Anonymus Parisinus

Der Anonymus Parisinus (vollständig Anonymus Parisinus Darembergii siue Fuchsii) ist eine antike griechische medizinische Abhandlung über akute und chronische Krankheiten, die anonym überliefert ist. Es ist das einzige auf Griechisch erhaltene Werk dieser Art neben dem des Aretaios. Der Text gilt zugleich als wichtige doxographische Quelle für die Lehren hellenistischer Ärzte des 4. und 3. Jahrhunderts v. Chr.

Überlieferung

Die Haupthandschrift ist der Codex Parisinus Supplementi Graeci 636 der Bibliothèque nationale de France in Paris, eine Papierhandschrift des 17. Jahrhunderts, die Konstantinos Minas auf dem Athos entdeckte und nach Paris brachte. Ein erster Hinweis auf sie findet sich in Minas' Vorrede zu seiner Ausgabe von Galens Institutio logica (1844). Auszugsweise ist der Text auch in weiteren Handschriften überliefert, nämlich im Codex Parisinus Graecus 2324, im Codex Vindobonensis Medicus Graecus 37 sowie in einem Codex Londinensis, der heute in der Bibliothek des Wellcome Institute in London aufbewahrt wird (Wellcome MS 52b). Die vier Handschriften sind voneinander unabhängig und gehen auf einen gemeinsamen griechischen Majuskelarchetyp zurück.

Inhalt und Aufbau

Das Werk handelt 16 akute und 35 chronische Krankheiten ab. Die Anordnung des Stoffs folgt dem aus der antiken Medizin vertrauten Schema a capite ad calcem, das heißt von Kopf bis Fuß. Jede Krankheit wird in ätiologische, semiotische und therapeutische Abschnitte untergliedert, wobei doxographisches Material ausschließlich im ätiologischen Teil erscheint. Als Autoritäten der Ätiologie werden vor allem Hippokrates, Diokles von Karystos, Praxagoras und Erasistratos herangezogen, daneben Demokrit. Besonders ausführlich sind die Kapitel über die Pleuritis und die Wassersucht.

Datierung und Verfasserfrage

Ivan Garofalo datiert den Text auf etwa das 1. Jahrhundert n. Chr., also in die Römische Kaiserzeit, jedoch vor Galenos. Der Verfasser lässt sich keiner der großen antiken Ärzteschulen eindeutig zuordnen. Erkennbar sind Sympathien für die Empiriker sowie inhaltliche Berührungspunkte mit Soranos von Ephesos und mit den Anhängern des Themison. Eine Identifikation des Verfassers mit Themison selbst, die Robert Fuchs 1903 vorschlug, wies Max Wellmann zutreffend zurück. Wellmanns eigene These, der Verfasser sei der kaiserzeitliche Arzt Herodotos, gilt heute ebenfalls als widerlegt. Der Verfasser bleibt anonym.

Forschungsgeschichte

Charles Daremberg erkannte als erster den quellengeschichtlichen Wert des Textes. In seiner gemeinsam mit Ulco Cats Bussemaker herausgegebenen Oreibasios-Ausgabe (Paris 1851) wies er auf ihn hin und sprach sich für eine baldige Edition aus. Georgios Aristeidis Costomiris lenkte 1890 erneut die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf den Text und machte auf zwei weitere Handschriften aufmerksam. Robert Fuchs, der an der Rekonstruktion der Fragmente des Erasistratos arbeitete und den Text vor allem als Quelle für dessen Lehren benutzte, veröffentlichte 1894 und 1895 eine Teiledition der doxographischen Abschnitte auf der Grundlage der beiden Pariser Handschriften. Eine Edition des Abschnitts über die akuten Krankheiten folgte 1903 im Rheinischen Museum für Philologie. Diese Editionen zogen einen scharf geführten Akademikerstreit mit Max Wellmann nach sich, der 1901 und 1905 in Hermes eigene Positionen zur Autorschaft und zur Textgestalt entwickelte und Fuchs’ editorische Methode scharf kritisierte. Fuchs gab daraufhin das Editionsprojekt auf, Wellmann seinerseits verlor das Interesse an einer Gesamtausgabe. Karl Kalbfleisch und Hermann Diels hatten zwischenzeitlich wichtige Korrekturen beigesteuert. Diels hatte außerdem 1893 die These geäußert, die doxographischen Abschnitte könnten auf ein verlorenes Werk des Soranos zurückgehen, was die Diskussion für Jahrzehnte prägte. Die erste vollständige kritische Ausgabe legte Ivan Garofalo 1997 vor.

Ausgaben

Literatur

Einzelnachweise

  1. Ivan Garofalo: Introduction. In: Ders. (Hrsg.), Brian Fuchs (Übers.): Anonymi Medici De Morbis Acutis et Chroniis (= Studies in Ancient Medicine. Bd. 12). Brill, Leiden 1997, S. VII–XXVIII
    1. ↑ S. XIV–XXII
    2. ↑ S. IX
    3. ↑ S. IX–X
    4. ↑ S. XI–XIII
    5. ↑ S. XXVI–XXVII
  2. 1 2 3 Ivan Garofalo: Anonymus Parisinus. In: Karl-Heinz Leven, Nadine Metzger (Hrsg.): Encyclopedia of Medicine in the Greco-Roman World Online. Brill, Leiden 2024 (doi:10.1163/2950-466X_EMGO_SIM_024625).
  3. Philip van der Eijk: The Anonymus Parisinus and the Doctrines of "The Ancients". In: Ders. u. a. (Hrsg.): Ancient Histories of Medicine. Brill, Leiden 1999, S. 295–331.
    1. ↑ S. 296
    2. ↑ S. 296–299
    3. 1 2 S. 297–299
  4. ↑ Vivian Nutton: Anonymus Parisinus. In: Der Neue Pauly, Bd. 1. Stuttgart 1996, Sp. 719–720.