Brackmann stammt aus einer Braunschweiger Beamten- und Pastorenfamilie. Er wurde als Sohn des Gymnasialoberlehrers Albert Brackmann (1835–1878) und dessen Frau Wilhelmine, geb. Mirow (1848–1933), in Hannover geboren. Großvater und Urgroßvater väterlicherseits waren Superintendenten; mütterlicherseits stammt Brackmann aus der Hannoveraner Industriellendynastie Egestorff. Brackmann wuchs in Göttingen auf, wohin seine Mutter nach dem Tod des Vaters gezogen war. Nach dem Abitur, das Brackmann Ostern 1889 in Göttingen ablegte, absolvierte er seit dem Sommersemester 1889 zunächst ein Theologiestudium an den Universitäten Tübingen, Leipzig und Göttingen, das er 1895 mit dem zweiten theologischen Examen abschloss. Seit Ostern 1895 studierte er in Göttingen deutsche Philologie und Geschichte und legte im Mai 1896 das philologische Staatsexamen mit der Lehrbefähigung in Religion und Hebräisch ab. Während seines Studiums wurde er Mitglied des „Studenten-Gesangvereins der Georgia Augusta“ (heute StMV Blaue Sänger Göttingen). Nach abgeschlossener Erweiterungsprüfung erhielt Brackmann im November 1897 die Lehrbefugnis in deutscher Sprache und Geschichte und unterrichtete diese Fächer am Gymnasium zu Göttingen. Im Dezember 1898 wurde Brackmann in Göttingen mit der von Paul Kehr betreuten Arbeit Urkundliche Geschichte des Halberstädter Domkapitels im Mittelalter. Ein Beitrag zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der deutschen Domkapitelpromoviert. Mit 27 Jahren gehörte er zum Stab der Monumenta Germaniae Historica. Er spezialisierte sich in der Kaiser- und Papstgeschichte und wurde 1901 Herausgeber der Germania Pontificia, der Sammlung der für deutsche Empfänger bestimmten Papsturkunden.
Brackmann war zunächst Hauslehrer bei Baron von Alten in Hemmingen bei Hannover und wissenschaftlicher Hilfslehrer am Luisenstädtischen Gymnasium in Berlin und unterrichtete ab 1902 in der Stellung eines Oberlehrers an einer Schule in Hannover.
Von 1919 bis 1925 war Brackmann Mitglied der DVP, später der DNVP, ab 1926 Mitglied im 1894 gegründeten „Deutschen Ostmarkenverein“, aus dem 1933 im Zusammenschluss mit anderen ostdeutschen Volkstumsverbänden der Bund Deutscher Osten wurde. 1936 trat Brackmann in den Ruhestand. Weder seine Reputation als Gelehrter noch seine guten Beziehungen zum NS-Regime zwangen ihn dazu, „sich dem kleinen Kreis der durch und durch Überzeugten anzuschließen – auch wenn er in unmittelbarer Nähe zu dieser Strömung seine Bahnen zog“.
Wissenschaft im Dienste der Politik
Brackmann gilt in der heutigen Geschichtsschreibung in Bezug auf den NS-Staat als „höchstrangiger deutscher Historiker“ (Wolfgang J. Mommsen) oder als „graue Eminenz der Ostforschung“ (Mathias Beer). Ein biografischer Lexikoneintrag von 1973/95 hält fest, dass er mit Eintritt in den Ruhestand 1936 „auch weiterhin an entscheidender Stelle tätig“ war, was mehr verbirgt als enthüllt.
Folgenreich war vor allem Brackmanns Rolle im Geheimen Staatsarchiv, in dem 1931 die Publikationsstelle Berlin-Dahlem für die Ostforschung eingerichtet wurde, die mit Kriegsbeginn gegen Polen und beim Deutsch-Sowjetischen Krieg von praktischer Bedeutung für die gesamte „Volkstumspolitik“ in Osteuropa wurde, z.B. durch die Verwaltung der Deutschen Volksliste. Die P-Stelle stand von Anfang an in engster Verbindung mit dem Reichsministerium des Innern und dem Auswärtigen Amt. Brackmann arbeitete 1939 an einer Denkschrift zur „Eindeutschung Posens und Westpreußens“ mit, in der die sofortige Umsiedlung von 2,9 Millionen Polen und Juden gefordert wurde. Wie sehr Brackmann auch an einer Zusammenarbeit mit einem „hirnverbrannten Antisemiten“ wie Otto Reche (so Michael Burleigh [1994], S. 73) gelegen war, zeigte sich darin, dass er dessen Bemerkungen über die Polen –die Deutschen brauchten Raum und keine „polnischen Läuse im Pelz“– billigte und ihn zu weiteren Denkschriften zur Aus- und Umsiedlung von Polen, Ukrainern und Sorben aufforderte und ans Reichsinnenministerium weiterempfahl.
Gleich nach dem Überfall auf Polen fertigte Brackmann auf Bestellung der SS für deren „Ahnenerbe“-Verlag eine Propagandaschrift mit dem Titel Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild an. Das Buch richtete sich gezielt gegen alle von der polnischen Westforschung mit Sitz in Posen vorgelegten Befunde, die sich spiegelbildlich ebenfalls kritisch bis polemisch auf alle Ergebnisse der Ostforschung bezogen und in Gestalt von Zygmunt Wojciechowski in das nationalpolnische Fahrwasser von Roman Dmowski begeben hatte. Brackmann schrieb in hervorgehobenem Breitdruck:
„Welches andere Volk hat für Osteuropa das geleistet, was die Deutschen dort geleistet haben? Welches andere Volk ist mit den Völkern Osteuropas in so enge Beziehung gekommen wie das deutsche? Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen kann es nicht zweifelhaft sein, wer ein größeres Anrecht darauf hat, bei der Neuordnung Osteuropas mitzureden: nicht die Franzosen oder Engländer, sondern die Deutschen.“
Mit Heinrich Himmler persönlich verband Brackmann dessen hohe Einschätzung der Ottonen in Gestalt von HeinrichI. und OttoI. Zu seinem siebzigsten Geburtstag machte ihm die Führungsspitze des NS-Staates die Aufwartung: Göring, Frick, Ribbentrop mit Adolf Hitler an der Spitze, der ihm die höchste Wissenschaftsauszeichnung des Reichs überreichte, den „Adlerschild des Deutschen Reiches“. Die Behauptung Brackmanns, dass die Publikationsstelle zu einer „Zentralstelle für die wissenschaftliche Beratung“ des NS-Regimes aufstieg, wurde 2007 als realistisch eingeschätzt.
Zusammenfassend stellt Michael Burleigh Brackmann in seiner Bedeutung so vor: „Provided one pandered to his sense of self-importance, Brackmann had a utility to the regime far greater than the mere nuisance value of Walter Frank.“ (Deutsch: Vorausgesetzt man schloss sich Brackmanns Einschätzung seiner eigenen Wichtigkeit an, hatte er für das Regime einen weit größeren Wert als dem bloßen Ärgernis-Wert eines Walter Frank) Über die beiden von ihm dominierten Institutionen der Publikationsstelle und der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft, die „Denkfabriken der Ostforschung“, gilt er als beteiligt an der Parzellierung Europas, an organisiertem Kunstraub und an der Vorbereitung des Völkermords. Nach Burleigh hat Brackmann am Ende seines langen Lebens auf sein verwüstetes Vaterland in der Annahme blicken können, dass die Nachfolge in seinem Reich bei seiner akademischen Klientel und seinen Schülern wie Hermann Aubin, Walter Kuhn und Erich Keyser in guten Händen liege. In Brackmanns Todesjahr veröffentlichten Hermann Aubin und Erich Keyser den ersten Band der Zeitschrift für Ostforschung.
Brackmanns Ruhestand 1936 war nicht freiwillig (er wollte auch über das offizielle Ruhestandsalter hinaus weiter als Archivdirektor arbeiten), sondern durch eine Intrige des nationalsozialistischen Historikers Walter Frank erzwungen.
Nachkriegszeit
Mit dem Ende des Dritten Reiches verlor Brackmann seine Pension und lebte mit einer schweren Herzkrankheit sehr eingeschränkt in Blankenburg am Harz. Seine Bibliothek hatte den Krieg überstanden, wurde ihm aber nicht zurückerstattet. Er nutzte die Feindschaft zu Walter Frank erfolgreich, um gegenüber der Entnazifizierungskommission eine Gegnerschaft zum nationalsozialistischen Regime zu behaupten, und konnte zahlreichen ehemaligen Archivkollegen mit Hilfe von Persilscheinen in deren Anhörungsverfahren den Weg zur Rückkehr in das staatliche Archivwesen bahnen. Den Bemühungen seiner früheren Mitarbeiter Oskar Kossmann, Hermann Aubin und Erich Keyser um eine Fortführung der Arbeit der Publikationsstelle Berlin-Dahlem und der „Ostforschung“ überhaupt, die in die Gründung des Herder-Instituts in Marburg mündeten, stand er positiv gegenüber, konnte jedoch nicht mehr selbst eingreifen.
1950 konnte er die Deutsche Demokratische Republik verlassen und in eine Mietwohnung in Berlin-Dahlem umziehen. Seit 1946 bis zu seinem Tod arbeitete er an einer Darstellung seiner staats- und kirchenpolitischen Vorstellungen zu Antike und Mittelalter („Staat und Kirche“, das Manuskript befindet sich im Archiv der Monumenta Germaniae Historica). 1948 wurde er zum Ehrenmitglied des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare und zu einem der ersten korrespondierenden Mitglieder der neuen Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica gewählt. An deren Neuorganisation hatte er durch ein Gutachten mitgewirkt.
1898: Urkundliche Geschichte des Halberstädter Domkapitels im Mittelalter. Ein Beitrag zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der deutschen Domkapitel (Dissertation).
1931: Die Anfänge der Slawenmission und die Renovatio imperii des Jahres 800. In: Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften.
1932: Der ‚römische Erneuerungsgedanke‘ und seine Bedeutung für die Reichspolitik der Kaiserzeit.
1933: (Hrsg.): Deutschland und Polen. Beiträge zu ihren geschichtlichen Beziehungen.
1934: Die Anfänge des polnischen Staates. In: Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften.
1935: Reichspolitik und Ostpolitik im frühen Mittelalter. In: Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften.
1936: Zantoch. Eine Burg im deutschen Osten.
1937: Die politische Bedeutung der Mauritius-Verehrung im frühen Mittelalter. In: Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften.
1937: Magdeburg als Hauptstadt des deutschen Ostens im frühen Mittelalter (zur 1000-Jahr-Feier des Moritzklosters in Magdeburg). H. Schmidt & C. Günther, Pantheon-Verlag für Kunstwissenschaft, Leipzig.
1938: Die Anfänge der abendländischen Kulturbewegung in Osteuropa und deren Träger. In: Jahrbuch für die Geschichte Osteuropas 3, S. 185–215.
1939: Kaiser OttoIII. und die staatliche Umgestaltung Polens und Ungarns. In: Abhandlungen der Preußischen Akademie der Wissenschaften.
1939: Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild.
1940: Die Anfänge des polnischen Staates in polnischer Darstellung. In: Festschrift für Ernst Heymann. Weimar, S. 62–94.
1941: Albert Brackmann. Gesammelte Aufsätze. Zu seinem 70. Geburtstag am 24. Juni 1941 von Freunden, Fachgenossen und Schülern als Festgabe dargebracht (mit Verzeichnis Die Schriften Albert Brackmanns, S. 531–541; um den Aufsatz von 1947 erweiterte Zweitauflage dieser Festschrift 1967 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft). Digitalisat der Erstauflage; https://books.google.de/books?id=BmjiAAAAMAAJ.
1947: GregorVII. und die kirchliche Reformbewegung in Deutschland. In: Studi Gregoriani, Bd. 2, S. 7–30.
Literatur
Gerd Althoff: Die Beurteilung der mittelalterlichen Ostpolitik als Paradigma für zeitgebundene Geschichtsbewertung. In: Gerd Althoff (Hrsg.): Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter. Darmstadt 1992, S. 147–164.
Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten. 2., durchges. und verb. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-35942-X.
Ulrike Höroldt: Zur Nachkriegskorrespondenz des ehemaligen Generaldirektors der Preußischen Staatsarchive Albert Brackmann. In: Christine van den Heuvel u.a. (Hrsg.): Perspektiven der Landesgeschichte. Festschrift für Thomas Vogtherr (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. Band 312). Wallstein, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8353-3747-3, S. 695–718.
Martin Koschny: „Das Verhalten der Russen in Ostpreußen war leider Gottes ‚echt russisch‘.“ Albert Brackmanns Russlandbild in den Ostpreußischen Kriegsheften während seiner Zeit an der Albertina in Königsberg. In: Matthias E. Cichon u.a. (Hrsg.): Den Slawen auf der Spur. Festschrift für Eduard Mühle zum 65. Geburtstag. Herder-Institut, Marburg 2022 (= Studien zur Ostmitteleuropaforschung. Band 55), ISBN 978-3-87969-476-1, S. 147–176.
Sven Kriese: „Gute Freundschaft mit dem kleineren bayerischen Bruder“. Die Generaldirektoren der Preußischen Staatsarchive und Reichsarchivleiter Albert Brackmann und Ernst Zipfel und die Staatlichen Archive Bayerns. In: Archivalische Zeitschrift 96, 2019: Die Staatlichen Archive Bayerns in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 11–30.
Leo Santifaller: Albert Brackmann. Zum Gedächtnis an den zehnjährigen Todestag 17. März 1952. In: Der Archivar 15, 1962, Heft 4, S. 318 ff.
Thomas Schöbel: Albert Brackmann und die Publikationsstelle Berlin-Dahlem. In: Jessica Hoffmann, Anja Megel, Robert Parzer, Helena Seidel (Hrsg.): Dahlemer Erinnerungsorte. Mit einem Nachwort von Wolfgang Wippermann, Berlin 2007, ISBN 978-3-86596-144-0, S. 229–243.
Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. 2. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt 1999, ISBN 3-518-28933-0.
↑Verband Alter SVer (VASV): Anschriftenbuch. Mitgliederverzeichnis sämtlicher Alten Herren. Stand vom 1. Oktober 1937. Hannover 1937, S. 71.
↑Eintrag zu Albert Brackmann im AHV-Verzeichnis des „Studenten-Gesangvereins der Georgia Augusta“.
↑Torsten Musial: Staatsarchive im Dritten Reich. Zur Geschichte des staatlichen Archivwesens in Deutschland 1933–1945. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1996, S. 24.
↑Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Band 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Band 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 47.
↑Wolfgang J. Mommsen: Vom „Volkstumskampf“ zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in Europa. Zur Rolle der deutschen Historiker unter dem Nationalsozialismus. In: Winfried Schulze, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1999, S. 183–214, hier: S. 183.
↑Parallel mit gleichem Untertitel schrieb Wilhelm Ziegler 1939 im selben Verlag über Frankreich: Was wird mit Frankreich? Ein weltgeschichtliches Bild, Berlin-Dahlem 1939.
↑Albert Brackmann: Krisis und Aufbau in Osteuropa. Ein weltgeschichtliches Bild. Ahnenerbe-Stiftung Verlag, Berlin-Dahlem 1939, S. 50.
↑Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. London 2002, S. 132.
↑Thomas Schöbel: Albert Brackmann und die Publikationsstelle Berlin-Dahlem. In: Jessica Hoffmann, Anja Megel, Robert Parzer, Helena Seidel (Hrsg.): Dahlemer Erinnerungsorte. Berlin 2007, S. 229–243, hier: S. 234.
↑Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. London 2002, S. 137.
↑Thomas Schöbel: Albert Brackmann und die Publikationsstelle Berlin-Dahlem. In: Jessica Hoffmann, Anja Megel, Robert Parzer, Helena Seidel (Hrsg.): Dahlemer Erinnerungsorte. Berlin 2007, S. 229–243, hier: S. 237 und 242.
↑Astrid M. Eckert: The Struggle for the Files. The Western Allies and the Return of German Archives after the Second World War. Cambridge 2012, S. 115.
↑Jörg Hackmann: „An einem neuen Anfang der Ostforschung“. Bruch und Kontinuität in der ostdeutschen Landeshistorie nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Westfälische Forschungen 46, 1996, S. 232–258, hier: S. 232 f.