Annette Gabriele Beck-Sickinger (* 28. Oktober 1960 in Aalen) ist eine deutsche Chemikerin und Biologin. Seit 1999 hält sie als ordentliche Professorin einen Lehrstuhl für Biochemie und Bioorganische Chemie an der Universität Leipzig.
2015 geriet Beck-Sickinger wegen des Vorwurfs rassistischer Diskriminierung eines indischen Praktikumsbewerbers international in die Kritik.
Beck-Sickinger studierte Chemie und Biologie an der Universität Tübingen, wo sie 1989 bei Günther Jung promovierte. Nach der Promotion folgten mehrere Forschungsaufenthalte, unter anderem in den USA und Dänemark. Nach einem Post-Doktorat in Zürich wurde sie 1995 habilitiert, ebenfalls in Tübingen. 1996–1999 war sie als Assistenzprofessorin für Pharmazeutische Biochemie an die ETH Zürich berufen. Sie folgte 1999 einem Ruf an die Universität Leipzig. 2009 und 2014 war sie als Gastprofessorin an der Vanderbilt University in Nashville/TN tätig.
Beck-Sickinger war von 2004 bis 2012 Vorstandsmitglied der Gesellschaft Deutscher Chemiker. 2006 bis 2008 war sie auch deren Vizepräsidentin. Sie ist seit 2009 Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, seit 2012 der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (Sektion Chemie) und seit 2021 der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. 2010 wurde sie in den Hochschulrat der Universität Leipzig gewählt, 2014–2020 war sie im Universitätsrat der Universität Stuttgart Hohenheim, den sie von 2018 bis 2021 leitete. Sie war von 2017 bis 2023 im Vorstand der Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie und von 2019 bis 2021 deren Präsidentin.
2012 bis 2018 war sie Mitglied des Wissenschaftsrates. Darüber hinaus ist sie Mitglied im Senatsausschuss Evaluierung der Leibniz-Gemeinschaft. Seit 2021 ist Beck-Sickinger Mitglied des Senats der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 2026 wurde sie zum Gründungsmitglied der Federation of European Biochemical Societies (FEBS) Research Academy ernannt.
Sie war und ist Mitglied in zahlreichen Kuratorien und Forschungsbeiräten, z. B. als Forschungsbeirat Mitglied im Kuratorium des Verbandes der Chemischen Industrie, des Leibniz-Institut für Katalyse e. V. (LIKAT) in Rostock, im Advisory Board der Carl Zeiss Foundation, im internationalen Scientific Advisory Board der Pharmazeutischen Wissenschaften Universität Basel, und leitet das International Advisory Board der Angewandte Chemie. Zudem ist Beck-Sickinger in diversen Preis- und Auswahlkommissionen tätig, wie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie (GBM), der Federation of European Biochemical Societies (FEBS,) sowie bei diversen Stiftungen, z. B. Boehringer-Ingelheim-Preis und Life Science Bridge Award.
Beck-Sickinger erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, beispielsweise den Leonidas Zervas Award der European Peptide Society, die Goldmedaille der Max-Bergmann-Gesellschaft (2009), den Leipziger Wissenschaftspreis (2016) und den Sächsischen Verdienstorden (2017). Für 2018 wurde ihr der Albrecht-Kossel-Preis der Gesellschaft Deutscher Chemiker zugesprochen. 2019 erhielt Beck-Sickinger den Vincent du Vigneaud Award der American Peptide Society, für den Zeitraum 2019 wurde sie mit dem Chemistry Europe Fellow Award ausgezeichnet. Den Richard-Willstätter-Preis für Chemische Biologie (Dechema, GDCh, GBM) erhielt sie im Jahre 2023. Die IUPAC zählte sie 2023 zu den bedeutendsten Wissenschaftlerinnen der Welt im Bereich Chemie und Chemietechnik. Von der Federation of European Biochemical Societies (FEBS) wurde Beck-Sickinger 2025 mit der Sir Hans Krebs Medal & Lecture 2025 ausgezeichnet, 2026 von der International Society of Neuropeptides mit dem Viktor Mutt Award.
Beck-Sickinger betreute zahlreiche Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus verschiedensten Nationen, u. a. Italien, Indien, Spanien, Dänemark und Pakistan, 93 Promotionen konnten bis 2026 unter ihrer Anleitung abgeschlossen werden. Weiter fungierte sie als Mentorin für 5 Habilitationen/Junior-Professoren.
Ihre Forschungstätigkeit umfasst unter anderem die Ligand-Rezeptor-Wechselwirkungen von Neuropeptiden, deren nachgeschaltete Signaltransduktionsvorgänge sowie die chemische Modifizierung von Peptiden und Proteinen für diagnostische und therapeutische Anwendungen. Sie ist Autorin mehrerer Lehrbücher der Biochemie und hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht (>430 in PubMed gelistet; Google Scholar h-Index 82, Gesamtzahl der Zitate >25.000).
Sie war von 2002 bis 2012 Sprecherin des Sonderforschungsbereiches 610 („Protein-Zustände mit zellbiologischer und medizinischer Relevanz“). Am Transregio 67 („Funktionelle Biomaterialien zur Steuerung von Heilungsprozessen in Knochen- und Hautgewebe – vom Material zur Klinik“) war sie von 2009 bis 2021 beteiligt und leitete das Integrierte Graduiertenkolleg „Matrixengineering“. 2013 bis 2024 war sie Projektleiterin und Vorstandsmitglied im Sonderforschungsbereich 1052 („Mechanismen der Adipositas“). Seit Anfang 2020 ist Annette Beck-Sickinger Sprecherin des Sonderforschungsbereiches 1423 („Strukturelle Dynamik der GPCR-Aktivierung und -Signaltransduktion“) und beschäftigt sich dort unter anderem mit der Interaktion von G-Protein gekoppelten Rezeptoren (GPCRs) mit Arrestin sowie den molekularen Mechanismen, die der allosterischen Modulation von GPCRs durch niedermolekulare Substanzen zugrunde liegen. Im seit 2026 laufenden Exzellenzcluster Leipzig Center of Metabolism (LeiCeM) erfolgt die Erforschung und Behandlung häufiger Stoffwechselkrankheiten wie Adipositas, Typ-2-Diabetes, Fettleber und ihrer Folgeerkrankungen, wobei sich Beck-Sickinger mit ihrer Forschung im Bereich der Peptidbiochemie und der GPCR-Signalübertragung beteiligt.
Im März 2015 wurde Beck-Sickinger international wegen des Vorwurfs rassistischer Diskriminierung kritisiert. Im Internet waren E-Mails veröffentlicht worden, in denen Beck-Sickinger einem männlichen indischen Bewerber unter Verweis auf das „Vergewaltigungsproblem“ in Indien keinen Praktikumsplatz anbot. Die taz berichtete, dass die betreffenden Äußerungen tatsächlich gefallen seien; umstritten sei jedoch gewesen, in welchem Zusammenhang sie geäußert wurden. Beck-Sickinger erklärte gegenüber der taz, ihr Vorwurf habe sich erst im Laufe der E-Mail-Konversation entwickelt und nicht bereits zu Beginn des Austauschs bestanden. Der deutsche Botschafter in Indien, Michael Steiner, kritisierte Beck-Sickingers Begründung und erklärte, Indien sei kein „Land von Vergewaltigern“.
Kurz darauf berichtete The Independent über einen zweiten männlichen indischen Bewerber, der angab, bereits 2014 mit einer vergleichbaren Begründung abgelehnt worden zu sein. Nach seiner Darstellung habe Beck-Sickinger ihm mitgeteilt, sie nehme aufgrund des Vergewaltigungsproblems in Indien keine männlichen indischen Gäste, Praktikanten, Doktoranden oder Postdoktoranden mehr auf. Nach Angaben von The Independent bestätigte die Universität Leipzig gegenüber der BBC, dass zwischen Beck-Sickinger und diesem Bewerber ein E-Mail-Austausch stattgefunden hatte; die E-Mails seien inzwischen gelöscht. Die Universität erklärte zugleich, Beck-Sickinger habe eine Bewerbung „nie auf diese Weise“ beantwortet.
Beck-Sickinger entschuldigte sich für ihre Äußerungen und erklärte, sie habe den ersten Bewerber ursprünglich abgelehnt, weil ihre Labore voll besetzt gewesen seien. Die im Internet verbreitete E-Mail habe sie „so nicht geschrieben“; sie sei aus Äußerungen einer späteren Diskussion zusammengesetzt und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Die Universität Leipzig veröffentlichte diese Darstellung in einer Pressemitteilung und unterstützte ihre Entschuldigung. Der Studierendenrat der Universität erklärte zu diesem Zeitpunkt, es stehe „Wort gegen Wort“, und forderte die Universitätsleitung zur Veröffentlichung des vollständigen E-Mail-Verkehrs auf, um eine transparente Aufklärung zu ermöglichen. Sein Referat für Antirassismus bezeichnete eine pauschale Ablehnung von Studenten aufgrund ihrer Herkunft als rassistischen Ausschluss.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Beck-Sickinger, Annette |
| ALTERNATIVNAMEN | Beck-Sickinger, Annette Gabriele (vollständiger Name); Beck-Sickinger, Annette G. |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Chemikerin und Biologin |
| GEBURTSDATUM | 28. Oktober 1960 |
| GEBURTSORT | Aalen |