Anna Thommesen

Anna Thommesens geometrisch gemusterter Altarteppich im Dom zu Roskilde (1977)

Anna Olivia Thommesen (geboren 10. September 1908 in Kopenhagen als Anna Olivia Jepsen; gestorben 6. Januar 2004) war eine dänische Bildweberin, Textilkünstlerin und Malerin, deren abstrakte, geometrisch komponierte Bildteppiche einen eigenständigen Beitrag zur dänischen Moderne bilden. Sie war Autodidaktin und führte vom Entwurf über das Färben der Garne bis zum Weben sämtliche Arbeitsschritte selbst aus. Zu ihren wichtigsten öffentlichen Arbeiten gehören Wandteppiche für Einrichtungen in Holstebro und Vesthimmerland, drei monumentale Bildteppiche für den ehemaligen Landstingssaal im Schloss Christiansborg sowie die Altarausstattung des Doms zu Roskilde.

Leben

Anna Jepsen war die Tochter des Schiffskapitäns Jep Olivarius Jepsen und seiner Frau Anna Sørine Louise geb. Slengerik und hatte einen Bruder und zwei Schwestern. Sie wuchs in einer Kopenhagener Mittelschichtsfamilie auf, zeichnete und malte bereits als Kind und arbeitete als junge Frau unter anderem in Büros und Fabriken sowie als Hausmädchen.

Im Jahr 1928 heiratete sie den Buchhalter beziehungsweise Revisor Jens Marius Olsen; die gemeinsame Tochter Annelise wurde 1933 geboren. Die Ehe wurde 1940 geschieden, wobei die Tochter beim Vater blieb; später nahm Thommesen den Kontakt zu ihr wieder auf. Noch im selben Jahr heiratete sie den Bildhauer Erik Thommesen, den Sohn ihres damaligen Arbeitgebers. Mit ihm hatte sie drei weitere Kinder, Lene (1942), Klaus (1945) und Viggo (1949); später lernten die Kinder aus beiden Ehen einander kennen.

Das Paar lebte zunächst unter bescheidenen Verhältnissen in Kopenhagen, zog 1941 nach Færgelunden am Roskilde-Fjord und anschließend auf die Insel Bornholm, wo beide politisch engagiert waren und sich an der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung beteiligten. Anna und Erik Thommesen waren vom Kommunismus geprägt. Ende der 1940er-Jahre kehrte die Familie nach Seeland zurück und mietete zunächst das kleine Bauernhaus Bøllehuset in Blistrup bei Græsted. Später ließ sie sich in derselben Gegend in einem gemeinsam mit ihrem Freund, dem Architekten Finn Juhl, geplanten Haus nieder, in dem Thommesen den größten Teil ihrer Teppiche schuf.

Anna Thommesen ist auf dem Kirchhof von Blistrup bei Græsted begraben.

Künstlerische Entwicklung und Lehrtätigkeit

Thommesen hatte keine formale künstlerische Ausbildung und entwickelte ihre technischen Fähigkeiten weitgehend autodidaktisch. Bereits als Kind zeichnete und malte sie, und während ihrer ersten Ehe beschäftigte sie sich auch mit Landschaftsmalerei und Weberei. Nach 1940 wurde das Weben zu ihrem künstlerischen Medium; 1943 debütierte sie mit einer Webarbeit auf der Kunstnernes Efterårsudstilling.

Schon in diesem frühen Stadium zeigte sich ihr Interesse an geometrischen Mustern. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten waren häufig Aquarelle und technische Musterzeichnungen auf Millimeterpapier, wobei Farbe und Rhythmus die geometrische Komposition bestimmten. Sie skizzierte ihre Entwürfe, kolorierte sie mit Aquarellfarben und übertrug sie anschließend selbst in das Gewebe, anstatt die bei Bild- und Blumentapisserien gebräuchliche Arbeit nach Kartons anderen Webern zu überlassen. In einem strengen geometrischen Stil webte sie Wandteppiche und Teppiche und entwickelte sowohl ihren Webstuhl als auch ihre Webtechniken den Anforderungen ihrer Entwürfe entsprechend weiter. Nach und nach entwickelte sie eine Reihe neuer Webtechniken, um ihre formalen und ästhetischen Vorstellungen adäquat realisieren zu können.

Thommesen färbte viele ihrer Garne selbst mit Farbstoffen, die sie aus gesammelten Pflanzen gewann. Ihre meist geradlinigen, häufig achsensymmetrischen Muster hatten eine strenge Flächenordnung und gedämpfte Naturfarben. Ihre von der Natur inspirierten abstrakten Darstellungen führte sie mit großer handwerklicher Präzision aus. Ihre Werke wurden mitunter mit indigener oder ethnischer Ornamentik in Verbindung gebracht, zugleich weisen ihre geometrische Abstraktion und Flächenordnung Bezüge zu den konstruktivistischen Tendenzen ihrer Zeit auf.

Von 1965 bis 1970 unterrichtete Thommesen Weberei an Det Jyske Kunstakademi in Aarhus und baute dort einen eigenen Webkurs auf. Dabei prägte sie ein eigenständiges textilkünstlerisches Umfeld und beeinflusste Künstlerinnen wie Berit Øien, Bente Astrup Moe und Merete Erbou Laurent. Ihr letztes datiertes Werk entstand 1996; 1997 stellte sie ihre Webarbeit ein.

Werk

Thommesen präsentierte ihre gewebten Arbeiten meist als Wandarbeiten, wodurch eine bewusste Nähe zur Bildfläche der Malerei entstand. Ihr Werk bewegt sich damit zwischen bildender Kunst und Kunsthandwerk, wobei sie an der handwerklichen Eigenproduktion festhielt und die Weberei zugleich als Medium der modernen dänischen Kunst etablierte. Frühe Teppiche wie Rød, gult, grønt (1944) und Plantefarvet tæppe (1952) zeigen weichere und teilweise beinahe figurative Formen, während das spätere Werk stärker von präzisen, rhythmisch wiederholten rechteckigen Feldern und der konstruktiven Logik von Kette und Schuss dominiert wird.

Zu ihren bedeutenden Aufträgen gehörten mehrere Wandteppiche für das Rathaus von Holstebro (1952–1953), ein Bildteppich für das Vesthimmerlands Gymnasium in Aars (1964), ein Bildteppich für die Nørrelandsskolen in Holstebro (1967/68), drei monumentale Gobelins für den ehemaligen Landstingssaal auf Christiansborg (1969–1972) sowie ein Antependium, ein Altarteppich und eine Kniebank für den Dom zu Roskilde (1975–1977, eingeweiht 1977). Darüber hinaus schuf sie Wandteppiche für weitere öffentliche Einrichtungen.

Die Ausstattung des Doms zu Roskilde führte 1978 zu einem Konflikt um das künstlerische Urheberrecht: Margrethe II. äußerte den Wunsch, anlässlich des Todestages von Frederik IX. einige von ihr selbst und ihrer Mutter Ingrid von Schweden geschaffene Arbeiten in der Kirche aufhängen zu lassen. Thommesen widersprach unter Berufung auf ihre Rechte als Künstlerin an der von ihr gestalteten Gesamtausstattung und erhielt Unterstützung vom dänischen Kunstrat beziehungsweise der staatlichen Kunstförderung; auch die Kunstpresse unterstützte ihre Position, worauf der Hof seinen Wunsch zurückzog.

Die größte Sammlung von Thommesens Werk befindet sich im Holstebro Kunstmuseum; weitere Arbeiten befinden sich im Statens Museum for Kunst, im Designmuseum Danmark und in öffentlichen Gebäuden.

Künstlervereinigungen, Auszeichnungen und Rezeption

Thommesen bewegte sich in den 1940er-Jahren in Künstlerkreisen, aus denen auch CoBrA hervorging; ihr Ehemann Erik Thommesen gehörte CoBrA an, während Anna Thommesen selbst 1947 an einer Ausstellung von Linien II teilnahm. Ab 1952 gehörte sie der Künstlervereinigung Martsudstillingen (Märzausstellung) an, der sie bis zu deren Auflösung 1982 verbunden blieb. Die Martsudstillingen verstand sich als Alternative zu CoBrA und wandte sich gegen dessen Betonung des Primitiven und Spontanen. Thommesen nahm überdies über mehrere Jahre an der Kunstnernes Efterårsudstilling teil und war mit der Jütländischen Akademie der Schönen Künste verbunden.

Im Jahr 1972 erhielt Thommesen die Eckersberg-Medaille. 1989 bekam sie das Kristian-Zahrtmann-Legat, 1990 eine Auszeichnung aus dem Jubiläumsfonds der Dänischen Nationalbank und 1995 gemeinsam mit ihrem Mann die Skovgaard-Medaille.

Obwohl Thommesen zu Lebzeiten anerkannt war und ihre Arbeiten von Museen und bedeutenden privaten Sammlern erworben wurden, war ihr Name nach ihrem Tod außerhalb engerer Fachkreise nur noch wenig präsent. Die Retrospektive Anna Thommesen – Vævninger im Statens Museum for Kunst präsentierte 2026 mehr als 40 handgewebte Bildteppiche sowie Entwürfe, Farbproben und Dokumentationen ihrer großen öffentlichen Ausstattungen und verfolgte das Ziel einer Neubewertung ihrer Stellung in der Kunstgeschichte. Die bis dahin umfassendste Ausstellung ihres Werks war vom 7. Februar bis 16. August 2026 in Kopenhagen zu sehen und ist vom 26. September 2026 bis 28. Februar 2027 im Holstebro Kunstmuseum vorgesehen.

Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen

  • 1950er Jahre: mehrere Einzelausstellungen
  • 1995: Anna Thommesen. Billedvævninger, Holstebro Kunstmuseum
  • 2022/23: Anna Thommesen, Holstebro Kunstmuseum, Holstebro, Dänemark
  • 2026: Anna Thommesen – Vævninger, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen, Dänemark
  • 2026/27: Anna Thommesen – Vævninger, Holstebro Kunstmuseum, Holstebro, Dänemark

Gruppenausstellungen

  • 1943: Kunstnernes Efterårsudstilling (Künstler-Herbstausstellung), Den Frie, Kopenhagen
  • 1947: Linien II
  • 1948: Koloristernes udstilling (Ausstellung der Koloristen)
  • 1985: Anna Thommesen und Erik Thommesen. Retrospektive, Kunstforeningen, Kopenhagen
  • 2022/23: Becoming CoBrA, Kunsthalle Mannheim

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 Merete Harding; Elin Aarestrup Sørenen: Anna Thommesen. In: Dansk Biografisk Leksikon. 29. Januar 2026, abgerufen am 30. August 2026 (dänisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 7 Thommesen, Anna. In: Holstebro Kunstmuseum. Abgerufen am 30. August 2026 (dänisch).
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Anna Thommesen – Vævninger. In: SMK – Statens Museum for Kunst. Abgerufen am 30. August 2026 (dänisch).
  4. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Lisbeth Tolstrup: Anna Thommesen. In: Dansk Kvindebiografisk Leksikon. 22. April 2023, abgerufen am 30. August 2026 (dänisch).
  5. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Tolstrup, Lisbeth: Anna Thommesen (1908 - 2004). Kvinfo, abgerufen am 10. März 2021 (dänisch).
  6. ↑ Lisbeth Tolstrup: Anna Thommesen. Dansk Biografisk Leksikon (lex.dk), 22. Oktober 2022, abgerufen am 27. Januar 2023 (dänisch).
  7. 1 2 Kunstindeks Danmark & Weilbachs kunstnerleksikon. Abgerufen am 27. Januar 2023.
  8. 1 2 3 4 5 Ny udstilling: Anna Thommesen – Vævninger. In: SMK – Statens Museum for Kunst. Abgerufen am 30. August 2026 (dänisch).
  9. ↑ Lars Hedebo Olsen: Hun er gået i glemslen. Men hendes værker er gudesmukke. In: Politiken. 14. Februar 2026, abgerufen am 30. August 2026 (dänisch).
  10. 1 2 The March Exhibition 1951-1982 - Holstebro Kunstmuseum. Abgerufen am 27. Januar 2023 (englisch).
  11. ↑ Skovgaard Medaljen. Skovgaard Museet, abgerufen am 27. Januar 2023 (dänisch).
  12. ↑ Becoming CoBrA. 6. März 2022, abgerufen am 27. Januar 2023.