Actio und Reactio

Körper A (der Apfel) wird über die Gravitation von Körper B (die Erde) angezogen, daher greift die Kraft („Actio“) am Schwerpunkt des Apfels an. Aufgrund des Wechselwirkungsprinzips muss nun am Schwerpunkt der Erde die Kraft („Reactio“) angreifen. Der Apfel ist mit seinem Stiel am Baum befestigt und somit wirkt zusätzlich eine Zwangskraft auf den Apfel, die ihn am Fallen hindert. Zwangskraft und Actio bilden ein Kräftegleichgewicht (am gleichen Körper). Actio und Reactio bilden dagegen das in diesem Artikel beschriebene Wechselwirkungspaar (an zwei Körpern).

Das Prinzip von Actio und Reactio, auch Reaktionsprinzip, Gegenwirkungsprinzip, Wechselwirkungsprinzip oder drittes Newtonsches Axiom, ist das dritte Newtonsche Gesetz. Es besagt, dass bei der Wechselwirkung zwischen zwei Körpern jede „Aktion“ (Kraft von Körper A auf B) gleichzeitig eine gleich große Gegenkraft von Körper B auf A) erzeugt:

Oft wird es auch „Actio et Reactio“ (lateinisch für ‚Aktion und Reaktion‘), „Actio est Reactio“ (lateinisch für ‚Aktion ist [gleich] Reaktion‘) oder „Aktion gleich Reaktion“ genannt.

Grundlagen

Das Prinzip von Actio und Reactio ist die lex tertia nach Sir Isaac Newton.

“Lex III. Actioni contrariam semper et aequalem esse reactionem: sive corporum duorum actiones in se mutuo semper esse aequales et in partes contrarias dirigi.”

„Die Wirkung[actio] ist stets der Gegenwirkung[reactio] gleich, oder die Wirkungen zweier Körper auf einander sind stets gleich und von entgegengesetzter Richtung.“

– Isaac Newton: Philosophiae naturalis principia mathematica. Bd. 1 Tomus Primus. London 1726, S. 14.

Aus moderner Sicht sollte man statt der beiden Wörter Wirkung oder Aktion hier Kraft lesen, denn die Bedeutung der beiden erstgenannten Wörter ist in der heutigen Physik anders festgelegt. Eine Kraft ist eine zeitliche Änderung des Impulses. Das Prinzip von Actio und Reactio ist damit äquivalent zur Impulserhaltung in abgeschlossenen Systemen. Denn genau wenn der Gesamtimpuls konstant ist,

,

gilt

,

wobei

die Kraft ist, die von den anderen Körpern auf den i-ten Körper insgesamt ausgeübt wird. Die zeitliche Konstanz des Gesamtimpulses ist demnach äquivalent dazu, dass die Summe aller Kräfte in einem abgeschlossenen System Null ergibt.

Nach dem Noether-Theorem lässt sich die Impulserhaltung wiederum aus der Homogenität des Raumes herleiten, also aus der Tatsache, dass die physikalischen Gesetze nicht von der Position im Raum abhängen.

Zu beachten ist, dass eine unmittelbare Fernwirkung zweier Körper aufeinander in der speziellen Relativitätstheorie, in Feldtheorien wie der Elektrodynamik und der allgemeinen Relativitätstheorie nicht existieren kann. Hier gilt vielmehr die Impulserhaltung bzw. Energie-Impulserhaltung des Gesamtsystems aus Körpern und Feldern.

Wechselwirkung und Gleichgewicht

Das Wechselwirkungsprinzip, bei dem Kraft und Gegenkraft auf unterschiedliche Körper wirken, darf nicht mit einem Kräftegleichgewicht verwechselt werden, bei dem sich zwei gleich große, aber entgegengesetzte Kräfte an einem Körper ausgleichen (und damit der Bewegungszustand des Körpers unverändert bleibt, in der Abbildung zum Apfel am Baum beim hängenden Apfel der Fall). Um diese Unterscheidung zu erleichtern, wird manchmal auch die Bezeichnung „Reaktionskraft“ oder „Wechselwirkungskraft“ verwendet für die Kraft, die aufgrund des Wechselwirkungsprinzips rückwirkt.

Erklärungen

Ganz allgemein gilt: Wenn ein Körper eine Kraft auf einen anderen Körper ausübt, wird er selbst von dem anderen Körper genauso stark (zurück-)beeinflusst. Wenn bei dieser Wechselwirkung der Bewegungszustand des einen Körpers geändert wird, so erfolgt Gleiches für den anderen Körper in die entgegengesetzte Richtung. Die Veränderung der Geschwindigkeiten beider Körper ist dabei nur in Sonderfällen gleich, tatsächlich ist die Änderung des Impulses gemeint.

In Newtons Mechanik verlangt das dritte Axiom zwingend, dass bei einer Kraft zwei Körper beteiligt sein müssen, die beide in jedem Augenblick die genau gleiche, aber entgegengesetzte Kraft erfahren. Kräfte können also nur von Körpern ausgehen und nur auf Körper wirken. Deshalb kann ein Vakuum oder ein Sog allein keine Kraft ausüben. Beim Apfel am Baum wirkt die Schwerkraft zwischen den Körpern Erde und Apfel, diese beiden Kräfte (einerseits auf den Apfel, andererseits auf die Erde) sind die Wechselwirkungskräfte im Sinne von Actio und Reactio. Dazu kommt die Haltekraft zwischen Apfel und Ast (die wiederum eine Wechselwirkungskraft zwischen Baum und Erde besitzt). Auf den einen Apfel selbst wirken zwei Kräfte. Er bleibt in Ruhe, es herrscht Kräftegleichgewicht. Erst wenn die Haltekraft wegfällt, bewegt sich der Apfel gleichmäßig beschleunigt auf die Erde zu und diese fällt beschleunigt auf den Apfel zu. Die Beschleunigung der Erde ist aber viel geringer als die Erdbeschleunigung von ungefähr 9,81 m/s2 (mit der sich die Geschwindigkeit des Apfels verändert), da die Masse der Erde die des Apfels um viele Größenordnungen übersteigt.

Beispiele:

Einzelnachweise

  1. ↑ Digitalisat (Memento vom 22. Dezember 2015 im Internet Archive) – wortgleich in der Auflage Genf 1739, S. 23 (Digitalisat, 60 of 589). Übersetzung
  2. ↑ Skriptum Elektrodynamik und Relativitätstheorie (Seite 4) (PDF; 13,4 MB)