Yan Taru

Yan Taru ist eine Frauen-Bildungs-Bewegung, die 1838 von Nana Asma’u dan Fodio ins Leben gerufen wurde. Nana Asma’u gründete Yan Taru mit dem Ziel, Frauen im damaligen Kalifat von Sokoto zu stärken und zu bilden. Die Bewegung überdauerte den Tod ihrer Gründerin, das Ende des Kalifats und auch die Kolonialzeit Nigerias und besteht bis heute.

Mit der Gründung des Kalifats im Jahr 1808 machte Scheich Usman dan Fodio die Bildung der Frauen seines neuen Staates zu einer Priorität. Er stammte aus einer Fulbe-Familie und wurde, wie schon seine Mutter und Großmutter, von gebildeten Frauen erzogen. In Fulbe-Familien war die Vermittlung islamischer Studien an die Kinder Aufgabe der Frauen. Der Scheich ermutigte Frauen, Vorträge von Predigern und Gelehrten zu besuchen. Doch erst über zwei Jahrzehnte nach seinem Tod begann seine Tochter Nana Asma’u ihre eigene Bewegung zur Bildung von Frauen.

Geschichte

Der Begriff ƴan-taru bedeutet in der Hausa-Sprache, der lingua franca des Kalifats von Sokoto, „die Gemeinschaft“ oder „diejenigen, die zusammengekommen sind“. Um 1838 begannen Nana Asma’u und ihr Ehemann Gidado, der Großwesir von Sokoto, in ihrem Anwesen in Sokoto Kurse zu islamischem Wissen und Geschichte abzuhalten. Beide verfassten zahlreiche Bücher über Scheich Uthman und Muhammad Bello. Nana Asma’u übersetzte viele klassische und moderne Werke, ursprünglich aus dem Arabischen, ins Fulfulde und Hausa, um sie einem nicht-arabischsprachigen Publikum zugänglicher zu machen. Ihr Ziel war es, islamisches Wissen auf einfache Weise zu vermitteln, damit es sowohl für die Lehrer als auch für die Schüler leicht zu merken war. Sie vereinfachte Themen wie ʿAqīda, Fiqh und tazkiyyathul nafs (“Heiligung”, تزكية‎). Asma’u lehrte, dass die Askese und die Lehrfähigkeiten klassischer Sufi-Frauen sowie die Charaktereigenschaften und Lehren ihres Bruders Bello, des Kalifen, und ihres Vaters Scheich Uthman als Vorbilder zu befolgen seien.

Exzerpt aus: Collected works of Nana Asma’u, daughter of Usman ‘dan Fodiyo (1793–1864).

Ihre Kurse wuchsen, da Frauen aus benachbarten Dörfern regelmäßig nach Sokoto reisten, um daran teilzunehmen. Die Bewegung war auch für ihre Kindererziehung bekannt. Nana Asma’u ernannte Jajis, gebildete Frauen, die mit der Unterweisung von Frauen beauftragt waren. Jede von ihnen erhielt eine „Malfa“, einen Hut, der als traditionelles Amtssymbol diente und mit einem roten Turban getragen wurde. Die Malfa-Hüte wurden aus feinem, seidigem Gras gefertigt und hatten eine charakteristische Ballonform, da sie über Turbanen getragen wurden. Sie wurden üblicherweise von Männern getragen. Der Waziri von Sokoto trug bei formellen Anlässen ebenfalls stets eine Malfa. Die Malfa ist auch eines der Amtszeichen der „Lima“ von Gobir, der Anführerin der Anhängerinnen des Mbori. Nana Asma’u nutzte die Malfa bewusst, um ihre Einzigartigkeit zu mindern und sie von einem Symbol der heidnischen Religion Bori zu einem Emblem des Islam zu machen. Jede neue Jaji erhielt von ihr einen roten Turban oder ein rotes Stoffband. Der Turban war ein weiterer Beweis für die Autorität des Trägers, die Nana Asma’u jedem ernannten Jaji verlieh.

Asma’u bildete die Jajis persönlich aus und stellte ihnen Unterrichtspläne zur Verfügung, um die islamische Lehre unter der Bevölkerung zu verbreiten. Sie reisten durch das gesamte Kalifat, um die Menschen in frommem Verhalten und grundlegenden islamischen Fertigkeiten für den Alltag zu unterweisen und so „die alltäglichen Details ihres Lebens islamisch zu gestalten“ (“reshape the common details of their life into Islamic form”). Aufgrund des damals andauernden Dschihads gab es viele Neubekehrte zum Islam, und die Yan-Taru-Bewegung trug durch die Jajis dazu bei, ihnen grundlegende islamische Werte wie das Gebet und die Sunna zu vermitteln. Vor ihrem Tod konnten die meisten Frauen in Sokoto die Grundlagen des Islam erlernen und verstehen.

Nach dem Tod von Nana Asma’u im Jahr 1864 führte ihre Schwester Maryam bint Uthman, ebenfalls eine angesehene Gelehrte, die Bewegung fort. Diese Bewegung existiert bis heute im 21. Jahrhundert. Sie spielte eine wichtige Rolle bei Wahlen in Nordnigeria, wo die Zahl der Wählerinnen die der Wähler teilweise überstieg. Am Ende des Kalifats von Sokoto und zu Beginn der britischen Kolonialzeit in Nordnigeria war Tamodi, eine Enkelin von Scheich Uthman dan Fodio, die Anführerin der Yan-Taru-Bewegung. Frauen suchten sie weiterhin in Sokoto auf, insbesondere um islamische Bildung zu erhalten.

Vermächtnis

Viele moderne Organisationen in Nordnigeria, die sich vorrangig der Bildung von Frauen widmen, wie Jam’iyar Matan Arewa, Women in Nigeria (WIN) und die Federation of Muslim Women Association of Nigeria (FOMWAN), nannten die Yan-Taru-Bewegung als ihre Inspiration. Diese Organisationen engagieren sich seit Langem für qualitativ hochwertige Schulen und Bildung für Frauen und Kinder in Nigeria, insbesondere im Norden.

Fast zwei Jahrhunderte nach ihrer Gründung ist die Bewegung global geworden. Yan Taru hat Ableger in vielen US-Bundesstaaten wie Pennsylvania, Texas, Alabama, Georgia, Kalifornien und Florida, an denen Hunderte von Frauen als Studentinnen teilnehmen. Sie fördern Bildungsprogramme und soziale Projekte für Frauen weltweit. Es gibt weitere Jajis (Vorsitzende) weltweit, wie beispielsweise Dylia bint Hamadi Camara aus Mali, die zur nationalen Jaji der US-amerikanischen Yan-Taru-Gruppe ernannt wurde.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Jean Boyd, Murray Last: The Role of Women as “Agents Religieux” in Sokoto. In: Canadian Journal of African Studies. vol. 19, is. 2, 1985: S. 283–300. doi=10.2307/484826 jstor=484826 ISSN 0008-3968
  2. 1 2 Codingest: Nana Asmau and Yan Taru movement: An excellent example of women empowerment from West Africa. In: Islamonweb English. 17. Oktober 2022, abgerufen am 8. Mai 2023 (englisch).
  3. ↑ Nana Asma’u: Excerpt from: Collected works of Nana Asma’u, daughter of Usman ‘dan Fodiyo (1793–1864). Boston University Open Libraries 1997. open.bu.edu
  4. ↑ Nikki Merritt: Nana Asma’u, Her Elegies and the Possibility of ’Insider Alternatives’. In: African Languages and Cultures. vol. 7, is. 2. S. 91–99. doi=10.1080/09544169408717779 jstor=1771806 ISSN 0954-416X
  5. 1 2 Wardah Abbas: Honouring the Yan – Taru Legacy of Nana Asma’u Bint Uthman Dan Fodio. In: Amaliah. Abgerufen am 7. Mai 2023 (englisch).
  6. ↑ Webmaster: Nana Asma’u and the ’yan taru movement. In: Daily Trust. 3. Juni 2017, abgerufen am 8. Mai 2023 (englisch).
  7. ↑ Jean Boyd, Beverly B. Mack: One Woman’s Jihad: Nana Asma’u, Scholar and Scribe. Indiana University Press 2000: S. 76–91. archivlink
  8. ↑ Shirin Edwin: Privately Empowered: Expressing Feminism in Islam in Northern Nigerian Fiction. Northwestern University Press 2016: S. 67. library.oapen.org
  9. 1 2 Aisha Balarabe Bawa Historical Narratives of Women’s Contributions to Education in Northern Nigeria. In: International Journal of Language, Literature and Gender Studies. vol. 8, is. 17, März 2019: S. 1. researchgate.net doi=10.4314/laligens.v8i1.1 s2cid=167103498
  10. ↑ Patricia Lorcin: The Southern Shores of the Mediterranean and its Networks: Knowledge, Trade, Culture and People. Routledge 2. Oktober 2017. google books ISBN 978-1-317-39425-9