Abram Mittelmann

Abram Mittelmann (um 1920)

Abram Meierowitsch Mittelmann (russisch Абрам Мительман; * 2. Mai 1876 in Mogiljow, Russisches Kaiserreich; † 4. September 1942 in Saint-Gilles/Sint-Gillis) war ein jüdischer Fotograf, der in Leipzig tätig war.

Leben

Abram Mittelmann wurde 1876 im damals russischen und heute weißrussischen Mahijou geboren. Er erlernte zunächst den Beruf des Apothekers und wandte sich später der Fotografie zu. Ab 1904 war er mit Rosa Mittelmann, geb. Mordchin (eigentlich Rejsa Michelewa Mordchin), verheiratet, die Hochzeit fand in Jekaterinoslaw statt. Dort war er auch als Fotograf tätig. Noch im gleichen Jahr wanderte er vermutlich in Zusammenhang mit der Russischen Revolution über Paris nach Leipzig aus, seine Frau folgte 1906. Dort eröffnete er am 28. Oktober 1904 am Löhrs Platz 2 (heute Tröndlinring 6) ein zunächst kleines Unternehmen, welches auf die Herstellung von Ansichtskarten und die Vergrößerung von Fotografien spezialisiert war.

Löhrs Platz 2, Mittelmanns erste Wohn- und Geschäftsadresse, um 1895
Werbung Atelier A. Mittelmann, 1912
Werbung Fotoatelier Mittelmann, 1937

1909 zog er damit in eine ausgebaute 6-Zimmer-Wohnung im vierten Obergeschoss im Haus Peterssteinweg 15 um. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er sich so weit etabliert, dass er im Erdgeschoss im Peterssteinweg ein Ladengeschäft hatte, in dem er für den Amateur- und Berufsfotografiebereich Apparate und Zubehör verkaufte. In den alten Geschäftsräumen im vierten Obergeschoss wurde ein Fotolabor eingerichtet. Ein zweites kleineres Geschäft wurde ebenfalls ebenerdig eröffnet, speziell an Fotoamateure und Kleinbild-Fotografie gerichtet.

Mittelmann begann ab da, vor allem Fotopostkarten herzustellen, bei denen Halbtonfotos auf Postkartenpapier gedruckt wurde. So dokumentierte er damit z. B. 1920 den Kapp-Putsch in Leipzig. Nach der Machtergreifung war Mittelmann zunehmend Schikanen der Nationalsozialisten ausgesetzt, nach 1933 und nachweislich ab 1935 wurde er mehrmals verhaftet, so dass sich seine beiden in Leipzig verbliebenen Kinder Nadja und Siegfried immer mehr um das Atelier kümmern mussten. Im Dezember 1938 wurde der staatenlose Mittelmann ausgewiesen und verließ mit seiner neuen Lebensgefährtin Alma Goliner, geb. Samter, Leipzig in Richtung Kopenhagen. Von dort zurückgewiesen wurde das Paar in Deutschland erneut verhaftet. Nach einem letzten kurzen Aufenthalt in Leipzig reiste Abram Mittelmann im Juni 1939 nach Brüssel aus, seine Partnerin Alma Goliner folgte ihm einen Monat später.

Die beiden heirateten in Brüssel am 3. April 1940, der Versuch einer Neueröffnung eines Fotogeschäftes in der belgischen Hauptstadt scheiterte. Mittelmann finanzierte anschließend das Leben von sich und seiner Ehefrau mit diversen Gelegenheitsverdiensten. In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1942 wurde Abram Mittelmann während einer Razzia der Nationalsozialisten auf offener Straße ermordet.

Abram Mittelmann war bis zu seiner Flucht Mitglied der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Er hatte zeitweise die Geschäftsstelle des Vereins selbständiger jüdischer Handwerker e. V. in Leipzig inne, außerdem war er Mitglied des Hilfsvereins der Juden in Deutschland e. V., Ortsgruppe Leipzig.

Familie

Mit seiner ersten Ehefrau Rosa Mittelmann (1882–1932) hatte er zusammen drei gemeinsame Kinder, die die Carlebachschule in Leipzig besuchten.

Ihr ältester Sohn Leon (1906–1987), der seit 1926 unter dem Pseudonym Eugen Mittelmann arbeitete, erlernte im Atelier seines Vaters den Fotografenberuf, arbeitete später selbst als erfolgreicher Porträtfotograf, Illustrator und Grafiker, war für diverse Fotozeitschriften tätig und an der Ausstellung Das Lichtbild 1930 in München beteiligt. Im Mai 1933 verließ er mit seiner Lebenspartnerin Deutschland in Richtung Frankreich. Dort versteckten sie sich nach der Besetzung der Freien Zone durch die Nationalsozialisten erfolgreich bis zum Kriegsende.

Die Tochter Nadja (1909–1942, eigentlich Sophie Nadjeschda) wurde ebenfalls in Mittelmanns Atelier ausgebildet und arbeitete anschließend dort als Laborantin. Im Januar 1940 reiste sie zunächst nach Brüssel zu ihrem Vater aus. Später floh sie nach Frankreich und wurde bei einer Razzia verhaftet. Nach Aufenthalten in zwei Sammellagern in Noé und Drancy wurde sie am 4. September 1942 nach Auschwitz deportiert und dort später ermordet.

Der jüngste Sohn Siegfried (1917–1979, eigentlich Siegfried Emanuel) machte im Atelier seines Vaters eine fototechnische und kaufmännische Ausbildung und arbeitete anschließend dort. Nach Abwicklung des Geschäfts seines Vaters verließ er im August 1939 Deutschland. Über Italien und Frankreich versuchte er, seinen Vater in Brüssel zu erreichen, was aber misslang. Er verblieb in Frankreich und überlebte auf gleichem Wege wie sein Bruder.

Die zweite Ehe Mittelmanns mit Alma Goliner (1890–1942) blieb kinderlos. Seine Ehefrau wurde nach dem Tod ihres Mannes in das SS-Sammellager Mecheln gebracht und von dort im Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Die beiden überlebenden Söhne Leon und Siegfried Mittelmann blieben nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Frankreich und ließen sich in Paris als Fotografen nieder und bemühten sich vergeblich ab den späten 1950er Jahre um Entschädigungen und Wiedergutmachungen.

Das Fotoarchiv Mittelmann

Peterssteinweg 15 in Leipzig, Wohn- und Geschäftshaus von Abram Mittelmann, 1932

1987/1988 wurde der Dachboden des Hauses Peterssteinweig 15 rekonstruiert, man entdeckte im Rahmen der Arbeiten Pakete mit in Umschlägen verpackten zahlreichen Fotografien. Nach Hinweisen von Mitmietern des Hauses erkannte die Leipziger Fotografin Gudrun Vogel sofort die Bedeutung des Fundes unter dem eigenen Dach. In den Paketen befanden sich 2.068 Glasnegative und 110 Negativfilme mit insgesamt 3.383 nutzbaren Abbildungen aus dem Atelier Mittelmanns. Die zwischen 1920 und 1938 entstandenen Bilder waren zu 80 Prozent Porträts, der Rest Werbeaufnahmen von Geschäften, Bilder von den Vorkommnissen während des Kapp-Putsches sowie einige allgemeine Stadtansichten. Die Porträtierten kamen neben der jüdischen Einwohnerschaft aus allen Schichten der Gesellschaft, selbst SA-Angehörige oder NSDAP-Mitglieder sind auf den Aufnahmen in Uniform bzw. mit Parteiabzeichen zu sehen.

Die Hüllen der Porträts waren größtenteils mit den Nachnamen der Dargestellten beschriftet. Die Negative waren stark verschmutzt und teilweise auch schwer beschädigt. Vogel sicherte den Fund, reinigte die Negative und stellte eine Auswahl der Motive der bedeutenden Ausstellung Juden in Leipzig zur Verfügung, die 1988 im Ausstellungszentrum der Universität Leipzig im Krochhochhaus gezeigt wurde. In der Begleitpublikation zur Ausstellung wurden somit zeitnah zahlreiche Porträts abgebildet, damals allerdings noch weitestgehend ohne die Namen der dargestellten Personen. Eine erste systematische und inhaltliche Erschließung der Fotografien erfolgte in den frühen 1990er Jahren durch den Kulturwissenschaftler Wieland Zumpe in Zusammenarbeit mit Gudrun Vogel. Die Negative blieben in Vogels Privatbesitz und öffentlich nicht einsehbar.

In den folgenden Jahren bemühten sich sowohl Einrichtungen wie das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig, das Stadtarchiv Leipzig oder das Sächsische Staatsarchiv als auch später vor allem Nadia Vergne – Tochter von Siegfried Mittelmann und damit erbrechtlich eigentlich auf sicherer Seite – vergeblich um das Fotoarchiv. Auch das Ariowitsch-Haus unter Mitwirkung von Küf Kaufmann bemühte sich um eine Rückführung des Fundes an eine öffentliche Institution. Eine Rückgabe an die Erben wurde lange Zeit verweigert, laut Wieland Zumpe sahen Gudrun Vogel und er noch 2022 das Fotoarchiv nicht als Besitzende, sondern als Paar, welches das Konvolut „als treuhänderisch mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit betreut.“

Ab Mitte 2022 hatte das Mittelmann-Archiv einen Eintrag in der Lost Art-Datenbank der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste. Im November 2022 folgte letztendlich die Übergabe der Fotografien an das Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V., die weitere Erschließung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig. 2023 thematisierte eine Ausstellung im Ägyptischen Museum der Universität Leipzig die Sammlung. In der Sonderausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig ist die Sammlung vom 3. Juni 2026 bis 4. April 2027 unter dem Titel: Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann zu sehen.

Ehrung

Stolpersteine für die Familie Mittelmann

In Andenken an Abram Mittelmann und seiner Familie wurden am 3. November 2021 im Beisein von Mittelmanns Enkelin Nadia Vergne vor dem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus der Mittelmanns am Peterssteinweig 15 vier Stolpersteine verlegt, organisiert von der AG Stolpersteine vom Archiv Bürgerbewegung Leipzig. Die Gedenksteine erinnern an Abram, die Kinder Leon, Nadja und Siegfried Mittelmann sowie an Mittelmanns zweite Ehefrau Alma Goliner ("Golinger" auf Stolperstein).

Die Verlegung der Stolpersteine mit der Anwesenheit Nadia Vergnes brachte das Thema Mittelmann-Archiv wieder verstärkt in die Öffentlichkeit und trug entscheidend zur späteren Übergabe der Sammlung bei.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Abram Mittelmann. In: Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer. Yad Vashem. Internationale Holocaust Gedenkstätte, abgerufen am 24. September 2025 [nach Informationen von Nadia Vergne und belgischer Behörden, Ellen Bertram 2015 gibt den 3. September als Todesdatum an].
  2. ↑ Jüdisches Jahrbuch für Sachsen und Adreßbuch der Gemeindebehörden, Organisationen und Vereine. 1931/32. Ausgabe Leipzig. Mit einem Vorwort von Hardy Fraenkel, Ra'anama. Nachdruck hrsg. von der Ephraim Carlebach Stiftung. Arani, Berlin 1994, ISBN 3-7605-8661-9, S. 44.
  3. ↑ Postkarte s/w, Barrikaden an der Schützenstraße am 19. März 1920. In: Sammlungsdatenbank. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, abgerufen am 21. September 2025.
  4. ↑ Leipzig, Archiv der Israelitischen Religionsgemeinde. Mitgliederkartei. Signatur 754003. In: Arolsen Archives. Arolsen Archives. International Center on Nazi Persecution, ITS Digital Archive, abgerufen am 19. September 2025.
  5. ↑ Manfred Unger, Hubert Lang (Bearb.) 1988, S. 104.
  6. ↑ Hilfsverein der Juden in Deutschland. Geheime Staatspolizei, Staatspolizeistelle Leipzig. 1937 (ushmm.org [PDF; 1,5 MB; abgerufen am 30. September 2025]).
  7. ↑ Dominic Welters: Wen hat Abram Mittelmann da nur abgelichtet?. In: Leipziger Volkszeitung 132 (2025), Nr. 259 vom 7. November, ISSN 0232-3222, S. 16.
  8. ↑ Mathias Orbeck: Enkelin kämpft um Fotoschatz. In: Leipziger Volkszeitung 128 (2022), Nr. 222 vom 22. September, S. 16.
  9. ↑ Britt Schlehahn: Ein vorläufig gutes Ende. Die Sammlung des jüdischen Fotostudios Mittelmann ist nach Jahrzehnten nun in die Hände der Öffentlichkeit gelangt. In: kreuzer online. KREUZER Medien GmbH, 9. November 2022, abgerufen am 30. September 2025.
  10. ↑ Mathias Orbeck: Enkelin hat jüdischen Schatz zurück. In: Leipziger Volkszeitung 128 (2022), Nr. 261 vom 9. November, S. 16.
  11. ↑ Mathias Orbeck: Der spektakuläre Fund vom Dachboden. In: Leipziger Volkszeitung 129 (2023), Nr. 148 vom 28. Juni, S. 16.
  12. ↑ "Der Schatz vom Dachboden". Sonderausstellung ab dem 28. Juni 2023. In: Universität Leipzig. 16. Juni 2023, abgerufen am 29. September 2025.
Personendaten
NAME Mittelmann, Abram
ALTERNATIVNAMEN Mittelmann, Abram Meierowitsch (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG jüdischer Fotograf
GEBURTSDATUM 2. Mai 1876
GEBURTSORT Mahiljou
STERBEDATUM 4. September 1942
STERBEORT Saint-Gilles/Sint-Gillis