Walter Nabholz (vollständiger Name Walther Karl Nabholz; auch Walter Nabholz-Oberlin; Rufname unter Fachkollegen und Studierenden „Nabi“; * 4. Februar 1918 in Moskau; † 14. Dezember 1997 in Bern) war ein Schweizer Geologe. Von 1964 bis zu seiner Emeritierung 1986 war er ordentlicher Professor für Geologie und Direktor des Geologischen Instituts der Universität Bern; 1966/67 amtierte er als Dekan der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern, 1976/77 als deren Rektor. Von 1969 bis 1986 präsidierte er die Schweizerische Geologische Kommission. Sein Forschungsschwerpunkt lag auf der Stratigraphie und Strukturgeologie der Bündnerschiefer zwischen Vorder- und Hinterrhein.
Nabholz wurde als Sohn des aus Zürich stammenden Maschineningenieurs Paul Georg Nabholz und der Helene Nabholz, geb. Risch, Tochter von Carl Hugo Risch aus Tschappina (Graubünden), in Moskau geboren. Noch im Geburtsjahr kehrte die Familie in die Schweiz zurück. Nach mehrjährigem Aufenthalt in St. Gallen durchlief Nabholz von 1930 bis 1936 das Literargymnasium der Kantonsschule Zürich und schloss mit der humanistischen Matura (Typus A) ab. 1936 immatrikulierte er sich an der Philosophischen Fakultät II der Universität Zürich.
Das Studium wurde durch wiederholte Aktivdiensteinsätze während der Mobilisierungen der Zweiten Weltkriegsjahre unterbrochen. 1942 erwarb Nabholz das Diplom für das höhere Lehramt in mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung mit den Hauptfächern Geologie und Geographie. Ab 1941 arbeitete er als Assistent am Geologischen Institut der ETH Zürich unter Rudolf Staub, ab 1942 zudem als Mitarbeiter der Geologischen Kommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, für die er sein späteres Dissertationsgebiet geologisch neu kartierte. 1944 promovierte er bei Rudolf Staub mit Auszeichnung mit einer Dissertation über die Geologie der Bündnerschiefergebirge zwischen Rheinwald, Valser- und Safiental.
Während des Zweiten Weltkriegs diente Nabholz im Geologischen Dienst der Schweizer Armee, zunächst als Leutnant im Zentralbureau Zürich unter Hauptmann Rudolf Staub, dem Leiter des Dienstes, später als Chef eines Regionalbureaus. Nach der Auflösung des Geologischen Dienstes 1945 initiierte Nabholz, gemeinsam mit Major Ueli Büchi, den Aufbau einer analogen Nachfolgeeinheit; dort wirkte er, inzwischen im Rang eines Hauptmanns, als Kommandant des Geologischen Dienstes der Armee und als Kommandant der Ausbildungskurse für Ingenieuroffiziere und Geologen.
Walter Nabholz entstammte einer Schweizer Familie, die in Moskau ein Maschinenbau- und Giessereigeschäft betrieb; sein Vater Paul Georg Nabholz arbeitete dort als Ingenieur, bevor die Familie 1918 – im Geburtsjahr Walters – in die Schweiz zurückkehrte. Sein Cousin Andreas Nabholz (1912–2005), Sohn von Walters Onkel Hans Nabholz, wurde ebenfalls in Moskau geboren und wirkte später als Kantonstierarzt des Kantons Zürich sowie als Direktor des Eidgenössischen Veterinäramtes.
Im Frühjahr 1947 heiratete Nabholz Margarete Oberlin, genannt „Gretl“ bzw. „Grett“ (* 1. Februar 1923 in Marburg an der Lahn; † 26. Juli 2016 in Bern). Aus der Ehe gingen die Töchter Esther (verheiratete Meier-Nabholz) und Annetta (verheiratete Meier-Nabholz) hervor.
Seine Ehefrau engagierte sich während seiner Berner Zeit im universitären Umfeld und koordinierte in den 1970er-Jahren die informelle Kontaktorganisation „International Neighbours“, die sich an Ehefrauen ausländischer Dozenten richtete und deren soziale Integration unterstützte.
1945 wurde Nabholz Adjunkt der Schweizerischen Geologischen Kommission in Basel; 1949 rückte er zu deren 1. Adjunkten auf, ein Amt, das er bis 1957 ausübte und in dem er vor allem für Aufnahme, Ausarbeitung und Drucküberwachung der Geologischen Generalkarte der Schweiz 1:200'000 sowie des Geologischen Atlas der Schweiz 1:25'000 verantwortlich war.
In dieser Funktion war er in die Arbeitsabläufe der geologischen Landesaufnahme eingebunden, die neben der Feldkartierung auch die Sammlung, Auswertung und Redaktion umfangreicher geologischer Unterlagen umfasste. Dazu gehörten Feldaufnahmen, Manuskripte und Gutachten, die teilweise erst im Rahmen der Kartenpublikation aufgearbeitet wurden. Die Tätigkeit der Kommission schloss somit auch die Auswahl und Veröffentlichung dieser Materialien ein, während ein Teil der erhobenen Daten zunächst nur innerhalb fachlicher und institutioneller Zusammenhänge verfügbar war.
Während seiner Basler Zeit entstanden daneben auch eigene Arbeiten im Juragebirge. Von 1951 bis 1957 war er zudem Privatdozent in Basel, wo er 1951 die venia docendi erhielt und sich mit einer Habilitationsschrift über die Beziehungen zwischen Fazies und Zeit an der Universität Basel habilitierte; daneben beschäftigte er sich in dieser Zeit auch mit Spröddeformation. und veröffentlichte im selben Jahr die gleichnamige stratigraphische Studie.
1957 wurde Nabholz mit Wirkung zum 1. Oktober 1957 zum ausserordentlichen Professor für Stratigraphie und spezielle Kapitel der regionalen Geologie sowie zum Oberassistenten am Geologischen Institut der Universität Bern gewählt. 1964 erfolgte, als Nachfolger von Professor Joos Cadisch, die Beförderung zum Ordinarius und die Ernennung zum Direktor des Geologischen Instituts, ein Amt, das er fast 30 Jahre lang ausübte. Im Februar 1969 erhielt Nabholz einen ehrenvollen Ruf auf den Geologielehrstuhl der Freien Universität Berlin als Nachfolger von Professor Max Richter, lehnte diesen jedoch ab und blieb der Universität Bern treu. Nicht zuletzt aufgrund dieser abgelehnten Berufung erlebte das Geologische Institut in den 1960er Jahren eine Aufstockung: Zwei zusätzliche Extraordinariate verstärkten die zu dieser Zeit aufblühenden Gebiete der Stratigraphie und Paläontologie. Zwei Jahre nach seiner Beförderung zum Ordinarius, 1966/67, amtierte er als Dekan (zuvor auch als Sekretär) der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät.
1969 wurde er zum Präsidenten der Schweizerischen Geologischen Kommission gewählt, ein Amt, das er bis 1986 innehatte.
Ab Herbst 1976 amtierte er, als Nachfolger des Germanisten Hans Jürg Lüthi, ein Jahr lang als Rektor der Universität Bern; turnusgemäss war er anschliessend im akademischen Jahr 1977/78 Prorektor. Während sechs Jahren präsidierte er ausserdem die Kreditkommission der Universität und war längere Zeit Mitglied des Senatsausschusses. 1986 wurde Nabholz emeritiert; seine letzte Vorlesung am 18. Juni 1986 galt dem Flimser Bergsturz und dem Segnesgletscher, zwei Themen, die seine lebenslange Verbundenheit mit der Geologie und Landschaft Graubündens illustrieren. Zum Rücktritt würdigte ihn sein Kollege René Herb (Professor für Geologie und Paläontologie) in einem Artikel im „Bund“ als jemanden, der „der Schweizer Geologie Impulse gegeben“ habe, insbesondere durch den von ihm gesetzten Forschungsschwerpunkt auf der Sedimentologie der Molasse des schweizerischen Mittellands – einem Gebiet, dem viele führende Schweizer Geologen zuvor wenig Beachtung geschenkt hatten –, sowie als geschichtsbewussten, humorvollen und unverblümten akademischen Lehrer und gefragten Experten für angewandte Geologie, etwa beim Tunnel- und Stollenbau für Kraftwerksanlagen.
Auch während seiner Berner Zeit blieb Nabholz eng in die Arbeiten der geologischen Landesaufnahme der Schweiz eingebunden. Als Hochschullehrer und Präsident der Schweizerischen Geologischen Kommission verlagerte sich seine Tätigkeit von der operativen Bearbeitung hin zu koordinierenden und wissenschaftsleitenden Aufgaben. Er wirkte insbesondere an der Beurteilung, Priorisierung und Publikation geologischer Arbeiten mit und war damit an der institutionellen Organisation geologischer Informationsbestände beteiligt.
Nach seiner Emeritierung plante Nabholz, die Kartierung seiner geologischen Atlasblätter von seinem Ferienhaus in Falera aus abzuschliessen; ein Unfall kurz danach verhinderte dies. Walter Nabholz starb am 14. Dezember 1997 in Bern; sein letztes Lebensjahr hatte er in der Seniorenvilla «Grüneck» verbracht. Die Urnenfeier fand am 19. Dezember 1997 in der Kapelle des Schosshaldenfriedhofs Bern statt.
Nabholz' wissenschaftliches Werk war zeitlebens der Stratigraphie und Strukturgeologie der Bündnerschiefer zwischen Vorder- und Hinterrhein gewidmet, einem Gebiet, das unter Geologen als „Nabiland“ bekannt wurde. Daneben beschäftigte er sich mit dem Deckenbau im Kristallin des Penninikums, mit Bergstürzen und Hangsackungen sowie – in einem gemeinsamen Projekt mit dem deutschen Geologen Gerhard Voll – mit der komplizierten Abfolge von Deformationen im „Gekröse“ der penninischen Decken. Nach seiner Berufung nach Bern untersuchte er zudem mit mehreren Studierenden die Molasse des Mittellandes – insbesondere zwischen dem Alpenraum und Langenthal-Herzogenbuchsee sowie im Entlebuch – in sedimentologischer Hinsicht und richtete am Geologischen Institut ein modernes sedimentologisches Labor ein. Ein besonderes Anliegen war ihm die geologische Landesaufnahme der Schweiz, die – im Unterschied zu anderen Ländern – nach dem Milizsystem organisiert ist. Bis in die 1980er/1990er Jahre wurde die Auswahl und Bearbeitung der Kartenblätter des Geologischen Atlas der Schweiz weitgehend in dieser Form durch Hochschulgeologen geleistet, die die Kartierung gegen ein blosses symbolisches Entgelt – mehrheitlich in ihrer Freizeit – erledigten, was den Herstellungsprozess erheblich verlangsamte; erst nach dem 1985 gefassten Regierungsbeschluss, mit dem die Verantwortung für die Herausgabe zunächst an die neu geschaffene Abteilung „Landeshydrologie und -geologie“ (LHG) im Bundesamt für Umweltschutz überging (die Zuständigkeit wechselte in der Folge 1999 zum Bundesamt für Wasser und Geologie und 2006 zum Bundesamt für Landestopografie swisstopo), wurde die Erstellung der noch ausstehenden Blätter zunehmend an Geologiebüros und Hochschulinstitute im Auftragsverhältnis vergeben, um den Prozess zu beschleunigen. Zeitlebens verstand sich Nabholz in erster Linie als Feldgeologe und stand der zunehmenden Verlagerung der erdwissenschaftlichen Tätigkeit vom Gelände ins Labor kritisch gegenüber. Als akademischer Lehrer betreute er unter anderem die Dissertationen von Rudolf Staub-Steinfels, Hans Boesch (Bösch), Hans Martin Bolli und Hans Heierli. Auch in der angewandten Geologie war er gefragt: Er erstellte unter anderem eine geologische Prognose für den Kraftwerkstollen Peilertal–Safiental, die sich beim Bau bestätigte, und wirkte an vielen weiteren Expertisen mit. Er unternahm zahlreiche Studienreisen und Exkursionen innerhalb Europas sowie nach Nordafrika und in den Nahen Osten und war Mitglied geologischer Vereinigungen in Frankreich, Deutschland und Österreich; die Österreichische Geologische Gesellschaft ernannte ihn zum korrespondierenden Mitglied.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Nabholz, Walter |
| ALTERNATIVNAMEN | Nabholz, Walther Karl (vollständiger Name); Nabholz, Walter K.; Nabholz-Oberlin, Walter |
| KURZBESCHREIBUNG | Schweizer Geologe |
| GEBURTSDATUM | 4. Februar 1918 |
| GEBURTSORT | Moskau |
| STERBEDATUM | 14. Dezember 1997 |
| STERBEORT | Bern |