgius an Friedrich Engels in einem Brief, in dem er ihn bat, ihm genauer zu erklären, was unter „ökonomischen Verhältnissen“ zu verstehen sei. Engels antwortete am 25. Januar 1894. Engels’ Antwort wurde von Heinz Starkenburg in der Zeitschrift Der sozialistische Akademiker Nr. 20, 15. Oktober 1895 veröffentlicht. Dieser Brief gehört zu den sogenannten Briefen über den historischen Materialismus.

Ab 1900 war er Geschäftsführer des „Handelsvertragsvereins“ in Berlin, daneben später des „Deutsch-Französischen Wirtschaftsverbandes“ und des „Deutsch-Rumänischen Wirtschaftsverbandes“ bis 1923. 1901 war er einer der Mitbegründer des „Volkswirtschaftlichen Verbandes“.

1905 wurde Borgius Mitbegründer und Vorstandsmitglied des „Bundes für Mutterschutz“. Im ersten Jahrgang der Verbandszeitschrift trat Borgius für die Abschaffung des § 176 Strafgesetzbuches (sexuelle Handlungen mit Kindern) ein. Dagegen wandte sich Eugen Bleuler, der Direktor der Psychiatrischen Klinik (Burghölzli) der Universität Zürich.

Borgius’ schriftstellerische Tätigkeit bestand hauptsächlich aus Broschüren volkswirtschaftlichen Inhalts. Er gehörte um 1894 mit Joseph Bloch und Heinz Starkenburg zu dem Kreis der „Jungen“ und Revisionisten in der Sozialdemokratie und stand 1903 Adolf Damaschke nahe, der Mitglied des von Friedrich Naumann gegründeten Nationalsozialen Vereins war. 1903 hielt Borgius seinen Vortrag über Anarchismus. Ferner setzte er sich für eine Reform der deutschen Rechtschreibung ein. In der Berliner Zeitung Volkswirtschaftliche Blätter vom November 1906 kritisierte Borgius den Realschullehrer und Sprachpuristen August Engels, „er habe die allgemeine Sprachentwicklung nicht beachtet und ignoriere die Unmöglichkeit, Fremd- und Lehnwort trennscharf zu unterscheiden“. 1913 ließ er sich von der frankophoben Haltung seiner Landsleute vorübergehend anstecken.

Am 28. August 1915 nahm Borgius an einer Sitzung zum Thema Die „Gestaltung eines künftigen Friedens“ unter Leitung von Ludwig Quidde mit Eduard Bernstein, Eduard Fuchs, Hellmut von Gerlach, Ernst Reuter, Franz Oppenheimer, Helene Stöcker u. a. teil.

Nach dem Krieg schloss er sich dem pazifistischen Bund Neues Vaterland an, wie einige seiner Broschüren erkennen lassen. 1928 bemühte er sich um eine Stelle als Lehrbeauftragter an der Universität Jena.

Sein neuerdings wieder beachtetes Buch Die Schule – ein Frevel an der Jugend hatte 1930 nur eine Auflage von dreitausend Exemplaren. Darin äußert sich Borgius im Zusammenhang seiner sozialpolitischen Ideen auch zustimmend zur Eugenik.

Zwischen 1930 und 1932 wohnte Walther Borgius in Berlin in der Geibelstraße 2.

Nachlass

Werke

Literatur

Wikisource: Walther Borgius – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. ↑ Vermerk im Sterberegister Berlin-Nikolassee 1932 Nr. 105
  2. ↑ Borgius an Eduard Bernstein 3. September 1928.
  3. ↑ Max Weber. Briefe 1911–1912. Hrsg. von M. Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1994 (Gesamtausgabe (Max Weber), Abt. 2, Band 7, 2. Halbband), S. 699.
  4. ↑ H. St.:Ein zweiter Brief von Friedrich Engels Digitalisat
  5. ↑ Marx-Engels-Werke. Band 39, S. 205–207.
  6. ↑ Friedrich Engels. Briefe über den historischen Materialismus (1890–1895). Dietz Verlag, Berlin 1979.
  7. ↑ Walter Borgius: Der Handelsvertragsverein. Ein Rückblick auf die ersten drei Jahre seiner Tätigkeit. Hayn, Berlin 1903.
  8. ↑ Walther Borgius: Mutterschafts-Rentenversicherung. (Separatabdruck aus „Mutterschutz. Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik“) 1906.
  9. ↑ „Mutterschutz. Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik“ Frankfurt am Main 1906.
  10. ↑ Walther Borgius: Die strafrechtliche Behandlung von Sittlichkeitsvergehen an Kindern. In: "Mutterschutz", Zeitschrift für die Reform der sexuellen Ethik. Band 1, Heft 9, 1905, S. 376–383.
  11. ↑ Eugen Bleuler: Zur Frage der strafrechtlichen Behandlung von Sittlichkeitsvergehen. In: "Mutterschutz", Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik. Band 1, Heft 12, 1905, S. 503-06.
  12. ↑ Siehe sein Vorwort. In: Die Ideenwelt des Anarchismus. S. 5.
  13. ↑ Vgl. hierzu: Ulrich Klemm, Schule als Auslaufmodell. In der Zeitschrift Widersprüche Nr. 73, 1999.
  14. ↑ Zitat von der Universität Bochum, 2005. Abgerufen am 1. März 2012.
  15. ↑ Französische Preßhetze gegen deutsche Waren und Kaufleute.
  16. ↑ Ludwig Quidde: Der deutsche Pazifismus während des Weltkrieges 1914–1918. Hrsg. von Helmut Donat und Karl Holl. Boppard am Rhein 1979, S. 302 ff. (Schriften des Bundesarchivs 23)
  17. ↑ Borgius an Eduard Bernstein 3. September 1928.
  18. ↑ „Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit: Das wäre die Einrichtung einer allgemeinen freiwilligen Mutterschafts-Rentenversicherung, wie ich sie schon vor mehr als zwanzig Jahren vorgeschlagen habe. („Mutterschutz“, Jahrgang 11, 1906, S. 149–156. Frankfurt am Main, J. D. Sauerländer.) Danach wären von jedem zeugungsfähigen Mann und gebärfähigen Weib jährliche Versicherungssummen zu zahlen, die in einen unter öffentlicher Aufsicht stehenden Fonds flössen und verzinst würden, mit der Massgabe, daß aus diesem Fonds die Mittel für die Aufziehung aller von den Versicherungsteilnehmern gezeugten bzw. geborenen Kinder zu decken wären (natürlich gleich viel, ob ehelich oder unehelich; dagegen könnten evtl. dabei Bestimmungen vorgesehen werden, durch welche die heute mögliche unterschiedslose Fortpflanzung auch von Alkoholikern, Syphilitikern und analogen konstitutionell minderwertigen Personen eingeschränkt wird).“ (Zitiert nach der Ausgabe Die Schule – ein Frevel an der Jugend. Mit einem Nachwort: Der Staat. Unveränderter Reprint der Erstausgabe von 1930 mit einem ergänzenden Nachwort des Verlegers. Verlag der Mackay-Gesellschaft, Hamburg 1981, S. 205).
  19. ↑ Borgius, Dr. Walther, Priv.gelehrt, Geibelstr. 2 E T[elefon] Lichtf[elde]. 3185. Eintrag in den Berliner Adressbüchern 1930–1933 (sic!). Die Adresse wird durch den Eintrag im Sterberegister Berlin-Nikolassee 1932 Nr. 105 bestätigt; Sterbeort war jedoch das Sanatorium Waldhaus, Potsdamer Chaussee 68.
  20. ↑ vollständiger Text der Dissertation.
  21. ↑ Auch in: Burschenschaftliche Bücherei. Hrsg.: Hugo Böttger. Heymann, Berlin, Band 1. 1901, S. 137–195.
  22. ↑ Wiederabdruckt: Verlag die Freie Gesellschaft, Frankfurt am Main 1974. Neu hrsg. und mit einem Nachwort von Ulrich Klemm. Hilterfingen: Edition Anares, 2003 (Espero. Sonderheft 8) ISBN 3-905052-69-5.
  23. ↑ Siehe dazu: Christine Haug: Reisen und Lesen im Zeitalter der Industrialisierung. Die Geschichte des Bahnhofs- und Verkehrsbuchhandels in Deutschland von seinen Anfängen um 1850 bis zum Ende der Weimarer Republik. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, S. 278–282 (Veröffentlichungen des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens. Schriften und Zeugnisse zur Buchgeschichte Band 17) ISBN 3-447-05401-8.
  24. ↑ Friedrich Burgdörfer: Der Geburtenrückgang und seine Bekämpfung. Die lebensfrage des deutschen Volkes. Mit demographischem Material arbeitendes Manifest. Der Autor stellt die Behauptung auf, die Folgen des Geburtenrückgangs bestünden im Arbeitskräftemangel, in der Heranziehung ‚volksfremder Elemente‘ und in der kulturellen Gefahr der ‚Umvolkung‘. Lösungen sieht er in einem Lastenausgleich für Familien sowie einer veränderten Wohnungs- und Siedlungspolitik. R. Schoetz, Berlin 1929.
  25. ↑ Pseudonym von Ernst Samuel (1878–1943) Autor von Publikationen über Max Stirner.
  26. ↑ Google Books, S. 164. Verlag: V&R Unipress 2009, ISBN 3-89971-558-6.
Personendaten
NAME Borgius, Walther
ALTERNATIVNAMEN Borgius, Viktor Walther Paul (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG deutscher Autor und Anarchist
GEBURTSDATUM 2. November 1870
GEBURTSORT Frankfurt (Oder), Deutschland
STERBEDATUM 1. Oktober 1932
STERBEORT Berlin-Lichterfelde