Tremor

Klassifikation nach ICD-11
8A04 Störungen in Zusammenhang mit Tremor
8A04.0 Verstärkter physiologischer Tremor
8A04.1 Essentieller Tremor oder verwandte Tremores
8A04.2 Ruhetremor
8A04.3 Sekundärer Tremor
8A04.30 Tremor durch metabolische Störungen
8A04.31 Tremor durch chronischen oder akuten Substanzgebrauch
8A04.32 Tremor durch Arzneimittel- oder Drogenentzug
8A04.33 Tremor durch bestimmte näher bezeichnete Erkrankungen des Nervensystems
8A04.4 Funktioneller Tremor
8A04.Y Sonstige näher bezeichnete Störungen in Zusammenhang mit Tremor
8A04.Z Störungen in Zusammenhang mit Tremor, nicht näher bezeichnet
ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion)

Als Tremor (griechische Sprache tremor „das Zittern“) oder (umgangssprachlich) Zittern – genauer (das) Muskelzittern – wird das unwillkürliche, sich rhythmisch wiederholende Zusammenziehen einander entgegenwirkender Muskelgruppen bezeichnet. Der sogenannte physiologische Tremor von Gesunden ist messbar, allerdings kaum sichtbar. Deutlich sichtbarer Tremor kann als ein Symptom verschiedener Erkrankungen auftreten.

Tremore unterscheiden sich nach betroffener Körperpartie, Frequenz, Stärke, Ursache und Vorkommen. In einigen Fällen kann der Tremor auch isoliert auftreten (essentieller Tremor), ohne als Symptom einer Krankheit zu gelten.

Physiologischer Tremor

Der physiologische Tremor ist beteiligt an jeder Muskelbewegung eines gesunden Menschen, in seiner Natur hochfrequent und mit niedriger Amplitude, was ihn bei kurzen und unanspruchsvollen Bewegungen unspürbar und für das Auge unsichtbar macht. Dieser kann jedoch sichtbar gemacht werden, indem man bspw. den Zeigefinger vorstreckt und auf dessen Spitze achtet. Deutlich zum Vorschein kommt der physiologische Tremor bei Kälte oder unter Belastung, da dessen Amplitude dann zunimmt.

Die Bewegungen des Zitterns erzeugen bei endothermen Tieren einschließlich des Menschen überlebensnotwendige Wärme. Sinkt z. B. die Körpertemperatur des Menschen auf weniger als 33 °C, besteht die Gefahr einer Hypothermie. Im Allgemeinen beginnt bei 35 °C Körpertemperatur das unwillkürliche Zittern zur Erhöhung der Körperwärme (Kältezittern); dieses Zittern ist zwangsläufig mit steigendem Energieverbrauch im Organismus verbunden.

Über die genauen Mechanismen und Ursachen des physiologischen Tremors wird in den Neurowissenschaften noch debattiert.

Relevant ist der physiologische Tremor beim Sportschießen; so wurde Alkohol als Zielwasser bezeichnet und eingenommen, um die Treffsicherheit zu erhöhen. Ob Alkohol tatsächlich die Treffsicherheit bemerkbar steigert, wird heute in Zweifel gezogen und war schon Anfang des 20. Jahrhunderts umstritten. Alkohol wird im Bogensport als unzulässige Dopingsubstanz aufgelistet.

Diagnose bei pathologischem Tremor

Tremoranalyse bei Morbus Parkinson: Antagonistentremor, Frequenz 6 Hz (Oberflächen-EMG)

Bei Auftreten eines Tremors ist üblicherweise eine aufwendige Differentialdiagnostik notwendig, um eine zugrundeliegende Erkrankung entweder zu finden oder auszuschließen. Zunächst können in einer direkten Untersuchung Erscheinungsform, Lokalisierung und Stärke des Tremors erfasst werden. Zugleich muss der behandelnde Arzt den Patienten nach weiteren neurologischen Auffälligkeiten untersuchen und die Krankengeschichte erkunden.

Danach kann der Tremor mittels einer EMG-Ableitung gerätemedizinisch genauer erfasst werden; da hiermit die Muskeltätigkeit der betroffenen Region sichtbar gemacht werden kann, lässt sich die Frequenz des Tremors genau bestimmen. Die Frequenz lässt ebenfalls Rückschlüsse auf eine mögliche Ursache zu, da unterschiedliche Krankheiten jeweils tendenziell bestimmte Frequenzen produzieren.

Alternativ kann der Tremor durch Akzelerometrie analysiert werden. Dabei wird mit Hilfe von Beschleunigungsmessern die Frequenz des Tremors aufgezeichnet, Amplituden können nur aus bekannten oder geschätzten Massen errechnet werden. Dies ist mit Hilfe von Smartphones und entsprechenden Apps möglich. Der Vorteil des Verfahrens liegt in der wesentlich einfacheren Technik und daher besseren Verfügbarkeit der Methode. Nachteilig ist, dass man nicht gezielt bestimmte Muskeln untersuchen kann.

Danach müssen Krankheitsbilder ausgeschlossen bzw. überprüft werden: Morbus Wilson durch eine Blut- und Urinuntersuchung sowie eine augenärztliche Überprüfung auf Vorhandensein eines Kayser-Fleischer-Kornealrings. Die Parkinson-Krankheit kann mit der Gabe von L-Dopa überprüft werden. Hirnschäden oder Tumoren erscheinen in einem MRT, eine Multiple Sklerose erscheint durch Untersuchung des Liquors nach einer Lumbalpunktion. Der Essentielle Tremor kann üblicherweise durch die Gabe von Alkohol und Frage nach genetischer Prädisposition (familiäre Vorerkrankungen) erschlossen werden.

Ein Tremor, der durch eine Hirnschädigung entstanden ist (Schlaganfall, Tumor, Trauma), wird als symptomatischer Tremor bezeichnet.

Tremortypen; die Erscheinungsformen des Tremors

Es gibt verschiedene Arten des Tremors, die Begleitsymptome unterschiedlicher Krankheiten sein können. Die verschiedenen Tremores unterscheiden sich beispielsweise in den Frequenzen und den Bedingungen, unter denen der Tremor aktiviert wird – in Ruhe, in Aktion, beim Halten, bei un- oder zielgerichteten Bewegungen.

Bei der Klassifikation der Tremoren gibt es unterschiedlichste Klassifikationsvarianten, die einen rein deskriptiv, die anderen basierend auf pathophysiologischen Mechanismen. Aber keines der aktuellen Klassifikationsschemen kann für die Diagnostik des Tremors verwendet werden. Zudem gibt es bei verschiedenen Ursachen oft Gemeinsamkeiten in der Präsentation des Tremors, was die Differentialdiagnostik erschwert. Bei der Klassifikation nach Ätiologie besteht das Problem, dass man manchmal die Ursache nicht kennt (z. B. essentieller Tremor). Zudem kann ein Krankheitsbild mehrere Tremor-Arten hervorrufen. Kein einziger Tremor-Typ kann pathognomisch einer Erkrankung zugeordnet werden.

Aktionstremor

Ein Aktionstremor tritt nach Definition (nur) bei willkürlichen Bewegungen ein. Es wird zwischen vier verschiedenen Unterarten des Aktionstremors unterschieden:

Andere Tremortypen, die in der Literatur gelegentlich zusätzlich als Aktionstremor aufgelistet werden:

Ruhetremor

Diese Form erscheint, wenn die betroffenen Partien des Patienten in Ruhestellung sind, also z. B. Hände, die ruhig auf einer Oberfläche liegen. Es ist möglich, dass der Ruhetremor nach Einnehmen der Ruhestellung auftritt und dann nach einiger Zeit verschwindet, vgl. Parkinsontremor. Am häufigsten tritt der Tremor in den oberen Extremitäten auf. Je nach Krankheitsbild erscheint der Tremor nur in bestimmten Situationen. Es ist möglich, dass ein Patient nur eine oder zwei der möglichen Ausprägungen hat.

Andere Tremortypen, die im Ruhezustand auftreten und deren Auftreten nicht ausschließlich von einer willkürlichen Bewegung abhängen:

Andere Tremor-ähnliche Symptome, deren Auftreten nicht ausschließlich von einer willkürlichen Bewegung abhängen, die in der Literatur jedoch oft nicht als Tremor klassifiziert werden:

Tremorfrequenz, Amplitude und Lokalisation

Die Tremorfrequenz hängt von den jeweiligen Muskelsystemen und gegebenenfalls von den Krankheitsbildern ab. Man unterscheidet:

Die Amplitude wird folgendermaßen eingeteilt:

Lokalisation; Ein Tremor kann in jeder Körperregion einzeln, an bspw. einer Extremität (fokal), einem bestimmten Körperteil wie der Hand (isoliert), an einer Körperhälfte stärker ausgeprägt sein (asymmetrisch) oder auch kombiniert bis hin am ganzen Körper (generalisiert) auftreten. Bei kombinierten Tremoren in mehreren Körperpartien kann die Ausprägung unterschiedlich stark sein (z. B. stärker in der linken Hand als in der rechten Hand).

Ursachen, Krankheitsbilder

Gesteigerter physiologischer Tremor

Psychogener Tremor

Essentieller Tremor (familiärer Tremor)

Parkinsontremor

Tremor bei Morbus Wilson

Primärer orthostatischer Tremor (shaky legs syndrome)

Neuropathischer Tremor

Holmes Tremor

Zerebellärer Tremor (Kleinhirntremor)

Andere Tremorerkrankungen

Behandlung

Chirurgisch

Der essentielle Tremor und der Parkinson-Tremor werden letztlich verursacht durch eine synchron „feuernde“ Region von Zellen im Gehirn, deren Störsignal den Tremor erzeugt. Der chirurgische Ansatz sieht mithin die Deaktivierung dieses Areals vor. Da die betroffene Zellregion sehr klein ist und tief im Gehirn liegt, wird diese Operation minimalinvasiv per Stereotaxie vorgenommen. Während der Operation kann der Chirurg dann direkt eine Ableitung der Nervenaktivität im Gehirn vornehmen und daran erkennen, ob er die entsprechende Region erreicht hat oder nicht. Gibt man dann einen Störstrom an die entsprechende Stelle, wird der Tremor im Erfolgsfall „abgeschaltet“, da das Störsignal überlagert wurde. Daher wird die Operation nur unter örtlicher Betäubung durchgeführt, um direkt den Erfolg zu sehen.

Wenn die Stelle gefunden ist, gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann die Stelle mittels einer Sonde für kurze Zeit auf über 60 °C erhitzen, wodurch das Nervengewebe dort zerstört wird. Dieser Eingriff ist jedoch nicht reversibel und birgt die Gefahr, versehentlich zu viel zu zerstören, was schlimme Nebenwirkungen haben kann (etwa eine Halbseitenlähmung). Daraus wurde die Idee eines Hirnschrittmachers entwickelt, der stattdessen ein beständiges Störsignal sendet; in diesem Fall wird eine Sonde an der Stelle belassen und ein kleines, batteriebetriebenes Gerät wird in die Brust des Patentien gepflanzt, das die Sonde versorgt. Dieses kann mittels eines starken Permanentmagneten an- und abgestellt werden.

Die Operation ist nicht bei allen Patienten erfolgreich.

Medikamentös

Je nach Ursache des Tremors sind andere Behandlungsmethoden erforderlich. Wird der Tremor von einer anderen Krankheit verursacht, muss diese behandelt werden; der Tremor klingt beispielsweise bei erfolgreicher Behandlung eines Morbus Wilson ab. Der Essentielle Tremor kann mit Betablockern oder Antikonvulsiva nur gedämpft werden, bislang gibt es keine Möglichkeit zur gezielten Behandlung. Bei dystoner Ursache können Botulinumtoxin-Injektionen helfen; sie müssen jedoch immer wieder aufgefrischt werden.

Sonstige Behandlungsmöglichkeiten

Es ist nicht möglich, einen Tremor durch Krankengymnastik zu verbessern oder zu beseitigen.

Ergotherapie kann dabei helfen, die größtmögliche Selbstständigkeit (durch Kompensationsstrategien, Hilfsmittelversorgung, ADL-Training u. v. m.) zu behalten oder wieder zu erlangen. Mit Entspannungsübungen wie Autogenem Training, Yoga oder Meditation lassen sich Symptome allerdings kurzfristig verringern. Als weitere Behandlungsmöglichkeit können Gewichtsmanschetten an den betroffenen Extremitäten den Tremor verringern. Hierbei tritt jedoch recht schnell ein Gewöhnungseffekt ein.

Tremor als Behinderung

Der Tremor an sich kann das Leben des Patienten mehr oder minder stark beeinträchtigen, abhängig von Stärke, Erscheinungsform und betroffenen Regionen. Es gibt allerdings auch sehr leichte Formen, die den Betroffenen nicht einmal als Krankheit auffallen. Vor allem ein ausgeprägter Intentionstremor kann sehr behindernd sein, da letztlich so ziemlich jede Bewegung des alltäglichen Lebens zielgerichtet ist und er Dinge wie Essen, Trinken, Schreiben erschwert bis unmöglich macht. Ein leichter Ruhetremor hingegen, der beispielsweise am Kopf auftritt, ist zwar weniger direkt behindernd, dafür aber auffällig.

Gerade in stressigen, etwa sozialen Situationen verstärkt sich der Tremor meistens und ist noch dazu stigmatisiert als „nervös, unsicher“ oder gar „alkoholkrank“. Es besteht mithin das Risiko, dass sich Betroffene aus dem öffentlichen Leben zurückziehen.

Siehe auch

Wiktionary: Tremor – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ GEOlino: Warum wir zittern, wenn wir frieren. Abgerufen am 22. April 2016.
  2. ↑ 37 Grad. In: Drägerheft. Nr. 389, S. 36. Lübeck 2012. (draeger.com (Memento vom 21. April 2016 im Internet Archive), abgerufen am 22. April 2016)
  3. ↑ Rob Herbert: Shaking when stirred: mechanisms of physiological tremor. In: The Journal of Physiology. Band 590, Nr. 11, 1. Juni 2012, ISSN 1469-7793, S. 2549–2549, doi:10.1113/jphysiol.2012.232876.
  4. ↑ Internationale Monatsschrift zur Erforschung des Alkoholismus und Bekämpfung der Trinksitten. Heft 10/11, Oktober/November 1916, S. 266.
  5. ↑ Verbotsliste der NADA 2015. (PDF; 202 kB)
  6. ↑ W. Freund: Tremoranalyse mit dem Smartphone. In: NeuroTransmitter. Band 30, Nr. 1-2, S. 25–25. doi:10.1007/s15016-019-6650-7.
  7. ↑ L. J. Findley: Classification of tremors. In: J Clin Neurophysiol. Band 13, Nr. 2, Mar 1996, S. 122–132.
  8. ↑ C. W. Hess, S. L. Pullman: Tremor: Clinical Phenomenology and Assessment Techniques. In: Tremor Other Hyperkinet Mov. (N Y). 2, 28. Jun 2012, S. 65.
  9. ↑ David Berceli, Maria Napoli: A Proposal for a Mindfulness-Based Trauma-Prevention Program for Social Work Professionals. (PDF) abgerufen am 28. Oktober 2014.
  10. ↑ Tremorerkrankungen. Universität Freiburg.
  11. ↑ Julián Benito-León, Jesús Porta-Etessam: Shaky-Leg Syndrome and Vitamin B12 Deficiency. In: New England Journal of Medicine. Band 342, Nr. 13, 30. März 2000, ISSN 0028-4793, S. 981, doi:10.1056/NEJM200003303421318.
  12. ↑ Eintrag zu Tremor, orthostatischer primärer. In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten), abgerufen am 2. August 2024.
  13. ↑ Roongroj Bhidayasiri, Daniel Tarsy: Movement Disorders: A Video Atlas. Humana Press, 2012, ISBN 978-1-60327-425-8, Neuropathic Tremor, S. 72–73.
  14. ↑ Cecilia Bonnet, Emmanuelle Apartis, Mathieu Anheim, Andre P. Legrand, Jose F. Baizabal-Carvallo, Anne M. Bonnet, Alexandra Durr, Marie Vidailhet: Tremor-spectrum in spinocerebellar ataxia type 3. In: Journal of Neurology. Band 259, Nr. 11, 1. November 2012, ISSN 1432-1459, S. 2460–2470, doi:10.1007/s00415-012-6531-5, PMID 22592286.
  15. ↑ Thomas L Carroll: Laryngeal Tremor: Background, Etiology, Epidemiology. 2021 (medscape.com).
  16. ↑ Eintrag zu Geniospasmus, hereditärer. In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten), abgerufen am 2. August 2024.
  17. ↑ G. Deusch, C. Toro, J. Valls-Solé, T. Zeffiro, D. S. Zee, M. Hallett: Symptomatic and essential palatal tremor. In: Brain. Band 117, Nr. 4, August 1994, S. 775–788, doi:10.1093/brain/117.4.775.
  18. ↑ P. G. Bain, L. J. Findley, T. C. Britton, J. C. Rothwell, M. A. Gresty, P. D. Thompson, C. D. Marsden: Primary writing tremor. In: Brain: A Journal of Neurology. 118 (Pt 6), Dezember 1995, S. 1461–1472, PMID 8595477.
  19. ↑ Vgl. R. A. Meyers: Surgical procedure for postencephalitic tremor, with notes on the physiology of the premotor fibers. In: Arch. Neurol. Psychiat. Band 44, 1940, S. 455 ff.