
Ali Babachahi (persisch: علی باباچاهی; * 11. November 1942 in Kangan, Provinz Buschehr; † 23. Februar 2026 in Karadsch) war ein iranischer Lyriker, Literaturkritiker, Forscher und Schriftsteller. Seine Lebensdaten entsprechen im iranischen Kalender dem 20. Aban 1321 bis zum 4. Esfand 1404.
Babachahi gehörte zur Generation der modernen persischen Dichtung nach Nima Yuschidsch. In den 1990er Jahren wurde er zu einem der meistdiskutierten Theoretiker und Kritiker der zeitgenössischen iranischen Lyrik. Mit den Begriffen she'r-e pasa-nimai („post-nimaische Dichtung“) und she'r dar vaz'iyat-e digar („Dichtung in einer anderen Situation“) gab er zwei Strömungen der neueren persischen Poesie prägnante Namen. Er veröffentlichte mehr als dreißig Bücher mit Gedichten, literaturkritischen und literaturwissenschaftlichen Arbeiten. Sein Band In kashti-ye por-asrar („Dieses geheimnisvolle Schiff“) erhielt 2016 gemeinsam mit einem weiteren Titel den ersten Ahmad-Schamlu-Lyrikpreis.
Ali Babachahi wurde in Kangan geboren und wuchs im Dorf Jofreh auf. Er war das jüngste Kind seiner Familie. Nach seinen Erinnerungen kam er durch einen Hausierer erstmals mit Dichtung in Berührung: Der Händler verkaufte in den Gassen Jofrehs Halva und Bücher, darunter Mush-o gorbeh („Die Maus und die Katze“) von Obeid Zakani. Über seine Brüder lernte Babachahi außerdem politische Schriften der Tudeh-Partei sowie Zeitschriften wie Omid-e Iran, Sepid-o siah und Roshanfekr kennen.
Er besuchte die höhere Schule in Buschehr. Zu seinen Lehrern zählten Manouchehr Atashi und Mohammad-Reza Nematizadeh; Babachahi bezeichnete Nematizadeh später als wichtig für die Ausbildung seines dichterischen Empfindens. Im Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren las er Atashi sein Gedicht „Baran“ („Regen“) vor. Atashi bat ihn, das Gedicht vor der Klasse vorzutragen – eine Begebenheit, die Babachahi als Beginn seines Weges zum Dichter beschrieb. Er gewann zunächst den Literaturwettbewerb der Oberschüler in Buschehr, danach denjenigen in Schiras. Gegen Ende der Schulzeit erschienen seine ersten Gedichte unter dem Pseudonym A. Faryad in Omid-e Iran und Zan-e ruz. Nachdem Omid-e Iran eines seiner Gedichte zum „besten Gedicht der Woche“ erklärt hatte, veröffentlichte er unter seinem eigenen Namen.
1961 nahm Babachahi, damals neunzehnjährig, an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Schiras ein Studium auf; einzelne Quellen nennen 1960 als Studienbeginn. In Schiras gehörte er zu einem Kreis junger Dichter um Alireza Tabaei und Mansour Ouji, die einander in einem Café an der Zand-Straße ihre Texte vorlasen. Zunächst schrieb Babachahi auch Kurzgeschichten. Nachdem der Schriftsteller Mohammad Moazzen ihm gesagt hatte, er sei kein guter Prosaautor, konzentrierte er sich auf Gedichte und Lyrikkritik. Die Veröffentlichung seiner Texte in der Wochenzeitschrift Ferdowsi 1963 und 1964 bestärkte ihn in dieser Entscheidung.
Nach Studium und Wehrdienst wurde Babachahi 1966 Literaturlehrer in Buschehr. Er unterrichtete dort etwa achtzehn Jahre. 1969 heiratete er Farkhondeh Bakhtiari, die ebenfalls an weiterführenden Schulen in Buschehr lehrte; das Paar hatte eine Tochter, Ghazal, und einen Sohn, Behrang.
Im Herbst 1967 gründete und leitete er in Buschehr die Literaturzeitschrift Tekapu („Bemühen“). Die Zeitschrift fand auch im literarischen Teheran Resonanz; die von Ahmad Schamlou herausgegebene Zeitschrift Khusheh druckte Beiträge nach. Nach drei Ausgaben wurde Tekapu 1968 auf Druck der Sicherheitsbehörde SAVAK und unter dem Vorwand einer fehlenden Lizenz eingestellt.
Ebenfalls 1967 erschien im Selbstverlag Babachahis erster Gedichtband Dar bi-tekyegahi („Ohne Halt“), der noch in nimaischen Versmaßen geschrieben ist. Es folgten Jahan va roshanayi-ha-ye ghamnak („Die Welt und die schwermütigen Lichter“, 1970), Az nasl-e aftab („Vom Geschlecht der Sonne“, 1974) und Seda-ye shen („Die Stimme des Sandes“, 1977). Daneben veröffentlichte er Gedichte für Kinder und schrieb für Zeitschriften wie Khusheh, Ferdowsi, Roshanfekr und Rudaki.
Als Kritiker griff Babachahi in die Debatten seiner Zeit ein. Sein erster, in Ferdowsi erschienener kritischer Text antwortete auf einen Beitrag von Reza Baraheni. In den 1960er und 1970er Jahren wandte er sich scharf gegen Yadollah Royaees „Volumendichtung“ (she'r-e hajm) und gegen die „Neue Welle“ (mowj-e now). Diese ablehnende Haltung revidierte er später teilweise. 2022 würdigte er Royaee als bedeutenden Avantgardedichter und betonte, dessen Gedichte stets bewundert zu haben; dessen Manifest der Volumendichtung hielt er allerdings weiterhin für überhöht und begrifflich unscharf.
Vom 10. bis 19. Oktober 1977 veranstaltete der Iranische Schriftstellerverband gemeinsam mit dem Goethe-Institut im Garten der Iranisch-Deutschen Kulturgesellschaft in Teheran die „Abende iranischer Schriftsteller und Dichter“. Die Reihe wurde später als „Zehn Abende“ oder „Zehn Nächte des Goethe-Instituts“ bekannt. Mehr als fünfzig Schriftsteller, Dichter, Dramatiker, Kritiker und Übersetzer sprachen über Zensur, Gedankenfreiheit, die Verantwortung von Intellektuellen, soziale Ungleichheit und Unterdrückung. Die Lesungen und Vorträge wurden damit zu einem wichtigen literarischen und politischen Ereignis der letzten Jahre vor der Revolution von 1979.
Babachahi las am siebten Abend, dem 16. Oktober 1977, vier Gedichte: „Salam bar shekufe-ye sorkhi ke az piyale-ye mashreq damid“ („Gegrüßt sei die rote Blüte, die aus dem Kelch des Ostens erblühte“), „Sorud-e bumi“ („Lied der Heimat“), „Dar vasf-e asheqan-e donya“ („Lob der Liebenden der Welt“) und „Dar qalamrow-e khakestar“ („Im Reich der Asche“). Die Lesung ist als 3 Minuten und 35 Sekunden lange Tonaufnahme erhalten.
1980 veröffentlichte Babachahi Jashn-e jonun („Das Fest des Wahnsinns“). 1983 wurde er nach rund achtzehn Jahren im Schuldienst vorzeitig zwangspensioniert. Er führte dies später auf Kräfte zurück, die sich als „wahre Eigentümer der Revolution“ verstanden. Danach verließ er Buschehr und lebte in Karadsch. Dort schrieb er zunächst über den Dramatiker Khosrow Hakim-Rabet Hörspiele für den Rundfunk. Ab 1989 arbeitete er unter Nasrollah Pourjavady im Universitätsverlagszentrum Markaz-e nashr-e daneshgahi als Lektor und an der Erforschung klassischer persischer Texte; diese Tätigkeit endete mit der Schließung der Abteilung für das persische Wörterbuch.
Seit 1988 veröffentlichte Babachahi im Monatsmagazin Adineh Beiträge über Strömungen der zeitgenössischen Poesie. Ab Heft 35 betreute er dort ungefähr zehn Jahre lang die Lyrikseiten. Er stellte junge Dichter vor und kritisierte zugleich offen vorherrschende Strömungen. In dieser Zeit prägte und entwickelte er die Begriffe der post-nimaischen Dichtung und der „Dichtung in einer anderen Situation“.
Nach seiner Pensionierung nahm Babachahi an den Mittwochsgruppen im Haus von Mohammad-Ali Sepanlou teil und gelangte dadurch in den Beraterkreis des Iranischen Schriftstellerverbands. Er gehörte 1994 zu den Unterzeichnern der Erklärung „Wir sind Schriftsteller“, die als Erklärung der 134 Schriftsteller bekannt wurde. Nach der erneuten Konstituierung des Verbands 1999 war er bis zu seinem Tod Mitglied.
Im August 1996 gehörte Babachahi zu 21 Schriftstellern, Dichtern und Journalisten, die auf Einladung des Armenischen Schriftstellerverbands mit einem Reisebus nach Armenien fahren wollten. Auf dem Heyran-Pass versuchte der Fahrer nach Berichten von Mitreisenden zweimal, den Bus in eine Schlucht zu lenken und aus dem Fahrzeug zu springen. Masoud Toufan und Shahriar Mandanipour verhinderten den Absturz. Die Reisenden wurden anschließend in Astara festgehalten und verhört. Der Vorfall gilt als Teil des Komplexes der iranischen „Kettenmorde“ und als gescheiterter Anschlag auf kritische Intellektuelle.

Zu seinem 77. Geburtstag sagte Babachahi 2019, er verbringe viel Zeit mit der Lektüre von Philosophie und Romanen und nutze soziale Medien, um mit jüngeren Dichterinnen und Dichtern im Gespräch zu bleiben. Er veröffentlichte dort, ähnlich wie früher bei Adineh, auch Texte anderer Autoren und leitete über Jahre eine Lyrikwerkstatt.
Er erschien 2022/2023 beim norwegischen Verlag Aftab und bezieht sich auf die iranische Protestbewegung von 2022. Der Verlag spricht von 58, andere Angaben von 54 Gedichten.
Nach längerer Krankheit starb Babachahi am 23. Februar 2026 im Alter von 83 Jahren in einem Krankenhaus in Karadsch an Herzstillstand. Drei Tage später wurde er auf dem Friedhof Behesht-e Sakineh in Karadsch bestattet. Der Iranische Schriftstellerverband würdigte ihn in einer Erklärung als unabhängigen Schriftsteller und entschiedenen Verteidiger der Gedanken- und Meinungsfreiheit.
Babachahis Werk entwickelte sich von sozialromantisch geprägter und nimaischer Dichtung hin zu experimentellen, post-nimaischen Formen. Kritiker wie Behzad Khajat unterscheiden einen frühen Werkabschnitt und eine zweite, seit den 1990er Jahren einsetzende Phase. Mit Nam-nam-e baranam („Ich bin der Nieselregen“) zeigte Babachahi eine deutlich veränderte Poetik: Versmaß, Syntax, Register und Erzählweise wurden beweglicher; Assoziation, Bruch, Montage, Mehrstimmigkeit, Humor und Parodie erhielten größeres Gewicht.
Für Babachahi besitzt ein literarischer Text keine feststehende, vorab gegebene Bedeutung. Bedeutung entsteht vielmehr im Vorgang des Lesens zwischen Text und Leser. Mehrdeutigkeit, Schwebe und syntaktische Brüche verstand er deshalb nicht als Mangel, sondern als Mittel, den Deutungsspielraum zu erweitern. Seine Theorie der post-nimaischen Dichtung erläuterte er 1999 im Aufsatz „Achsen und Merkmale der post-nimaischen Dichtung“.
Die von ihm entwickelte „Dichtung in einer anderen Situation“ setzte die Sprache nicht bloß als Werkzeug ein, sondern machte sie selbst zum Gegenstand des Gedichts. Kennzeichnend sind der Aufschub von Bedeutung, die Abkehr von linearer Syntax, offene Enden, mehrere zugleich verlaufende Erzählungen sowie Humor und Parodie. Babachahi unterschied sie ausdrücklich von der „anderen Dichtung“ der 1960er Jahre: Während er diese als stärker zentriert und auf organische Einheit bedacht beschrieb, verstand er seine eigene Konzeption als zentrifugal, poststrukturalistisch und auf die aktive Lektüre ausgerichtet.
Auch die Protestdichtung sollte nach Babachahi nicht im Slogan oder im bloßen Aufschrei aufgehen. Aufgabe des Gedichts sei es, soziale Wirklichkeit durch Imagination, Denken und Sprache in eine eigenständige künstlerische Wirklichkeit zu verwandeln. Seine späteren Gedichte verbinden deshalb politische Anspielungen mit Groteske, schwarzem Humor und Sprachspiel.
Babachahi schrieb nicht nur Gedichte, sondern auch streitbare Essays und umfangreiche Arbeiten zur modernen persischen Lyrik. Sein mehrbändiges Gozareh-ha-ye monfared („Vereinzelte Thesen“) ordnet Dichter ein, diskutiert literarische Strömungen und formuliert oft zugespitzte Urteile. Besondere Aufmerksamkeit erhielt seine Kontroverse mit Reza Baraheni, die als „Schlacht Teheran–Toronto“ bezeichnet wurde. Er kritisierte außerdem die als sadeh-nevisi bekannte Strömung der „Einfachheit“ in der Poesie.
Die Urteile über Babachahis Werk fallen unterschiedlich aus. Faraj Sarkohi sah in ihm einen der Pioniere der strukturellen, formalen und sprachlichen Erneuerung der nimaischen Dichtung in den 1990er Jahren. Seine Gedichte, so Sarkohi, verbinden Kenntnis klassischer und moderner persischer Poesie mit Polyphonie, zusammengesetzten Versmaßen, Relativismus, Groteske und einer Poetik des Widerspruchs. Shapour Jorkesh dagegen beanstandete Babachahis theoretische Thesen als ungenau und sah darin einen Grund für Sackgassen der Dichtung der 1990er Jahre. Reza Baraheni verteidigte Babachahi gegen diese Kritik.
Babachahis Dichtung ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Arbeiten beschäftigen sich unter anderem mit postmodernistischen Verfahren, Zeitstrukturen, semantischer Abweichung, Polyphonie, Humor und Groteske, regionalen Elementen sowie narrativen Brüchen. Die Datenbank Elmnet verzeichnete im Oktober 2026 unter seinem Namen mehr als 70 wissenschaftliche Dokumente.
Die Angaben zu den Jahren folgen dem iranischen Kalender; das jeweilige gregorianische Jahr ist in Klammern ergänzt.
Babachahis Gedichte wurden unter anderem ins Englische, Niederländische, Kurdische und Arabische übertragen. Die zweisprachige Auswahl In ham yek shukhi bud / This Too Was a Joke erschien 1390/2011 in englischer Übersetzung von Saeed Saeedpour. Als Tonaufnahmen liegen unter anderem Emza-ye yadegari: gozideh-ye ash'ar-e Ali Babachahi („Unterschrift zum Andenken“, 1388/2009) und In-towri fekr mi-konad („So denkt er“, 1391/2012) vor.
Zu den Buchveröffentlichungen über Babachahi gehören Ketab-e Derang („Das Buch des Innehaltens“, herausgegeben von Mohammad Loutij), Haftad gol-e zard: Ali Babachahi dar vaz'iyat-e digar („Siebzig gelbe Blumen: Ali Babachahi in einer anderen Situation“, 2014), Ram va naram: Atashi – Babachahi von Nasrin Mozaffari und Marzieh Nowruzi (2018), Ebrahim Mohebbis stilistische Studie Be samt-e chehreh-ha-ye mokhtalefi (2021), Hossein Bagheris Untersuchung Barkhord-e menghar-e parandeh be laleh-ye gush zur Dekonstruktion in zehn Gedichtbänden (2023) sowie Javid Takavarans Gosast-ha va peyvast-ha-ye revayi dar ash'ar-e Ali Babachahi (2024).
Zu den wissenschaftlichen Arbeiten über sein Werk zählen Studien von Mohammad-Jalil Bahadori und Hassan Zolfaghari zur Zeitstruktur, von Ebrahim Mohebbi und Mitautoren zur kognitiven Stilistik, von Mohammad-Amin Ehsani Estahbanati und Mohammad-Reza Sarfi zu sprachlichen Komponenten der Postmoderne, von Behzad Khajat zur Rhizom-Theorie sowie von Leila Amini und Mitautoren zu Polyphonie und disseminativer Dichtung.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Babachahi, Ali |
| ALTERNATIVNAMEN | علی باباچاهی (persisch); Faryad, A. (Pseudonym) |
| KURZBESCHREIBUNG | iranischer Lyriker und Literaturkritiker |
| GEBURTSDATUM | 11. November 1942 |
| GEBURTSORT | Kangan, Provinz Buschehr, Iran |
| STERBEDATUM | 23. Februar 2026 |
| STERBEORT | Karadsch, Iran |