Zeitbudgetforschung

Die Zeitbudgetforschung ist eine Methode im Rahmen der Zeitsoziologie, mit der erfasst werden soll, wie viel Zeit Personen für eine bestimmte Tätigkeit innerhalb eines Zeitraums verwenden. So können etwa von verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufgewendete Zeiten für Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Hauswirtschaft, Freizeit und Erholung, Wege wie Pendeln und vieles mehr geschätzt werden. Mit der Methode kann auch der Tagesablauf von Befragten rekonstruiert werden.

Entstehung und Vorgehensweise

Die Erfassung und Analyse des Zeitbudgets der Bevölkerung gehören seit langem zu den Methoden sozialwissenschaftlicher Studien. Sie ersetzen Selbstauskünfte, die durch Fragebögen erfasst werden, jedoch mit Problemen der Selbstwahrnehmung, Erinnerung, sozialen Erwünschtheit und Selbstbewertung belastet sind. Durch Tagebücher oder elektronische Verfahren, beispielsweise Experience Sampling, können die Tätigkeiten, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeführt werden, relativ zeitnah und unaufwändig erfasst werden. Dies gilt allerdings nicht für alle Menschen und in allen Situationen.

Hoher finanzieller, zeitlicher und personeller Aufwand verhinderten die methodisch angezeigte Verbreitung dieser Erhebungsmethode. Ein aktuelles Feld, in dem ihre Anwendung zunehmend drängend wird, ist die Erfassung der tatsächlichen zeitlichen Nutzung digitaler Medien (Entwicklung von Abhängigkeiten bis hin zu nicht stoffgebundener, ambulant bzw. stationär behandlungsbedürftiger Sucht).

Ein wichtiger Wegbereiter der Zeitbudgetforschung war die Marienthalstudie.

Beispiel

In Deutschland wird seit 1992/93 die Zeitverwendungserhebung vom Statistischen Bundesamt in Zusammenarbeit mit den Statistischen Landesämtern durchgeführt. Die repräsentative amtliche Befragung von Haushalten findet rund alle zehn Jahre statt und zeigt, wie Personen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Haushaltskonstellationen ihre Zeit auf verschiedene Lebensbereiche und Aktivitäten verteilen. Dazu führen alle teilnehmenden Personen ab zehn Jahren drei Tage lang ein Tagebuch, in dem sie ihren Tagesablauf festhalten. Damit macht die ZVE vor allem den Umfang unbezahlter Arbeit (z. B. Haushaltsführung, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Ehrenamt) sichtbar. Das Datenmaterial bietet sich unter anderem als Grundlage für frauen- und familienpolitische Diskussionen und wissenschaftliche Untersuchungen an.

Zeitbudgetforschung kann auch für spezifische Gruppen durchgeführt werden, etwa für Studierende, wie es in der ZEITLast-Studie der Fall war, die den tatsächlichen Aufwand, den Studierende für ihr Studium trieben, erstmals mit Mitteln eines Budgets erfasste.

Einzelnachweise

  1. ↑ Seoyong Kim: Time Budget(s). In: Encyclopedia of Quality of Life and Well-Being Research. Springer Netherlands, Dordrecht 2014, ISBN 978-94-007-0752-8, S. 6645–6647, doi:10.1007/978-94-007-0753-5_3015 (springer.com [abgerufen am 29. September 2026]).
  2. ↑ Statistisches Bundesamt (Destatis): Was ist eine Zeitverwendungserhebung (ZVE)? Abgerufen am 23. August 2021.
  3. ↑ ZVE 2022. Statistisches Bundesamt, abgerufen am 16. März 2023.
  4. ↑ Christiane Metzger, Rolf Schulmeister: Zum Lernverhalten im Bachelorstudium. Zeitbudget-Analysen studentischer Workload im ZEITLast-Projekt. In: Studentischer Workload: Definition, Messung und Einflüsse. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-658-28931-7, S. 233–251, doi:10.1007/978-3-658-28931-7_9.