
Alison Saar (* 5. Februar 1956 in Los Angeles) ist eine amerikanische Künstlerin, die vor allem durch ihre Skulpturen und Installationen bekannt ist, die häufig weibliche Körper darstellen und Fragen von Geschlecht und kulturellem Erbe thematisieren.
Alison Saar wurde als Tochter der Bildhauerin Betye Saar und des Keramikers und späteren Kunstkonservators Richard Saar in Los Angeles geboren. Sie wuchs zusammen mit zwei Schwestern in Laurel Canyon, einer ländlichen Gegend in Kalifornien, auf. Saars ältere Schwester Lezley ist Malerin und Installationskünstlerin, deren Werk sich mit den Mythen und den fluiden Konzepten von Identität, insbesondere im Hinblick auf Mehrfachzugehörigkeit und Transidentität, beschäftigt.
Bereits im Alter von etwa zwölf Jahren begann Saar, handgefertigte Puppen zu gestalten, denen sie individuelle Geschichten und Charaktereigenschaften verlieh. Diese frühen Arbeiten weckten ihr Interesse an dreidimensionaler und figurativer Kunst. Saar sieht in diesen Puppen einen entscheidenden Ursprung ihres heutigen Schaffens: Ihre Skulpturen zeichnen sich durch eine ähnliche Haltung und Ausdrucksweise aus und erinnern in ihrer Präsenz an Puppen.
Saar wurde früh von der Volkskunst und der Fähigkeit visionärer Künstlerinnen und Künstler beeinflusst, aus weggeworfenen Objekten ästhetische Werke zu schaffen. Während der High School und ihres Studiums unterstützte sie ihren Vater 11 Jahre bei Restaurierungsarbeiten, wobei sie mit Artefakten unterschiedlicher Kulturen – darunter chinesische Fresken, ägyptische Mumien sowie präkolumbianische und afrikanische Kunst – vertraut wurde und Kenntnisse über Materialien, Techniken und Ästhetik erwarb.
Inspiriert durch die Kunst von Mark Rothko und Josef Albers studierte Saar Kunst und Kunstgeschichte am Scripps College in Claremont (Kalifornien), unter anderem bei Samella Lewis, einer anerkannten Expertin für afroamerikanische und karibische Kunst, und belegte dort vorwiegend kunsthistorische Seminare.
1978 erhielt sie einen Bachelor of Arts mit ihrer Abschlussarbeit über südafrikanisch-amerikanische Volkskunst mit einem Schwerpunkt auf dem Werk autodidaktischer afroamerikanischer Künstlerinnen und Künstler wie Horace Pippin, William Edmondson, Nellie Mae Rowe, Clementine Hunter oder Bill Traylor.
Nach einer Auszeit wurde Saar klar, dass sie, wie sie selbst sagte, „a better maker than writer“ sei, und sie beschloss, ihre kreative Ausdrucksform konsequent in der bildenden Kunst weiterzuverfolgen. 1981 erwarb sie den Master of Fine Arts vom Otis-Parsons Institute in Los Angeles. Anschließend arbeitete Saar zwei Jahre in der Baum Silverman Gallery in Los Angeles.
Von 1982 bis 1995 lebte Saar zusammen mit ihrem Ehemann, dem Künstler Tom Leeser in einem Loft im New Yorker Stadtteil Chelsea und hatte mit ihm zwei Kinder: Sohn Kyle wurde 1989 geboren, Tochter Maddy Inez 1993. Auch sie wurde Künstlerin. Seit 1995 lebt Saars wieder in Los Angeles und hat ein Studio in der Nähe ihres Geburtsorts.
Ihre Tätigkeit im Studio Museum in Harlem, wo sie zunächst für die Verwaltung und Dokumentation der Kunstwerke verantwortlich war, mündete 1983 in eine Position als Artist in Residence. Sie begann in ihre Kunst gefundene Objekte aus dem städtischen Umfeld zu integrieren und verband damit Alltagsmaterialien mit kultureller Symbolik. Während eines Arbeitsaufenthalts 1985 in Roswell (New Mexico) erweiterte sie ihre ursprünglich urban geprägte Formensprache um Einflüsse aus der Kultur der indigenen Völker des Südwestens der USA sowie aus der mexikanischen Kunsttradition.
Alison Saar ist besonders für ihre kraftvollen Darstellungen schwarzer Frauen bekannt. Ihre Figuren zeichnen sich durch eine standhafte, entschlossene Körperhaltung mit breiten Schultern und festem Stand aus und sollen Stärke, Würde und Widerstandskraft symbolisieren. Saar verbindet in ihrem Werk persönliche Erfahrungen mit mythologischen und historischen Bezügen, wodurch ihre Themen universelle Gültigkeit erhalten.
Durch die Kombination von afrikanischer Kunst und Ritualen, griechischer Mythologie und Elementen des deutschen Expressionismus hinterfragt sie stereotype Darstellungen und formuliert eine Kritik an menschlicher Diskriminierung. Die Figuren ihrer Skulpturen sind häufig mit abstrahierten oder nach innen gerichteten Blicken dargestellt, was ihre emotionale Wirkung verstärkt, ohne den direkten Kontakt zu den Betrachtenden zu suchen. In der Verbindung von Stärke und Verletzlichkeit verkörpern die dargestellten Frauen grundlegende Aspekte menschlicher Existenz – soziale, politische und biologische. Sie stehen sinnbildlich für eine verdichtete Darstellung des Menschseins.
Saar arbeitet häufig mit gefundenen Materialien, etwa grob bearbeitetes Holz aus Containern, Blech, Nägel, Keramikscherben, Glasfragmente, gebrauchte Säcke und andere Überreste des städtischen Lebens. Insbesondere Zinnplatten, deren geprägte Ornamente im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Wände und Decken von Manhattans Gebäuden schmückten, wurden zu einem charakteristischen Element ihres Œuvres. Sie verkleidete damit Skulpturen und verzierte die Rahmen ihrer Assemblagen. Das Verwenden von Blech dient dabei sowohl praktischen als auch symbolischen Zwecken: Es verdeckt Unregelmäßigkeiten des wiederverwendeten Holzes und fungiert zugleich als eine Art schützende Haut oder Rüstung. Die ornamentalen Muster des Metalls erinnern Saar an afrikanische Narbentätowierungen (Skarifizierungen), die als kulturelle „äußere Biografien“ gelesen werden können – Zeichen von Zugehörigkeit, Identität und persönlicher Geschichte. Zudem verwendete Saar Pfosten und Balken, die sie auf den Straßen Manhattans fand. Diese Fundstücke verliehen ihren Arbeiten eine altersgeprägte Patina und den Eindruck einer von der Zeit verwitterten und erodierten Welt.
Saar remigriert häufig Figuren aus dem Roman Onkel Toms Hütte in ihren Arbeiten, um afroamerikanische Figuren neu darzustellen und nutzt die literarische Vorlage, um stereotype Darstellungen zu überarbeiten und neue Narrative von Empowerment zu schaffen.
Das Werk bezieht sich auf die traditionellen, mit Pailletten bestickten Voodoo-Flaggen, die in haitianischen Zeremonien verwendet werden, um Geister herbeizurufen. In Saars Interpretation zeigt das Werk eine nackte schwarze Frau mit roten High Heels, die in jeder Hand eine sich windende Schlange hält. Diese Figur verbindet Attribute der Voodoo-Priesterin und sollen Kraft, Autorität und weibliche Selbstbestimmung symbolisieren. Durch die Einbindung eigener Symbole – etwa ihrer Initialen in Form von Veve-Zeichen – macht Saar das Werk selbstreferenziell und thematisiert laut Lisa Farrington die Rückeroberung des weiblichen Körpers und Blicks aus einer feministischen Perspektive.
Harriet Tubman wurde in den Jahren nach ihrem Tod im Jahr 1913 zu einer feministischen Ikone innerhalb afroamerikanischer Frauenorganisationen. Schwarze Künstlerinnen wie Bisa Butler, Faith Ringgold und Elizabeth Catlett fanden in ihr eine zentrale Inspirationsfigur, die sie dazu anregten, den Kampf um Gleichberechtigung – sowohl als Schwarze als auch als Frauen – künstlerisch zu dokumentieren. Harriet Tubmans Lieblingshymne war „Swing Low, Sweet Chariot“, ein geistliches Lied, das mit den geheimen Botschaften zwischen den sogenannten „Conductors“ der Underground Railroad und den versklavten Menschen, die über dieses Netzwerk flohen, in Verbindung gebracht wird. Die Bedeutung dieser Hymne für Tubmans Vermächtnis findet ihren Ausdruck in Saars Skulptur, die denselben Titel trägt.
Die Skulptur aus Bronze und chinesischem Granit zeigt Harriet Tubman in schreitender Pose, während sie symbolisch die „Wurzeln der Sklaverei“ hinter sich herausreißt. Ihr Rock ist mit stilisierten Porträts geschmückt, die an westafrikanische „Passport Masks“ erinnern. Diese traditionellen westafrikanische Masken, insbesondere der Guro in der Elfenbeinküste, deren abstrahierte Gesichter soziale Zugehörigkeit, Status und Identität markieren, werden bei rituellen Tänzen getragen und dienen symbolisch als „Ausweis“ innerhalb der Gemeinschaft. Sie sind den Menschen der Underground Railroad gewidmet, denen Tubman zur Freiheit verhalf. Bronzetafeln am Sockel illustrieren Stationen ihres Lebens und traditionelle Quiltmuster. Die umgebende Anlage des Harriet Tubman Triangle wurde mit Pflanzen gestaltet, die sowohl in New York als auch in Tubmans Heimatstaat Maryland heimisch sind.
Hier handelt es sich um eine partizipative Installation, die die Betrachterinnen und Betrachter aktiv in den Entstehungsprozess einbezieht. Die Arbeit thematisiert historische Formen von Vertreibung in der Stadt Mobile (Alabama) und verweist zugleich auf die damaligen anti-immigrantischen Gesetzgebungen des Bundesstaates. Durch die Verbindung von Erinnerung, Ortsgeschichte und sozialpolitischer Gegenwart untersucht die Installation Mechanismen von Ausschluss und Zugehörigkeit im amerikanischen Süden.
Das Werk ist Teil einer Werkreihe, die sich formal an sogenannten moonshine stills – improvisierten Destillationsapparaturen – orientiert. Die Skulptur zeigt ein geschlossenes System, in dem schmutziges Spülwasser aus einer Metallwanne in gummierte Brüste geleitet wird, die das Wasser anschließend wieder zurück in die Wanne tropfen lassen.
Das Werk zeigt ein autarkes System, in dem abgetrennte Brüste unaufhörlich Milch produzieren. Das Werk thematisiert kulturelle Stereotype, ökonomische Belastungen und gesellschaftliche Erwartungen an Schwarze Frauen bzw. Women of Color, ständig Fürsorge zu leisten. Zugleich verweist die Arbeit auf die historische Figur der „Mammy“, die im Kontext der Sklaverei und des Antebellum-Südens als Pflegerin und Ernährerin weißer Familien diente. Darüber hinaus steht Mammy Machine in einer künstlerischen Tradition, die sich kritisch mit rassistisch geprägten Darstellungen wie der Werbefigur „Aunt Jemima“ auseinandersetzt.
Alison Saars Skulptur aus Holz, Seil und Baumwolle zeigt ein schwarzes Mädchen, das nackt auf einer Schaukel aus alten Alltagsgegenständen wie einer Bratpfanne und Boxhandschuhen sitzt. Das Werk thematisiert die historische und gegenwärtige Erfahrung von Rassismus in den USA und verweist auf das Erbe der Sklaverei in den Vereinigten Staaten. Das Werk reflektiert die Last des Erbes von Sklaverei und Rassismus in den USA und entstand kurz nach der Wahl Barack Obamas, in einer Zeit, in der die Hoffnung auf ein „post-rassistisches“ Zeitalter von neuem Hass begleitet wurde. Saar verknüpft in der Arbeit Symbole der Versklavung – etwa eine Baumwollwaage – mit gegenwärtigen Erfahrungen sozialer Ungleichheit. Inspiriert wurde sie dabei auch von Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien in Los Angeles, deren Lebensrealität sie tief berührte. Weight wird so zu einer Meditation über Rassismus, gesellschaftliche Erwartungen und den unerfüllten Traum von Gleichheit.
Soweit nicht anders nachgewiesen, sind die Angaben den Informationen auf „Alison Saar“, Webseite der L.A. Louver Gallery, Los Angeles, entnommen.
Saar ist mit ihren Werken in zahlreichen Museen und Privatsammlungen in den Vereinigten Staaten vertreten. Darunter befindet sich das High Museum of Art in Atlanta, das Walker Art Center in Minneapolis sowie das Whitney Museum of American Art in New York.
Zudem befinden sich ihre Werke in Sammlungen wie dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden sowie dem Metropolitan Museum of Art.
In der kunsthistorischen Rezeption wird Saars Werk als Ausdruck eines amerikanischen Prozesses spiritueller und politischer Spaltung sowie historischer Aufarbeitung beschrieben. Die amerikanische Kunsthistorikerin und Kuratorin Lowery Stokes Sims betont Saars „Bibliothek an Bezügen“, die so vielfältig sei wie ihr eigenes kulturelles Erbe. Ihre besondere Leistung liege darin, persönliche und kulturell spezifische Themen in eine Form zu übersetzen, die über Fragen von „Rasse“ und Geschlecht hinaus universelle Anliegen thematisiere.
Die Kritikerin Leah Ollman hob hervor, dass sich in Saars Skulpturen „das Persönliche, Politische und Poetische“ vereinten.
Der amerikanische Kunstkritiker Christopher Knight verglich in seiner 1993 in der Los Angeles Times erschienenen Rezension Alison Saar: Big Ideas and Considerable Skill die Originalität von Saars Werk mit derjenigen Michelangelos.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Saar, Alison |
| KURZBESCHREIBUNG | amerikanische Künstlerin |
| GEBURTSDATUM | 5. Februar 1956 |
| GEBURTSORT | Los Angeles |