
Ward LeRoy Churchill (* 2. Oktober 1947 in Urbana, Illinois; † 11. August 2026 in Atlanta, Georgia) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Ethnologe und politischer Aktivist des American Indian Movement.
Churchill studierte Kommunikationswissenschaft. Bis zu seiner Entlassung aufgrund schwerwiegender Verstöße gegen Grundsätze wissenschaftlichen Verhaltens im Jahr 2007 war er Professor für Ethnic Studies an der University of Colorado in Boulder.
Die Untersuchungen zu dem Fehlverhalten wurden aufgenommen, nachdem eine 2005 geplante Rede Churchills zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 einen landesweiten Skandal ausgelöst hatte. Churchill strengte mehrere vergebliche Prozesse gegen seine Entlassung an, der Universität wurde jeweils Recht gegeben.
Churchill wuchs in Elmwood auf, nachdem sich seine Eltern hatten scheiden lassen, als er zwei Jahre alt war.
Er wurde 1966 als 19-Jähriger in die United States Army eingezogen und diente unter anderem im Vietnamkrieg.
Churchill hatte 1974 einen B.A. in Kommunikationstechnik und seinen Master-Abschluss 1975 an der University of Illinois at Springfield (damals Sangamon State University) in Kommunikationswissenschaften erhalten. Danach arbeitete er an der University of Colorado in Boulder als Angestellter für das Affirmative-Action-Programm. Später erhielt er auch einen Lehrauftrag für Indianerthemen.
Als Außerordentlicher Professor (Associate Professor) wurde er 1990 ohne die dafür oft benötigte Promotion eingestellt. 1992 erhielt er von der Alfred University für seine Geschichtsvorlesung einen Ehrendoktor. 1997 erhielt er in Colorado eine Vollprofessur. Churchill hat diese Universitätsanstellung im Rahmen einer special opportunity position erhalten. Es wurde deswegen teilweise spekuliert, etwa im konservativ-libertären Magazin National Review, er hätte wegen einer vorgetäuschten indianischen Abstammung die Position erschlichen. Die Universität erklärte, es erhielte niemand wegen seiner Ethnie eine Position. Interne Dokumente der Universität zeigten, dass die Ernennung von Churchill wegen der fehlenden Promotion kontrovers diskutiert wurde. Für eine special opportunity position wäre keine Ausschreibung nötig gewesen, aber man entschloss sich trotzdem dazu die Position für Kandidaten von außen zu öffnen. Schlussendlich entschied man sich aber für Ward Churchill, unter anderem wegen seiner ausgiebigen Erfahrung an der Universität in Colorado.
Churchill hatte bezüglich einer angeblichen Abstammung von Indianern unterschiedliche und widersprüchliche Angaben gemacht. 2003 etwa behauptete er, väterlicherseits von den Muskogee sowie mütterlicherseits von den Cherokee abzustammen, er gab ein Achtel Creek und ein Sechzehntel Cherokeeabstammung an. Die Keetoowah Band of Cherokee Indians gaben ihm eine Ehrenmitgliedschaft, wiesen aber Behauptungen zurück, Churchill sei indianischer Abstammung. Die Herkunft von Churchills Vorfahren wurde durch die Rocky Mountain News 2005 näher untersucht. Sie fanden keine Hinweise auf indianische Vorfahren.
Er starb am 11. August 2026 im Alter von 78 Jahren in Atlanta an gesundheitlichen Komplikationen infolge eines Schlaganfalls.
Ein bereits 2001 vorliegender Essay namens Some People Push Back wurde im Januar 2005 zum Gegenstand einer Kontroverse. Churchill hatte daraus im September 2003 ein Buch namens On the Justice of Roosting Chickens verfasst. Der Titel nahm ein Zitat eines Sprichworts („Ausgeflogene Hühner kehren zum Schlafen zum Stall zurück“, im Sinne Wer anderen eine Grube gräbt) durch Malcolm X auf, der die Ermordung Präsident Kennedys in dem Sinne kommentierte, dieser hätte sie sich selbst zuzuschreiben. Churchill bezeichnete die Beschäftigten im World Trade Center als „Little Eichmanns“ („kleine Eichmanns“) und Angehörige eines „technokratischen Korps im Herzen des globalen amerikanischen Finanzimperiums“. Die Anschläge vom 11. September 2001 seien deswegen ein unausweichliches Ergebnis der amerikanischen Außenpolitik gewesen.
Im Januar 2005 wurde Churchills geplante Rede beim Hamilton College in Clinton, New York nach Morddrohungen gegen ihn abgesagt. Im Vorfeld war der Essay erstmals breiter bekannt geworden. Auch der Kanzler von Colorados Universität, Phil DiStefano, kritisierte ihn. Der Gouverneur von Colorado, Bill Owens, einige Parlamentsabgeordnete und andere forderten nun Churchills Entlassung. Die teils heftigen Angriffe führten zum Rücktritt der Präsidentin der Universität, die vor einer Neubelebung des McCarthyismus warnte. Kurz darauf trat Churchill als Dekan des Fachbereichs Ethnic Studies mit der Begründung zurück, im momentanen politischen Klima den Fachbereich nicht mehr repräsentieren zu können.
Im März 2005 wurde von der Universität eine Untersuchung gegen Churchill eingeleitet. Im Untersuchungsbericht des „Standing Committee on Research Misconduct“ der Universität wurde eingestanden, dass er in seiner Forschung sehr aktiv gewesen sei („atypical but impressive record“), man kam aber zu dem Ergebnis, dass es verschiedenes wissenschaftliches Fehlverhalten („several forms of academic misconduct“) gegeben habe. Insgesamt wurden ihm sieben Fälle vorgeworfen, darunter Fälschung und Plagiat.
Churchill hatte in verschiedenen Publikationen (u. a. in seinem Buch Indians Are Us?) behauptet, die US-Armee habe im Jahr 1837 gezielt Pocken-infizierte Decken an die Mandan-Indianer in North Dakota verteilt, um einen Genozid herbeizuführen. Er schrieb, das Militär habe die Decken aus einem Lazarett in St. Louis bezogen und den Indianern befohlen, sich zu versammeln, während Sanitäter bereitstanden, um die Geimpften von den Ungeimpften zu trennen.
Historiker und Soziologen (wie Thomas Brown von der Lamar University) sowie die Untersuchungskommission der University of Colorado Boulder wiesen nach, dass diese Darstellung eine vollständige Fälschung (Fabrication) war.
Churchill hatte für seine Behauptungen Fußnoten gesetzt, die unter anderem auf das Standardwerk des Anthropologen Russell Thornton (American Indian Holocaust and Survival) verwiesen. Thornton stellte jedoch öffentlich klar, dass sein Buch keine solchen Informationen enthielt. Er hatte nie geschrieben, dass die US-Armee Pocken-Decken verteilt habe.
Historischer Widerspruch: Im Jahr 1837 gab es in der fraglichen Region (Fort Clark) überhaupt keine Posten der US-Armee. Der Seuchenausbruch wurde nachweislich durch Passagiere des privaten Handelsschiffs St. Peter eingeschleppt. Zudem galten die Mandan historisch als enge Verbündete und Handelspartner der weißen Siedler (sie unterstützten u. a. die Lewis-und-Clark-Expedition); ein gezielter Vernichtungsfeldzug ergab in diesem Kontext auch rein logisch keinen Sinn.
Churchill erfand zudem Opferzahlen. Er behauptete, die Epidemie habe 125.000 Ureinwohner getötet – die von ihm zitierte Quelle sprach jedoch von insgesamt rund 30.000 Opfern.
Vor Gericht und vor der Kommission rechtfertigte sich Churchill damit, dass diese Geschichte Teil der „oral tradition“ (mündlichen Überlieferung) der Mandan sei und der Verweis auf das Militär „Allgemeinwissen“ darstelle. Die Kommission wies dies zurück, da er die mündliche Überlieferung in seinen Texten nicht als solche deklariert, sondern stattdessen wissenschaftliche Quellen gefälscht hatte.
Churchill hatte seine gesamte Karriere darauf aufgebaut, als indigene Stimme zu sprechen. Je nach Kontext behauptete er, Creek, Cherokee, Cree oder Métis zu sein. Meist bezifferte er seinen angeblichen indigenen Blutanteil auf 1/16 oder 3/16 Cherokee. Im Zuge des Skandals führten US-Medien wie die Rocky Mountain News und The Denver Post unabhängige, tiefgehende genealogische Untersuchungen durch (unter anderem unter Nutzung von Ancestry.com). Ethno-Historiker und Ahnenforscher sezierten Churchills Stammbaum bis ins frühe 19. Jahrhundert nach Illinois zurück. Das Ergebnis war eindeutig: Seine Vorfahren waren fast ausschließlich europäischer (vor allem deutscher) Herkunft. Es fand sich kein einziger nachweisbarer indigener Vorfahre. Die Recherchen der Denver Post deckten auf, dass einer seiner weißen Vorfahren im späten 18. Jahrhundert in Georgia sogar nachweislich gegen die Cherokee gekämpft hatte.
Churchill war zudem kein registriertes Mitglied der Cherokee Nation. Er besaß lediglich eine assoziierte, rein zeremonielle Mitgliedschaft bei der United Keetoowah Band of Cherokee Indians (UKB). Diese hatte er in den 1990er Jahren erhalten, als die UKB kurzzeitig lockere Aufnahmebedingungen für verdiente Aktivisten hatte. Die UKB stellte später offiziell klar, dass er kein stimmberechtigtes oder ethnisch verifiziertes Stammesmitglied ist und distanzierte sich von ihm.
In Folge der Ermittlungen warfen Kritiker und indigene Wissenschaftler (wie die Cherokee-Historikerin Dr. Patti Jo King) Churchill vor, echten indigenen Akademikern die Plätze weggenommen zu haben. Die Universität Colorado Boulder hatte ihn primär im Zuge von Diversity-Maßnahmen (Affirmative Action) eingestellt, um die ethnische Vielfalt der Fakultät zu stärken. Durch seine vorgetäuschte Identität blockierte er über Jahre hinweg hochdotierte Professuren (mit einem Jahresgehalt von über 94.000 US-Dollar), die eigentlich für echte indigene Gelehrte vorgesehen waren.
Am 26. Juni 2006 gab Interim Chancellor Phil DiStefano bekannt, Churchill seines Postens entheben zu wollen. Eine Kommission der Universität (Privilege and Tenure Committee) zu den Anschuldigungen wies zwei der sieben Fälle als nicht stichhaltig genug zurück, empfahl jedoch mehrheitlich, Churchill zu degradieren. Im Juli 2007 wurde Churchill dann von der Universität entlassen. Churchill klagte dagegen. Im April 2009 befand eine Jury in erster Instanz, die Entlassung sei maßgeblich unter dem Eindruck seiner politischen Ansichten erfolgt, und bezweifelte deren Notwendigkeit. Über eine Aufhebung der Entlassung befand sie nicht und gestand Churchill eine Entschädigung in Höhe von einem symbolischen Dollar zu. Über Bedeutung und Konnotation dieses geringen Betrags, zu dem sich die Jury zunächst nicht äußerte, wurde viel spekuliert. Ein Jurymitglied sagte später in einem Interview, dass Churchill und sein Anwalt mehrfach betont hätten, es ginge ihnen nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit, weshalb man sie beim Wort genommen habe. In zwei weiteren Instanzen wurden am 7. Juli 2009 und 24. November 2010 Churchills Anträge auf Rücknahme der Kündigung und auf eine höhere Entschädigung abgewiesen, da die Entscheidung der Universität in deren legitimem Ermessen gelegen habe. 2011 nahm der Colorado Supreme Court einen weiteren Revisionsantrag des Falls an und bestätigte im September 2012 die vorinstanzlichen Entscheidungen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Churchill, Ward |
| ALTERNATIVNAMEN | Churchill, Ward LeRoy (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Schriftsteller, Ethnologe und Aktivist |
| GEBURTSDATUM | 2. Oktober 1947 |
| GEBURTSORT | Urbana, Illinois |
| STERBEDATUM | 11. August 2026 |
| STERBEORT | Atlanta, Georgia |