Atlas des Mario Cartaro

Regno di Napoli, 1613

Der Atlas des Mario Cartaro ist ein handgezeichnetes, mehrfarbiges Kartenwerk, das die Signatur „Mario Cartaro F[ecit] 1613“ und das Wappen des spanischen Herrscherhauses trägt. Es stützt sich auf 1583 bis 1595 entstandene topografische Aufnahmen des Königreichs Neapel mit seinen zwölf Provinzen. Das zuvor geplante, sehr detailgenaue Druckwerk kam nie in den Handel, weil König Philipp III. von Spanien die Geheimhaltung verfügte. Cartaros Atlas ist von bisher sieben bekannten Exemplaren der älteste signierte. Die Biblioteca Nazionale di Napoli bewahrt ihn auf und stellt auf ihrer Website ein Digitalisat zum Download bereit.

Kartierung

Aus seinem Brief an den Antwerpener Geografen und Kartografen Abraham Ortelius von 1588 geht hervor, dass der Gelehrte Nicola Antonio Stigliola (1547–1623) aus dem kampanischen Nola seit mindestens 1583 an einer Regionalbeschreibung oder -karte (Chorografie) des Königreichs Neapel arbeitete, wohl aber in Eigeninitiative und nicht im Auftrag der Regierung. Im Mai 1591 befand sich Stigliola dann zusammen mit Mario Cartaro auf einer zweimonatigen Kartierungsreise, nachdem Cartaro im November 1590 am Königshof angestellt und mit der Zeichnung und Erstellung von Lageplänen des Königreichs beauftragt worden war. Nach einem überstandenen Prozess stand Stigliola 1596 zwar wieder im Dienst einer kommunalen Behörde (Tribunale delle Fortificazioni), die von ihm entworfenen Kartenblätter wurden jedoch eingezogen und dem Urheber die Fortsetzung seiner kartografischen Arbeit untersagt.

Dass Stigliola bei der Reise die Hauptverantwortung getragen hatte, belegt ein Vergleich der Vergütungen: Während ihm 120 Scudi zugesprochen wurden, erhielt Cartaro nur die Hälfte, 30 Scudi pro Monat, plus 10 Scudi „für das Zeichnen und kartografische Erfassen aller Standorte und Anlagen innerhalb dieses Reiches“. Cartaro führte die Arbeiten nach dem Ausschluss Stigliolas jedoch fort.

Nie veröffentlichte Karte

In einem Schreiben an den Vizekönig Pedro Fernández de Castro Andrade y Portugal, Graf von Lemos, vom 25. Januar 1611 informierte Cartaro diesen über den Beschluss der Königlichen Rechnungskammer (Regia Camera della Sommaria), eine Karte des Königreichs Neapel auf Kupfer gravieren zu lassen. Der von 1586 bis 1595 amtierende Vizekönig Juan de Zúñiga y Avellaneda, Graf von Miranda, hätte ihm den Auftrag erteilt, eine Karte des gesamten Königreichs und seiner Grenzen anzufertigen und dabei die Fehler zu berichtigen, die sich in den anderen Karten fänden. Im Jahr 1600 habe dann der Vater des Briefadressaten und damaliger Vizekönig ihn gemeinsam mit Don Francisco de Mendoza y Serbellón zur Besichtigung der Festungen, Burgen und Türme, mit dem Auftrag, Zeichnungen von ihnen anzufertigen, entsendet. Da die besagte Karte nun in Kupfer gestochen und veröffentlicht werden solle, plane er, sie dem derzeitigen Vizekönig des Königreichs zu widmen. Die gezeichnete Karte war schon 1607 von der Behörde beauftragt und fertiggestellt worden.

Zu einer Veröffentlichung der Karte „in zwanzig großen Blättern“ kam es jedoch nie. Seine Allerchristlichste Majestät, König Philipp III. von Spanien (als Philipp II. König von Sizilien und Neapel) erklärte sie zu einem „geheimen Dokument, dessen Genauigkeit Neid erregen könnte“. Offensichtlich litt er noch immer unter den Folgen der Zerstörung der Armada im Jahr 1588. Außerdem hätte die Fülle an Details und Daten der Piraterie, die weiterhin ungehindert die Küstengebiete des Königreichs bedrohte, in die Hände spielen können.

Die Originale gingen verloren; sie leben jedoch durch mehrere, recht unterschiedliche handschriftliche Ausgaben sowie als Vorlage für ein lange Zeit maßgebliches Kartenwerk fort: Der 1620 in Bologna durch Fabio Magini herausgegebene Atlas „Italia“ ist das Opus seines 1617 verstorbenen Vaters Giovanni Antonio Magini. Dieser hatte sich für die süditalienischen Gebiete offenbar schon 1601 eine Kopie der Stigliola-Cartaro-Karten verschaffen können. Vergleiche mit einem zwischen 1595 und 1605 datierten Exemplar zeigen die Neuerungen Cartaros (im Vergleich zur ersten Kartierung 1591) auf. Im Allgemeinen werden Maginis Karten Süditaliens als „die besten des gesamten Atlaswerks“ bewertet.

Cartaros Atlas

Aktuelle Regionen auf dem Territorium des Königreichs Neapel

Die Nationalbibliothek von Neapel besitzt einen von Hand gezeichneten Atlas Mario Cartaros, der den Titel „Regno di Napoli“ (Königreich Neapel) trägt. Er enthält 13 mehrfarbige, unnummerierte Blätter: die Übersichtskarte mit den Maßen 69,2 × 40,3 cm und Einzelkarten der zwölf Provinzen im Circa-Format 51 × 36 cm. Durch den gleichen Maßstab ergeben sie nebeneinandergelegt eine große Karte und decken in etwa das Areal der heutigen italienischen Regionen Kampanien, Basilikata, Kalabrien, Apulien, Molise und Abruzzen ab.

Die Übersichtskarte ist mit dem herrschaftlichen Wappen des spanischen Monarchen, einer Titelkartusche und einem Zirkel mit dem seinerzeit üblichen Maßstab in Meilen (1 miglio napoletano = ca. 1,85 km) versehen. Der Titel (in zweifacher Schreibweise) mutet eher wie eine Federprobe an und wurde wahrscheinlich vom Besitzer der Karte angebracht. Das Blatt ist, wie alle anderen auch, rechts unten mit „Mario Cartaro · F. 1613“ signiert, wobei „F.“ für fecit, „angefertigt von“, steht.

Die späte Entstehungszeit weist diesen Regionalatlas als eine Kopie oder zumindest eine abgeleitete, reduzierte Fassung aus – entweder des Originals oder einer zwischenzeitlichen Ausgabe. Die Nationalbibliothek führt den Band unter der Signatur Ms. XII.D.100 bzw. der Inventarnummer 000124100 auf; eine Provenienz verzeichnet die Website nicht. Der savoyische Besitzstempel in der Kartusche ist immerhin ein Nachweis für die Zugehörigkeit zur Biblioteca Nazionale vor 1922.

Die Reihenfolge der Provinzkarten entspricht einer Wanderung entlang der Tyrrhenischen Küste Richtung Süden und an der gegenüberliegenden Adriaseite wieder hinauf nach Norden:

Eingezeichnet sind der Höhenzug des Apennin, kleinere Erhebungen, Seen, Flüsse und Orte. Zahlen geben Auskunft über die Anzahl der Haushalte (fuochi, Feuerstellen). Die jeweilige Provinz ist am oberen Bildrand bezeichnet und in der Darstellung gelb oder grün umrandet, die angrenzenden Provinzen sowie die Nachbarländer sind benannt. Bei 12 von 13 Karten ist die 16-Strich-Kompassrose nach Norden (T für Tramontana, den kalten Wind aus dem Norden) ausgerichtet. Eine Ausnahme bildet – aufgrund des Formats – die Karte „Calabria Ultra“ mit einer Ausrichtung nach Osten (Tatzenkreuz als Symbol für das Heilige Land).

Weitere Ausgaben

Nach dem heutigen Forschungsstand sind weitere sechs handschriftliche Exemplare erhalten, die der Carta del Regno entsprechen. Sie befinden sich innerhalb und außerhalb Italiens und umfassen einen relativ langen Zeitraum vom späten 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Vier von ihnen tragen die Signatur von Paolo Cartaro, dem Sohn Mario Cartaros, der als Ingenieur in Neapel tätig war.

Stigliola, dessen Wissen in den Bereichen Mathematik und Astronomie entscheidend für die Bestimmung der Größe des Königreichs war, starb 1623. Zu diesem Zeitpunkt war die – teilweise geheim gehaltene – Vermessung des Königreichs bereits in den wissenschaftlichen Besitz von Mario und Paolo Cartaro übergegangen. Der Sohn begann sicherlich nicht zufällig kurz nach dem Tod Stigliolas mit dem Signieren von Karten des Königreichs Neapel – zunächst derjenigen, die in den Lissabonner Atlas aufgenommen wurden, später dann der Exemplare von Rom, Paris und Valletta. Das Kartenwerk von Bari blieb dagegen das einzige anonyme, vermutlich weil es erst nach Paolos Tod entstand.

Der neapolitanische Atlas ist das älteste signierte Exemplar und Mario Cartaro sein Urheber. Für die Entstehung zeichnen sich „zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten“ verantwortlich: Cartaro selbst und der einstige Leiter der Unternehmung, Colantonio Stigliola.

Literatur

Commons: Regno di Napoli by Mario Cartaro – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Roberto Almagià: L’“Italia” di Giovanni Antonio Magini e la cartografia dell’Italia nei secoli XVI e XVII. 1922.
    1. ↑ S. 75.
    2. ↑ S. 78.
    3. 1 2 S. 76.
  2. Vladimiro Valerio: Cartography in the Kingdom of Naples during the Early Modern Period. 2007.
    1. 1 2 S. 962.
    2. ↑ S. 962 f.
    3. ↑ S. 968–970.
    4. ↑ S. 963 und Abb. 37.14.
    5. ↑ S. 964 und Abb. 37.21.
    6. ↑ S. 964.
  3. Vincenzo Boni: L’attività di Cartaro e Stigliola per la Carta del Regno. 2020.
    1. 1 2 S. 314.
    2. 1 2 3 4 5 S. 318.
    3. 1 2 3 S. 315.
    4. ↑ S. 321.