GMBH (Organisation)

Boxerkneipe Zur Ritze (2011)
Silbersackstraße, Revier der GMBH (2012)
Eingang zur Herbertstraße (2013)

Die GMBH war eine Zuhälterorganisation im Hamburger Rotlichtviertel Reeperbahn in St. Pauli, die bis Mitte der 1980er Jahre einen Großteil der Prostitution kontrollierte und in direkter Konkurrenz zur aufstrebenden Nutella-Bande stand.

Namensherkunft und Gründungsmitglieder

Der Name GMBH spielte einerseits im Sinne einer „Firma“ auf die Unternehmensform GmbH an, setzte sich aber als Akronym aus den Initialen der vier Gründungs- und Vorstandsmitglieder zusammen:

Die vier Manager der GMBH beschäftigten 120 weitere Zuhälter und erwirtschafteten im Monat über 200.000 DM. Sie hatten ein klares Firmenkonzept und ihre Sparten in Anwerbung („Poussieren“), Finanzen, Immobilien und innere Sicherheit strukturiert. Der Führungsetage GMBH folgte die zweite Riege der Prokuristen, Bordellwirtschafter, Manager mit Stabsfunktion und einfache Sachbearbeiter. Verträge wurden nach einem bestimmten Ehrenkodex auf traditionelle Hamburger Kaufmannsart häufig allein mündlich und durch Handschlag besiegelt.

Geschichte

Die GMBH war das erste große Zuhälterkartell auf dem Kiez von St. Pauli. Ihnen folgten die Nutella-Bande, die von ihnen scharf bekämpft wurden, die „Hamburger Jungs“/Marek-Bande und die Hells Angels, Charter Hamburg. Das Revier der Organisation waren die Silbersackstraße (Hauptquartier in der Silbersackstr. Nr. 3) und die beiden Großbordelle Eros-Center und Palais d’Amour. Aus dem Geschäft der Zuhälterei wurden Millionenumsätze und Reinerlöse von mehreren hunderttausend DM erwirtschaftet. Auch der für seine Brutalität berüchtigte Berliner Zuhälter Andreas Marquardt, alias „Karate-Andy“, arbeitete eine Zeitlang als Inkasso-Eintreiber für die GMBH. Die Organisation, die in ihrem eigenen Vereinslokal tagte, wurde straff geführt und war bekannt dafür, dass sie ihre Prostituierten, die sie abfällig „Hühner“ nannte, häufig ausbeutete und bei Verstößen gegen die internen Regeln misshandelte. Die GMBH war zu großen Teilen am Eros-Center, Reeperbahn Nr. 146, beteiligt und hatte etliche kleinere Beteiligungen wie das Bordell Bel Ami, die aber nicht zu 100 Prozent zur GMBH gehörten. Ähnlich wie die Nutella-Bande legte auch die GMBH großen Wert auf männliches Geschäftsgebaren und Statussymbole wie Sportwagen, teure Uhren etc. Die GMBH fing mit drei Prostituierten an, expandierte jedoch sehr schnell und begründete die aus ihrer Sicht „Goldene Zeit“ der Prostitution auf St. Pauli, die in den 1970er Jahren begann und in den 1980er Jahren endete, als eine AIDS-Welle und eine Zunahme von Schießereien und Gewalttätigkeiten im Rahmen von Revier- und Verteilerkämpfen registriert wurden und auch die Strafverfolgung durch die Hamburger Polizei verschärft wurde. Die GMBH löste gegen Ende der 1980er Jahre ihre hierarchischen Strukturen durch eigenen Beschluss auf, um weiteren polizeilichen Maßnahmen zu entgehen. Gerd Glissmann schloss in dieser Zeit die ersten Kontakte zu den Hells Angels, die sich im Eros-Center einkauften.

Tötungsdelikte im Zusammenhang mit der G.M.B.H. und Nutella-Bande

Siehe auch

Literatur

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. ↑ Geschichte - Reeperbahn Hamburg. 3. Dezember 2023, abgerufen am 2. November 2025.
  2. ↑ D. I. E. ZEIT (Archiv): Nicht nur Chrom geputzt. In: Die Zeit. 11. November 1983, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  3. ↑ Thomas Hirschbiegel: Hamburgs Milieu-Größen: Sie lebten in Saus und Braus – und dann war die Kohle futsch. In: MOPO.de. 5. Juni 2017 (mopo.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  4. ↑ Ada von der Decken: Als die Killer auf den Kiez kamen. Abgerufen am 2. November 2025.
  5. ↑ Thomas Hirschbiegel: Hamburgs Milieu-Größen Sie lebten in Saus und Braus – und dann war die Kohle futsch Hamburger Morgenpost vom 5. Juni 2017, S. 4, abgerufen am 16. Dezember 2020.
  6. ↑ Er war Mitglied der berüchtigten Luden-Truppe „GMBH“: Zuhälter-Legende „BEATLE“ tot. 19. Mai 2011, abgerufen am 2. November 2025.
  7. ↑ Machtkämpfe im Milieu: Der Kommissar und der Kiez. Hamburger Abendblatt vom 20. Oktober 2012
  8. ↑ Christoph Stockburger: Kalle Schwensen im Interview: "Ich bin eher der Limousinen-Typ". In: Der Spiegel. 28. Januar 2016, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  9. 1 2 Harry Voerthmann: Ex-Rotlicht-Größe stirbt verarmt in Pflegeheim. In: WELT. Abgerufen am 2. November 2025.
  10. ↑ Gesellschaft: Kein Kiez-König mehr auf St. Pauli. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  11. ↑ Matthias Gebauer, Annette Langer: Kiez-Zuhälter in Frankfurt am Main festgenommen: »Wiener Peter« sitzt wieder im Knast. In: Der Spiegel. 6. April 2022, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  12. ↑ Schnee auf dem Strich. In: Der Spiegel. 27. April 1986, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  13. ↑ Jens Meyer-Odewald: Als rund um die. 28. Oktober 2015, abgerufen am 2. November 2025.
  14. ↑ Jens Meyer-Odewald: Als rund um die. 28. Oktober 2015, abgerufen am 2. November 2025.
  15. ↑ Jens Meyer-Odewald: Berufskiller, Bandenkriege, Blutbäder. 12. November 2015, abgerufen am 2. November 2025.
  16. ↑ D. I. E. ZEIT (Archiv): Die scharfen Schüsse im Salon Bel Ami. In: Die Zeit. 20. Mai 1983, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  17. ↑ D. I. E. ZEIT (Archiv): "Jeder ist Gott...Ich bin Gott". In: Die Zeit. 22. August 1986, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  18. ↑ Matthias Rebaschus: Mord-Rekonstruktion: Das Grauen im Kanal. In: Die Zeit. 29. Oktober 2015, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  19. ↑ Ute Scheub: Leichen pflasterten ihren Weg. In: Die Tageszeitung: taz. 2. September 1987, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 2. November 2025]).
  20. ↑ Unter Strom. In: Der Spiegel. 13. Dezember 1987, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 2. November 2025]).