

Als Wickeln, auch Fatschen (oder Faschen, von lateinisch fascis ‚Bündel‘), bezeichnet man eine jahrtausendealte Praxis der Säuglingspflege. Dabei wird das Baby fest mit Stoffbinden umwickelt, so dass es sich nicht mehr bewegen kann. Es wird dann als „Wickelkind“ bezeichnet. Dieses stramme Einbinden nennt man im Englischen tight swaddling – also strammes Wickeln – oder swathing. Traditionell wurde das Kind mehrere Monate lang eingewickelt, auch eine Dauer von etwa einem Jahr kam vor.
Festes Wickeln war in zahlreichen und sehr unterschiedlichen Kulturen üblich und ist heute noch sehr weit verbreitet. Verbreitungsschwerpunkte sind Osteuropa, Russland, China, der Nahe Osten sowie Nord- und Südamerika (bei indigenen Gruppen). Die Praxis ist in Afrika südlich der Sahara offenbar unbekannt.
Pucken ist eine modifizierte Wickeltechnik.











Verschiedene Autoren vermuten, dass die Praxis bereits im Paläolithikum erfunden wurde. In Europa finden sich erste Nachweise dieser Praxis aus der Vorgeschichte in Form von Votivgaben, Idolen und Grabbeigaben: Die ältesten Abbildungen gewickelter Kinder stammen von Kreta und Zypern. Die Votivgaben und Idole sind 4000 bis 4500 Jahre alt.
Etwa 600 Jahre vor Christus schrieb der Prophet Ezechiel vom Salzen und Wickeln des Neugeborenen. Laut Hippokrates (ca. 460 – ca. 370 v. Chr.) haben die Ägypter ihre Kinder gewickelt. Es fehlen bislang aber weitere Belege für diese Angabe.
In der griechischen und römischen Antike war Wickeln die übliche Behandlung des Neugeborenen. Die bei weitem ausführlichste Beschreibung einer Wickelmethode in der Antike stammt von dem griechischen Arzt Soranus von Ephesus (um 100 n. Chr.), einer zentralen medizinischen Autorität der Antike. Er praktizierte in Rom. Nach der Geburt wurde das Kind gewaschen, abgenabelt und mit Salz bestreut. Dann folgte das für Soranus unerlässliche Wickeln des Kindes. Nach antiken Auffassungen war der Babykörper weich und formbar. Daher sollte das Kind durch die Wickelbänder körperlich geformt werden. Jedes einzelne Körperglied des Kindes wurde in der Antike gewickelt, danach der ganze Körper, der so in eine unbewegliche Streckstellung gebracht wurde. Anschließend wurde es in eine Wiege gelegt, die bereits im Altertum verwendet wurde. Laut Soranus sollte das Baby etwa 40 bis 60 Tage lang gewickelt werden. Soranus beschrieb den Wickelvorgang folgendermaßen:
„Man nehme nun das Ende der Binde und lege es am Vorderarm an, wickle sie dann ringsherum um die gestreckten Finger, den Vorderarm, den Ellenbogen und Oberarm, dabei ziehe man sie an den Handknöcheln ruhig stramm an, lockerer aber an den übrigen Theilen bis zur Achsel. Ebenso verfahre man bei der Einwicklung der anderen Extremität; den Rumpf umwickle man mit einer breiteren Binde und zwar so, dass man bei den männlichen Kindern die Binde überall gleichmassig stramm zieht, dagegen bei den weiblichen die Gegend der Brustwarzen etwas enger schnürt, die Hüftgegend dagegen locker lässt. Denn diese Methode eignet sich besser für das weibliche Geschlecht. (…) Die Einhüllung in die Binden soll sich bis zu den Fingerspitzen erstrecken, sie soll locker sein an den Schenkeln und Waden, dagegen kompress an den Stellen des Knies und der Kniekehle, an den Fussrücken und den Knöcheln. Auf solche Weise werden die Füsse an der Spitze breiter und der Mittelfuss wird schmäler. Danach lege man die Arme an die Seiten, die Füsse an einander und umwickle dann das ganze Kind von der Brust bis zu den Füssen mit einer breiten Binde. Dadurch, dass die Hände eingefatscht werden, gewöhnen sie sich an die gestreckte Haltung.“
Wickeln scheint Teil antiker Geburtsriten gewesen zu sein. Neben der auch rituell zu verstehenden Funktion, dem Kind eine Form zu geben, sollte es ermöglichen, dass bereits das Neugeborene aufrecht stehen konnte und so aus einem animalischen Wesen auf magisch-symbolische Weise ein Mensch wurde. Bereits in der Antike war Wickeln Thema der bildenden Kunst (Votivgaben, Idole, Darstellungen von Sagenfiguren).
Wickeln war über das gesamte Mittelalter verbreitet. Es war seit der Antike mit dem Ammenwesen verknüpft. Auch im Mittelalter wurden viele Kinder von Ammen betreut. Das Wickeln war für die Ammen eine leicht anwendbare Methode zur Ruhigstellung des Kindes. Die medizinischen Autoritäten des Mittelalters waren noch weitgehend von Soranus’ Ansichten beeinflusst. Auch sie argumentierten bei der Begründung des Wickelns praktisch ausschließlich damit, dass der Körper des Neugeborenen weich und formbar sei und daher eine Formung benötige. Bartholomaeus Anglicus wollte durch Wickeln Verdrehungen der Glieder verhindern. Etwa um das Jahr 1250 schrieb er in seinem Werk Über die Ordnung der Dinge:
„Die Glieder des Kindes haben wegen ihrer Zartheit eine fließende Struktur und nehmen verschiedene Gestalt an, und deshalb müssen die kindlichen Glieder mit Windeln oder anderen passenden Binden gefesselt werden (sunt liganda), damit sie nicht ganz verfallen oder eine andere Verformung erleiden.“
Vinzenz von Beauvais empfahl zudem eine Formung von Kopf, Nase und Stirn. Heinrich Laufenberg und Paulus Bagellardus sprachen sich sehr ähnlich für Notwendigkeit des Wickelns aus. Im ersten deutschsprachigen Werk über Pädiatrie, Regiment der jungen Kinder von 1473, empfahl der Augsburger Arzt Bartholomäus Metlinger (ca. 1440–ca. 1491): „Wenn man das Kind fatschen will, so soll man die Glieder des Kindes sanft anfassen. Was zu strecken ist, das soll man strecken wie die Arme nach der Länge des Leibes. Desgleichen die Füße und dann genauso wickeln.“
Die Dauer des Wickelns, gemessen am Lebensalter des Kindes, lässt sich für das Mittelalter kaum rekonstruieren. In Heiligenviten finden sich Hinweise darauf, dass es mitunter gut ein Jahr durchgeführt wurde. Die Praxis des Wickelns wurde in zeitgenössischen Gemälden, Gedichten und theologischer Literatur thematisiert. So beschrieb die Mystikerin Birgitta Birgersdotter (1303–1373), genannt Birgitta von Schweden, ganz präzise die Wicklung des Jesuskindes nach einer Vision am Weihnachtsfest des Jahres 1372. Diese berühmte Vision war Ausgangspunkt eines neuen Bildtypus, der das neugeborene Jesuskind auf dem kalten Boden liegend beschrieb. Erst nach dieser Szene erfolgte das Wickeln. Auch andere Mystikerinnen befassten sich mit dieser Praxis. Von der Mystikerin Mechthild von Hackeborn (1241–1299) wird eine Vision berichtet, in der der neugeborene und gewickelte Jesus gesagt habe:
„Da ich in der Welt geboren ward, wurde ich von Stunde an gebunden mit Tüchlein, also daß ich mich nicht bewegen mochte, zu einem Zeichen, daß ich mich ganz, mit allen Gütern, die ich mit mir von dem Himmel brachte, in die Gewalt des Menschen gegeben habe zu seinem Nutzen. Denn, wer gebunden ist, hat keine Gewalt und vermag sich nicht zu wehren, und ihm mag genommen werden Alles, was er hat.“
Nicht nur in der Literatur, auch in der bildenden Kunst finden sich zahlreiche Reflexe auf die Wickelpraxis. So stellte Giotto di Bondone (1266–1337) die schmerzhafte Formung der Nase des gewickelten Jesuskindes dar, und Hieronymus Bosch (ca. 1450–1516) malte ein Wickelkind in den Klauen einer beängstigenden Mutterfigur.
Die Praxis des Wickelns wurde in Europa seit der Antike kontinuierlich beibehalten, allerdings änderten sich die jeweiligen Begründungen für die Wickelpraxis. Der französische Arzt François Mauriceau (1637–1709) schrieb beispielsweise im Jahr 1668:
„Das Kind muss daher gewickelt werden, damit seinem kleinen Körper eine gerade Gestalt gegeben wird, die für den Menschen die geziemendste und schicklichste ist, und damit es daran gewöhnt wird, sich auf seinen Beinen zu halten; denn ohne diese Maßnahme würde es sich auf allen Vieren bewegen wie die meisten anderen Tiere.“
In der Frühen Neuzeit scheint die Idee entstanden zu sein, dass Wickeln das Baby warmhalten solle. Aus dem Mittelalter sind keine Begründungen überliefert, die das Warmhalten oder Beruhigen des Kindes herausstellen. Der französische Dichter de Sainte-Marthe beschrieb die wärmende Funktion des Wickelns im 16. Jahrhundert in einem Gedicht zum ersten Mal (hier in der englischen Übersetzung des ursprünglich lateinischen Textes): T’ enwrap the babe, by many circling fold, In equal lines, and thus defend from cold.
Um das Baby einzuhüllen, wickle es kreisend ein in gleichmäßigen Linien und schütze es so vor Kälte.
Im 16. Jahrhundert lieferte der schweizerische Wundarzt Felix Würtz (ca. 1500 bis ca. 1598) mit seinem „Kinderbüchlein“ die erste kritische Auseinandersetzung mit dem Wickeln und seinen unmittelbaren Folgen für das Baby:
„Es ist deshalb (wie ich auch zuvor geschrieben habe) auf dem Rücken liegen und so ungebunden strampeln das allerbeste für alle Kinder, gleichermaßen ob sie gar jung oder auch etwas älter sind, nach der Zeit, da sie vor ihren Händen und Füßlein nicht mehr erschrecken. Wenn sie aber (so) jung sind, daß sie ihre eigenen Händlein und Füßlein noch fürchten und davor erschrecken, soll man diese Kinder nicht so ungebunden liegen lassen.“
Obwohl Würtz sich für eine gemäßigte Form des Wickelns aussprach, stellt seine Arbeit insgesamt den Auftakt für die Abschaffung des Wickelns dar. Er ließ sich Wickeln von den Ammen zeigen und leitete daraus entstandene Schäden für das Kind ab. Er argumentierte dabei unter Berücksichtigung der Empfindungsfähigkeiten des Kindes. Würtz’ Auffassungen blieben lange ohne praktische Folgen. Erst am Ende des 17. Jahrhunderts sprach sich der englische Philosoph John Locke gegen das Wickeln aus. Es setzte ein grundlegender Wandel der Einstellungen gegenüber dem Wickeln ein. 150 Jahre nach Würtz’ Tod sprach sich der englische Arzt William Cadogan (1711–1797) für die völlige Abschaffung des Wickelns aus. In seiner Abhandlung „An Essay upon Nursing and the Management of Children, from their Birth to Three Years of Age“ von 1748 äußerte er seine Auffassung von einer zeitgemäßen Pflege der Kleinkinder:
„But besides the Mischief arising from the Weight and Heat of these Swaddling-cloaths, they are put on so tight, and the Child is so cramp'd by them, that its Bowels have not room, nor the Limbs any Liberty, to act and exert themselves in the free easy Manner they ought.“
„Abgesehen von dem Schaden, der vom Gewicht und der Hitze dieser Wickelkleider herrührt, werden sie so stramm angelegt und das Kind wird so sehr von diesen eingeengt, daß weder seine Eingeweide Platz, noch seine Glieder irgendwelche Freiheit haben, um zu handeln und bewegt zu werden in der freien und leichten Weise, die sie haben sollten.“
Seiner Meinung schlossen sich zahlreiche Ärzte an, beispielsweise der schwedische Arzt Rosén von Rosenstein. Jean-Jacques Rousseau war wohl vom ärztlichen Diskurs beeinflusst und verglich das Wickeln 1762 in seinem Erziehungsroman Emile mit Fesseln, wobei er dieses Bild unmittelbar von Buffon übernahm. Bereits in der Antike hatte Plinius d. Ä. das Wickeln mit Fesseln verglichen.
Die Ärzte spielten bei der Abschaffung des Wickelns eine bedeutende Rolle. Ab dem 18. Jahrhundert trugen sie Beobachtungen zu entgleisten Wickelformen zusammen und lieferten ein Bild von den unmittelbaren körperlichen Schäden, die dysfunktionales Wickeln anrichten kann: Rosén von Rosenstein beschrieb 1761 den Fall eines Babys, dessen Arm durch Wickelung abgeschnürt war, Jean-Emmanuel Gilibert beschrieb 1770 Entzündungen der Haut infolge von selten gewechselten Windeln. Ähnlich argumentierten die deutschen Ärzte Johann Friedrich Zückert und Christian Augustus Struve im 18. Jahrhundert. Die Position der Aufklärung wurde von Johann Georg Krünitz in der Oeconomischen Encyklopädie vertreten. Er war zwar der Ansicht, dass Kinder nach der Geburt zunächst gewickelt werden müssen, um dem Körper Halt zu geben, jedoch nicht in der damals üblichen Art des „Einschnürens“:
„Es ist die größte Grausamkeit, ein Kind etliche Stunden lang in die engesten Bande einzuschlagen, um ihm die freye Bewegung der Glieder zu nehmen. (…) Das bleiche Gesicht, der magere Körper, und das sieche Leben der in Banden eingekerkert gewesenen Kinder, beweisen genug, wie vielen Schaden die Eingeweide dadurch leiden (…) Es ist nicht zu verwundern, wenn die Kinder in diesen Fesseln den ganzen Tag traurig sind, und ausser dem Schlafe ihre Zeit mit Weinen zubringen.“
Krünitz empfahl, das Baby schon nach ungefähr zwei Wochen nur noch locker zu wickeln, damit es sich bewegen kann. Die veränderte Haltung von Ärzten und Intellektuellen führte dazu, dass ab dem 18. Jahrhundert in verschiedenen Ländern und Regionen von Westeuropa das Wickeln schrittweise abgeschafft wurde. England nahm bei der Abschaffung des Wickelns sicher eine führende Rolle ein. Weite Teile der Bevölkerung von England und der Einwanderer in Amerika hörten mit dem Wickeln Ende des 18. Jahrhunderts auf, Frankreich folgte im 19. Jahrhundert und Deutschland im 20. Jahrhundert, wobei ländliche Regionen jeweils erheblich länger diese Praxis beibehielten. Trotz der aufklärerischen Kritik am strammen Wickeln hielt es sich in Deutschland besonders lange. Im Jahr 1877 erschien in einem englischen Magazin ein Artikel, in dem ein deutsches Baby als „klägliches Objekt“ bezeichnet wird, das bis zu seinem sechsten Lebensmonat wie eine Mumie eingewickelt werde und nur kurz zum Wechseln der Windeln von seinen Bandagen befreit werde. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in Deutschland das Steckkissen verwendet, eine Art wattierter Leinenschlafsack. Das Baby wurde „hineingesteckt“, der Körper einschließlich der Arme fest gewickelt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden dabei schließlich die Arme frei gelassen. Vereinzelt gab es Fälle von traditionellem Wickeln im Deutschland der 70er Jahre.
Die Popularität des Wickelns in den USA, Großbritannien und den Niederlanden nimmt zu (Stand 2007). In einer britischen Stichprobe zeigte sich, dass 19,4 % der Babys nachts gewickelt wurden. In Deutschland wird das Wickeln von Neugeborenen nicht als Routinepflegemaßnahme eingesetzt und erfährt wenig Akzeptanz.
Außerhalb Westeuropas ist Wickeln weit verbreitet. Statistische Angaben hierzu sind allerdings selten. Für die Türkei ist bekannt, dass 93,1 % aller Kinder im Jahr 1978 auf traditionelle Weise gewickelt wurden. In 39 % der dokumentierten nicht-industrialisierten Kulturen werden Babys gewickelt. Weitere 19 Prozent verwenden andere Methoden der Bewegungseinzuschränkung von Babys (Stand 2000).
Insbesondere zur Verhinderung des Plötzlichen Kindstods (SIDS) und zur Beruhigung exzessiv schreiender Babys mit sog. „Koliken“ wird Wickeln mancherorts in der Neugeborenenpflege angewandt.
In ausgesprochen stark modifizierter Form wird Wickeln bei Vorliegen einer medizinischen Indikation (etwa bei frühgeborenen Kindern) angewendet. Wie weiter oben ausgeführt, ist dieses Wickeln in der Ausführung und von der beabsichtigten Wirkung her etwas völlig anderes als strammes oder traditionelles Wickeln: Die gebeugten Arme werden so gelagert, dass die Hände am Mund des Babys liegen und auf diese Weise eine Selbstberuhigung möglich ist.
Pucken ist eine moderne Wickeltechnik, bei der Säuglinge in den ersten Lebensmonaten eng in ein quadratisches Moltontuch eingeschlagen werden. Die raue Moltonoberfläche hält den Puck zusammen und begrenzt die Bewegungen. Die Methode eignet sich bis etwa zwei bis drei Monate, da ältere Babys sich durch Strampeln befreien. Bei größeren Babys fällt der Puck beim Strampeln auseinander.