4 3 2 1 ist ein Roman des amerikanischen Autors Paul Auster, der 2017 sowohl bei Henry Holt, New York City, als auch in deutscher Übersetzung (durch vier Übersetzer, unter demselben Titel) bei Rowohlt erschien. In der deutschen Übersetzung umfasst der Roman mehr als 1000 Seiten.
Erzählt werden vier Versionen des Lebens von Archie Ferguson, der am 3. März 1947 geboren wird (genau einen Monat nach der Geburt des Autors) und weitere biographische Details mit Paul Auster gemeinsam hat. Einige der historischen und autobiographischen Hintergründe wurden von Auster 2008 in einem Artikel in der New York Times erläutert. Auster thematisiert, welche Rolle der Zufall im Leben eines Menschen spielen kann und wie unterschiedlich sich verschiedene innere Anlagen einer Person durch äußere Einflüsse entwickeln können. Im Mittelpunkt stehen dabei die unterschiedlichen Entwicklungen der Hauptfigur Archie Ferguson (im Roman stets Ferguson genannt), der das Programm des Werks bereits als kleines Kind formuliert: „Was für ein interessanter Gedanke […]: sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. […] Ja, alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen könnte“ (S. 86). Die Spannbreite der Entwicklungsmöglichkeiten umfasst vier Versionen: Die erste Version stellt einen typischen Entwicklungsroman dar: das Streben nach einer bürgerlichen Existenz in unruhigen Zeiten. In der zweiten Version steht das Scheitern des Einzelgängers im Konflikt mit seinem Umfeld im Vordergrund. In der dritten Version ist Ferguson zunächst ein typischer Antiheld, der als Folge eines traumatischen Kindheitserlebnisses verunsichert und desorientiert ist. Die vierte Version ist ein Künstlerroman, in der das entsagungsvolle Ringen um eine Existenz als Schriftsteller im Mittelpunkt steht. Zudem ist „4321“ ein Zeitroman über das unruhige Amerika der 1950er und 1960er Jahre zwischen konservativer Moral und Rassendiskriminierung auf der einen Seite und einer optimistischen und revolutionären Aufbruchsstimmung andererseits.
Nach einem einleitenden Kapitel über die Vorgeschichte der Großeltern und Eltern werden sieben Stationen in Fergusons Kindheit und Jugend so erzählt, dass jeweils ein Lebensabschnitt der vier Ferguson-Versionen dargestellt wird. So werden einerseits die zunehmenden Unterschiede der Entwicklung hervorgehoben; andererseits wird vom Leser verlangt, dass er sich bei jedem Abschnitt das Vorgeschehen des jeweiligen Handlungsstrangs vergegenwärtigt. Durch prominente historische Ereignisse lassen sich die Abschnitte relativ klar einordnen. Allerdings setzen sie jeweils unterschiedliche Schwerpunkte und behandeln verschieden lange Zeiträume, die sich zudem überschneiden. Diese sind: 1. Ferguson als Kind (ca. 1952 bis 1955), 2. Ferguson zu Beginn der Pubertät (ca. 1955 bis 1963), 3. erste Erfahrungen der Selbständigkeit in der Junior High School (ca. 1961 bis 1964), 4. Ferguson als High-School-Schüler (ca. 1963–1965), 5. Das erste Jahr an der Universität bzw. nach dem Schulabschluss (1965), 6. Die Zeit der Studentenunruhen (1966–1969), 7. Übergang zum Berufsleben (1969–1974). Die Handlung spielt in allen vier Handlungssträngen überwiegend in und um New York bzw. Newark mit Nebenschauplätzen in Paris und Kalifornien. Auch die Figurenkonstellation der vier Versionen überschneidet sich teilweise. Neben den Eltern und Verwandten spielt Amy Schneiderman als Fergusons große Liebe eine zentrale Rolle. Wie auch die anderen Nebenfiguren entwickelt sie sich in jeder Version unterschiedlich. Der Überschaubarkeit halber werden im Folgenden die vier Handlungsstränge nacheinander dargestellt.
Bereits in der „Familienlegende“, die den Roman eröffnet, werden die Themen Identitätsfindung und die Rolle des Zufalls angesprochen. Der erste Abschnitt skizziert die Familiengeschichten seiner Eltern und Verwandten bis zu Fergusons Geburt im Jahr 1947. Fergusons Vater Stanley kommt aus einer armen Einwandererfamilie, die stets um ihre Existenz kämpfen muss. Seine Brüder Lew und Arnold sind Taugenichtse im Gegensatz zum strebsamen, aufrechten und sportlichen Stanley, der bei den Frauen gut ankommt. Nur aus Familiensinn verschafft er ihnen eine Stellung in dem von ihm aufgebauten Möbel- und Elektrogeschäft „Three Brothers Home World“. Seine Mutter Rose stammt aus dem liberalen jüdischen Mittelstand, gekennzeichnet durch Wohlstand und musisch-literarische Bildung. Sie wird zur Fotografin ausgebildet, die Kinder und Enkel ihres Arbeitgebers Schneiderman spielen in allen vier Fassungen eine wichtige Rolle. Während Stanley sich bereits beim ersten Treffen in Rose verliebt, ist es für Rose eher eine Vernunftehe. Diese beruht darauf, dass beide linksliberal eingestellt sind, Stanley karriereorientiert ist und ihr Freiheiten lässt (S. 34), insbesondere beruflich. Jedoch ist er im Gegensatz zu Rose weder an Bildung und Kino interessiert, noch sonderlich gefühlsbetont. Während Roses schwieriger Schwangerschaft mit Ferguson führt ihre Schwester Mildred sie in den Kanon der anglo-amerikanischen Literatur ein. Damit sind die Interessen und Konfliktfelder, in denen sich die vier Fergusons entwickeln werden, bereits vor der Geburt umrissen: Die unterschiedlichen Anlagen, die von den Eltern vererbt bzw. vorgelebt werden, prägen sich in jeder Version unterschiedlich aus. Diese sind teilweise widersprüchlich: So etwa Roses Streben nach beruflicher Unabhängigkeit einerseits und der Wunsch nach einem Kind andererseits oder Stanleys große Liebe für Rose im Kontrast zu seiner „mangelnde[n] Anteilnahme an der Gefühlen anderer“ (S. 35).
In allen Fassungen ist Archie sportlich. Seine Lieblingssportarten sind Baseball und Basketball. Er ist an Literatur und Kunst sowie am politischen Zeitgeschehen interessiert und ein typischer Jugendlicher, insofern Sexualität eine zentrale Rolle spielt. Die erste große Liebe ist Amy Schneiderman, auch wenn diese Beziehung in jeder Fassung scheitert. Archie hat eine enge Bindung zur Mutter (insbesondere Archie 3), während die Beziehung zum Vater oberflächlich bzw. bei Archie 4 sogar zerrüttet ist. Im Gegensatz zum Vater ist er nicht an materiellen Dingen interessiert. In allen Versionen ist Archie linksliberal, hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, insbesondere was die Rassenkonflikte der sechziger Jahre betrifft. Archie ist aufgeschlossen für Neues, ein begabter Schüler und hat in jeder Fassung sich umfangreiche Kenntnisse der Weltliteratur angeeignet. Alle vier vertreten ein skeptisches Weltbild, das sich an Voltaire orientiert, dessen Candide mehrfach zitiert wird. Doch bestehen aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungen etliche Unterschiede zwischen den vier Versionen Archies.
Archie 1 ist eher genügsam und ausgeglichen. Über die große Krise nach Verlust des Daumens kommt er mit Hilfe seiner engen Freunde und der intakten Familie hinweg. Er ist allseits beliebt und ausgeglichen, allerdings traut er sich auch weniger zu als die anderen Archies. Statt Literatur zu verfassen, beschränkt er sich auf Übersetzungen und entscheidet sich für den bürgerlichen Beruf eines Journalisten.
Archie 2 ist aufgrund seiner vielen Missgeschicke ein im Inneren verunsicherter Einzelgänger, der bereits als Kind ein nihilistisches Weltbild vertritt. Nach außen wird er aufgrund seiner linken politischen Ansichten zum Rebellen. Dadurch ist er zwar bei den gleichaltrigen Jungen schnell isoliert, für die Mädchen allerdings interessant.
Archie 3 ist durch den traumatischen Verlust des Vaters stark geprägt. Auch die negativen Erfahrungen mit Mildred und Andy verstärken seinen Hang, sich treiben zu lassen, keine Verantwortung zu übernehmen und Tabus zu brechen. Im Kern ist er wie Archie 2 verunsichert und wünscht sich Zuneigung und Anerkennung. Diese bekommt er zunächst nur bei seiner Mutter, später auch bei Vivian, bei der er sich fängt.
Archie 4 wird am intensivsten ausgearbeitet und reflektiert, da er der einzige Überlebende und der Erzähler ist. Archies Ziel ist es „der Held seines eigenen Lebens“ (S. 508) zu werden, also unabhängig zu sein; aufgrund der selbst auferlegten Entsagungen und dem Kampf gegen die Vorstadtgesellschaft wird er „starrsinnig“ und in „seine eigenen Gedanken versunken“ (S. 658). Er schafft es nicht, tiefere Bindungen einzugehen und sich seinen Freundinnen gegenüber zu öffnen. Insofern ähnelt er in dieser Version am stärksten dem ungeliebten Vater. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung zum Schriftsteller; die von ihm verfassten literarischen Texte werden ausführlich wiedergegeben bzw. im Original abgedruckt. Mit strikter innerer Disziplin plant er sein Leben und entsagt bewusst den Dingen, die ihn von seinen Zielen abbringen oder ihm Annehmlichkeiten verschaffen könnten.
Für Archie ist seine Mutter in allen Versionen eine wichtige Bezugsperson. Rose Adler sieht sich als jüngere Schwester zunächst als die Unterlegene gegenüber der strebsamen und intelligenten Mildred. Ihre Vernunftehe mit Stanley geht sie ein, um ihrer Schwester einmal voraus zu sein (S. 35), aber auch weil Stanley ihren beruflichen Plänen als Fotografin nicht im Wege steht. Während die Ehe in Version 1 recht glücklich ist, lässt Rose sich in Version 4 scheiden und heiratet Daniel Schneiderman, von dem sie auch in den anderen Versionen angetan ist (vgl. S. 210). In Version 3 heiratet sie dessen älteren Bruder Gil. Den Beruf als Fotografin übt sie in allen vier Versionen mit Leidenschaft und mit Erfolg aus, zunächst in ihrem eigenen Fotostudio „Roseland Foto“, später als Fotoreporterin (Version 1) bzw. als Kunstfotografin (Version 3). Das Scheitern der Ehe in Version 4 beruht auch darauf, dass sie Stanleys Karriere wegen nicht mehr arbeitet und sich langweilt.
Archies Vater wird in allen Versionen als sportlich und strebsam, allerdings auch als verschlossen gegenüber anderen charakterisiert. Entfaltet wird die Figur nur in der ersten und der letzten Version: Er ist zerrissen zwischen einem ausgeprägten Familiensinn und dem Streben nach einer Karriere, die in der vierten Version, in der er zum reichen Geschäftsmann wird, am erfolgreichsten ist. In der ersten Version steht für ihn die Familie im Vordergrund. Das hindert ihn, seinen betrügerischen und unzuverlässigen Brüdern zu kündigen, so dass er beruflich langsam, aber stetig absteigt. Dafür bleiben aber die Ehe mit Rose und das Verhältnis zu Archie ungetrübt, auch wenn er über den Betrug seines Bruders nie hinwegkommt (S. 576). In der vierten Version wird er zum erfolgreichen, aber zunehmend verschlossenen Geschäftsmann, so dass sowohl seine Ehe als auch das Verhältnis zu seinem Sohn scheitern.
Die ältere Schwester von Rose ist intellektuell brillant und in allen vier Versionen Universitätsprofessorin für englische Literatur, die Archie fördert. Aufgrund ihres Egozentrismus und der unsicheren sexuellen Orientierung (in Version 3 ist sie lesbisch) sind ihre Beziehungen stets problematisch.
In allen vier Versionen wird Amy als ungewöhnliche Rebellin gegen die äußerlichen Konventionen dargestellt, was sie für Archie so attraktiv macht. Mit ihm teilt sie das Interesse an Literatur und Kunst sowie die politische Einstellung. Während Archie jedoch der Studentenbewegung skeptisch gegenüber steht, radikalisiert sich Amy. Dadurch entfremden sie sich voneinander.
Austers Roman ist in vieler Hinsicht typisch für die Literatur der Postmoderne: er spielt mit den Erzählebenen, verfremdet historisch reale Ereignisse und ironisiert das Erzählte durch Kommentare. So wird der Tod von Archie 3 lapidar mit der Bemerkung „die Götter sahen von ihrem Berg herab und zuckten mit den Schultern“ (S. 1028) abgetan. Auster verzichtet auf eine lineare, sich kausal entwickelnde Handlung. Durch die verschiedenen Entwicklungen sowie die zentrale Rolle des Zufalls in einer chaotischen Welt untergräbt er traditionelle Muster des Entwicklungsromans und zeigt stattdessen die Fülle dessen, was möglich ist, auf. Der Roman wechselt zwischen personaler und auktorialer Erzählhaltung. Erzähler ist der vierte Archie, was Auster allerdings erst am Ende des Romans verrät (S. 1252 ff.). Erst hier wird auch das tragische Ende von Archie 1 erzählt und durch das dem Roman zugrunde liegende literarische Experiment begründet. Die personal erzählten Passagen überwiegen in den ersten Abschnitten und geben die kindliche Innensicht Archies wieder. Als auktorialer Erzähler verrät Archie dem Leser die Ereignisse, von denen seine Figuren nichts wissen, und gibt ihre Reflexionen akribisch wieder (etwa die Gründe für und wider bei Roses Entscheidung für Stanley). In diesen Passagen ist der Stil weniger erzählend als berichtend. Auch sonst finden sich kaum Schilderungen. Der nüchterne Stil lässt das fiktionale Gedankenspiel besonders realistisch wirken. Dazu tragen auch die häufigen Verweise auf reale Ereignisse bei sowie die unmittelbar wiedergegebenen Dialoge an zentralen Stellen. Dieser Stil spiegelt zudem Archies journalistische Ambitionen. In den Versionen 1 und 4 werden Produkte von Archies literarischer Tätigkeit zitiert.
Die Rezensionen sind sich uneinig: „Das Buch ist für das, was es liefert, definitiv zu lang.“ steht im Gegensatz zu: „Da muss man dann durch. Und es lohnt sich.“ Gelobt wird die treffliche Übertragung der vier deutschen Übersetzer Thomas Gunkel, Karsten Singelmann, Nikolaus Stingl und des häufigen Übersetzers von Paul Auster, Werner Schmitz. „Man liest dieses Buch, als habe man sich im Labyrinth verirrt und festgestellt, dass man gar nicht aus ihm herausmöchte. Es wird hin- und hergeblättert, um die immergleichen und doch völlig anderen Archies miteinander zu vergleichen.“ „Dass das Leben Perspektiven hat“, sei „die versöhnliche und hoffnungsfrohe Botschaft des Buches“, schrieb Heiko Maas, der damals Bundesjustizminister war.