Absurdistan (deutsch Absurdistan oder Snack Daddys abenteuerliche Reise) ist ein Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Gary Shteyngart aus dem Jahr 2006. Im selben Jahr erschien die deutsche Übersetzung von Robin Detje unter dem Titel Snack Daddys abenteuerliche Reise; 2017 erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel Absurdistan.
Dem jungen, reichen Russen Mischa Vainberg wird aufgrund eines von seinem Vater begangenen Mordes die Wiedereinreise in die USA verweigert. Um die Wiedereinreise dank einer belgischen Staatsbürgerschaft zu erreichen, erkauft Mischa sich eine solche Staatsbürgerschaft in der Ex-Sowjetrepublik Absurdistan, wo er immer tiefer in den Strudel eines Bürgerkriegs gerät. Am Schluss des Buches bleibt er in Absurdistan gestrandet.
Mischa „Snack Daddy“ Vainberg, in Russland geborener, aber teilweise in den USA erzogener Sohn eines Russenmafia-Paten, lebt widerwillig seit zwei Jahren in Sankt Petersburg. Mischas Antrag auf ein Rückkehr-Visum haben die US-Behörden „neun Mal abgelehnt und sich dabei jedes Mal auf den Mord berufen“, den sein Vater an einen Geschäftsmann aus Oklahoma begangen hat. Während Mischa unter anderem mit seiner auf einem Kurzurlaub weilenden US-Geliebten Rouenna Sales, seiner Stiefmutter Ljuba und seinem besten Freund Robert „Aljoscha-Bob“ Lipshitz Party macht, überbringt ein Zivilpolizist namens Belugin die Nachricht vom Tod des Vaters, Boris Vainberg: Boris sei in seinem Auto auf der Palastbrücke mit einer Mine in die Luft gesprengt worden, gefilmt von einem deutschen Touristen. Einer der nachweislichen Täter: der Kriminelle Oleg der Elch. Polizeihauptmann Belugin macht Mischa klar, dass Oleg trotz der erdrückenden Beweislage aufgrund seiner Vernetzung mit höchsten Kreisen niemals angeklagt werden wird. Belugins Vorschlag: „Wir machen mit Oleg dem Elch einen Deal. Er übernimmt sämtliche Vermögenswerte Ihres Vaters zum fairen Marktwert von 25 Millionen Dollar und legt für den Mord an Ihrem Vater noch einmal drei Millionen drauf.“ Da Mischa ohnehin keine Wahl hat, ist er mit dem Deal einverstanden. Mischas Geliebte Rouenna reist zuvor in die USA zurück, wo sie „in die Fänge des Exilschriftstellers Jerry Shteynfarb“ gerät. Der tieftraurige Mischa hat daraufhin Sex mit seiner Stiefmutter Ljuba: „Wir fühlten uns beide einsam und verlassen.“ Die Nachricht von diesem One-Night-Stand verbreitet sich durch Ljubas Hausangestellte wie ein Lauffeuer, unter anderem dank des Internet. Mischa ertränkt zusammen mit Aljoscha-Bob und dessen Freundin den anschließenden Selbsthass („Stiefmutterficker“) in einem Schwulenlokal, wo Mischa Polizeihauptmann Belugin wiedertrifft, dem Mischa gesteht, dass er in den Westen wolle. Belugin berichtet, er stamme „ursprünglich aus der Republik Absurdsvanï. Aus Absurdistan, wie man auch sagt.“ Einer seiner Freunde, Jean-Michel Lefèvre, arbeite „als Rat an der belgischen Botschaft“ und könne Mischa die belgische Staatsbürgerschaft besorgen: „100.000 Dollar für meinen belgischen Freund und 100.000 für mich als Vermittlungsgebühr“, fordert Belugin, zuzüglich zweimal 20.000 Dollar für eine belgische Arbeitserlaubnis für Mischas Diener Timofej. Mischa ist einverstanden. Auch der ortskundige Aljoscha-Bob reist mit nach Absurdistan.
Noch im Flughafengebäude der absurdischen Öl-Metropole Svanïstadt wird Mischa von korrupten Flughafenbeschäftigten als Sohn von Boris Vainberg identifiziert, der lokale Berühmtheit genießt, da er den US-Öldienstleister KBR vor Ort übers Ohr gehauen hat. Mit Aljoscha-Bob und dem Diener Timofej fährt Mischa gen Innenstadt. „Die Landschaft bestand aus graubraunen Seen, umstanden von den kahlen Skeletten der Ölbohrtürme und den neumodischen Kugelbauten der Raffinerien“ und wird von einer kleinen muslimischen Minderheit sowie abseits der Hauptstadt von „Bergjuden“ bewohnt, hauptsächlich aber von zwei christlich-orthodoxen Volksgruppen: den Svanï und den Sevo, die seit einem Schisma verfeindet sind. Die Republik Absurdistan wird von dem Svanï-Diktator Georgi Kanuk regiert, der das Land zu dessen bevorstehendem 30. Geburtstag seinem Sohn Debil Kanuk schenken will, der zuvor auf blutige Weise die „Spezialeinsatzkräfte“ der Republik führte.
Mischa, Aljoscha-Bob und Timofej steigen im Park Hyatt Hotel ab, wo KBR und Halliburton dermaßen viel Einfluss haben, dass dort Prostituierte ungehindert ein- und ausgehen, sofern sie einen „Dienstleistungsvertrag mit KBR“ haben. Der Hyatt-Direktor Larry Zartarian vermittelt Mischa den Kontakt zu einem demokratischen Oppositionellen namens Trotl, der wiederum den Kontakt zum gewünschten belgischen Botschaftsangestellten Jean-Michel Lefèvre herstellen werde. Mischa trifft den wodkatrunkenen Lefèvre in einer Sackgasse hinter dem hauptstädtischen McDonald’s, wohin Trotl ihn begleitete, erhält seinen belgischen Pass. Unmittelbar nach der Pass-Übergabe brechen Unruhen aus, da angeblich der Diktator Georgi Kanuk in seinem Flugzeug von Sevo-Rebellen abgeschossen worden sei. Zusammen mit Trotl und Timofej will Mischa sich gen Hyatt absetzen, das als „internationales Territorium“ angeblich sicher ist. Trotl wird allerdings von Sicherheitskräften in Hyatt-Nähe aus dem Auto gezerrt und zusammen mit elf weiteren demokratischen Oppositionellen erschossen, die in der Presse als Hintermänner des Sevo-Putschversuches dargestellt werden. Gleichzeitig berichtet die Presse von einem Treffen Debil Kanuks mit den Anführern „des Sevo-Aufstands, die sich selbst Demokratisches Ordnungs- und Reinheits-Schutzkomitee, kurz DORSCH, nennen.“ Mischa will sich zusammen mit Timofej und Aljoscha-Bob von der US-Army evakuieren lassen, doch das scheitert daran, dass Mischa als Sohn des Mörders Boris Vainberg identifiziert wird. Mischa und Timofej müssen in Absurdistan bleiben, Aljoscha-Bob reist ab.
Zwischen Kanuk und DORSCH wird ein Waffenstillstand geschlossen. Mischa versucht sich in der Stadt, die von „Bundesheer und DORSCH-Truppen“ belagert wird, durch ein touristisches Programm abzulenken und nimmt sich daher als Fremdenführerin die Sevo-Angehörige Nana Nanabragovna, angesichts derer Mischa „bereit für eine neue Liebe“ wird. Über Nana lernt Mischa außerdem deren Vater kennen, den DORSCH-Chef Timur Nanabragov, der Mischa gegenüber feststellt, bei dem Bürgerkrieg ginge es womöglich um „eine Pipeline, die entweder durch das Gebiet der Sevo oder der Svanï gelegt werden soll, und wer mehr Profit daraus schlägt.“ Im Dunstkreis einer KBR-Feier auf dem Dach des Hyatt erfährt Mischa später von Hoteldirektor Zartarian, dass DORSCH befohlen habe, das Dach bis zum Folgetag für ukrainische Söldner zu räumen, und von texanischen KBR-Leuten, dass „Jungs aus der Ukraine hier die Inferstruktur zu Klump schießen“ sollen. Ebenfalls wird darauf angespielt, dass KBR aufgrund einer Klausel eines LOGCAP-Exklusivvertrags je mehr Geld an der US-Außenpolitik verdiene, je mehr KBR ausgebe, selbst wenn es nutzlose Ausgaben seien. Während eines Gesprächs mit Timur Nanabragov, in dem Nanabragov Mischa eine Ehe mit Nana nahelegt, einen Ministerposten andient sowie den Juden Mischa als Diplomat bei den Israelis ins Spiel bringt, beschießen die ukrainischen Söldner tatsächlich mit Katjuscha-Raketen den svanïstädtischen Stadtteil Gorbigrad. Mischa mutmaßt, die Gewalt könne deswegen wieder aufgeflammt sein, weil er den DORSCH-Leuten gegenüber festgestellt hatte, die Situation in Absurdistan sei wegen eines von der Polizei erschossenen Studenten beim G8-Gipfel in westlichen Medien nicht ausreichend präsent. Nanabragov beruhigt ihn: „Morgens bombardieren unsere ukrainischen Freunde die svanïschen Teile von Gorbigrad und abends die sevischen. Immer abwechselnd, verstehst du? Aber für die Außenseiter sieht es wie ein echter Krieg aus. Als würden wir einander in Stücke reißen. Hilfe, Hilfe, USA! Rettet unser Öl.“ Der befriedigende Medienerfolg dieser Finte wird in einer DORSCH-Sitzung ausgewertet, an der Mischa als frischgebackener Minister für Multikulturelle Angelegenheiten teilnimmt. Allerdings bewirkt die wirre Lage auch Plünderungen und Bandenkriminalität in Svanïstadt. Und die Lage eskaliert so weit, dass es während eines Drogen-Exzesses des auf dem Nanabragov-Anwesen weilenden Mischa zu einem „Angriff mit schultergestützten Raketen und Artillerie“ auf das internationale Viertel kommt, bei dem auch das Hyatt zerstört wird. Immer noch drogenberauscht quartiert sich Mischa in einem heruntergekommenen Intourist-Hotel ein. Mischas neues Hotel bleibt deswegen von der Eskalation der Gewalt verschont, „weil beinahe alle Schützen einen Verwandten hinter den dicken Betonmauern hocken hatten“, die zu einem Sammelbecken der Geflüchteten aller Schattierungen werden, darunter außer Mischa und dessen Diener Timofej unter anderem Larry Zartarian und dessen Mutter oder Jean-Michel Lefèvre und dessen Liebhaber aus dem McDonald’s.
Bereits einige Zeit vor dem Angriff auf das internationale Viertel hatte Mischa von Aljoscha-Bob eine E-Mail bekommen, er solle sich „um Himmels willen von der Familie Nanabragov fern […] halten und sofort aus Absurdistan […] verschwinden.“ Kurz zuvor hatte Mischa eine E-Mail von Rouenna empfangen, sie sei von Jerry Shteynfarb geschwängert und sitzen gelassen worden. Damit verlocken Mischa seine beiden „einzigen Freunde“, Absurdistan zu verlassen. Tatsächlich bietet sich eine Flucht-Möglichkeit: Nana kommt in das Intourist-Hotel und nennt als Flucht-Chance einen American-Express-Luxuszug, der sie und Mischa über die Grenze fahren könne. Nana fordert von Mischa, er solle jetzt zu Nanas Vater gehen, der in einem Restaurant speise: „Du sagst ihm, er kann uns mal. Du sagst ihm, wir machen die Fliege.“ Timur Nanabragov beklagt sich dort Mischa gegenüber, dass wegen eines Lynchmords an den ukrainischen Söldnern und eines ebenfalls auf der Hyatt-Dachterrasse tätigen russischen Staatsbürgers die Russen mit Luftangriffen drohten: „Na, wenn uns die Amerikaner angreifen würden, wären wir ein Stück weiter. […] Mischa, du solltest wirklich mit Israel reden“, konkret mit einem Mossad-Agenten im Intourist-Hotel. Mischa versucht dem Mossad-Agenten sein ministeriales Konzept für ein „Kaspisches Institut für Holocaust-Studien bzw. Museum der sevisch-jüdischen Freundschaft“ näherzubringen, das „gut für die Juden“ wäre. Woraufhin der Mossad-Agent entgegnet: „Weißt du, was alles andere als gut für die Juden ist? […] Du.“ Wie schon Nana legt der Mossad-Agent Mischa nahe, den American-Express-Luxuszug am 7. September 2001 zu nehmen, „der am 8. die Grenze erreicht.“ Außerdem klärt der Mossad-Mann Mischa darüber auf, dass laut der Kenntnisse des Mossad Absurdistan die meisten Ölreserven bereits zu Sowjetzeiten gefördert habe, dass Georgi Kanuks Flugzeug nie abgeschossen worden sei und die Kanuks mit 2,4 Millionen Dollar KBR-Bestechungsgeldern inzwischen am Zürichsee residierten. Die gleiche Summe sei an Timur Nanabragov geflossen, um durch seine Mithilfe in einer zwischen Russland und dem Iran gelegenen und somit geostrategisch wichtigen Region durch ein blutiges Theater eine vermeintliche Humanitäre Intervention heraufzubeschwören, in deren Folge eine „gigantische US-Militärpräsenz auf Friedensmission“ errichtet werden sollte, an der KBR infolge des LOGCAP-Exklusivvertrags verdiene. „Aber zweierlei ging schief. Der Krieg geriet außer Kontrolle. […] Und dann kam es noch schlimmer. Die Welt verschloss die Augen. […] Ich meine das amerikanische Volk. […] Weil die Amerikaner sich nämlich unmöglich mit einem Land identifizieren können, das sich schreibt und ausspricht wie Absurdsvanϊ. Wenn man Nägel mit Köpfen machen will, muss das Land sich als Vorname für ein Kind eignen. Ruanda Jones. Somalia Cohen. […] Und wir kommen mit dieser Republika Absurdsvanϊ. Ein hoffnungsloser Fall.“
Entsprechend der Empfehlung des Mossad-Agenten und Nanas besteigt Mischa mit Nana und Timofej den American-Express-Luxuszug, obgleich ihm Nanas Vater drohte: „Du musst mir versprechen, dass du mir meine Nana nicht wegnimmst. […] Sonst würde ich ganz, ganz böse werden.“ Auf der Fahrt hält der American-Express-Luxuszug, weil fliegende Händler an der Strecke ihre Ware feilbieten. Mischa steigt aus, um eine Nachspeise zur Zugverpflegung zu kaufen. Die fliegenden Händler stellen sich nur als Finte der „Bergjuden“ heraus, die vom Mossad-Agenten informiert wurden, dass man den flüchtigen Juden Mischa Vainberg im Auftrag des wegen Mischas Flucht empörten Timur Nanabragov durch Nanabragov-Leute umbringen lassen und Nana zurück zu ihrem Vater bringen werde. Mischa, Timofej und Nana verlassen den Zug, kommen bei den „Bergjuden“ unter, wo Mischa abermals mit dem Wirken seines Vaters konfrontiert wird: Boris Vainberg hat den „Bergjuden“ eine „Replik der Klagemauer“ gesponsert und dafür eine Gedenktafel errichtet bekommen mit Widmung und vermeintlichem Boris-Vainberg-Zitat: Mit allen nötigen Mitteln. „Hatte mein Papa gewusst, dass der Satz von Malcolm X geklaut war?“ Dieses Zitat gibt Mischa den letzten Impuls, eine Rückkehr zu seiner wahren Liebe Rouenna zu versuchen, sich dem Nanabragov-Clan einschließlich Nanas zu entwinden und somit seinen beiden einzigen Freunden Rouenna und Aljoscha-Bob gerecht zu werden. „Wir fahren nicht nach Belgien, Timofeij. Wir schlagen uns nach New York durch. Mit allen nötigen Mitteln.“ Ohne Nana. An Rouenna mailt Mischa: „Wenn du Shteynfarbs Kind haben möchtest, dann mach nur. Es wird auch mein Kind sein.“
Beim Roman Absurdistan handelt es sich um eine in Ich-Form erzählte, zutiefst ironische Satire über Multikulturalismus. Die erzählte Zeit erstreckt sich vom 15. Juni 2001 bis in die zweite Woche des September 2001, was der US-Literaturwissenschaftler Dean J. Franco dahingehend deutet, dass der Konsumexzess und politische Nihilismus des Romans durch etwas weitaus Schlimmeres wie Nine Eleven relativiert würden. Weite Strecken des Romans bestehen allerdings aus Rückblenden auf Mischas Leben in Russland (bis zurück auf seine Zeit als Baby) und sein Leben in den USA, beispielsweise sein Liebesleben mit Rouenna oder die von Boris Vainberg gewünschte Beschneidung Mischas in New York durch eine Gruppe von „fanatischen Chassidim und ihren unterbezahlten Handlangern im städtischen Krankenhaus“. Orte der Handlung sind Sankt Petersburg, Mischas College im Mittleren Westen, New York sowie die am Kaspischen Meer gelegene fiktive Republik Absurdistan: „Im Süden die Perser, in den anderen Himmelsrichtungen die Türken, weiter im Norden die Russen.“
Mischa „Snack Daddy“ Vainberg hat zwei Obsessionen: hemmungsloses Essen, in dem er keine dauerhafte Erfüllung findet, und das unverblümt geschilderte Befriedigen sexueller Begierden, die ihm seiner Ansicht nach dauerhaft nur von Rouenna erfüllt werden. Durchziehendes zentrales Thema ist aber die Suche nach Identität, die für Shteyngart nicht von nationalen Grenzen oder bestimmten wirtschaftlichen Systemen abhängt. Ebenso wenig hänge moralisches Handeln von der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Systemen oder Gruppen ab: Nation, Religion oder Kultur stellen keine Quelle moralischen Handelns dar, sondern korrumpierten moralisches Handels sogar.
„Ich bin ein Amerikaner, eingesperrt im Körper eines Russen“, jammert Mischa an einer Stelle des Romans, in dem Nationalismus keine stabile Identität erzeugt, sondern eine instabile Schlussfolgerung ist. Die weitgehende Verhöhnung von Nationalismen in dem Roman bezieht sich nicht nur auf die Absurdis, die zweifach als „Kretins des Kaukasus“ bezeichnet werden und von denen der Sevo-Anteil noch am besten wegkommt als leicht zu beeindruckendes Volk, „umgeben von intellektuell wenig anspruchsvollen Nationen“. Sondern die weitgehende Verhöhnung von Nationalismen tritt bei allen Nationen, Ethnien und Unter-Ethnien auf, die in dem Roman vorkommen und mit Stereotypen bedacht werden. Nicht verschont von spöttischen Bemerkungen bleiben somit die Deutschen, diverse Kaukasus-Völker, die Israelis, mehrfach Mischas russische Landsleute (z. B.: „Nation aus aufdringlichen, in eine tölpelhafte Moderne geschleuderten Kleinbauern“) und schwerpunktmäßig die Landsleute des Autors. Die Verspottung der US-Amerikaner kann dabei entweder im Speziellen erfolgen, z. B. anhand der Bewohner Brooklyns oder der Texaner (reden „in ebenso idiomatischem wie idiotischem Englisch“). Oder die spöttische Kritik an den US-Amerikanern als „Nation, die mehr aus dem Bauch lebt als aus dem Kopf“ erfolgt im Allgemeinen, z. B. wenn die Disneyisierung der US-Politik beklagt wird: „In ganz Amerika erodierte die Membran zwischen Kindheit und Erwachsenenleben, das Fantastische und das Persönliche verschmolzen miteinander, reife Sorgen regredierten in einen rosa Kinderdunst. […] Wir wollten […] es mit den irdischen Mächten unter uns aufnehmen und für irgendjemandes Rechte kämpfen, egal wessen. […] Es zeigt sich, dass Demokratie den Stoff zum allerliebsten Zeichentrickfilm aller Zeiten abgab.“
„Ich bin ein tief ungläubiger Jude und finde weder in Nationalismus noch Religion meinen Frieden“, gesteht Mischa Vainberg bereits im Prolog des Buches und meint später: „Wenn du wissen willst, zu wem ich bete […], es ist das heilige Hier und Jetzt.“ Entsprechend schonungslos werden chassidische Juden in New York verspottet oder die eskalierende Auseinandersetzung mit den Essgewohnheiten eines Chassiden im Flugzeug nach Absurdistan geschildert. „Was immer du auch vom Judentum halten magst“, bekundet Mischa, „im Grunde handelt es sich um ein System aus kodifizierten Ängsten. Es dient der Kontrolle über ein schon von vornherein nervöses und verleumdetes Volk.“ Hauptobjekt des Religionsspotts ist neben Mischas (und Gary Shteyngarts) Geburtsreligion das Sevo-Svanï-Schisma, das der Ich-Erzähler seitenlang „in einer hoffentlich unterhaltsamen Hiphop-Manier“ aufbereitet: Während die Svanï das Russische Kreuz mit dem üblichen, nach rechts abschüssigen Fußbänkchen verehren, verehren die Sevo das Russische Kreuz mit einem nach links abschüssigen Fußbänkchen. Dieses von außen betrachtet absurde Schisma dient als eine von mehreren Schutzbehauptungen zur Anzettelung des absurdischen Bürgerkrieges, hinter dem letztlich finanzielle Interessen stehen. Insgesamt bleibt laut dem Roman kein Teil der Religion unberührt von „der korrumpierenden Hand der Vermarktung“, was sich insbesondere auch in Mischas kapitellangem Konzept für ein „Kaspisches Institut für Holocaust-Studien bzw. Museum der sevisch-jüdischen Freundschaft“ zeigt.
Der US-Literaturwissenschaftler Dean J. Franco betont hinsichtlich des Romans Absurdistan, dass Walter Benn Michaels Kultur als soziales Konstrukt und weniger diskreditierten Zwilling des Begriffs Rasse ansehe. Daher werde am Ende des Buches auch das Malcolm-X-Zitat „By any means necessary“ verwendet: Kultur sei für Malcolm X ein soziales Konstrukt gewesen und damit, ebenso wie Gewalt, ein Werkzeug zur Interessendurchsetzung. Wenn Mischa, der am College Multicultural Studies als Hauptfach hatte, absurdischer Minister für Multikulturelle Angelegenheiten wird, diene er damit nur den Interessen der Mächtigen unter dem bloßen Anschein, etwas für die Ohnmächtigen zu tun. Am Ende des Buches hat Mischa, der den New Tribalism „als zornige Antwort auf die kulturelle Gleichmacherei der Globalisierung“ ansieht und Kulturrelativismus als Totschlagargument für individuelle oder Gruppen-Fehler, allerdings seinen Glauben an den Multikulturalismus verloren. Mischa besitzt er nichts mehr, woran er glauben könnte: Nation, Religion, Kultur sind allesamt Werkzeuge des Gelderwerbungstriebs.
The New York Times Book Review listete Absurdistan als eines der 10 besten belletristischen Bücher des Jahres 2006. Darüber hinaus wurde der Roman von verschiedenen renommierten US-amerikanischen Tageszeitungen zum Buch des Jahres gewählt.