Anita Radini (* in Rom) ist eine italienische archäologische Naturwissenschaftlerin, die mikroskopische Rückstände in mineralisiertem Zahnbelag zur Erforschung früherer Lebenswelten, Arbeitspraktiken und Umweltkontakte nutzt. Sie forscht an der School of Archaeology des University College Dublin.
Radini wurde in Rom geboren und wuchs dort auf; bei einem Besuch in Pompeji im Alter von fünf Jahren wurde ihr Interesse an Archäologie geweckt. Sie ist durch Ausbildung und persönliche Bindungen mit der Gegend um Vercelli verbunden. Während ihrer Qualifikationsphase war sie Doktorandin am BioArCh-Zentrum der University of York und Archäobotanikerin bei den University of Leicester Archaeological Services. Ihre Doktorarbeit konzentrierte sich auf Ernährung und Lebensbedingungen, erschlossen aus menschlichem Zahnstein, am Fallbeispiel des mittelalterlichen Leicester. Sie war Ad-Astra-Fellow an der Archäologischen Fakultät des University College Dublin.
Radini betrachtet den menschlichen Mund als eine Art Archiv für Staub und andere Partikel, die in mineralisiertem Zahnbelag erhalten bleiben können. Ihr Ansatz nutzt Erkenntnisse aus Archäologie, Naturwissenschaften und experimenteller Archäologie zur Gewinnung von Hinweisen auf Arbeit, Gesundheit, Ernährung und Umwelt vergangener Bevölkerungen aus solchen Rückständen. Zu ihren Forschungsfeldern gehören die Nutzung von Pflanzen in der Vergangenheit, soziale Ungleichheiten durch Arbeitsteilung sowie die gesundheitlichen Folgen von Staub, Verschmutzung und handwerklicher Produktion. In Projekten zu Nord- und Ostafrika untersucht sie außerdem Zusammenhänge zwischen historischen und heutigen Handwerkstechniken, Kulturerbe und Gesundheit. Öffentlich besonders breit rezipiert wurde eine 2019 in Science Advances veröffentlichte Studie Radinis, die Lapislazuli-Partikel im Zahnstein einer im Kloster Dalheim bestatteten mittelalterlichen Frau untersuchte. Die Analysen deuteten darauf hin, dass die Frau im 11. oder frühen 12. Jahrhundert mit dem kostbaren Ultramarin-Pigment arbeitete und vermutlich beim Malen die Pinselspitze mit dem Mund formte. Da alle Manuskripte des Klosters später verbrannten, wurde der Zahnsteinfund als außergewöhnlicher materieller Hinweis auf weibliche Beteiligung an der Herstellung illuminierter Handschriften gewertet. Die Untersuchung stützte sich auf mikroskopische und spektroskopische Verfahren, mit denen das blaue Pigment als Bestandteil von Lapislazuli identifiziert wurde. Die Studie wurde in Wissenschafts- und Kulturmedien als Beispiel dafür diskutiert, wie Zahnsteinanalysen bislang übersehene Tätigkeiten und Frauen der Vergangenheit sichtbar machen können.
Im Jahr 2021 erhielt sie den Nachwuchspreis der European Association of Archaeologists. Sie erhielt im Jahr 2023 für Forschungen zur Erschließung der Arbeit historisch oft unsichtbaren Handwerks den mit 300.000 US-Dollar dotierten Dan-David-Preis. Die Jury hob an Radinis Arbeit hervor, dass sie über Elemente im Zahnstein Daten zu Ernährung, Tätigkeiten, Gesundheit und Umweltbedingungen vergangener Bevölkerungen gewinnt.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Radini, Anita |
| KURZBESCHREIBUNG | italienische archäologische Naturwissenschaftlerin |
| GEBURTSDATUM | 20. Jahrhundert |
| GEBURTSORT | Rom |