
Anne Carson (* 21. Juni 1950 in Toronto) ist eine kanadische Dichterin, Essayistin, Übersetzerin und Klassische Philologin. Ihr Werk setzt sich mit antiker griechischer Literatur und zeitgenössischen Themen auseinander und überschreitet dabei regelmäßig die Grenzen zwischen Lyrik, Prosa, Essay, Übersetzung und wissenschaftlicher Reflexion. Sie lehrte unter anderem an der Princeton University, der Emory University, der McGill University und der University of Michigan. 2026 wurde ihr der Nobelpreis für Literatur zugesprochen.
Anne Carsons Ausbildungsweg war nicht geradlinig. Die Faszination durch antike Literatur, die ihre Arbeit dominiert, startete in der High School. Sie lernte die Welt und die Sprache des alten Griechenlands kennen und bekam von ihrem Lateinlehrer Privatunterricht. Sie schrieb sich im St. Michael’s College an der University of Toronto ein, verließ es jedoch zweimal. Carson, verunsichert durch die Zwänge des Lehrplans (insbesondere eine Pflichtveranstaltung über Milton), zog sich für eine kurze Zeit in Richtung Grafikdesign zurück. Sie kehrte schließlich an die Universität Toronto zurück, wo sie 1974 ihren B.A. machte, ein Jahr später ihren M.A. und 1981 ihren Ph.D. Sie studierte außerdem ein Jahr griechische Metrik und griechische Textkritik an der University of St Andrews.
Nach einer Lehrtätigkeit an der University of Calgary wechselte Carson 1980 an die Princeton University, wo sie bis 1987 zunächst als Instructor und später als Assistant Professor für Klassische Philologie lehrte. Nachdem Princeton ihr eine dauerhafte Professur (tenure) verweigert hatte, verließ sie die Universität, lehrte ein Jahr an der Emory University und wechselte anschließend an die McGill University. Dort war sie unter anderem Director of Graduate Studies in Classics; später lehrte sie auch an weiteren Hochschulen, darunter die University of Michigan und die New York University. 2025 kehrte sie für die Robert Fagles Lecture for Classics in the Contemporary Arts nach Princeton zurück und hielt vor mehr als 400 Zuhörern einen Vortrag; außerdem unterrichtete sie dort eine Sitzung eines interdisziplinären geisteswissenschaftlichen Grundkurses.
Carson war im Herbst 2007 Anna-Maria-Kellen-Fellow an der American Academy in Berlin. Die Classic Stage Company, ein in New York ansässiges Theater, spielte drei von Carsons Übersetzungen – Aischylos’ Agamemnon, Sophokles’ Elektra und Euripides’ Orestes (als An Oresteia) – in der Saison 2008/2009. Sie nahm auch am Bush Theatre am Projekt Sixty Six (Oktober 2011) teil, für das sie ein Stück mit dem Titel Jude: The Goat at Midnight geschrieben hat. Das Stück basiert auf dem Brief des Judas aus der King-James-Bibel. Einmal im Jahr geben Carson und ihr Ehemann und langjähriger Arbeitspartner, der britische bildende Künstler Robert Currie, einen Kurs über die Kunst der Zusammenarbeit unter dem Titel Egocircus an der New York University.
Carson und ihr Ehemann leben in Michigan sowie seit einigen Jahren auch in Island. 2022 erhielten beide zusätzlich die isländische Staatsbürgerschaft. 2024 schrieb sie in einem Essay für die London Review of Books erstmals öffentlich über ihre Parkinson-Erkrankung.
Die Nachricht von der Zuerkennung des Nobelpreises erreichte Carson in Island. Kurz zuvor war sie beim Internationalen Literaturfestival Berlin im ausverkauften Haus der Berliner Festspiele aufgetreten, mit einem Vortrag unter dem Titel „Lecture“, der die Form der Vorlesung parodierte.
Carsons literarisches Werk ist eng mit ihrer altphilologischen Ausbildung verbunden: Sie übersetzt, kommentiert und transformiert antike Stoffe und reichert sie um Gegenwartserfahrungen wie Begehren, Trennung, Trauer und Gewalt an. Ihre Bücher überschreiten dabei häufig Gattungsgrenzen und umfassen Lyrik, Prosa, Essayistik, wissenschaftliche Argumentation, dramatische Formen sowie Elemente der bildenden und darstellenden Kunst. Bis 2026 hatte sie mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht.
In Eros the Bittersweet (1986), ihrem ersten Buch literaturkritischer Prosa, untersucht Carson ausgehend von Sapphos Begriff glukupikron das gleichzeitige Moment von Lust und Schmerz im Begehren und entwickelt daraus die Vorstellung des Eros als Erfahrung des Mangels. In der Sammlung Glass, Irony and God (1995) beschreibt das Langgedicht The Glass Essay das Ende einer Liebesbeziehung und setzt sich mit Emily Brontë und deren literarischer Welt auseinander.
Autobiography of Red (1998), eines von Carsons bekanntesten Werken, ist ein Versroman, der das nur fragmentarisch überlieferte Gedicht Geryoneis des Stesichoros neu erzählt. Aus Geryon, dem geflügelten Ungeheuer der griechischen Mythologie, wird darin ein homosexueller Jugendlicher mit belasteter Familiengeschichte; Herakles erscheint als älterer Junge, in den er sich verliebt und der ihm schließlich das Herz bricht. Die 2013 erschienene Fortsetzung Red Doc > führt Geryon unter dem Namen „G.“ weiter und verbindet die mythologische Figur mit einem traumatisierten Kriegsveteranen auf einem Roadtrip. In Red Doc > spielt Carson mit Initialen und Akronymen; die Winkelklammer ist Bestandteil des Titels und geht laut Carson auf einen beim Speichern des Manuskripts vorgeschlagenen Dateinamen zurück.
The Beauty of the Husband (2001) schildert die Auflösung einer Ehe und die fortbestehende erotische Fixierung auf den Ehemann in 29 von Carson als „Tangos“ bezeichneten Abschnitten, deren wechselnde Verslängen den Rhythmus des Tanzes aufnehmen. In Nox verarbeitet Carson den Tod ihres entfremdeten Bruders in Form eines Erinnerungsalbums aus Texten, Fotografien und Illustrationen; das Buch ist als leporelloartig gefaltetes Objekt in einer Schachtel gestaltet und erweitert damit die materielle Form des Gedichtbandes.
Auch in späteren Arbeiten erweiterte Carson antike Vorlagen um anderen Kunstformen: Norma Jeane Baker of Troy stellt Helena von Troja und Marilyn Monroe nebeneinander, während The Trojan Women: A Comic (2021) Euripides’ Troerinnen als grafische Neuerzählung gestaltet. Ihre Übersetzung von Sophokles’ Elektra wurde 2025 in London in einer Inszenierung mit Brie Larson in der Titelrolle aufgeführt.
Die Schwedische Akademie begründete die Verleihung des Literaturnobelpreises 2026 mit Carsons kühner und erfinderischer Arbeit, die im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die Gegenwartsliteratur geschaffen habe. Der Vorsitzende des Nobelkomitees, Anders Olsson, hob insbesondere hervor, dass Carson sich von einer an das erzählende Ich gebundenen Lyrik gelöst und zwischen antiker und moderner Dichtung ebenso wie zwischen unterschiedlichen Gattungen und Kunstformen neue Verbindungen geschaffen habe.
In der deutschsprachigen Rezeption wurde nach der Nobelpreisbekanntgabe besonders Carsons sprachliche und formale Beweglichkeit hervorgehoben. Die Schriftstellerin und Übersetzerin Marie Luise Knott, die vier Werke Carsons ins Deutsche übertragen hat, beschrieb deren Schreiben als vielschichtig und betonte, dass die Besonderheiten von Carsons Englisch sie bei der Übersetzung teilweise dazu zwängen, die Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen zu erweitern. Der S.-Fischer-Verleger Oliver Vogel bezeichnete Gewalt als ein wiederkehrendes Thema in Carsons Werk und verwies darauf, dass sie in antiken Stoffen immer wieder die Gegenwart suche.
| Personendaten | |
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| NAME | Carson, Anne |
| KURZBESCHREIBUNG | kanadische Dichterin, Essayistin, Übersetzerin und Klassische Philologin |
| GEBURTSDATUM | 21. Juni 1950 |
| GEBURTSORT | Toronto |