alle Klänge, die enharmonisch verwechselt zwar mit konsonanten identisch, im musikalischen Kontext jedoch als Dissonanzen gedacht sind. So ist z.B. das Intervall c-dis in der enharmonischen Verwechslung c-es eine Konsonanz (kleine Terz), doch auf Grund seines musikalischen Zusammenhanges eine Dissonanz (übermäßige Sekunde), die sich z.B. in die große Terz c-e oder h-dis auflösen muss.
Der Begriff Auffassungsdissonanz wurde 1907 von Rudolf Louis und Ludwig Thuille geprägt. Die Formulierungen „consonnant en apparence“ bzw. „consonnant apparent“ begegnen bereits im Traité d’harmonie von Charles-Simon Catel (1802). Der Begriff Scheinkonsonanz stammt von Hugo Riemann und spielt in dessen Funktionstheorie eine wichtige Rolle.
Beispiel
Carl Reinecke: Ave Maria (In: Ein neues Notenbuch für kleine Leute. 30 leichte Clavierstückchen op.107), Anfang:
Da das g im dritten Takt dieses Beispiels als Vorhalt zur Quinte f des Durdreiklangs b–d–f funktioniert, wäre nach Louis/Thuille der Sextakkord an dieser Stelle als Auffassungsdissonanz und nicht als Umkehrung des Molldreiklangs g–b–d zu betrachten.
Quellen (chronologisch)
Charles-Simon Catel: Traité d’harmonie. Imprimerie du Conservatoire, Paris 1802.
Hugo Riemann: Vereinfachte Harmonielehre oder die Lehre von den tonalen Funktionen der Akkorde. 1893. 2.Auflage: Augener, London 1903; imslp.org.
Rudolf Louis, Ludwig Thuille: Harmonielehre. Klett & Hartmann, Stuttgart 1907. 7. Auflage: 1920; archive.org.