
Anthony Giddens, Baron Giddens (* 18. Januar 1938 in Edmonton, London Borough of Enfield, London) ist ein britischer Soziologe und Life Peer.
Giddens wurde 1938 in Edmonton, einem Stadtteil im Norden von London, geboren. Er wuchs dort als Sohn eines Angestellten der Londoner Verkehrsbetriebe in einer Familie der unteren Mittelschicht auf.
Nach dem Besuch der Minchenden Grammar School in Southgate immatrikulierte er sich 1956 an der eher unbedeutenden University of Hull in den Fächern Soziologie und Psychologie. Er war der erste seiner Familie, der eine Universität besuchte. 1959 schloss er sein Bachelor-Studium ab und wechselt dann erst an die renommierte London School of Economics and Political Science (LSE), um ein Master-Studium in Soziologie aufzunehmen. Er studierte an der LSE, weil sie damals die einzige britische Universität mit einem breiten soziologischen Fächerangebot war. 1961 schloss er dort sein Studium mit einer sportsoziologischen Arbeit über „Sport and Society in Contemporary England“ ab.
Anschließend nahm er seine Tätigkeit als Dozent für Sozialpsychologie an der University of Leicester auf. Dort traf er auf die bekannten Soziologen Norbert Elias und Ilya Neustadt. Während dieser Zeit begann er mit ersten eigenen Arbeiten über die Soziologie des Suizids, die bereits eine Kritik der Soziologie Émile Durkheims enthielt. Im akademischen Jahr 1967/1968 nahm er eine Gastprofessur an der neugegründeten kanadischen Simon Fraser University an und im akademischen Jahr 1968/1969 eine weitere Gastprofessur an der University of California, Los Angeles. Während seiner amerikanischen Jahre gewann seine Theorie der Strukturation erste Konturen.
1969 kehrte er schließlich nach England zurück und wurde Dozent für Soziologie am traditionsreichen King’s College der University of Cambridge. Dort verfasste er Schriften über Marx, Durkheim und Weber. 1976 promovierte er an der Universität Cambridge zum Ph.D. mit einer Arbeit über die interpretative Soziologie (engl. „New Rules of Sociological Method“). Giddens ist Mitgründer und Leiter des 1985 gegründeten Polity Press Verlags. Seit 1986 hatte er an der Universität Cambridge eine ordentliche Professor für das Fach Soziologie inne. 1997 wechselte er als Direktor an seine frühere Alma Mater LSE. 2003 wurde er dort schließlich in den Ruhestand verabschiedet.
Danach befasste sich Giddens einer Zahl von konkreteren Problemen, die für die Entwicklung der Weltgesellschaft relevant sind, nämlich mit Umweltfragen, insbesondere den Debatten über den Klimawandel in seinem Buch The Politics of Climate Change (2009); die Rolle und Natur der Europäischen Union in Turbulent und Mighty Continent (2014); und in einer Reihe von Vorträgen und Vorträgen auch die Natur und die Folgen der digitalen Revolution.
Im Juni 2004 wurde Giddens als Baron Giddens, of Southgate in the London Borough of Enfield, in den persönlichen Adelsstand erhoben und in das britische Oberhaus aufgenommen, wo er als Mitglied der Labour Party sitzt. Seit 1999 ist er ausländisches Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Giddens ist bekannt für seine Theorie der Strukturierung (siehe Struktur (Soziologie)), auch Strukturationstheorie genannt. Dieser Ansatz der Soziologie versucht einen Mittelweg zwischen Positionen, die den Fokus entweder auf soziale Systeme oder auf das Individuum richten, zu finden. Giddens untersucht insbesondere, wie Handeln sich über Raum und Zeit erstrecken kann, und greift dazu den Bereich des unbewusst gesteuerten Alltagshandelns heraus. Er argumentiert, dass individuelle Handlungen und soziale Strukturen in einer engen Beziehung zueinander stehen, d. h. es bilden sich in jeder Handlung eines Individuums soziale Systeme ab. Somit können aus individuellen Verhaltensweisen Rückschlüsse auf soziale Systeme gezogen werden.
Soziale Strukturen, wie Traditionen und Institutionen beeinflussen das Individuum, jedoch existiert auch Innovation, da die Strukturen ignoriert oder ersetzt werden können. Mit der Strukturationstheorie ergaben sich vermehrt Querverbindungen zur Psychologie und zur Sozialpsychologie.
In seiner politischen Soziologie postuliert Giddens den so genannten „dritten Weg“ zwischen Laissez-faire-Liberalismus und Sozialismus. Der dritte Weg versucht die positiven Aspekte von beiden Systemen zu vereinen.
Er befasst sich außerdem mit der Moderne und deren Einfluss auf die Identität von Individuen. Bekannt geworden ist er auch durch seine Stellungnahmen zur Globalisierung und deren Aspekte von Risiko, Tradition und Demokratie.
In Bezug auf methodische Fragen der Sozialwissenschaft betont Giddens die Problematik der doppelten Hermeneutik. Mit diesem Konzept verweist er auf das Spannungsfeld zwischen Selbstinterpretation der Forscher und Interpretationen zweiter Ordnung.
Über das Schlüsselkonzept „Strukturierung“ hinausgehend hat Anthony Giddens in seinen 1991 erschienenen Büchern „The Consequences of Modernity“ und „Modernity & Self-Identity. Self & Society in the Late Modern Age“ einerseits versucht, Modernität und Globalisierung als Leitvorstellungen jeder soziologischen Zeitdiagnose zu profilieren und in vier institutionellen Globalisierungsfeldern und Modernitätsgrundrisiken zu bündeln: Zunahme unkontrollierter totalitärer Macht und atomarer Gefahr; Zusammenbruch jeder Wachstumswirtschaft und Umweltkatastrophe. Andererseits verknüpfte er seinen Ansatz mit Blick auf das handelnde Individuum.
Heraus kommt eine Haltung, die er als Utopischen Realismus bezeichnet: Es geht um das Streben (das ist mehr als Beschreiben) nach gesellschaftlicher Veränderungen, das Setzen von Zielen und Alternativen, dabei aber realistisch mit den bestehenden Bedingungen umzugehen.
Giddens differenziert zwischen einem impliziten (habituell, unreflektiert, routinemäßig) Wissen in einer Sphäre des praktischen Bewusstseins und einer Sphäre des wissenschaftlichen, diskursiven Wissens. Dieses diskursive Wissen eignet jedem theoretisch-wissenschaftlichen Ansatz als eine Art praktischer Tätigkeit mit ihrem eigenen impliziten Wissen. Problematisch ist aus dieser Perspektive die Diskursivierung der Handlungen und Äußerungen des praktischen Bewusstseins.
Zu diesem Zweck muss der Forscher zunächst offen sein für dieses nichtdiskursive Wissen, d. h., er muss die Alltagsbegriffe der Erforschten zunächst erfassen. Dann kann er sie analysieren, rekonstruieren und verstehen. Diese Rekonstruktionen können jedoch ihrerseits wieder Teil der impliziten Deutungsmuster, Weltbilder und der alltäglichen Lebenspraxis werden. Das bedeutet, die genuin soziologischen Begriffe können leicht „Abrutschen“ ins praktische Bewusstsein der Erforschten. In den Blicken, dem Lächeln oder dem taktvollen Übergehen der Erforschten reproduziert sich dann das diskursive Wissen des Forschers. Ein ursprünglicher oder authentischer Gebrauch des diskursiven Wissens ist daher unmöglich. Beispiele für diesen Tatbestand sind Begriffe wie „Macht“, „Herrschaft“ oder „System“, die im alltäglichen Sprachgebrauch ebenso wie im wissenschaftlichen Verwendung finden.
Giddens sieht die Sozialwissenschaft aus diesem Grund in einer reflexiven Spannung zu ihrem Gegenstand: „als potentielles Instrument für die Ausweitung der rationalen Autonomie des Handelns, aber in gleicher Weise auch als potentielles Herrschaftsinstrument.“ (Giddens 1984: 196) Ziel der doppelten Hermeneutik ist daher auch die Erklärung der Produktion und Reproduktion der Gesellschaft als Ergebnis menschlichen Handelns (vgl. Giddens: 200) 1984.
Der Begriff der Strukturierung lässt sich ausgehend von dem Sachverhalt nachvollziehen, „dass man historisch-empirisch nur ganz selten von festen Klassen und Klassengrenzen sprechen kann, sondern meist variable ‚Stufen‘ der Klassenbildung vorliegen. Deren Variabilität hängt von der Produktionsweise der Gesellschaft ebenso ab, wie von der möglicherweise verändernden intergenerationellen Mobilität“. Die Struktur umfasst die bestehenden Regeln und Ressourcen, die Handeln ermöglichen und begrenzen. Die Strukturierung ist der ständige Prozess, in dem die Strukturen durch Handeln reproduziert oder verändert werden. Auf eine längere Sicht ergeben sich daraus in einem bestimmten Raum soziale Beziehungen oder Praktiken, die insgesamt das System bilden.
Giddens versucht durch seine Interpretationen von Karl Marx, Émile Durkheim und Max Weber und vor dem Hintergrund einer Realanalyse der Industriegesellschaft nach einer Strukturierung der Gesellschaft eine Systembildung. Im Gegensatz zu Talcott Parsons, der in seinem Werk Structure of Social Action überzeitliche theoretische Ansätze vertritt, will Giddens auch die Subjektivität der Akteure und der Reflexivität der Soziologie mit in seinen Systementwurf einbeziehen. Weder Voluntarismus noch Determinismus, die jeweils einseitig das Subjekt bzw. die Struktur einschränken, soll dabei der Vorzug gegeben werden.
Entsprechend ist das Problem der Giddens’schen Strukturierungstheorie nicht der Interessenskonflikt, sondern die Gewährung von Ordnung und Transzendenz enger zeitlicher- und räumlicher Grenzen.
Macht weist nicht, wie die Definition Max Webers suggeriert, auf ein Verteilungsproblem hin. Denn sie kann sowohl akkumuliert als auch produziert werden, „ohne, dass einer der an einer Machtbeziehung beteiligten hierbei notwendig verlieren müsste“.
Wie Hannah Arendt verbindet auch Giddens Macht mit Handeln weil beides bedeutet: „In der Lage zu sein, ‚anders zu handeln‘, bedeutet, fähig zu sein, in die Welt einzugreifen bzw. einen solchen Eingriff zu unterlassen mit der Folge, einen spezifischen Prozess oder Zustand zu beeinflussen.“ (Giddens 1988:65) Entsprechend sind selbst in totalen Institutionen nur schwer Ohnmachtssituationen vorstellbar, weil auch dort die Mächtigen auf Kooperation der Beherrschten angewiesen sind, d. h. an Machtprozessen immer mindestens zwei Parteien beteiligt sind.
Die aus Handlung und Macht folgende Multidimensionalität des Machtbegriffs differenziert Giddens in verschiedene Ressourcen, zum einen allokative (z. B. ökonomische) Ressourcen und zum anderen autoritative (z. B. politische, militärische oder wissens-) Ressourcen.
Macht über raum-zeitliche Distanzen hinweg wird nach Giddens mittels Speicher- und Vernetzungstechnologien gewährleistet. Wie er am Beispiel der historischen mesopotamischen Gesellschaft gezeigt hat, spielt die Schrift und die in ihr fixierte Information eine unhintergehbare Rolle bei der Überwachung.
Giddens (1998) hält politisch die traditionelle Sozialdemokratie für überholt, was aber nicht bedeutet, zum Neoliberalismus überzugehen. Ein neuer Weg jenseits der überholten Einteilung von links und rechts soll durch einen veränderten Staat entstehen: Er soll die Menschen befähigen, ihre Risiken selbst zu bewältigen, in breiter Form Bildung fördern, Beschäftigung ermöglichen und soziale Teilhabe sichern. Aktivierung ist dabei der Schlüsselbegriff für die Aufgabe des modernen Staates. Sozialstaatliche Transferleistungen und Unterstützungen werden nicht einem passiv bleibenden Empfänger gewährt, sondern er wird zum Aktivsein (Agency) angeregt. In dieser Hinsicht besteht eine Parallele zu den Gedanken von Ulrich Beck.
Giddens hat 2017 zwar dementiert, jemals eine Beraterfunktion für Tony Blair innegehabt zu haben, aber eine Wirkung auf ihn, Gerhard Schröder und Bill Clinton sieht er als gegeben an. Während für Blair zumindest eine gedankliche Nähe nachweisbar ist, hat die deutsche Sozialdemokratie nach dem Schröder-Blair-Papier 1999 und dessen Zurückweisung durch Lafontaine eine theoretische Annäherung betont vermieden, praktisch aber etwa durch den Slogan „Fördern und Fordern“ eine Umsetzung versucht. Insbesondere aber mit der von der Globalisierung vorangetriebenen Migration habe die Sozialdemokratie europaweit Schwierigkeiten im Umgang gezeigt, womit sie dem Aufgreifen migrationsfeindlicher Emotionen durch Populisten wenig entgegenzusetzen habe. Für Olaf Scholz ist eine positive Zuwendung zu Giddens direkt nachweisbar, während die spätere Sozialpolitikerin Andrea Nahles ihn zusammen mit dem Labourlinken Jon Cruddas ihm zu großes Vertrauen in den globalen Kapitalismus vorwarf.
Siehe auch Der dritte Weg (Buch)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Giddens, Anthony |
| ALTERNATIVNAMEN | Giddens, Anthony, Baron Giddens (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | britischer Soziologe und Life Peer |
| GEBURTSDATUM | 18. Januar 1938 |
| GEBURTSORT | Edmonton, London |