12 Comp (ZIM) 2017

12 Comp (ZIM) 2017
Livealbum von Anthony Braxton

Veröffent-
lichung

4. Juni 2021

Aufnahme

2017 – 2018

Label(s)

Firehouse 12 Records

Format(e)

12 CD, Download

Genre(s)

Neue Improvisationsmusik

Titel (Anzahl)

12

Länge

8:30:15

Besetzung

Produktion

Anthony Braxton, Carl Testa, Nick Lloyd, Taylor Ho Bynum

Aufnahmeort(e)

Wake Forest University, Firehouse 12, La Sala Rossa, Cafe Oto

Chronologie
Anthony Braxton, Eugene Chadbourne: Duo (Improv) 2017
(2021)
12 Comp (ZIM) 2017 Quartet (Standards) 2020
(2021)

12 Comp (ZIM) 2017 ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die 2017/18 entstandenen Aufnahmen erschienen am 4. Juni 2021 als Blu-ray Disc und Download auf Firehouse 12 Records.

Hintergrund

Braxtons musikalische Konzepte

Zu Beginn seiner Karriere entwickelte Anthony Braxton eine grundlegende Taxonomie musikalischer Konzepte und Gestenkategorien für Improvisatoren und Interpreten zur Interpretation seiner Musik – von Braxton als „Language Music“ bezeichnet. Seine erste eingehende Auseinandersetzung mit vielen dieser Konzepte findet sich auf seinem gefeierten Album „For Alto“ von 1969. Seine „Language Music“ umfasst zwölf Grundvarianten: lange Töne, akzentuierte lange Töne, Triller, Staccato-Formen, Intervallformen usw. Die Zuordnung zu einer bestimmten Variante einer dieser „Language Music“ ist ein prägendes Merkmal jedes seiner Werke.

Braxton entwickelte zudem verschiedene Kompositionsmodalitäten: unterschiedliche Ansätze, um die Beteiligung eines oder mehrerer Musiker an einem Musikstück zu gestalten. Seit 1995 Beschäftigte er sich vor allem mit seinen „Holistic Modeling Musics“. Jede dieser Musikrichtungen ist einer der „Language Musics“ zugeordnet, etwa Ghost Trance Music (lange Töne), Falling River Music (akzentuierte lange Töne), Diamond Curtain Wall Music (Triller oder Verzierungen), Echo Echo Mirror House Music (Multiphonics) und Pine Top Aerial Music (kurze Attacken).

Braxtons Konzept der ZIM Music

Die Cellistin:Tomeka Reid auf dem Deutschen Jazzfestival 2015

Ab 2014 folgte mit 12 Comp (ZIM) 2017 eine neue Version in Braxtons Kompositionssystem, genannt ZIM Music. Dieses System leitet sich vom Language Type 11 ab, „Gradientenlogiken“. Diese beziehen sich auf Aspekte der Musik, die sich ständig verändern: immer schneller, immer langsamer, immer heller, immer dunkler. Die Kompilation 12 Comp (ZIM) 2017 dokumentiert zwölf Aufführungen über einen Zeitraum von zwei Jahren, aufgenommen zwischen März 2017 und Mai 2018 in den USA, Kanada und Großbritannien, und zeigt die Entwicklung der ZIM-Musik, wobei sich Kompositionen und Ensemble an neue musikalische Situationen anpassen.

Zur Kernbesetzung gehören neben Braxton am Saxophon Taylor Ho Bynum (Blechblasinstrumente), Dan Peck (Tuba), Jacquline Kerrod (Harfe) und Shelley Burgon (Harfe). Weitere Mitwirkende auf verschiedenen Stücken sind Tomeka Reid (Cello), Adam Matlock (Akkordeon), Jean Cook (Violine), Stephanie Richards (Trompete), Ingrid Laubrock (Saxophon), Brandee Younger (Harfe) und Miriam Overlach (Harfe).

Braxton nutzt musikalische Systeme, um sowohl seine Kompositionen als auch die Improvisationen der Musiker, einschließlich seiner eigenen, zu beeinflussen. ZIM Music ist eines seiner neueren Systeme, das sogenannte „Gradientenlogiken“ verwendet. Dabei handelt es sich um veränderliche Eigenschaften der Musik, wie Tempo und Stimmung. In manchen Fällen erhalten die Musiker „technisch unmögliche“ Notationen und sollen daraus eine spielbare Variation improvisieren.

Oftmals teilt sich die Gruppe in zwei oder drei Untergruppen auf, die lose miteinander verbunden zu sein scheinen. So hört man beispielsweise in Komposition Nr. 408 pulsierende Tuba- und Violinenmelodien, wirbelnde Akkordeonklänge, kantige Harfe und Braxtons charakteristische Läufe. Oder in Komposition 419, die mit drei bis vier parallel verlaufenden, halb improvisierten Melodien beginnt. Sobald sich die Musiker jedoch auf eine erkennbare Kombination von Methoden geeinigt haben, wechseln die Beteiligten und ihre Rollen. Daher die allgegenwärtigen Übergänge – wahrlich knifflige Übergänge, notierte Mike Borella.

Darüber hinaus deckt ZIM Music ein breites Spektrum an Klängen, Stilen und Herangehensweisen ab, vom Flirren bis zum Gutturalen, vom Quietschen bis zum Eisigen, vom Dichten bis zum Kargen. All dies und mehr findet sich in den meisten Stücken wieder, wobei Komposition Nr. 410 ein bemerkenswertes Beispiel ist. Es scheint jedoch keinen festgelegten Anfang oder kein festgelegtes Ende für diese Stücke zu geben. Die Gruppe spielt, bis sie aufhört. Dabei decken sie ein breites Spektrum ab, das sich grob in die Kategorie Avantgarde-/moderne Ensemblemusik einordnen lässt, wobei insbesondere Braxton geneigt ist, auch Jazz- oder Blues-Einflüsse einfließen zu lassen, so Borella.

Titelliste

  1. Composition No. 402 46:20
  2. Composition No. 408 53:52
  3. Composition No. 409 49:54
  4. Composition No. 410 40:45
  5. Composition No. 412 57:58
  6. Composition No. 413 51:10
  7. Composition No. 414 51:40
  8. Composition No. 415 49:17
  9. Composition No. 416 47:20
  10. Composition No. 418 46:00
  11. Composition No. 419 1:13:06
  12. Composition No. 420 1:10:53

Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.

Rezeption

Anthony Braxton an der Kontrabassklarinette (1976)

Adam Matlock, der Akkordeonist des Sextetts, Septetts und Nonetts, die in diesem 11-stündigen Konzertmarathon zu hören sind, sei eine Offenbarung, lobt Kevin Le Gendre in Jazzwise. Sein breites klangliches Spektrum und seine einfallsreiche Akzentuierung würden dem Akkordeon eine Kraft und Aggressivität sowie eine Sensibilität und Zartheit verleihen, die es für das Konzept von „ZIM“, dem neuesten Beitrag zu Braxtons sogenannter „Language Music“, besonders relevant machen. Sein unerschütterliches Engagement für Konzept und Komposition habe ihn in der Vergangenheit dazu geführt, alles von langen Klängen bis hin zu Multiphonics zu erforschen, und diese neueste Vorstellung von kontinuierlichen Strukturverschiebungen – zunehmend schneller, langsamer, heller oder dunkler – spiegle ein erklärtes Interesse an variierender Abstufung und Betonung innerhalb einer gegebenen musikalischen Struktur wider. „Spannung auf Spannung und Entspannung auf Entspannung“.

In den [auf dem Album dokumentierten] zwei Jahren der Live-Auftritte bleibe eine emotionale Substanz untrennbar mit tiefgründigem Intellekt verbunden, so Le Gendre. Die komplexen Dynamiken, die im Höhepunkt des Werkes zum Tragen kommen, würden eine zutiefst dramatische Wirkung entfalten, da die Musik immer härter, dann wieder sanfter und immer kontrastreicher werde. Letztlich seien es die Momente, in denen all dies ineinanderfließe und „eine faszinierende Ambivalenz erzeugt, die zwischen Dunkelheit und Licht changiert“, in denen Braxton seine Ambitionen vollends erfülle. In „Composition 415“ würde das pulsierende Krächzen seiner Bassklarinette, die stakkatoartigen Akkordeonklänge von Matlock und das vulkanische Aufheulen von Dan Pecks Tuba Atmosphären erzeugen, die verstören und zugleich fesseln, ähnlich wie manche der besten Gedichte Charles Baudelaires. Braxtons Kompositionen würden eine wahre Romantik bergen, denn ihre akribische Aufführung vermöge sowohl eindringliche Melancholie als auch Ekstase hervorzurufen.

Mit seinen wechselnden Ensembles würden Braxton verblüffende Klanglandschaften gelingen, die die enorme Präzision der Musiker im Umgang mit Legato und Presto voll ausnutzen, so Le Gendre. Sie griffen Duke Ellingtons harmonische Verzierungen auf und erweiterten sie, während sie gleichzeitig ein ganz anderes Rhythmus- und Metrumgefühl einführen, als wäre die ganze sinnliche Spannung von „The Mooche“ in eisiger Mystik eingefroren. Die Zahnräder in Braxtons Klangmaschine würden mitunter etwas unruhig knirschen, was zu erwarten sei, wenn Ideen spontan entwickelt würden. Die große Frage sei, ob sich das fesselnde Konzerterlebnis wirklich auf CD übertragen lässt. Die einzelne Blu-ray-Disc sei zweifellos ein Vorteil. „Composition 420“, in der die fließenden Harfenklänge ebenso schelmisch wie majestätisch klingen, in hochauflösendem Stereo zu hören, lasse vermuten, dass sich der Zeitaufwand lohnt. Dieses kompromisslos persönliche Werk spiegle Braxtons fortwährende Suche nach neuen Klangwelten wider. Trotz der vielen bereits beschrittenen Wege gelinge es ihm immer wieder, unkonventionelle Pfade zu beschreiten.

Das Genie von Anthony Braxton sei auch ohne diese elfstündige, epische Veröffentlichung seiner ZIM Music unbestritten, meint Mike Borella (Avant Music News). ZIM Music ist in jedem Fall ein weiterer Meilenstein in Braxtons musikalischem Schaffen. Diese Ensembles würden moderne Kammermusik produzieren, die gleichermaßen roh und raffiniert ist. Erweiterte Spieltechniken werden auf verschiedenen Instrumenten eingesetzt, um kratzige oder perkussive Klangtexturen zu erzeugen. Besonders hervorzuheben sei die ungewöhnliche Instrumentierung, die neuartige Klangpaletten eröffne, wobei Harfe, Tuba und Akkordeon die Grenzen des Genres erweitern. Das Ergebnis sei „zu klassisch für Jazz, zu jazzig für Klassik“ und zu abstrakt für eine einfache Kategorisierung. Nicht zuletzt beweise diese Veröffentlichung einmal mehr, dass Braxton seine Systeme auf nahezu jede Kombination von Instrumenten oder Klangquellen anwenden könne. Das sei eine wunderbar unkonventionelle und anspruchsvolle Produktion.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 Mike Borella: 12 Comp (ZIM) 2017 (2021; Firehouse 12 Records). In: Avant Music News. 1. Juli 2021, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
  2. ↑ Timo Hoyer: Anthony Braxton – Creative Music. Wolke Verlag, Hofheim 2021, S. 539
  3. ↑ Anthony Braxton: 12 Comp (ZIM) 2017. In: Discogs. Abgerufen am 25. Mai 2026 (englisch).
  4. 1 2 3 Kevin Le Gendre: Anthony Braxton: 12 Comp (ZIM) 2017. In: Jazzwise. 1. Juli 2021, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).