| Film | |
| Titel | Wilder Diamant |
|---|---|
| Originaltitel | Diamant brut |
| Produktionsland | Frankreich |
| Originalsprache | Französisch |
| Erscheinungsjahr | 2024 |
| Länge | 103 Minuten |
| Altersfreigabe |
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| Stab | |
| Regie | Agathe Riedinger |
| Drehbuch | Agathe Riedinger |
| Produktion | Priscilla Bertin, Judith Nora |
| Musik | Audrey Ismael |
| Kamera | Noé Bach |
| Schnitt | Lila Desiles |
| Besetzung | |
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Wilder Diamant (Originaltitel: Diamant brut, internationaler Titel: Wild Diamond) ist ein französischer Spielfilm von Agathe Riedinger aus dem Jahr 2024. Das Langfilmdebüt der Regisseurin mit Malou Khebizi in der Hauptrolle wurde im Mai beim 77. Filmfestival von Cannes uraufgeführt.
Die neunzehnjährige Liane lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter Sabine und ihrer kleinen Schwester Alicia in Fréjus, an der Côte d’Azur. Liane hat drei Jahre im Kinderheim verbracht, weil die Mutter nicht in der Lage war, sich um sie zu kümmern. Sie ist besessen von ihrem Aussehen und träumt davon, berühmt zu werden. Schon jetzt hat sie 40.000 Follower auf Instagram. Schließlich entdeckt sie das Reality-TV als mögliches Sprungbrett für eine Karriere. Liane folgt einem Casting-Aufruf für das Format Miracle Island. Mit einem Job als Kellnerin hat sie sich Brustimplantate einsetzen lassen, nun denkt sie über den perfekten Po nach und konsultiert bereits einen Schönheitschirurgen wegen weiterer Implantate, obwohl sie kein Geld hat – schließlich ist sie ja schon fast sicher in der Show. Die Beautyprodukte und die teuren Accessoires, von denen sie meint, dass sie sie unbedingt braucht, klaut sie sich in Kaufhäusern und Boutiquen zusammen. Einige verkauft sie in der Nachbarschaft, um zu Bargeld zu kommen.
Ihre Mutter ist wenig für die beiden Kinder da, sondern verlässt sich darauf, dass Liane sich um ihre Schwester kümmert. Sie geht keiner geregelten Arbeit nach und lässt sich von ihren aktuellen Lovern aushalten. Zufällig hört Liane ein Telefonat der Mutter mit dem Vermieter mit, dass sie mit der Miete bereits vier Monate im Rückstand ist. Sie setzt alle Hoffnungen und Wünsche darauf, dass sie für die Show ausgewählt wird, doch es vergeht ein Monat und noch immer hat sie keine Nachricht erhalten. Nach außen hält Liane die Fassade aufrecht und erzählt allen, dass ihre Teilnahme an der Show so gut wie sicher ist, obwohl die Zusage immer unwahrscheinlicher zu werden scheint. In der Zwischenzeit hat sich eine zarte Romanze zwischen ihr und Dino entwickelt, einem jungen Mann in ihrem Alter, der mit ihr zusammen im Kinderheim war. Er sagt ihr, sie sei für ihn schon immer seine „Prinzessin“ gewesen und träumt davon, sie zu beschützen und immer für sie da zu sein. Bei ihm fühlt sie sich sicher, doch ihr Lebenstraum sieht anders aus.
Mit der Zeit beginnt Liane daran zu zweifeln, dass das große Glück, das die Show für sie verspricht, noch eintritt und verhält sich zunehmend aggressiv und verzweifelt, was in selbstzerstörerischen Aktionen gipfelt. Immer wieder ruft sie bei der Casterin an, kann jedoch nur Nachrichten auf der Mobilbox hinterlassen und steht schließlich sogar vor der Agenturtür, doch es öffnet niemand. Sie zerstreitet sich mit ihren Freundinnen während eines Clubabends, und eine Art Abwärtsspirale setzt ein, in deren Verlauf sie ziellos durch die Gegend irrt. Sie landet auf einer schicken Party, bei der drei wohlhabende Männer im mittleren Alter mit ihr flirten und sie anheuern, gegen Geld für sie in einem Hinterzimmer zu tanzen. Liane beginnt zu strippen, doch ist ihr die Situation zusehends unangenehm, je intimer die Männer sie zu berühren versuchen. Sie läuft weg. Am nächsten Morgen erhält sie den Anruf, dass sie für die Show ausgewählt wurde. Die letzte Filmsequenz zeigt sie im Flugzeug, wie sie einer ungewissen Zukunft entgegenfliegt.
Wilder Diamant ist das Spielfilmdebüt der französischen Kurzfilm- und Musikvideo-Regisseurin Agathe Riedinger. Sie entwickelte es aus ihrem 23-minütigen Kurzfilm J’attends Jupiter (2018) heraus, in dem ebenfalls eine junge Frau namens Liane davon träumt, im Reality-TV Karriere zu machen. Neben der damaligen Hauptdarstellerin Sarah-Megan Allouch hatte Alexis Manenti eine größere Rolle bekleidet, der auch in Wilder Diamant zum Schauspielensemble gehört. Für ihr Langfilmprojekt verpflichtete Riedinger die im Kino noch unerfahrene Malou Khebizi für die Hauptrolle. Der Name der Protagonistin, Liane Pougy, sei einer berühmten Kurtisane der Belle Époque entlehnt, so die österreichische Tageszeitung Der Standard.
Die Uraufführung von Wilder Diamant fand am 15. Mai 2024 im Hauptwettbewerb des 77. Filmfestivals von Cannes statt. Automatisch wurde ihr Erstlingswerk auch für die Caméra d’Or nominiert. Bei den César-Verleihungen war Malou Khebizi als beste Darstellerin nominiert sowie der Film in der Kategorie „Bester Debütfilm“.
Ein Kinostart in Frankreich erfolgte am 20. November 2024 im Verleih von Pyramide Distribution. In Deutschland kam der Film am 12. Dezember 2024 in die Kinos. Er ist seit 15. Juli 2025 beim Streaming-Anbieter Amazon Prime Video zu sehen.
Tim Caspar Boehme findet in der taz, Riedinger bleibe „sehr nah und direkt an ihrer Hauptfigur“, deute „ihre Konflikte an, etwa dass sie sich ihrer kleinen Schwester gegenüber verantwortlich“ fühle. Riedinger inszeniere den Kontrast zwischen der im Katholizismus verwurzelten Frömmigkeit Lianes und ihrer Außenwahrnehmung als „Hure“, insbesondere im männlichen Blick, mit „Kraft“, das wirke „an vielen Stellen aber nicht stringent erzählt“. Was Liane antreibe, bleibe „oft unklar“, dabei erwecke „der Film den Anschein, als wolle er eigentlich Verständnis für sie wecken“.
Cosima Lutz vom Filmdienst ist davon überzeugt, dass der Debütfilm von Agathe Riedinger auf eine Weise „vom weiblichen Körper und seiner eigenen, machtvollen Blick-Politik“ erzählt, „wie es sie selten, vielleicht sogar noch nie gegeben hat.“ Hauptfigur Liane habe „von der Balken-Augenbraue bis zur modellierten Fingernagel-Kralle mit Bling-Bling ... alles, was es braucht, um von Kennern gotischer Baukunst als lächerlicher Auswuchs der Gegenwart verstanden zu werden.“ Sie sieht den Film als „eine farbgesättigtere Version von Andrea Arnolds Fish Tank“. Riedinger entziehe durch eine unvoyeuristische Bildkomposition „das Trash-TV dem wertenden Zuschauerblick, ohne irgendetwas an seinen Prämissen wie Hypersexualisierung und problematische Geschlechterbilder zu verharmlosen.“ Das liege an einer der „vielen klugen Entscheidungen von Agathe Riedinger […], dass man die Reality TV Show-Welten nie direkt zu sehen bekommt, sondern immer nur als Spiegelung in den Gesichtern der jungen Frauen, in ihren Reaktionen auf diese schöne, schreckliche Welt scheinbarer Verheißungen“, vermutet auch Anke Sterneborg von Epd Film. Wilder Diamant sei ein „kraftvoller Film über die Selbstinszenierung einer schillernden Antiheldin“, befindet auch das St. Galler Tagblatt.
Marian Wilhelm vom Standard findet jedoch, dass sich „der Film nicht“ ganz „von einer elterlichen Perspektive lösen“ könne. „Dieser Widerspruch“ werde „somit auch zur spannenden Frage an das Kinopublikum: Wie viel Paternalismus gegenüber Lianes Celebrity-Traum und wie viel Bewunderung für ihren Willen leisten wir uns im Arthouse-Kinosessel?“
Christoph Petersen von filmstarts.de meint, dass „der Funke“ nicht recht überspringe. Zwar liefere Malou Khebizi „eine mitreißende, unfassbar authentische Performance ab“. Doch im Kern bleibe Wilder Diamant „ein tragischer Film“, „denn für Liane“ sei „Berühmtheit kein Mittel zum Zweck, sondern gleichbedeutend mit einer Freiheit, die sie ohne Schulabschluss und mit Sozialbauhintergrund sonst niemals erreichen könnte.“ Es sei irgendwann zu verstehen, „was sie antreibt“. Das gebe der Figur ihre Würde zurück – und erinnere „in den allerbesten Momenten sogar an Rebecca Zlotowskis ebenfalls an der Côte d’Azur angesiedeltes Ein leichtes Mädchen.“ Er urteilt, der Film folge „allzu brav dem klassischen Prekariats-Problemfilm-Schema, um tatsächlich mitzureißen“.