Wolle

Wolle
Schafwollvlies
Fasertyp

tierische Naturfaser

Herkunft

von Schaf, Alpaka, Lama, Kamel, Kaschmirziege, Angoraziege, Angorakaninchen, Vikunja, Yak, Guanako, Kaschgoraziege, Biber, Fischotter

Farbe

meist weiß, braun, grau und schwarz

Eigenschaften
Faserlänge 55–300 mm
Faserdurchmesser 20–50 µm
Dichte 1,32 g/cm³
Zugfestigkeit 130–210 N/mm²
Bruchdehnung 28–48 %
Wasseraufnahme < 33 %
Chemische Beständigkeit gute Säurebeständigkeit, schlechte Laugenbeständigkeit
Entflammbarkeit schwer entflammbar
Produkte Textilien; Dämmmaterial

Wolle ist das aus zusammenhängenden Fasern bestehende Fell des Hausschafes sowie im weiteren Sinne das spinn­fähige Unterhaar anderer Säugetiere, unter anderem der Kaschmirziege, des Alpakas und des Angorakaninchens. Letztere werden häufig mit einem tierspezifischen Vorsatz versehen (z. B. Alpakawolle) oder als „Haar“ (z. B. Kamelhaar) bezeichnet.

Wolle ist ein nachwachsender Rohstoff, der seit dem vierten vorchristlichen Jahrtausend weltweit verwendet wird und bis heute trotz Kunstfasern und Baumwolle in der internationalen Wirtschaft große Bedeutung besitzt.

Etymologie

Das Wort für Wolle hat in den meisten Untergruppen der indogermanischen Sprachfamilie Entsprechungen, die auf eine gemeinsame Vorform zurückgehen (rekonstruiert als uridg. *h₂wĺ̥h₁-neh₂-), z. B. in den germanischen Sprachen Englisch, Niederländisch, Schwedisch, Isländisch, aber auch in baltischen Sprachen (litauisch vìlna) oder im Keltischen (walis. gwlân). Auch lateinisch lāna (in den romanischen Sprachen fortgesetzt z. B. als span. lana, frz. laine, port. lã oder rum. lână) gehört hierher (aus älterem *wlānā). Beispiele für Kognaten in älteren Sprachen sind Altnordisch (ull), Hethitisch (hulana) und Altindisch (ūrna). Noch nicht geklärt ist die mögliche Verwandtschaft mit lat. vellus „(Schaf-)Wolle; Schaffell, Vlies; Fell, Haut“ und vellere „rupfen“, das vermutlich in die Zeit zurückweist, als Wolle noch nicht geschoren, sondern ausgerauft wurde.

Die Tatsache, dass wir für die indogermanische Ursprache das Wort für Wolle erschließen können, gibt unter der Voraussetzung einer ausreichenden Datierung für das Auftreten des Wollschafes einen entscheidenden Hinweis für deren Alter, und indirekt auch für die indogermanische Urheimat.

Kulturgeschichte

Wolle im engeren Sinne ist ein besonderer Haartyp bei Hausschafen, der in einem langen Prozess züchterischer Veränderungen aus dem Haarkleid der Wildschafe entstanden ist. Von den vorderasiatischen Entstehungsgebieten breitete sich die Technologie rund um die Verwendung von Schafwolle nach Europa, Asien und in den Osten Afrikas aus, insbesondere der Iran und Ägypten wurden schon bald nach dem ersten Auftreten in Vorderasien von der neuen Technologie erreicht. In Europa hat sich die Wollnutzung des Schafes spätestens im Übergang zur Bronzezeit endgültig durchgesetzt, nachdem zuvor ausschließlich Pflanzenfasern, vor allem die Flachsfaser, zur Textilherstellung verwendet worden waren.

In Altamerika wurde Wolle im zentralen Andengebiet und in den angrenzenden Gebieten ab etwa 5000 v. Chr. verwendet; sie stammte von domestizierten und wilden Kamelartigen, vermutlich Alpakas. Sie ist als echte Weberei ab 2500 v. Chr. in Peru nachgewiesen, erreichte zwischen 2000 und 200 v. Chr. im zentralen Andengebiete in der Weberei ihren Höhepunkt und konnte ab etwa 800 v. Chr. an der südperuanischen Küste auch gefärbt werden (sog. Paracas-Textilien).

In Nordamerika finden sich ebenfalls Wollwebereien. Sie wurden vor allem aus Bergziegenwolle hergestellt, etwa die Decken der zu den Tlingit gehörenden Chilkat an der Nordwestküste in Alaska. Die Navajos des Südwestens verwendeten neben Baumwolle Schafwolle für ihre Webereien, mit der sie Kleider und Decken herstellten.

Nach Zentralasien, insbesondere Usbekistan, die Mongolei bis hin nach China ist die Wollweberei erst sehr spät gelangt. Wolle verwendete man hauptsächlich zur Filzherstellung und für die Herstellung von Teppichen, oder man beschränkte sich auf die Nutzung der Felle als Pelze, etwa beim Karakulschaf.

Im Gegensatz zum Schaf hat das Haarkleid der Ziegen nur wenige züchterische Veränderungen bei der Wollnutzung erfahren. Lediglich die Angoraziege bildet eine Ausnahme: Ihr Vlies ähnelt dem des Wollschafes. Allerdings stellt Kaschmirwolle lediglich Unterwolle dar, die den Ziegen beim Wollwechsel ausgekämmt wird, und das Haarkleid der Kaschmirziege ist gegenüber der Stammform Bezoarziege nur wenig verändert. Über die Anfänge der Gewinnung und Verarbeitung von Ziegenwolle ist indes wenig bekannt.

Eigenschaften von Wolle

Biochemie

Physikalische und technische Eigenschaften der Faser

Gebrauchseigenschaften und Anwendungen

Gewinnung und Verarbeitung

Gewinnung

Der Wollgewinnung dienen Schafe, Kaschmirziegen und Angoraziegen, Angorakaninchen, Kamele und Kleinkamele wie Alpakas, Lamas und Vikunjas, Moschusochsen und Yaks.

Zur Wollgewinnung werden die Tiere geschoren oder ausgekämmt, einige Schafrassen (Soay) werden gezupft. Die unbearbeitete Wolle direkt nach der Schur wird als Schweißwolle bezeichnet.

Weiterverarbeitung

Wollgarn
Naturgefärbte Wollknäuel

Für eine textile Nutzung werden direkt nach oder auch während der Schur minderwertige und verschmutzte Teile aussortiert (Bauch, Bein, Kopf und Hintern). Dazu wird das gesamte Vlies im ersten Verarbeitungsschritt auf einem Sortiertisch ausgebreitet und in Augenschein genommen. Das hochwertige Vlies wird zusammengelegt und für die weitere Verarbeitung gesammelt und verpackt.

Kardiermaschine

Danach wird die Wolle gewaschen, kardiert und/oder gekämmt, eventuell gebleicht und/oder gefärbt und zu Streichgarn oder Kammgarn versponnen. Dabei wird die zu spinnende Wolle per Hand (meist mit einem Spinnrad) oder maschinell zu einem langen dünnen Faden (Garn) gesponnen.

Dieses lässt sich zu Stoffen weben, zum Stricken (Strickwaren) und Wirkwaren verwenden oder es wird von Hand oder maschinell zu Teppichen geknüpft.

Zusätzliche Eigenschaften erhält die Wolle durch das sogenannte Ausrüsten, beispielsweise den Schutz vor Mottenfraß (eulanisieren), Filzfreiheit (Hercosett-Verfahren, EXP-Verfahren), Maschinenwaschbarkeit (Superwash) und anderes.

Aus nicht für Textilien einsetzbare Wolle werden zudem Düngepellets für die Landwirtschaft hergestellt.

Bezeichnungen

Nach Art der Herstellung

Nach Herkunft

Spezielle Gewebe und Textilien aus Wolle

Wirtschaftliche Bedeutung

Wollepreis seit 1984

Weltweit werden in fast 100 Ländern rund 2,2 Millionen Tonnen Wolle jährlich produziert, das meiste davon in Australien, gefolgt von China, Neuseeland, Argentinien, Indien, Großbritannien und Nordirland mit mehr als 50.000 Tonnen pro Jahr (FAO 2009). In Deutschland beträgt die Schafwollproduktion rund 8000 Tonnen. Deutsche Wolle hat auf dem Weltmarkt jedoch einen schweren Stand, gegenüber Neuseeland mit seinen hochweißen, feinen Qualitäten können hiesige Erzeuger preislich und qualitativ nur schlecht konkurrieren. Hinzu kommen komplizierte rechtliche Vorgaben, die Rohwolle als problematisches Nebenprodukt der Schafhaltung einstufen. Ein Großteil der Wolle wird in der Bekleidungsindustrie weiterverarbeitet, gröbere Fraktionen werden für Bettwaren, Polsterungen, Teppiche und Düngepellets verwendet.

Das Wollsiegel ist ein Gütezeichen für Erzeugnisse aus reiner Schurwolle und eine Standardisierung bei der Qualitätskennzeichnung der Textilien.

Siehe auch

Literatur

Commons: Wolle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Verordnung (EU) Nr. 1007/2011 - ANHANG I. In: lexparency.de. 2011, abgerufen am 26. März 2023.
  2. ↑ Wolfgang Bobeth (Hrsg.): Textile Faserstoffe. Beschaffenheit und Eigenschaften. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 1993, ISBN 3-540-55697-4, S. 90.
  3. ↑ Wolfgang Bobeth (Hrsg.): Textile Faserstoffe. Beschaffenheit und Eigenschaften. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1993, ISBN 3-540-55697-4, S. 90.
  4. 1 2 3 Wolfgang Bobeth (Hrsg.): Textile Faserstoffe. Beschaffenheit und Eigenschaften. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1993, ISBN 3-540-55697-4, S. 166.
  5. ↑ Fabia Denninger, Elke Giese: Textil- und Modelexikon. Band 2: L–Z. 8., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-87150-848-9, S. 798.
  6. ↑ Wolfgang Bobeth (Hrsg.): Textile Faserstoffe. Beschaffenheit und Eigenschaften. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 1993, ISBN 3-540-55697-4, S. 279.
  7. ↑ Wolle. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. 14. Juli 2021, abgerufen am 8. Dezember 2025.
  8. ↑ Verordnung (EU) Nr. 1007/2011 - ANHANG I. In: lexparency.de. 2011, abgerufen am 26. März 2023.
  9. ↑ Almut Bick: Die Steinzeit. Theiss WissenKompakt, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-1996-6.
  10. ↑ Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen
  11. ↑ Denkbar ist auch eine etymologische Verwandtschaft zu Wald, das ursprünglich möglicherweise „Büschel“ bedeutet und ebenfalls mit lateinisch vellere verwandt sein könnte. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. De Gruyter, Berlin 2002, ISBN 3-11-017473-1, S. 969 und 996.
  12. ↑ David W. Anthony: The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World. Princeton University Press, Princeton 2007, ISBN 978-0-691-05887-0, S. 59–62 (englisch, google.de).
  13. Norbert Benecke: Der Mensch und seine Haustiere: die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung. Theiss, Stuttgart 1994, ISBN 978-3-8062-1105-4.
    1. ↑ S. 137.
    2. ↑ S. 237f.
  14. ↑ Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage. F. A. Brockhaus, Mannheim 1994, ISBN 3-7653-1200-2, Band 24, S. 336; Wolfgang Haberland: Amerikanische Archäologie. WBG, Darmstadt 1991, ISBN 3-534-07839-X, S. 180, 214.
  15. ↑ Hans Läng: Kulturgeschichte der Indianer Nordamerikas. Gondrom Verlag, Bindlach 1993, ISBN 3-8112-1056-4, S. 304, 378.
  16. ↑ Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. Auflage. F. A. Brockhaus, Mannheim 1994, ISBN 3-7653-1200-2, Band 11, S. 607.
  17. ↑ The New Encyclopædia Britannica. 15. Auflage. Encyclopædia Britannica, Chicago 1993, ISBN 0-85229-571-5, Band 12, S. 746 f.
  18. ↑ Eberle u. a.: Fachwissen Bekleidung. 9. Auflage. Europa, Haan 2007, ISBN 978-3-8085-6209-3, S. 18 f.
  19. ↑ Welt der Physik: Wie hält Wolle uns warm? 17. Februar 2025, abgerufen am 12. März 2025.
  20. ↑ Betriebsmittelliste
  21. ↑ Schafwolle * WendenGarn. In: WendenGarn. Abgerufen am 6. Januar 2025.
  22. ↑ han-online.de (Memento vom 29. März 2013 im Internet Archive)
  23. ↑ Deutschlands größter Verarbeiter stellt Wollkämmerei ein. Rückschlag für Verarbeitung – Einblick in den Markt für Schafschurwolle. nova-Institut für politische und ökologische Innovation GmbH, 14. August 2009, abgerufen am 31. Oktober 2010.
  24. ↑ "Rohwolle ist laut Verordnung gefährlich". Podcast der Uni Kassel. Abgerufen am 28. Mai 2025.