Yehuda Liebes

Yehuda Liebes (2012)

Yehuda Liebes (hebräisch יהודה ליבס; geboren 1947 in Jerusalem) ist ein israelischer Religionswissenschaftler, Judaist und emeritierter Gershom-Scholem-Professor für Kabbala an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er zählt zu den führenden Forschern auf dem Gebiet der Kabbala und hat insbesondere zur Erforschung des Sohar, der lurianischen Kabbala, des Sabbatianismus sowie des chassidischen Judentums beigetragen.

Seine Arbeiten befassen sich zudem mit jüdischen Mythen und den Wechselwirkungen zwischen Judentum, altgriechischer Religion, Christentum und Islam. Liebes gilt als ein zentraler Vertreter einer „neuen Welle“ der Kabbala-Forschung. Darüber hinaus übersetzte er religiöse Dichtung aus dem Griechischen, Lateinischen und Arabischen ins Hebräische.

Leben und Wirken

Liebes ist der Sohn von Mira Liebes, geborene Leibowitz (1913–2003) eine Keramikerin und zweite Ehefrau von Joseph Gerhard Liebes (1910–1988), einem bekannten hebräischen Übersetzer klassischer Literatur. Er wuchs in Hamburg auf, besuchte dort ein Gymnasium mit Schwerpunkt Latein und Altgriechisch und engagierte sich in der zionistischen Jugendbewegung Blau-Weiß. Später verließ sein Vater mit achtzehn Jahren seine Heimat Deutschland, um 1928 an der Hebräischen Universität Jerusalem zu studieren. Nach einem Jahr kehrte er in seine Heimat zurück, um sein Studium an der Freien Universität Berlin und der Universität Heidelberg fortzusetzen, wurde jedoch 1933, inmitten seiner Dissertation, aufgrund der Nürnberger Gesetze, der Universität verwiesen. Anschließend absolvierte er eine landwirtschaftliche Ausbildung in Lettland im Rahmen einer zionistischen Bewegung. Dort heiratete er seine erste Frau, mit der er sich in Pardes Hanna im damaligen Mandatsgebiet Palästina niederließ. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor, bevor sie sich scheiden ließen. Dann im Jahre 1940 heiratete Joseph Gerhard Liebes seine zweite Frau Mira, eine gebürtige Rigaerin, die in Berlin aufgewachsen war. Aus dieser Beziehung gingen zwei Kinder hervor, eine Tochter, Tamar Liebes (1943–2015), sie war Leiterin des Fachbereichs Kommunikationswissenschaften an der Hebräischen Universität und der Sohn Yehuda. Mütterlicherseits war Liebes ein Cousin des israelischen Intellektuellen Yeshayahu Leibowitz.

Liebes absolvierte die Sekundarschule der Hebräischen Universität. 1965 trat er seinen Wehrdienst bei der Fallschirmjägerbrigade im IDF an und diente 1967 als Unteroffizier im Sechstagekrieg. Während seines Reservedienstes wurde er 1969 bei einem palästinensischen Angriff auf seinen Posten im Jordantal verletzt, verlor mehrere Zähne und musste mehrere Monate im Krankenhaus verbringen.

1967 begann Liebes sein Studium an der Hebräischen Universität Jerusalem. Nach seinem Bachelor- und Masterabschluss setzte er seine Doktorarbeit unter Scholem fort. Liebes kannte Gershom Scholem, schon früh, da seine Eltern mit Scholem befreundet waren. Scholem nahm an Yehudas Bar Mitzwa teil und schenkte ihm ein Exemplar von Isaiah Tishby Mischnat ha-Zohar (deutsch „Die Weisheit des Sohar“).

Scholem gewährte Liebes Zugang zu seinen handgeschriebenen Karteikarten, die er für ein Lexikon der Sohar-Terminologie vorbereitet hatte, das er jedoch nie verfasste.

Gershom Scholems Karteikasten, in dem er seine Notizen hinterlegte

Liebes reichte seine Dissertation über hebräisch פרקים במילון ספר הזהר Peraḳim be-milon sefer ha-Zohar, deutsch ‚Kapitel im Wörterbuch des Buches Zohar‘ (1976) ein. Liebes begann 1971 am Institut für Jüdisches Denken der Hebräischen Universität zu lehren. 1993 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt. Zu seinen Lehrgebieten gehören Kabbala, jüdische Mythologie und dem Sohar; über dieses kabbalistisches Werk lehrte er im Frühjahr 1993 auch an der Universität von Chicago.

Liebes und seine Frau, Esther Liebes, haben drei Kinder. 1977, nach seiner Promotion, schlossen sie sich dem Kern der neuen israelischen Siedlung Schilo in Samaria (Westjordanland) an und lebten in einem Wohnwagen in der Nähe von Ofra in Samaria, verließen die Siedlung aber nach neun Monaten. Das Paar lebt heute im Jerusalemer Stadtteil Kiryat Moshe. Esther, eine Expertin für Chassidismus, war zuvor Direktorin der Gershom-Scholem-Sammlung für Kabbala und Chassidismus an der Nationalbibliothek Israels. Sie hat einige Werke von Gershom Scholem herausgegeben.

Liebes Mythosbegriff

Für Liebes ist der Mythos ein zentrales Element jeder Religion und ein Schlüsselbegriff in seinen Studien. Er gibt jedoch an, dem Mythos nur schwer eine präzise Definition geben zu können. Nach Liebes ist der „Mythos ist nicht Logos. Wenn man den Mythos definiert, entwertet man ihn im Grunde. Der Mythos ist eine Art Erzählung, eine Weltanschauung über die Geschehnisse in den höheren Sphären, im Göttlichen selbst. Es gibt keine Religion ohne Mythos. Manche glauben, der Mythos sei die Verwirklichung des Göttlichen, aber ich denke, dass Abstraktion, Begrifflichkeit, Gott erst verwirklicht und vermenschlicht. Wenn man eine abstrakte Formel auf die Welt und das Göttliche anwendet, die letztlich eine menschliche Formel ist, bestimmt man im Grunde, was Göttlichkeit ist. Der Mythos ist anders – er duldet Widersprüche. Der Mythos ist wandelbar, er bewegt sich stets zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten.“ Liebes hebt hervor, dass der Mythos im Unterschied zum rationalen Denken widersprüchlich und flexibel ist und sowohl konkrete als auch abstrakte Elemente verbinden kann.

Auszeichnungen

Liebes erhielt 1997 den Bialik-Preis, 1999 den Gershom-Scholem-Preis für Kabbala-Forschung, englisch Gershom Scholem Prize for Kabbalah Research, 2006 den EMET-Preis für Kunst, Wissenschaft und Kultur sowie 2017 den Israel-Preis für jüdisches Denken.

Yehunda Liebes im Jahre 2006

Werke (Auswahl)

Literatur

Commons: Yehuda Liebes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Yehuda Liebes. Fellow The Hebrew University of Jerusalem, Israel Institute for Advanced Studies (IIAS), auf iias.huji.ac.il
  2. ↑ Genealogie der Familie
  3. ↑ Mira Liebs. The Israel Museum, auf museum.imj.org
  4. ↑ Porträit von Tamar Liebes (1943–2015), auf media.geni.com
  5. ↑ siehe hierzu Sekundärer Bildungsbereich
  6. ↑ Dov Smith: Israel Prize to be Awarded to Hebrew University Professor Yehuda Liebes. February 10, 2017, auf jwire.co.au
  7. ↑ Ariel Horowitz: "לאהוב מבלי להיבלע" [To Love Without Being Swallowed Up] Makor Rishon, 17. Februar 2017 in hebräisch, auf musaf-shabbat.com
  8. ↑ Ariel Horowitz: "לאהוב מבלי להיבלע" [To Love Without Being Swallowed Up] Makor Rishon, 17. Februar 2017 in hebräisch, auf musaf-shabbat.com
  9. ↑ „EMET Prize for Art, Science and Culture“, (hebräisch אמת ‚Wahrheit‘) ist ein bedeutender israelischer Wissenschafts- und Kulturpreis.
  10. ↑ Israel Prize for Kaballah to Professor Yehuda Liebes. Feb 5, 2017, auf israelnationalnews.com
  11. ↑ Prof. Yehuda Liebes, EMET Prize September 18, 2007, auf isracast.com