
Walter Neurath (* 1. Oktober 1903 in Wien; † 26. September 1967) war ein in Österreich geborener britischer Verleger, der nach seiner Emigration Mitbegründer des Verlags Thames & Hudson war.
Neurath wurde am 1. Oktober 1903 in der Josefstädter Straße in Wien geboren. Er war das einzige Kind von Alois Neurath (1886–1955) und seiner Frau Gisela Fröhlich († 1944), die zehn Jahre zuvor von Bratislava nach Wien gezogen waren. Walter verbrachte seine gesamte Kindheit in Wien, wo sein Vater ein Großhandelsunternehmen für den Import von Tee, Kaffee und Feinkost besaß. Er besuchte die Volksschule und das Realgymnasium, das er mit Auszeichnung abschloss. Anschließend studierte er an der Universität Wien Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte und wurde 1922 Mitglied des Instituts für Kunstgeschichte. Gleichzeitig arbeitete er für den Kunstbuchverlag Würthle & Sohn und organisierte verschiedene Kunstausstellungen, darunter eine Pariser Ausstellung mit französischen Gemälden des 19. Jahrhunderts aus Wiener Sammlungen. Außerdem hielt er Vorträge über Kunstgeschichte beim österreichischen Arbeiterbildungsvereinigung.
Nach vier Jahren im Familienbetrieb, in denen er sich kaufmännische Kenntnisse aneignete, wandte sich Neurath 1929 ganz dem Verlagswesen zu und interessierte sich besonders für Drucktechnik und Typografie. Er trat in den Verlag für Kulturforschung und den Zinner Verlag ein, der Belletristik verlegte und wo er nach sechs Monaten Produktionsleiter wurde. Dort veröffentlichte er zahlreiche illustrierte Bücher sowie deutschsprachige Übersetzungen englischer und amerikanischer Werke. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland brach der wichtigste deutschsprachige Markt für dieses jüdische Unternehmen zusammen, das daher 1935 seine Geschäftstätigkeit völlig einstellen musste.
In den folgenden zwei Jahren arbeitete Neurath als Verleger von Bildungsliteratur. Er entwickelte neue Illustrationstechniken und erstellte als Herausgeber eine Reihe illustrierter Lehrbücher für Kinder, die als pädagogische Gegenmittel zur NS-Ideologie konzipiert waren. Die Bücher waren stark demokratischer und antitotalitärer Natur und wurden von gleichgesinnten Verlagen im Ausland in sieben Fremdsprachen übersetzt. 1937 wurde Neurath zum Leiter des Wilhelm-Frick-Verlags ernannt, wo er weiterhin illustrierte Bücher über Kunst und antinazistische Propaganda in Auftrag gab und veröffentlichte. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten wurde Neurath jegliche Publikationstätigkeit verboten und er wurde bedroht: ein von den Nationalsozialisten eingesetzter Kommissar übernahm die Leitung des Verlags.
Aufgrund seiner antinazistischen Publikationstätigkeit geriet Neurath bald auf die Listen der Gestapo. Nach mehreren Fahndungen, denen er sich entziehen konnte, und einer Zeit im Versteck gelang ihm am 1. Juni 1938 die Flucht nach England. Dorthin nahm er auch seine zweite Frau Marianne mit. Seine Bürgin für die Einreise nach England als Ausländer war Frances Margesson, die Ehefrau von Captain (später Viscount) Margesson. Die Neuraths lebten etwa fünf Jahre lang bei den Margessons in Boddington bei Rugby, wo auch ihr Sohn Thomas geboren wurde. Neurath erhielt ein Arbeitsangebot von der Firma Adprint, die von seinem Landsmann, dem Flüchtling Wolfgang Foges, geleitet wurde. Schon bald wurde Neurath Produktionsleiter und entwarf und produzierte die erfolgreiche King Penguin-Reihe, die ersten Hardcover-Bücher des Verlags. Anschließend entwickelte Neurath die ambitioniertere Reihe „Britain in Pictures“, herausgegeben von Walter J. Turner. In dieser Reihe waren die Illustrationen integraler Bestandteil des Buches und wurden prominent zusammen mit dem zugehörigen Text platziert. Die Reihe verband sorgfältige Bildrecherche mit hochwertigem Design und Druck und enthielt bedeutende Texte von George Orwell („The English People“), Rose Macaulay („Life among the English“), John Piper („British Romantic Artists“), Michael Ayrton („British Drawings“) und Jacquetta Hawkes („Early Britain“). Die Reihe umfasste schließlich mehr als 100 Bände.
Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte Neurath die britische Staatsbürgerschaft noch nicht erwerben können und wurde zunächst zusammen mit Musikern, die später das Amadeus-Quartett bilden sollten, und anderen angesehenen europäischen Exilkünstlern und Intellektuellen, die als feindliche Ausländer (enemy aliens) galten, auf der Isle of Man interniert. Ein befreundeter britischer Kollege, Richard Cowell, der den beträchtlichen kulturhistorischen und propagandistischen Wert der frühen Reihe „Britain in Pictures“ erkannte, erreichte Neuraths baldige Freilassung aus dem Internierungslager. Schon bald konnte Neurath seine Arbeit wieder aufnehmen, und die Einbürgerung folgte später.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Neurath bis September 1949 bei Adprint, bevor er den Verlag Thames & Hudson gründete und seine gesamten Ersparnisse von 3000 Pfund in das neue Unternehmen mit einem Gesamtkapital von 7000 Pfund einbrachte. Zu seinen Mitgeschäftsführern gehörten seine Adprint-Kollegin Eva Feuchtwang, der Drucker John Jarrold und der Graveur Wilfrid Gilchrist. Der Verlag wurde nach den Flüssen Londons und New Yorks, Themse und Hudson, benannt, um seinen Anspruch zu unterstreichen, auf beiden Seiten des Atlantiks zu publizieren. In der Geschäftswelt wurde dieser Aspekt jedoch nicht selten übersehen, und es gingen oft Briefe ein, die an die ‘Herren Thames und Hudson’ adressiert waren.
In den folgenden zwei Jahrzehnten entwickelte sich Thames & Hudson zu einem der bedeutendsten Verlage Europas; später entstanden auch Dependancen in u. a. Singapore und Melbourne. Er veröffentlichte Kunstbücher zu erschwinglichen Preisen und erkannte frühzeitig die Erfolgsaussichten von hochwertigen Originaltaschenbücher. Die Taschenbuchreihe „World of Art“ war ideal für Studierende, und die erfolgreichsten Titel der Reihe, wie Michael Leveys „From Giotto to Cézanne“ (1962) mit über 500 Farbabbildungen, fanden weltweit in bis zu zwanzig Sprachen Eingang auf die Leselisten von Hochschulen und verkauften sich hunderttausendfach. Sie hatten einen starken Einfluss auf die internationale Kunstausbildung.
Neurath war dreimal verheiratet: 1925 mit Lilly Kruk (die Ehe wurde 1933 geschieden), dann mit Marianne Müller (1909–1950), einer Lehrerin, und am 6. August 1953 mit seiner langjährigen Kollegin bei Adprint, Eva Urvasi Feuchtwang (1908–1999), die als Eva Neurath auch seine gleichberechtigte Geschäftspartnerin und maßgeblich am Erfolg von Thames & Hudson beteiligt war. Gemeinsam bauten sie ein Ferienhaus in der Toskana, die „Dolphin Villa“, benannt nach dem Firmenemblem. Ihr Londoner Wohnsitz war ein stattliches Haus aus dem 18. Jahrhundert in Highgate Village. Walter Neurath starb am 26. September 1967 nach langem Krebsleiden. Seine Witwe Eva wurde Vorsitzende, sein Sohn Thomas Geschäftsführer und seine Tochter Constance Direktorin des Verlagsunternehmens. Walter Neurath ist neben seiner Frau Eva auf dem Highgate Cemetery begraben.
Nach seinem Tod stiftete Thames and Hudson eine jährliche Walter-Neurath-Gedächtnisvorlesung, die zunächst am Birkbeck College der Universität London und später in der Londoner National Gallery stattfand. Die Vorlesung ist ein Andenken an einen der vielen deutschsprachigen jüdischen Flüchtlinge, die das britische Kulturleben während und nach dem Zweiten Weltkrieg tiefgreifend prägten. Zu den Vortragenden gehörten einige der bedeutendsten englischsprachigen Kulturwissenschaftler des späten 20. Jahrhunderts wie Ernst Gombrich, Neil MacGregor, Erik Hobswbawm, Linda Nochlin, Nikolaus Pevsner und Hugh Trevor-Roper.
Neuraths Ursprungsland Österreich ehrte ihn mit dem Goldenen Ehrenzeichen. Der Historiker und Kulturwissenschaftler Eric Hobsbawm sagte über Neurath „Es gibt in Großbritannien keinen gebildeten Menschen mit Interesse an den Künsten, der dem Mann, der 1938 aus Wien kam, 1949 den Verlag Thames and Hudson gründete und leitete und ihn auf den Kurs brachte, den er auch dreißig Jahre nach seinem Tod noch immer verfolgt, nicht zu großem Dank verpflichtet ist.“
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Neurath, Walter |
| KURZBESCHREIBUNG | britischer Verleger |
| GEBURTSDATUM | 1. Oktober 1903 |
| GEBURTSORT | Wien |
| STERBEDATUM | 26. September 1967 |