Xie Daoyun

Xie Daoyun (Zeichnung von 1772)

Xie Daoyun (* vor 340; † nach 399) (vereinfachtes Chinesisch: 谢道韫; traditionelles Chinesisch: 謝道韞; Pinyin: Xiè Dàoyùn), Höflichkeitsname Lingjiang (chinesisch: 令姜; Pinyin: Lìngjiāng) war eine chinesische Dichterin und Schriftstellerin der Östlichen Jin-Dynastie (266–420 n. Chr.).

Sie stammte aus dem Kreis Yangxia im Bezirk Chen (heute Kreis Taikang in der Provinz Henan). Obwohl sie ursprünglich eine mehrbändige Gedichtsammlung schuf, sind die meisten ihrer Werke im Laufe der Zeit verloren gegangen; nur wenige Stücke sind erhalten geblieben, darunter Der Aufstieg auf den Berg (Chinesisch: 登山; Pinyin: Dēngshān) und In Anlehnung an Xi Kangs Ode an die Kiefer (拟拟嵇中散咏松诗).

Sie gehörte dem Xie-Clan an. Xie Daoyun war die Nichte des Premierministers Xie An, die Tochter des Generals Xie Yi, die ältere Schwester des Generals Xie Xuan und die Ehefrau des Kalligraphen Wang Ningzhi, dem Sohn Wang Xizhis. Am bekanntesten ist sie für eine Anekdote über ihr literarisches Talent, das gemeinhin als Talent, über Schnee zu dichten (咏絮之才) bezeichnet wird.

Xie Daoyun verkörpert die daoistische Praxis des Qingtan aus der Wei-Jin-Zeit, die wichtigste Form des philosophischen Diskurses dieser Epoche.

Das Buch Jin Shu hat eine Biographie von ihr. Dieses Buch besagt, dass ihre Arbeit bei ihren Zeitgenossen beliebt war. Sie wurde während ihrer Zeit und in späteren Dynastien als Symbol für weibliches Talent angesehen. Die Drei-Zeichen-Klassiker erzählt die Geschichte von ihr und ein musikalisches Stück aus der Ming-Dynastie handelt von Xie Daoyun und ihrem Onkel Xie An.

Leben

Xie Daoyun wurde während der Östlichen Jin-Dynastie in den angesehenen Xie-Clan der Chen-Kommandantur hineingeboren. Ihr Vater war Xie Yi und ihre Mutter Ruan Rong; beide stammten aus aristokratischen Häusern, da Ruan Rong aus dem ebenso angesehenen Ruan-Clan von Chenliu stammte. Umgeben von Gelehrten und Staatsmännern tauchte Xie Daoyun schon von klein auf in die Welt der Literatur und Philosophie ein.

Folgende Anekdote ist im Buch Jin Shu überliefert, die ihren Intellekt und ihre rhetorische Begabung bereits in jungen Jahren herausstellen: Eines Tages wollte ihr Onkel, Xie An, die jungen Familienmitglieder auf die Probe stellen. „Welcher Vers aus dem Buch der Lieder ist der schönste?“, fragte er. Während die anderen zögerten, antwortete Xie Daoyun selbstbewusst: „Yin Jifu verfasst eine Ode, rein wie eine sanfte Brise. Zhong Shanfu bewahrt diese Worte in seinem Herzen und findet darin Trost.“ (吉甫作颂,穆如清风。仲山甫永怀,以慰其心) Beeindruckt fuhr Xie An fort und deutete auf die verschneite Landschaft draußen. „Beschreibt, was ihr seht“, forderte er sie auf. Ihr Cousin, Xie Lang, antwortete als Erster: „Wie Salz, das in die Luft gestreut wurde.“ (撒盐空中差可拟) Nach einem Moment des Nachdenkens erwiderte Xie Daoyun leise: „Nicht so treffend wie Weidenkätzchen, die im Wind aufsteigen.“ (未若柳絮因风起) Xie Daoyuns Talent wurde auch von Zeitgenossen geschätzt: „Cai Wenji konnte die Zither unterscheiden; Xie Daoyun konnte Worte zu Versen verweben.“

Trotz ihres Gespürs für Sprache hatte Xie Daoyun wie damals üblich keine Entscheidungsgewalt über ihren zukünftigen Ehepartner. Sie wurde in die mächtige Familie Wang eingeheiratet und wurde die Ehefrau von Wang Ningzhi, dem Sohn von Wang Xizhi – einem Mann, der vor allem für seine Kalligraphie bekannt war. Wang Ningzhi war trotz seiner Zugehörigkeit zum Adel nicht an Staatsführung interessiert, was Xie Daoyun als Trägheit kritisierte. Eines Abends geriet Wang Ningzhis jüngerer Bruder, Wang Xianzhi, in eine hitzige Debatte mit einem Gastwissenschaftler. Seine Argumente gerieten ins Stocken, seine Argumentation brach unter dem Gewicht der Logik seines Gegners zusammen. Xie Daoyun, die aus den inneren Gemächern zuhörte, wurde unruhig. An die konfuzianischen Sitten gebunden, durfte sie sich vor männlichen Gästen nicht zeigen, was ihr sichtlich schwerfiel. Sie fand eine Lösung. Vor dem Eingang zum Saal wurde ein weißer Vorhang aufgehängt. Dahinter verborgen stärkte sie die ins Wanken geratene Position ihres Schwagers. Die Gäste waren verblüfft und hatten bald Mühe, ihren Argumenten etwas entgegenzusetzen. Einer nach dem anderen gab sich geschlagen. Obwohl niemand sie sah, hatte sie die Debatte gewonnen.

Während Xie Daoyun mit ihrem Mann ein ruhiges und häusliches Leben pflegte, stand das Reich am Rande des Zusammenbruchs. Die großen Adelsfamilien standen einem allgemeinen Niedergang ihres gewohnten Komforts gegenüber, da Naturkatastrophen wüteten, Hungersnöte sich ausbreiteten, und als Resultat im ganzen Land Aufstände entbrannten. Als der Aufständische Anführer Sun En seine Truppen anführte, um Kuaiji zu belagern, wo Wang Ningzhi als Gouverneur amtierte, brach in der Stadt Panik aus. Doch Wang Ningzhi griff nicht auf Befestigungsanlagen oder strategische Maßnahmen zurück, sondern auf Rituale. Er verbrannte Weihrauch, murmelte Beschwörungsformeln und betete um himmlische Hilfe. Da ihr Ehemann machtlos war, versammelte Xie Daoyun die Hauswache, bildete sie für den Kampf aus und bereitete sich auf die unvermeidliche Belagerung vor. Als Sun Ens Truppen in die Stadt eindrangen, wurde die Familie Wang niedergemetzelt. Doch Xie Daoyun, die selbst ein Schwert führte, blieb standhaft. Sie tötete mehrere Feinde, bevor sie schließlich gefangen genommen wurde.

Sie versuchte einen kleinen Jungen in dem Chaos zu beschützen und mit Sun En, einem Mann, der für seine rücksichtslosen Feldzüge bekannt war, zu verhandeln. Er beschloss, sie am Leben zu lassen.

Obwohl die großen Landgüter untergegangen waren und die bekannte Ordnung zusammengebrochen war, beschloss Xie Daoyun nach dem Krieg in Kuaiji zu bleiben, obwohl sie ihre Angehörigen verloren hatte.

Belegt ist diese Tatsache durch einen Besuch des neuen Gouverneurs der Stadt, Liu Liu, der schon lange ihren Ruf bewundert hat und die Frau dahinter kennenlernen wollte.

Die Geschichtsbücher geben über das weitere Schicksal von Xie Daoyun keinen Aufschluss. Die Gedichte, die sie einst verfasste sind größtenteils im Laufe der Zeit verloren gegangen.

Gedichte

Xie Daoyun zeichnete sich durch ihre Gedichte und Prosa aus. Laut der Sammlung der Werke von Frauen (妇人集) verfügte sie über ein bemerkenswertes literarisches Talent, und ihre Gedichte, Rhapsodien, Elegien und Abhandlungen fanden zu ihrer Zeit weite Verbreitung. Die Bibliographische Abhandlung zum Buch der Sui berichtet, dass sie eine zweibändige Gedichtsammlung verfasste, die jedoch inzwischen verloren gegangen ist. Heute sind nur noch zwei ihrer Werke erhalten: Der Aufstieg auf den Berg (登山) und In Anlehnung an Xi Kangs Ode an die Kiefer (拟拟嵇中散咏松诗).

Aufgrund der wenigen erhaltenen Werke ist es schwierig, ihren literarischen Stil umfassend zu beurteilen. Doch anhand der Überreste ihrer Gedichte und ihres Lebensweges können spätere Generationen dennoch einen Einblick in ihr Wirken erhalten.

拟嵇中散咏松

遥望山上松,隆冬不能凋。

愿想游不憩,瞻彼万仞条。

腾跃未能升,顿足俟王乔。

时哉不我与,大运所飘遥。

In Anlehnung an Ji Kangs „Ode an die Kiefer“

Ich blicke auf die Kiefer am Berg,

die auch in der Kälte des Winters noch grün ist.

Ich möchte unter ihrem Schatten umherwandern

und die hoch in den Himmel ragenden Äste betrachten.

Doch so sehr ich mich auch bemühe, ich kann nicht fliegen;

ich wünschte, eine Gottheit könnte mich emporheben.

Es liegt nicht in meiner Macht, die Zeit zu lenken,

denn das Schicksal treibt mit unbeständiger Strömung dahin.

Dieses Gedicht unterscheidet sich vom allgemein zarten und raffinierten Stil der damaligen weiblichen Lyrik und zeichnet sich stattdessen durch einen kühnen und kraftvollen Charakter aus, der an den Stil männlicher Dichter erinnert. Es spiegelt nicht nur Xie Daoyuns Widerstandskraft und ihre Begabung für Worte wider, sondern vermittelt auch ihre Klage über die Unvorhersehbarkeit des Schicksals, das durch die Zwänge ihrer Zeit und die fehlende Selbstbestimmung in ihrem eigenen Leben geprägt war.

In einer Musikkomposition aus der Ming-Dynastie wurden die fiktiven Zusammenkünfte von Xie Daoyun und Xie An verarbeitet.

Einzelnachweise

  1. ↑ Lily Xiao Hong Lee, A. D. Stefanowska: Biographical dictionary of Chinese women: antiquity through Sui, 1600 B.C.E.-618 C.E. M. E. Sharpe, 2007, S. 360.
    1. ↑ hier: S. 361
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Xuanling Fang: 晋书·列女传 [Buch über Xin] (auf Chinesisch). Zhonghua Book Company, 1996, ISBN 7-101-00308-7.
  3. ↑ Karen Kingsbury: Review on: The Virtue of Yin: Studies on Chinese Women Lily Xiao Hong Lee. In: Chinese Literature: Essays, Articles, Reviews. Band 18, 1996, S. 209–210, JSTOR:495637.
  4. 1 2 3 4 5 6 7 8 Yiqing Liu: 世说新语·贤媛 [Eine neue Darstellung der Geschichten der Welt] (in Chinesisch). Zhonghua Book Company, 2022, ISBN 978-7-101-07940-1.
  5. 1 2 3 4 Liu Dongying: 中国古代才女诗词 [Gedichte talentierter Frauen im antiken China] (in Chinesisch). Zhonghua Book Company., 2014, ISBN 978-7-101-09974-4.
  6. ↑ Fuzhi Wang: 古诗评选 [Auswahl antiker Gedichte] (in Chinesisch). Shanghai Ancient Books Publishing House, 2011, ISBN 978-7-5325-5991-6.
  7. ↑ Lily Xiao Hong Lee Zheng, A. D. Stefanowska: Biographical dictionary. S. 363.
Personendaten
NAME Xie, Daoyun
KURZBESCHREIBUNG chinesische Dichterin und Schriftstellerin der östlichen Jin-Dynastie
GEBURTSDATUM vor 340
STERBEDATUM nach 399