Bereits als Studentin trat Cotten bei Poetry Slams auf und veröffentlichte erste Gedichte sowie Prosatexte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Darüber hinaus schrieb sie Rezensionen, so für die Popzeitschrift The Gap, bevor 2007 ihr erster Gedichtband Fremdwörterbuchsonette bei Suhrkamp veröffentlicht wurde. Auch als Literaturtheoretikerin trat Cotten hervor, zum Beispiel auf LyrikKritik.de; sie war Mitglied im Forum der 13. Besonders charakteristisch für ihre Poesie sind spielerische Sprachexperimente. Dabei berühren ihre Texte Themen wie Philosophie, Sprache als System oder künstliche Intelligenz. Gelegentlich erscheinen literarische und literaturjournalistische Beiträge von ihr in Tageszeitungen wie der jungen Welt und der taz. Cotten fertigt überdies auch Übersetzungen (Englisch-Deutsch, Deutsch-Englisch) an. 2010 ist bei dem in Berlin-Neukölln ansässigen Verlag Broken Dimanche Press Cottens erstes Buch in englischer Sprache erschienen.
2011 hatte sie auf Einladung des japanischen Germanistik-Professors Masahiko Tsuchiya, der zu dieser Zeit an der Städtischen Universität in Nagoya lehrte, dort eine einsemestrige Gastprofessur inne.
Der österreichische Kulturjournalist Paul Jandl nannte Cotten „die klügste und schwierigste Dichterin in deutscher Sprache“.
Ihr unter anderem von japanischer Kultur inspirierter Erzählungsband Der schaudernde Fächer (2013) sei „ein Schlag ins Gesicht all derer, die finden, man müsse Literatur auch verstehen können“, urteilte der Literaturkritiker Ijoma Mangold. Ihn würden Cottens Erzählungen an Friedrich SchlegelsLucinde erinnern. Die Autorin selbst gab später an, dass sie, ohne es zu wissen, vom japanischen Genre der 私小説 (Watakushi-Shôsetsu), von dem sie einiges in englischer Übersetzung konsumiert hatte, zu einer radikal transparenten autobiografischen Prosaform inspiriert worden sei.
Seit 2020 dissertiert sie am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin (Arbeitstitel 2020: Recycling the Multilinguality of traditional Humanist Theories for a Machine Aesthetics). Von Oktober 2020 bis Juni 2021 war sie als Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien tätig und arbeitete dort weiter an ihrem Forschungsschwerpunkt (Vorarbeiten zu einer empirischen Ästhetik, die auch für Maschinen funktioniert: Ein Evaluationskit für die Recyclingfähigkeit existierender Theorien). Anschließend verbrachte sie zwischen 2021 und 2022 ein Recherchesemester an der University of Hawaiʻi at Mānoa im US-Bundesstaat Hawaii, wo, nach eigenen Aussagen, ihre Anleitungen der Vorfahren (2023) entstanden seien.
Zum Zeitpunkt ihres Aufenthalts als Stipendiatin der Villa Massimo (1. September 2025 bis 30. Juni 2026) verfolgt sie weiterhin ihre Forschungen zur literarischen Maschinenästhetik (Misuseability. Vorarbeiten zu einer Ästhetik, die auch für Nichtmenschen funktioniert).
Seit 2023 gibt Cotten zusammen mit Gerd Sulzenbacher und Sandro Huber die beim Verlag Sonderzahl in Wien erscheinende Zeitschrift Triëdere – Zeitschrift für Theorie, Literatur und Kunst heraus.
Im Wintersemester 2023/2024 bekleidete Ann Cotten die 2022 von der Universität Hannover und dem Literaturhaus Hannover ins Leben gerufene Poetikdozentur Neue Deutsche Literatur.
Im Sommersemester 2024 hatte sie die TransLit Poetikdozentur der Universität zu Köln inne.
Cotten verwendet in ihren Texten eine experimentelle Form gegenderter Sprache, die sie „polnisches Gendering“ nennt. Bei diesem Verfahren kommen „alle für alle Geschlechter nötigen Buchstaben in beliebiger Reihenfolge ans Wortende“. Die Formulierung „polnisches Gendering“ wurde zunächst als Anspielung auf den Ausdruck „polnischer Abgang“ interpretiert, laut Cotten bezieht es sich jedoch auf die polnische Notation und soll zudem, auch in Hommage an den Berliner Club der polnischen Versager, Verdachte auf politische Korrektheit zerstreuen. Prominent verwendete sie das Verfahren 2019 in ihrem Roman Lyophilia; in diesem treten unter anderem „Greisennni“, „Teilnehmernnnie“, „eien Betrachterni“ und „Oberunterösterreichernnnie“ auf.
Ebenso arbeitet sie in ihren Gedichten sowie mitunter in ihren Übersetzungen mit „polnischem Gendering“, so etwa in ihrer 2020 erschienenen Übersetzung von Mary MacLanesIch erwarte die Ankunft des Teufels (The Story of Mary MacLane, 1902) oder in ihrer Übersetzung von Isabel Waidners Roman Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken (2024; im englischen Original: Sterling Karat Gold, 2021); in der von mehreren Übersetzerinnen und Übersetzern besorgten Übertragung von Legacy RussellsGlitch Feminism kommt es neben Entgendern nach Phettberg und anderen Formen vor.
Auch in ihren Biografien und in schriftlichen Interviews verwendet Cotten Formen des „polnischen Genderings“.
Kontrovers wird dabei vor allem der Einfluss des „polnischem Gendering“ auf die Lesbarkeit der Texte sowie als literarische Geste diskutiert, die in der Tradition anderer, experimentell mit Sprache arbeitender künstlerischer und literarischer Bewegungen steht. Während der Literaturkritiker Magnus Klaue dem Verfahren 2019 in der Ann Cotten gewidmeten Folge seiner Kolumne Lahme Literaten wenig abgewinnen konnte und es mit Dadaismus assoziierte, verwies Hanna Engelmeier in ihrer Rezension von Lycophilia auf die ebenfalls in der Kunst und Literatur etablierte Technik der Bricolage.
Explizit positiv bezieht sich die Lyrikerin Monika Rinck auf das „polnische Gendering“ und verwendet gelegentlich selbst Varianten; es findet sich auch als „Begriff 4398“ in ihrem Begriffsstudio. Der Historiker Valentin Groebner verwendet es in seinem Buch Retroland (2018).
Nach der Welt. Die Listen der konkreten Poesie und ihre Folgen. Mit einem Vorwort von Wendelin Schmidt-Dengler. Klever Verlag, Wien 2008, ISBN 978-3-902665-01-0.
mit Übersetzerkollektiv: Legacy Russell: Glitch Feminismus. Merve Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-96273-044-4.
Rosmarie Waldrop: Rehaersing the symptoms = Das Proben der Symptome., Zweisprachige Ausgabe (Englisch/Deutsch), roughbook 055. Verlag Urs Engeler, Wien 2021, ISBN 978-3-906050-68-3.
Adam Green: Krieg und Paradies. Zeichnungen: Toby Goodshank, Tom Bayne und Adam Green. Starfruit Publications, Fürth 2021, ISBN 978-3-922895-41-1.
Isabel Waidner:Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken. 1. Auflage. DuMont Buchverlag, Köln 2024, ISBN 978-3-8321-6837-7.
Übersetzungen aus dem Deutschen
Volker Braun: Luf-Passion: Ein Gedichtzyklus. Zweisprachige Ausgabe (Deutsch/Englisch). Faber & Faber, Leipzig 2022, ISBN 978-3-86730-234-0.
2026: Deutsch-Österreichischer Lyrikpreis, für Poller.Idyllen, gemeinsam mit Esther Kinsky
Literatur
Wendelin Schmidt-Dengler: Ann Cotten. In: Wendelin Schmidt-Dengler (Hrsg.): "Das Unsagbare bleibt auch ungesagt". Über Ilse Aichinger, Umberto Eco, Herta Müller u. a. Preisreden und Würdigungen. Hg. von Helmut Neundlinger, mit einem Vorwort von Daniela Strigl. Wien 2014, S. 31–35.
Claus Telge, "in sich verschlungen sind wir manchmal redundant": Ann Cottens Spiel mit der Sprach-DNA, in: Lyrik transkulturell. Hg. von Eva Binder, Sieglinde Klettenhammer & Birgit Mertz-Baumgartner. Würzburg: Königshausen & Neumann 2016, S. 91–103.
Christian Metz:Poetisch denken: Die Lyrik der Gegenwart. Fischer, 2018, ISBN 978-3-10-403562-8.
Jadwiga Kita-Huber: Sonett-Variationen in der Gegenwartslyrik: Franz Josef Czernin, Ann Cotten, Jan Wagner. In: Gegenwartsliteratur 18 (2019), S. 113–142.
Friederike Reents: Überlegungen zum Epochenwandel: Transmoderne Gedichte von Ann Cotten, Sabine Scho und Thomas Kling. In: Gegenwartsliteratur 18 (2019), S. 143–167.
Katrin Gunkel:Poesie und Poetik translingualer Vielfalt: zum Englischen in der deutschen Gegenwartslyrik. Praesens Verlag, 2020, ISBN 978-3-7069-1104-7.
0x0a (Hrsg.):Poetisch denken 3: Ann Cotten. Frohmann, Berlin 2020, ISBN 978-3-944195-30-8.
Thomas Borgstedt: Writing Sonnets – Doing Lyric: Zum Genrecharakter von Ann Cottens Fremdwörterbuchsonetten – mit einem praxistheoretischen Zwischenstück. In: Angela Gencarelli (Hrsg.): Doing Genre. Praxeologische Perspektiven auf Gattungen und Gattungsdynamiken. Berlin: De Gruyter 2024, S. 69–87.
Ann Cottens Schuhe. In: Richard Schumm, Martin Frank (Hrsg.): Edition Paratexte. 1. Auflage. Nr.1. Edition Paratexte, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-00-077843-8.
↑Cotten, Ann. Die ganze Welt: Listen in der Konkreten Poesie und danach. Diplomarbeit. Wien 2007.
↑Ann Cotten: Nach der Welt. Die Listen der konkreten Poesie und ihre Folgen. (mit einem Vorwort von Wendelin Schmidt-Dengler), Klever Verlag, Wien 2008.
↑Bayerischer Rundfunk Joana Ortmann:Poetisch Gendern!: Erfinden Sie bessere Geschlechtsbezeichnungen. 1.März 2021 (br.de[abgerufen am 26.Mai 2021]).
↑Hanna Engelmeier:Erzählband der Dichterin Ann Cotten: Wer das liest, ist doof. In: Die Tageszeitung: taz. 5.Mai 2019, ISSN0931-9085 (taz.de[abgerufen am 27.April 2020]).
↑Hanna Engelmeier:Erzählband der Dichterin Ann Cotten: Wer das liest, ist doof. In: Die Tageszeitung: taz. 5.Mai 2019, ISSN0931-9085 (taz.de[abgerufen am 27.April 2020]).
↑Valentin Groebner:Retroland: Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen. FISCHER E-Books, 2018, ISBN 978-3-10-490693-5 (google.de[abgerufen am 5.Januar 2022]).