Wasserkrise

Eine Wasserkrise ist eine gesellschaftliche bzw. politische Interpretation von Wasserknappheit bzw. dem Umgang mit Wasser. Sie wird als eine besorgniserregende Situation gesehen und zeichnet sich insbesondere in ariden und semiariden Gebieten der Welt ab, wenn dort siedelnde Menschen durch natürliche Zyklen, ungeschickte Landnutzung, die Bevölkerungsentwicklung oder problematische politische und technische Maßnahmen einen Wassermangel erfahren. In Verbindung mit den Auswirkungen des Klimawandels führen Bevölkerungswachstum und Wirtschaftswachstum zu einem rasanten Anstieg des Wasserbedarfs, wodurch es in immer mehr Regionen (auch in der gemäßigten Zone) zu Wasserkrisen kommen kann.

Verständnis von Wasserkrise

Unter Wasserkrise wird ein Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung hinsichtlich dem Umgang mit Wasser verstanden, dem eine massive und problematische Störung der Versorgung mit Wasser über einen längeren Zeitraum vorausging. Dabei ist sie kein ökologisches Phänomen, sondern hat gesellschaftliche Ursachen, z. B. eigennützige, oft kurzfristige politische Interessen. Es lässt sich beobachten, dass eine Vielzahl derartiger Wasserkrisen auf lokaler oder regionaler Ebene besteht. Bereits 1998 stellte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen fest, dass sich das weltweite Wasserproblem als ein Mosaik regionaler und lokaler Krisensituationen begreifen und sich weitgehend nach den Syndromen des Globalen Wandels klassifizieren lässt. Maßnahmen zur Auflösung der Krisensituationen sollten deshalb sinnvollerweise auf die Beseitigung („Kuration“) des jeweiligen Syndroms oder doch zumindest auf die Linderung seiner wasserspezifischen Symptome zielen.

Zudem führen Auswirkungen des Klimawandels im komplexen Wechselspiel zwischen Natur zu Kaskadenereignissen und miteinander verwobenen Krisen, sogenannten Polykrisen. Zunehmend breitet sich die Erkenntnis aus, dass Klimakrise und Wasserkrise zusammenhängen.

Globale Extrapolation

Aus Perspektive des ersten World Water Development Report aus dem Jahr 2003 ist „von allen Krisen hinsichtlich der sozialen und natürlichen Ressourcen, mit denen wir Menschen konfrontiert sind, … die Wasserkrise diejenige, die unser Überleben und das unseres Planeten Erde am meisten bedroht“. Zahlreiche Beobachter sehen hier einen dringen Handlungsbedarf. Einige sind sogar der Ansicht, dass die Kriege der Zukunft hauptsächlich um den Zugang von Ressourcen geführt werden würden; diese Interpretation wird allerdings auch sehr kritisch gesehen.

Der Nahe Osten und Nordafrika sind seit längerem die Regionen mit dem am stärksten ausgeprägten Wassermangel. Auch in Europa (z. B. Spanien und Italien) zeigen sich erste Anzeichen von Mangel an Trinkwasser. Für die nächsten Jahren wird erwartet, dass sich dieser Zustand auf Pakistan, das südliche Afrika (siehe auch: Wasserkrise von Kapstadt) sowie auf große Teile Indiens und Chinas ausweitet. Damit werden auch die Konflikte um Wasser zwischen und innerhalb von Staaten zunehmen und eventuell zu Kriegen führen. Weiterhin stellen Nutzungskonflikte zwischen Landwirtschaft, Industrie und Privathaushalten sowie ein verschwenderischer Umgang mit Wasser Herausforderungen für die zukünftige Wasserwirtschaft dar, insbesondere auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. 2002 hat der UN- bzw. Weltgipfel in Johannesburg die herausragende Wichtigkeit dieses Themas betont. Dort wurden für den Zugang zu Wasser und sichere Sanitärtechnologien sehr anspruchsvolle Ziele (als sog. Millenniumsziele) festgeschrieben: Die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu sanitären Anlagen haben, sollte bis 2015 halbiert werden. Die UN-Generalversammlung folgte entsprechend und erklärte die Jahre von 2005 bis 2014 zur Internationalen Aktionsdekade „Wasser – Quelle des Lebens“. Ein Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2006 richtete den Fokus auf die Hauptursachen der Wasserkrise, denn es gebe genügend Wasser. Die Probleme würden „oft durch Missmanagement, Korruption, fehlende entsprechende Institutionen, bürokratische Trägheit und fehlende Investitionen sowohl in Humankapital als auch in die Infrastruktur verursacht.“

Unterschiedliche Symptome der Wasserkrise

Global äußert sich die Wasserkrise auf verschiedene Weisen:

Sich über Wasser verbreitende Krankheitserreger, die durch einen Mangel an sanitärer Versorgung und Hygiene verursacht werden, sind weltweit eine der Haupttodesursachen. Für Kinder unter fünf Jahren sind sie sogar die Hauptursache. Nach Aussagen der Weltbank 2007 werden 88 Prozent der über Wasser verbreiteten Krankheiten durch unsicheres Trinkwasser, unzureichende Sanitärversorgung und schlechte Hygiene verursacht.

Lösungsansätze

Eine Wasserkrise geht meist mit ökonomischer Schwäche einher. Dadurch ist die Fähigkeit eingeschränkt, eine angemessene Infrastruktur, Investitionen und Energiekosten aufzubringen. Deshalb ist es sinnlos, nach zentraleuropäischem Vorbild teure und energieaufwändige Systeme der zentralen Versorgung mit Einheitswasser in bester Trinkwasserqualität für alle Nutzungszwecke und der zentralen Abwasserbeseitigung und -reinigung aufzubauen. Vielmehr muss sich entsprechende Entwicklungshilfe speziell auf Technik beziehen, die mit erneuerbarer Energie und soweit möglich leicht verfügbaren und reparierbaren Mitteln arbeiten. Als Beispiel könnte man hier die solare Wasserdestillation nennen, im Abwasserbereich angepasste und ökologisch orientierte Sanitärtechnologien (Ecosan) sowie spezifische Open-Source-Hardware im Hinblick auf günstige, anpassbare Technologien für Wasseraufbereitung, Überwachung und effiziente Nutzung (z. B. Tröpfchenbewässerung). Für die Megastädte wird es darauf ankommen, intelligente Kombinationen alternativer Ver- und Entsorgungstechnologien zu finden und aufzubauen. Ein weiterer Ansatz ist das Schwammstadt-Prinzip.

Wasserkrisen lassen sich nur durch das Erproben neuer Prozesse und geeigneterer Kennzahlen bzw. deren Kombination bewältigen. Zunächst müssen betroffene Regionen ihre Wasserpolitik an die lokalen Bedürfnisse anpassen. Beispielsweise sollten Großstädte das Bewusstsein für einen veränderten Umgang mit Wasser fördern und geeignete Infrastrukturen aufbauen. Zweitens müssen Länder weltweit zusammenarbeiten, um Erfahrungen über bewährte Verfahren wie Entsalzung und Abwasserwiederverwendung und verbesserte Akteurskonstellationen auszutauschen. Zugleich müssen die Effektivität und Effizienz dieser Vorgehensweisen verbessert werden (auch verbessert erfasst). Dabei kann auch die Selbstorganisation eine Rolle spielen, etwa um Wasser als Gemeingut (Commons) schützen, verwalten und so lokale Gemeinschaften resilienter gegenüber Konflikten machen zu können.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Einfacher und recht unbestimmt definiert hingegen der Global Risks Report 2019 des Weltwirtschaftsforums Wasserkrisen als „A significant decline in the available quality and quantity of fresh water, resulting in harmful effects on human health and/or economic activity.“
  2. ↑ Thomas Jahn: Krise als gesellschaftliche Erfahrungsform. Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt am Main 1991.
  3. ↑ Thomas Kluge, Engelbert Schramm, Aicha Vack: Wasserwende: Wie die Wasserkrise in Deutschland bewältigt werden kann. Piper, 1995.
  4. ↑ Hans-Georg Bohle: Vom Wasserkonflikt zur Wasserkrise: Der Niedergang eines südindischen Deltas. In: Geographische Rundschau. Band 56, Nr. 12, 2004, S. 40–45.
  5. ↑ Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: Wege aus der Wasserkrise. In: Wege zu einem nachhaltigen Umgang mit Süßwasser. Springer, Berlin, Heidelberg 1998, S. 281–356.
  6. ↑ Thomas Kluge: Klimakrise und Wasser: Wie die Klimakrise ein Umdenken erfordert. In: gwf-Wasser/Abwasser International 164 (3). 2023, S. 77–82.
  7. ↑ Jürgen Scheffran: Water security in the polycrisis: between negative and positive tipping points. In: Frontiers in Water. 2025, S. 7:1567262.
  8. ↑ Water for people, water for life: a joint report by the twenty-three UN agencies concerned with freshwater (= The United Nations world water development. Nr. 1). Unesco [u. a.], Paris 2003, ISBN 978-92-3103881-5 (englisch).
  9. 1 2 Asit K. Biswas: Water crisis: current perceptions and future realities. In: Water International 24.4. 1999, S. 363–367.
  10. ↑ Sebastian Vollmer: Die globale Wasserkrise und das GATS. Cuvillier, Göttingen 2004.
  11. ↑ Thomas Kluge: Millenniumsziele und das Thema Wasser. In: Der Bürger im Staat 68 (4). 2018, S. 240–248.
  12. ↑ Michael T. Klare: Resource wars: the new landscape of global conflict (= A Metropolitan/Owl book). 1. ed., [Paperbackausg.]. Henry Holt and Company, New York 2002, ISBN 978-0-8050-5576-4 (englisch).
  13. ↑ Brahma Chellaney: Water, Peace, and War: Confronting the Global Water Crisis. Rowman & Littlefield, 2015, ISBN 978-1-4422-4913-4.
  14. ↑ Asit K. Biswas, Cecilia Tortajada: Water crisis and water wars: myths and realities. In: International Journal of Water Resources Development 35.5. 2019, S. 727–731.
  15. ↑ Water, a shared responsibility. The United Nations World Water Development Report 2, 2006
  16. ↑ Updated Numbers: WHO-UNICEF JMP Report 2008. Unicef.org, archiviert vom Original am 20. April 2021; abgerufen am 10. März 2011 (englisch).
  17. ↑ Water is Life – Groundwater drawdown. Academic.evergreen.edu, abgerufen am 10. März 2011 (englisch).
  18. ↑ All About: Water and Health, CNN, 18. Dezember 2007 (englisch). 
  19. ↑ Tong Ling: A Global Study About Water Crisis. In: Proceedings of the 2021 International Conference on Social Development and Media Communication. 2022 (atlantis-press.com).
  20. ↑ Johannes Euler: Wasser als Gemeinsames: Potenziale und Probleme von Commoning bei Konflikten der Wasserbewirtschaftung. Bielefeld 2020, ISBN 978-3-7328-5376-2.