Atilla Özer († 23. September 2017) wurde beim rechtsterroristischen Nagelbombenanschlag des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße schwer verletzt. Er starb 2017 nach Angaben seiner Familie an den Spätfolgen des Anschlags.
Am 9. Juni 2004 hielt sich Özer gemeinsam mit seinem Freund Abdulla Özkan im Friseursalon „Kuaför Özcan“ in der Keupstraße auf; beide wollten anschließend gemeinsam zu einem Konzert nach München fahren. Özer saß am Fenster des Salons, als davor eine ferngezündete, mit mindestens 700 Zimmermannsnägeln gefüllte Bombe explodierte. Durch die Wucht der Detonation und die glühend heißen Nägel wurde er an Oberkörper, Kopf, Nacken und Armen verletzt; mehrere Nägel blieben in Kopf, Gesicht und Nacken stecken.
Eine geregelte medizinische Notfallversorgung gab es zunächst nicht: Özer durfte den abgesperrten Tatort nicht verlassen, Sanitäter durften ihn nicht mitnehmen. Passanten versorgten ihn notdürftig mit Taschentüchern und Wasser. Erst nach stundenlangen polizeilichen Befragungen – die bis in den späten Abend dauerten – erhielt er eine reguläre ärztliche Behandlung. Im Krankenhaus wurde er gemeinsam mit Abdulla Özkan erstversorgt; anschließend musste er sich auf dem Polizeipräsidium ausziehen, damit DNA-Spuren von seiner Kleidung genommen werden konnten, zudem wurde ihm eine Speichelprobe abgenommen.
Während der damalige Bundesinnenminister Otto Schily einen terroristischen Hintergrund öffentlich ausschloss, war Özer nach eigener Aussage von Anfang an überzeugt, dass Rechtsextreme hinter dem Anschlag steckten. Bis zur Selbstenttarnung des NSU im November 2011 gerieten stattdessen er und andere Betroffene selbst unter Verdacht; in Presseberichten wurde über Zuhälterei, Drogenhandel und „Bandenkrieg“ spekuliert. Nach Darstellung seiner Witwe Candan Özer-Yilmaz wurden verdeckte Ermittler in der Nachbarschaft eingesetzt, was das Misstrauen unter den Bewohnern der Keupstraße schürte.
Özers Zustand verschlechterte sich in den Folgejahren zunehmend: Er litt unter Angstzuständen, innerer Unruhe und Aggressionen, dazu kamen zahlreiche polizeiliche Vernehmungen. Bereits wenige Monate nach dem Anschlag wurde er arbeitslos. Die Medikamente gegen seine Depression führten laut seiner Witwe zu schweren Organschäden. 2007 erkrankte er zusätzlich an Bauchspeicheldrüsenkrebs, den er mit Unterstützung seiner Familie überlebte, danach aber dauerhaft auf Medikamente angewiesen war. Anträge auf Therapie seien mit dem Hinweis abgelehnt worden, seine sichtbaren Verletzungen seien verheilt – die psychischen Folgen fanden dabei keine Berücksichtigung. Für seine Verletzungen wurden ihm 2013 vom Bundesamt für Justiz 12.000 Euro Entschädigung zugesprochen.
Attila Özer starb am 23. September 2017. Seine Witwe sieht seinen Tod ursächlich mit den Spätfolgen des Anschlags verbunden.
Özers Schicksal wird bei den jährlichen Gedenkkundgebungen an der Keupstraße, zu denen wiederholt Hunderte Menschen zusammenkommen, bis heute thematisiert. Seit 2020 organisiert seine Witwe Candan Özer zudem in Hamburg, wo die Familie zuletzt lebte, eigene Gedenkveranstaltungen zu seinem Todestag. 2019 sprach der Fotograf Jasper Kettner mit ihr über Özers Schicksal; das Gespräch wurde vom Hanauer Kulturverein dokumentiert. Seine Geschichte wird außerdem in pädagogischem Material zur Aufarbeitung des NSU-Komplexes aufgegriffen, etwa im Methodenhandbuch des Dokumentationszentrums „Offener Prozess“.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Özer, Atilla |
| KURZBESCHREIBUNG | Anschlagsopfer |
| GEBURTSDATUM | 20. Jahrhundert |
| STERBEDATUM | 23. September 2017 |