Mario Cartaro

Monogramme des Künstlers

Mario Cartaro (* um 1540 in Viterbo; † 16. April 1620 in Neapel) war ein italienischer, in Rom und Neapel tätiger Kupferstecher, Druckgrafikverleger, Landvermesser und Kartograf. Als Reproduktionsstecher kopierte er Grafiken alter und zeitgenössischer Meister, als Werkstattinhaber verlegte und verkaufte er neben eigenen auch fremde Kupferstiche und Radierungen wie die seines Bruders Cristofano Cartaro. In den 1580er Jahren wandte er sich fast ausschließlich der Kartografie zu, was ihm 1589 den Posten eines Ingenieurs für Vermessung und Kartendarstellung in Neapel einbrachte. Die von ihm und Nicola Antonio Stigliola kartierten Daten wurden aufgrund militärischer Überlegungen zwar nie in Umlauf gebracht, sie waren jedoch die Grundlage für spätere Kartenfolgen wie den Atlas des Mario Cartaro und den 1620 publizierten Italien-Atlas von Giovanni Antonio Magini.

Leben und Werk

Die Herkunft aus Viterbo wurde mit der Signatur „Marius Kartarius Viterbensis“ auf dem Rom-Stadtplan von 1579 bekannt – und damit die Vermutung, das „K“ deute auf einen Ursprung im Norden Europas hin, widerlegt. Cartaro signierte unterschiedslos mit Marius Kartarus, Kartarius oder Cartarus, Mario Cartaro sowie mit den Monogrammen MK und MC, meistens jedoch mit MKV.

Chronologisch unterschieden werden seine Schaffensphasen in Rom (um 1560–1586) und Neapel (anschließend bis zum Tod). Die Annahme, Cartaro sei bereits um 1557 in die ewige Stadt gezogen, ist hypothetisch. Frühe, in Venedig publizierte Karten sprechen sogar eher dafür, dass er zunächst in der Lagunenstadt ansässig war und die Übersiedlung erst 1563 erfolgte.

Rom

„Anbetung der Hirten“ nach Heinrich Aldegrever, 1566
„Martyrium der heiligen Katharina“ nach Francesco Salviati, 1563

Die Auslegung, bei der Spiegelkopie der „Anbetung der Hirten“ von Heinrich Aldegrever handele es sich um Cartaros „ersten datierten“ oder „frühesten“ Stich, beruht auf der mit 1560 angegebenen Datierung des Grafikwissenschaftlers Adam von Bartsch. Nachgewiesen werden kann jedoch lediglich ein Monogramm mit der Jahreszahl 1566. Demnach wäre das „Martyrium der heiligen Katharina“ nach Francesco Salviati von 1563 eines der ersten in Rom entstandenen Blätter.

Es folgten weitere religiöse Motive, zudem archäologische und einige allegorische Themen. Cartaro erstellte Kopien nach Stichen von Agostino Veneziano, Giorgio Ghisi, Étienne Delaune, Cornelis Cort, Nicolas Beatrizet, Albrecht Dürer, Marcantonio Raimondi sowie Giulio Clovio und stach nach Entwürfen und Gemälden von Tizian, Federico Zuccari, Marco Pino, Francesco Salviati, Giulio Romano und Filippo Bellini. Sein bevorzugtes Werkzeug war der Grabstichel, da dieser für seinen strengen, harten Stil geeigneter war als die Radiernadel.

Eine auf spätestens 1564 datierte Serie ohne Titelblatt umfasst 26 Blätter mit Ansichten, Ruinen und Brücken Roms. Giulio Roscios 1586 von Bartolomeo Grassi herausgegebenes Werk enthält 17 von Cartaro gestochene Tafeln zu den sieben Werken der Barmherzigkeit.

Prospettive diverse, 1578, Titelblatt

Einer Aussage seines Bruders Cristofano zufolge betrieb Cartaro eine eigenständige Verkaufswerkstatt gegenüber der von Antonio Lafreri in der Via del Parione, dem damaligen Druck- und Buchhändlerviertel Roms. Dass Cartaro nach Lafreris Tod als Sachverständiger bei der Bewertung des Nachlasses herangezogen wurde, weist auf sein hohes berufliches Ansehen hin. Seine „Excudit“-Gravur auf anonymen Kopien von Stichen antiker Statuen im Palazzo Farnese, von christlichen Motiven und auf dem Titelblatt der Prospettive diverse (Diverse Prospekte) von 1578 reihte ihn spätestens 1574 in die Riege der Druckgrafikverleger in Rom ein.

Mindestens seit 1562 und bis 1611 widmete sich Cartaro der kartografischen Gravur, die ebenso wie in Venedig und in Flandern auch in Rom ein lukratives Geschäft versprach. Von den 26 bekannten Karten wurden die ersten (Kreta, Zypern und Palästina) bei Ferrando Bertelli in Venedig verlegt. Cartaros Pläne finden sich häufig in frühen Atlanten, wie beispielsweise dem sogenannten „Lafreri-Atlas“. Ferner kreierte er 1577 zwei knapp 40 cm hohe hölzerne Globen: einen Erdglobus und einen Himmelsglobus. Von Letzterem besitzt das Museo Galileo in Florenz ein Exemplar, einen korrespondierenden Erdglobus bewahrt das Monte Mario Osservatorio Astronomico di Roma auf.

Neapel

Cartaros archäologisch-antiquarische, dem Vizekönig von Neapel gewidmete Übersichtskarte der Campi Flegrei erschien 1584 noch bei Bartolomeo Grassi in Rom. In 1586, dem Jahr seiner endgültigen Übersiedlung nach Neapel, stellte er die berühmte, heute seltene Karte von Ischia fertig und widmete sie Isabella Feltria della Rovere. Die Inselkarte fand zwei Jahre später Aufnahme in das bei Giuseppe Cacchi in Neapel veröffentlichte Werk Rimedi naturali che sono nell’Isola di Phitecusa (Die natürlichen Heilquellen der Insel Ischia) des Arztes Giulio Iasolini.

Cartaro war am Hof des Vizekönigs als Ingenieur und Vermesser anerkannt. Von 1589 bis zu seinem Tod bekleidete er den Posten eines ingenere delineatore (Ingenieur und Planzeichner oder Ingenieur für Vermessung und Kartendarstellung) der Giunta dei Regi Lagni (Gremium für Wasserbau und Landvermessung für das Großprojekt der Regi-Lagni-Kanäle). Für sie realisierte er ab 1594 eine Folge topografischer Aufnahmen. Die von Alessandro Baratta gestochene und in den 1616 in Neapel gedruckten Panegyricus des García Barrionuevo aufgenommene Karte Campaniae Felicis Typus beruht wahrscheinlich auf einer Zeichnung Cartaros.

Regno di Napoli, in: Italia, 1620
Karte
Ausschnitt
Regno di Napoli, Zeichnung von 1613

Zu seinen wichtigsten Arbeiten gehörte eine Generalkarte des Königreichs Neapel, die er ab 1591 im Auftrag der Königlichen Kammer zusammen mit dem Astronomen Nicola Antonio Stigliola, ab 1597 dann alleine erstellte. Die Ausführung der 20 Bögen wurde 1611 beauftragt – um dann nicht veröffentlicht zu werden, weil Philipp II., der König von Spanien, Neapel und Sizilien, die Karte zum „geheimen Dokument, dessen Genauigkeit Neid hervorrufen könnte“, erklärt hatte. Tatsächlich hätte die Fülle an Details und Daten in den falschen Händen zur Gefahr für die ohnehin unsicheren Verteidigungsanlagen Süditaliens werden können.

Der Naturwissenschaftler Giovanni Antonio Magini erhielt offenbar Zugang zu diesem kartographischen Material (oder zumindest einer Kopie). Sein 1620 postum veröffentlichter Italien-Atlas stützte sich hinsichtlich der neapolitanischen Gebiete „zweifellos auf Cartaros Werk als Quelle“.

Der 1613 datierte, von Cartaros Hand gezeichnete Atlas des Königreichs Neapel und seiner 12 Provinzen in der Biblioteca Nazionale di Napoli basiert auf der ursprünglichen Aufnahme bis 1595/1596 unter der Leitung Stigliolas. Es existieren sechs weitere Exemplare.

Familie

Cartaro war mit einer Schwester seines Geschäftspartners Giovanni Battista Maggiore verheiratet. Zwei seiner Söhne traten in die Fußstapfen des Vaters: Paolo, der 1612 zwei Zahlungen für kartografische Darstellungen des Königreichs Neapel erhielt sowie 1642 eine entsprechende Karte editierte, und Bartolomeo († 11. Juli 1627 in Neapel), der hauptsächlich Türme zur Küstenverteidigung plante und restaurierte sowie nach dem Tod seines Vaters als „kosmografischer Ingenieur“ die Schlösser und Festungen des Königreichs zeichnerisch aufnahm. Zur Familie gehörte auch Cristofano Cartaro, der seinem Bruder 1567 nach Rom gefolgt war und dort zeitweise mit ihm zusammengearbeitet hatte.

Werkauswahl

Die Karten ausgenommen, weist ihm die jüngere Forschung 71 Werke zu.

Literatur

Commons: Mario Cartaro – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Fabia Borroni: Cartaro, Mario. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 20. Rom 1977.
  2. ↑ Annalisa Cattaneo: Mario Cartaro, incisore viterbese del XVI secolo. 1998, S. 2.
  3. 1 2 3 4 5 6 Vladimiro Valerio: Cartaro, Mario. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 16, Saur, München u. a. 1997, ISBN 3-598-22756-6, S. 633.
  4. ↑ Michael Bury: The Print in Italy 1550–1620. The British Museum Press, London 2001, S. 224 (englisch).
  5. ↑ Mario Cartaro: The Annunciation. In: The Met Collection. Abgerufen am 20. Juni 2026 (englisch).
  6. Christopher L.C.E. Witcombe: Print Publishing in Sixteenth-Century Rome. Harvey Miller Publishers, London/Turnhout 2008 (englisch).
    1. ↑ S. 284
    2. ↑ S. 251
    3. ↑ S. 285
  7. ↑ Bartsch XV.521.2
  8. ↑ The Adoration of the shepherds. In: National Gallery of Victoria. Abgerufen am 20. Juni 2026 (englisch).
    Anbetung der Hirten; Christus in der Vorhölle; Hl. Hieronymus in Meditation 1564–1567. Abgerufen am 20. Juni 2026.
  9. ↑ Bartsch XV.526.13
  10. ↑ Icones operum misericordiae cum Iulii Roscii Hortini sententiis et explicationibus. 2 Bände. Roma 1586 (uni-heidelberg.de).
  11. ↑ Birte Rubach: Ant. Lafreri formis Romae. Lukas Verlag, Berlin 2016, S. 66.
  12. ↑ Celestrial globe. In: museo galileo – VirtualMuseum. Abgerufen am 20. Juni 2026 (englisch).
  13. ↑ Isola Aenaria hodie Ischia. In: antiquarius.it. Abgerufen am 20. Juni 2026.
  14. Vladimiro Valerio: Cartography in the Kingdom of Naples during the Early Modern Period. 2007.
    1. ↑ S. 967 f
    2. ↑ S. 962 f
    3. ↑ S. 970
    4. ↑ S. 963 f
    5. ↑ S. 967, 969
  15. ↑ Italia di Gio. Ant. Magini. Data in luce da Fabio suo figliuolo, Bologna 1620
  16. ↑ Il Regno di Napoli. In: Biblioteca Nazionale di Napoli. Abgerufen am 21. Juni 2026.
  17. ↑ Sven-Wieland Staps: Cartaro, Bartolomeo. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 16, Saur, München u. a. 1997, ISBN 3-598-22756-6, S. 632.
  18. ↑ Annalisa Cattaneo: Mario Cartaro: catalogo delle incisioni. 2 Teile. 2000.
Personendaten
NAME Cartaro, Mario
ALTERNATIVNAMEN Cartarus, Marius; Cartarius, Marius; Kartarus, Marius; Kartarius, Marius
KURZBESCHREIBUNG italienischer Kupferstecher, Kartograf und Verleger
GEBURTSDATUM um 1540
GEBURTSORT Viterbo
STERBEDATUM 16. April 1620
STERBEORT Neapel