Anna Sticker

Anna Sticker (* 28. März 1902 in Frankfurt am Main; † 23. November 1995 in Düsseldorf-Kaiserswerth) war eine deutsche Lehrerin für Höhere Schulen, Diakonisse und Diakoniehistorikerin.

Leben

Anna Sticker wurde als Tochter des Professors für Medizin Anton Sticker (1861–1944) und Nichte des Würzburger Medizinhistorikers Georg Sticker (1860–1960) geboren und durch diese beiden Menschen stark geprägt. Nach ihrem Abitur im Jahr 1922 fehlte den Eltern jedoch das Geld, um Anna Sticker Medizin studieren zu lassen, was ihrem eigentlichen Berufswunsch entsprochen hätte. Am 5. November 1923 trat Anna Sticker in das Kaiserswerther Diakonissenmutterhaus ein und wurde 1927 dort als Diakonisse eingesegnet. Sie studierte nun zunächst Religion, Botanik und Zoologie für das Lehramt an Höheren Schulen und arbeitete als Lehrerin.

1937 wurde der damalige Vorsitzende des Kaiserswerther Verbandes, Pastor Siegfried Graf von Lüttichau, auf Anna Stickers historisches Interesse aufmerksam. Er übertrug ihr die Leitung der Kaiserswerther Fachbücherei sowie des Theodor-Fliedner-Archivs. Anna Sticker widmete sich nun ihrem historischen Interesse und forschte vor allem zu Theodor und Friederike Fliedner, den Gründern der Kaiserswerther Diakonie, zur Geschichte des Kaiserswerther Verbandes sowie zur Geschichte Agnes Karlls und der von ihr gegründeten Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands. Anna Stickers Studien zu Friederike Fliedner trugen dazu bei, die Rolle dieser Frau bei der Gründung des Kaiserswerther Mutterhauses neu zu beleuchten. Anna Sticker arbeitete heraus, dass Friederike Fliedner geb. Münster durch ihre Konzeption der Mutterhausidee maßgeblich zur „Heranbildung mündiger“ Diakonissen und Frauen beigetragen habe. Die restriktive Komponente der Mutterhausidee wurde, so Sticker, erst durch Theodor Fliedners zweite Frau, Caroline Fliedner, in Kaiserswerth implementiert. Anna Sticker war auch ein wichtiges Bindeglied zwischen der diakoniegebundenen und der säkularen Krankenpflege.

Während ihrer Studien zu Theodor und Friederike Fliedner am Diakoniewissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg wohnte sie sechs Monate lang in der Schwesternschule der Universität Heidelberg und trug so in den 1950er und 1960er Jahren, in Zusammenarbeit mit den Schulleitungen Olga von Lersner und später Antje Grauhan, dazu bei, dass eine Verbindung zwischen diakonischer Tradition und modernen US-amerikanischen Pflegetheorien geschaffen werden konnte. In dieser Zeit wurde der Diakoniewissenschaftler Paul Philippi am Diakoniewissenschaftlichen Institut mit einer Arbeit zu den Vorstufen des modernen Diakonissenamtes (1789–1848) habilitiert. Ebenso bearbeitete Sticker in dieser Zeit die Verbindungen zwischen dem Zürcher Theologen Leonhard Ragaz und Agnes Karll, die als Begründerin der modernen Krankenpflege gilt. Beim Kaiserswerther Modellprojekt „Menschengerechte Krankenpflege“ in den Jahren zwischen 1980 und 1983 kam es zu einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Anna Sticker und den Pflegewissenschaftlerinnen Johanna Taubert und Hilde Steppe. Anna Sticker sorgte dafür, dass Hilde Steppe das Grab von Agnes Karll in Embsen aufsuchte; sie gab zudem ihr pflegehistorisches Wissen an die jüngere Hilde Steppe weiter und sorgte so für die Weitergabe des mutterhausgebundenen Wissens an den Deutschen Verein für Pflegewissenschaft. Gegen Ende ihres Lebens tauschte Anna Sticker manchmal die Diakonissenkleidung gegen die für die damalige Zeit übliche Frauenkleidung. Anna Sticker verstarb im Feierabendhaus des Diakoniewerkes Düsseldorf-Kaiserswerth.

Nachlass

Ihr Nachlass befindet sich im Archiv der Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth.

Ehrungen

Veröffentlichungen

Literatur

in der Reihenfolge des Erscheinens

Fußnoten

  1. ↑ Wolfgang Uwe Eckart, Robert Jütte: Medizingeschichte. Eine Einführung. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2014, ISBN 978-3-8252-3927-5.
  2. ↑ Traudel Weber-Reich: «Wir sind die Pionierinnen der Pflege ...» Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jahrhundert am Beispiel Göttingen. Hans Huber, Bern 2003, ISBN 3-456-83873-5, S. 25–26.
  3. ↑ Daniela Wittmann: B. A. Nurse. Ein System für Deutschland?! Eine historisch-kritische Betrachtung in Deutschland und deren neue Perspektiven. Hochschulschrift (Zulassungsarbeit), Institut für Gerontologie, Universität Heidelberg, 21. September 2015, zu Anna Sticker S. 7–9 (bibliographischer Nachweis der Universitätsbibliothek Heidelberg).
  4. ↑ Pflege-Bildung. Ein Video-Podcast rund um das Lernen im Pflegeberuf, Episode 31: Agnes Karll zum 154. Geburtstag. Prof. Dr. Roland Brühe im Gespräch mit Prof. Dr. Karen Nolte. Veröffentlicht am 25. März 2022 von Roland Brühe (Video-Podcast, dort ab Min. 43:40 von insgesamt 52 Min.). Karen Nolte merkte an, dass Anna Sticker die Briefe stark redaktionell bearbeitet hat.
  5. ↑ Nachlass von Hilde Steppe, bearbeitet von Walburga Haas, in der Historischen Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege (ehemals Hilde-Steppe-Archiv) in der Bibliothek der Frankfurt University of Applied Sciences, darin der Schriftwechsel von Hilde Steppe, Anna Sticker und Johanna Taubert und anderen, Signatur O159, Jahre 1980–1985.
  6. ↑ Stephanie Sell: Hilde Steppe als Wegbereiterin in der Pflegeprofessionalisierung – eine Analyse ihres wissenschaftlichen und beruflichen Wirkens. Akademische Abschlussarbeit an der katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, 2025, S. 18. (online, abgerufen am 19. März 2026).
  7. ↑ Information aus einem Interview mit Paul Philippi in Sibiu (Hermannstadt), Rumänien, Juni 2016.
  8. ↑ Rajah Scheepers: „Ich bin genau der gleiche Mensch, ob ich Tracht oder zivil trage.“ Zum gewandelten Selbst- und Fremdverständnis der Diakonissen im Spiegel der sich verändernden Diakonissentracht und ihrer Bedeutung. In: Jochen-Christoph Kaiser, Rajah Scheepers (Hrsg.): Dienerinnen des Herrn, Beiträge zur weiblichen Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2010, ISBN 978-3-374-02805-4, S. 212–230.
  9. ↑ Sabine Bartholomeyczik: Über die Anfänge der DGP: Die Gründung des Deutschen Vereins zur Förderung von Pflegewissenschaft und -forschung (DVP) vor 30 Jahren. In: Pflege & Gesellschaft. Zeitschrift für Pflegewissenschaft, Jg. 24 (2019), Heft 1: Schwerpunktheft: Dreißig Jahre Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. (DGP). Beltz Juventa, Weinheim, S. 10.
Personendaten
NAME Sticker, Anna
KURZBESCHREIBUNG deutsche Diakonisse, Pflegehistorikerin
GEBURTSDATUM 28. März 1902
GEBURTSORT Frankfurt am Main
STERBEDATUM 23. November 1995
STERBEORT Kaiserswerth