Apocalypse Now and Then ist ein Buch der US-amerikanischen Theologin Catherine Keller aus dem Jahr 1996. In diesem Feministischen Wegweiser zum Ende der Welt (Untertitel) entwirft Keller eine Konter-Apokalypse, die den antiken Text der Offenbarung des Johannes auf seine Wirkungsgeschichte hin durchsichtig macht und als ein verborgenes Muster analysiert, um die gegenwärtige Allianz von evangelikalem Millenarismus und konservativer Politik kritisch zu reflektieren und vor allem eine eigene planetarisch verantwortete Haltung zu den drängenden Aufgaben der Zeit zu entwickeln.
Inhalt
Da die Abschnitte der Kapitel zwar durchnummeriert, aber nicht mit Überschriften versehen sind, ist die Orientierung oft nicht ganz einfach. Daher werden hier Vorschläge zur inhaltlichen Gliederung gemacht.
Preface 1. Opening. Dis/Closing "The End"
1–4 Einleitung
5–12 Begriffsbestimmungen (siehe Glossar)
13–17 Eschatologie, Feministische Theologie
18 Zusammenfassung und Übersicht
2. Text. Seeing Voices
1–23 Eine Art Midrash (Gedanken zu exemplarischen Ausschnitten aus der Johannesoffenbarung)
3. Time. Temporizing Tales
1–4 Einleitung: die politische Dimension der Zeit. Die Apokalypse als ein Verständnisrahmen für den Zeitsinn
5–11 Historische Entwicklung des apokalyptischen Zeitsinns: Sublimierung und Realisierung der Apokalypse
12–20 Auswertung
4. Place. De/Colon/izing Spaces
1–5 Einleitung: Raum vs Ort, Kulturgeschichte der Anpassung an die natürliche Umwelt
6–8 Kolumbus als Beginn der kolonialen Ära: Performative Eschatologie
9 Wissenschaftlicher Universalismus der frühen Neuzeit
10–13 Topische Eschatologie als verkörperte Eschatologie
5. Community. Congregating Conflagrations
1 Einleitung
2–4 Apokalyptische Bewegungen der Neuzeit und ihre Nachwirkungen
5–7 Verständigung und Verbindung: eine geheime Ekklesiologie
6. Gender. Silly Women of the Last Days
1 Einleitung
2–5 Feministische Bewegungen vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert
6–7 Gegenwart: Mary Daly und Monique Wittig
8–15 Kritische Diskussion der Identitätspolitik, Plädoyer für vielstimmige wechselseitige Verbundenheit
7. Spirit. Counter-Apocalyptic In/conclusion
1 Pneumatologie als Inklusion und Konklusion
2–3 Rückblick 1: Struktur
4 El Salvador und die Unterscheidung der Geister
5–6 Rückblick 2: Reprise
7–10 Transzendenz, Hoffnung, Weisheit
Zur Entstehung
Das Thema der Apokalypse beschäftigte Keller bereits seit den späten 80er Jahren. In einem biographischen Rückblick schreibt sie: „Ich bin nicht mit dieser Art von Christentum aufgewachsen. Es kostete mich beträchtliche Mühe, seine Leidenschaft zu verstehen, ohne sie einfach bloß zu dämonisieren ... Allmählich erkannte ich, dass dieses Muster sogar jene Politik durchdringt, die mich geprägt hat, wie etwa die Frauenbewegung der 1970er und 80er Jahre. Ich begann, meine Studierenden, von denen viele die Ordination anstreben, zu ermutigen, die Apokalypse aus dem Schatten zu holen und in den Dialog zu bringen.“. In einer Rede zu Erstsemestern der Drew University aus dem Jahr 1989 hieß es etwa: „Ich würde behaupten, dass niemand für den Dienst in den ökumenischen Kirchen bereit ist, der dieser Weltuntergangstheologie nicht frontal gegenübertreten kann“. In der Folge erschienen etwa ein Dutzend Aufsätze, die sich mit der Apokalypse und ihren mehr oder minder verborgenen Wirkungen in Kultur, Politik und Religion befassten, auch bereits unter ökologischen Gesichtspunkten. Diese jahrelange Auseinandersetzung mündete schließlich in das vorliegende Buch.
Im Jahr 2005 erschien eine Neuauflage (mit überarbeitetem Vorwort) und ein Begleitband "God and Power", in dem Beiträge vor allem nach 9/11 versammelt sind.
Übersicht
Die vier Hauptkapitel (3–6) enthalten jeweils eine spezifische Wirkungsgeschichte apokalyptischen Denkens und Handelns, die im Ganzen von den Anfängen des Christentums bis zur Gegenwart reicht, die aber im Einzelnen je bestimmte Abschnitte ins Auge fasst: bis zum Mittelalter in Bezug auf die Zeit (3), Übergang zur Neuzeit in Bezug auf den Raum (4), von der Neuzeit bis zur Gegenwart in Bezug auf Gemeinschaft und Gender (5 und 6). Das Kapitel zu Gender ist überhaupt als eine Art Schärfung und Ergänzung (auch: Vertiefung) des Kapitels zur Gemeinschaft angelegt. Beide zusammen können als eine kritische Ekklesiologie gelesen werden, so wie das letzte Kapitel (7 Spirit) als eine Art eschatologische Pneumatologie verstanden werden kann. Es nimmt alle vorherigen Kapitel in sich auf.
Glossar
Es folgen einige Grundbegriffe von Kellers Interpretation der Apokalypse/Apokalyptik aus dem ersten Kapitel (mit Angabe der einschlägigen Abschitte).
Skript | apocalypse script (1/3)
"Variationen über das Thema der Apokalypse": Wiedererkennbare Bilder, Themen und Figuren, vielfältig in der Populärkultur (Filme, Theater, Literatur, Bildgeschichten) aufweisbar
verborgenes Transkript | hidden transcript (1/7)
Das Transkript ist deshalb verborgen, weil es unterhalb der leicht identifizierbaren Oberfläche des Skripts operiert. Man kann in ihm (und in den Skripten) apokalyptische. Muster identifizieren, die ebenfalls nicht als solche auftauchen (müssen).
Muster | apocalypse pattern (1/8)
Apokalyptische Muster zeichnen sich durch eine binäre Moralität aus (gut vs böse), durch Forderung einer Einheit gegen den "Feind", durch die Hoffnung des Triumphs in einer "Neuen Welt" und insofern durch einen "explosiven Futurismus". Muster und Verhalten sind aufeinander bezogen, sie prägen und bestärken einander wechselseitig
Verhalten | apocalypse habit (1/9)
Das Verhalten (und insbesondere das kollektive Verhalten) setzt das Skript und das Muster um, lässt es wirksam werden. Hier gilt es anzusetzen mit einer kritischen Interpretation der Muster, um ihre Sogwirkung durch die Verhaltensweisen zu unterbinden.
Retro-Apokalypse | retroapocalypse (1/5)
Hier wird die apokalyptische Rhetorik benutzt, in einem Rückgang auf den buchstäblichen Text der Johannesoffenbarung. Eine Art von "endism": die Zeichen der Zeit deuten auf das Ende der Welt.
Krypto-Apokalypse | cryptoapocalypse (1/6)
Genau genommen liegt hier der Kern und Ausgangspunkt des gesamten Projekts. Das untergründige aber effektive Wirken der Kryptoapokalypse motiviert das Projekt und zugleich gewinnt das Projekt sein Ziel in der Überwindung dieses Wirkens durch die Entwicklung einer Konter-Apokalypse. Diese aber muss zunächst von den ebenfalls auftretenden Formen der Anti-Apokalypse und der Neo-Apokalypse abgegrenzt werden.
Anti-Apokalypse | anti-apocalypse (1/10)
Eine bloße Entgegensetzung partizipiert immer noch an den apokalyptischen Mustern. Das gilt auch für Befreiungsbewegungen, wie etwa die feministische Theologie. Keller ist dagegen interessiert an der spirituellen Kraft der apokalyptischen Muster, aber mit dem Ziel eines nachhaltigen und gemeinsamen Lebens in der Gegenwart.
Neo-Apokalypse | neoapocalypse (1/11)
Hier wird die apokalyptische Tradition für politische Kämpfe der Gegenwart beansprucht, zumeist im Kontext von Befreiungstheologien. Nicht die Faszination des Weltendes steht im Vordergrund, sondern die Mahnung zur Umkehr und zur Erneuerung.
Konter-Apokalypse | counter-apocalypse (1/12)
Man könnte counter-apocalypse auch mit Gegen-Apokalypse übersetzen, was allerdings zu dicht an der Anti-Apokalypse wäre. Es geht eben nicht nur um die statische Entgegensetzung, sondern auch um das aktive und dynamische Kontern. Es ist eine Art Synthese aus anti-apokalyptischen und neoapokalyptischen Strömungen, neben deren Ernst hat sie aber auch eine ironische Dimension. Diese Ambivalenzen und Ambiguitäten prägen das gesamte im Buch entfaltete Projekt.
Spuren im Werk
Mit diesem Buch beginnt ein Projekt, das Catherine Keller bis in die Gegenwart begleitet und beschäftigt. Der Begleitband zur Neuauflage "God and Power" von 2005 integriert bereits die umfassende Neuinterpretation der Schöpfung, die Keller in "Face of the Deep" (2003) vorgelegt hat. Die politische Dimension wird ausgearbeitet in "Political Theology of the Earth" (2017), worin auch die ökologische Dimension (Klimawandel) eine zentrale Rolle spielt. Einen vorläufigen Abschluss erreicht dieses Projekt in "Facing Apocalypse" (2021), einer theologischen Meditation der Johannesoffenbarung in politischer Absicht. Im Übrigen wird die apokalyptische Thematik in einer Vielzahl von Aufsätzen weiter differenziert und erweitert.
Einschlägige Aufsätze (Auswahl)
Endtimes and Deadlines: Theological Education at the Edge of Time, in: The Drew Gateway 59/1 (Fall 1989) 23–33
Die Frau in der Wüste. Ein feministisch-theologischer Midrasch zu Offb 12, in: Evangelische Theologie 50/5 (Oktober 1990) 414–432
Women Against Wasting the World: Notes on Eschatology and Ecology, in: Irene Diamond / Gloria Feman Orenstein (ed): Reweaving the World: The Emergence of Ecofeminism. 1990, 249–263. 304–305
Apocalypse and the Postmodern Condition: or, ‚Is it the End of the World or Just a Break in My Heart?‘, in: Ron Farmer (ed): Religion and the Postmodern Vision. Paine Lectures in Religion. 1991, 23–36
The Apocalypse of Community, in: Leroy S. Rouner (ed): On Community. 1991, 177–191
The Breast, the Apocalypse, and the Colonial Journey, in: Journal of Feminist Studies in Religion 10/1 (Spring 1994) 53-72
Eschatology, Ecology and a Green Ecumenacy, in: Rebecca S. Chopp / Mark Lewis Taylor (ed): Reconstructing Christian Theology. 1994, 326–345
Pneumatische Anstöße: Die Theologie Jürgen Moltmann, der Feminismus und die Zukunft, in: C. Krieg / T. Kucharz / M. Volf (Hg): Die Theologie auf dem Weg in das dritte Jahrtausend. Festschrift für Jürgen Moltmann zum 70. Geburtstag. 1996, 163–179
The Last Laugh: A Counter-Apocalyptic Meditation on Moltmann's Coming of God, in: Theology Today 54/3 (October 1997) 381–391
Die Faszination der Apokalypse und das Übel des Weltuntergangs, in: Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie 34/1 (1998) 56–65
The Heat is On: Apocalyptic Rhetoric and Climate Change, in: Ecotheology 7 (1999) 40-58
Ms.Calculating the Apocalypse, in: Brenda E. Brasher / Lee Quinby (ed): Gender and Apocalyptic Desire. 2006, 1–13
Ms. Calculating the Endtime: Additions and Conversation, in: Amy Jill Levine / Maria Mayo Robbins (ed): A Feminist Companion to the Apocalypse of John. 2009
Eschatology and Apocalypticism in North America: Feminist Perspectives, in: The Cambridge Dictionary of Christianity. 2010
Between Creation and Apocalypse, in: Mary Evelyn Tucker / John Grim (ed): Living Cosmology: Christian Responses to Journey of the Universe. 2016
Moore Materialism: Apocalypse, Animal Christs, and an Unlikely Absolute, in: Scott Elliot / Eric T. Thurman, / Jason Coker (ed): Bible and Theory: Essays in Honor of Stephen D. Moore. 2020.
The Gallop of the Pale Green Horse: Pandemic, Pandaemonium and Panentheism, in: Alexander J.B. Hampton (ed): Pandemic, Ecology and Theology: Perspectives on COVID-19. 2021
Literatur
Brian Macallan: A Process Theology of Hope: The Counter Apocalyptic Vision of Catherine Keller, in: Religions 10 (2019) online
Einzelnachweise
↑„I didn’t grow up with that sort of Christianity. It cost me considerable effort to understand its passion without merely demonizing it in reverse … Gradually I came to recognize its pattern pervading even the politics that shaped me, such as the women’s movement of the 1970s and 80s. I began to encourage my students, many of whom seek ordination, to pull the apocalypse out of the shadows and into dialogue“ (God and Power. 2005, VIIIf).
↑“I would suggest no one is ready for ministry in the ecumenical churches who cannot answer this doomsday theology head on” (“Endtimes and Deadlines. Theological Education at the Edge of Time”, in: Drew Gateway 59/1 (Fall 1989) 23–33 [30])