August Huchel

Ernst August Huchel (* 6. August 1889 in Wieglitz; † 19. September 1963 in Quakenbrück) war ein deutscher Diplomlandwirt und Spargelzüchter. Er begründete 1929 die Deutsche Spargelhochzucht-Gesellschaft m.b.H. in Osterburg (Altmark), entwickelte mit der DSG-Leistungsauslese einen der ertragsreichsten Spargelzuchtstämme seiner Zeit und prägte den Spargelanbau nachhaltig.

Leben

Herkunft und Schulausbildung

Huchel wurde am 6. Oktober 1889 als Sohn des Landwirts August Huchel und seiner Frau Cara Marie Dorothea, geb. Schulz, in Wieglitz, Kreis Gardelegen, geboren und am 3. November 1889 in der evangelischen Gemeinde Wieglitz getauft. Nach dem Besuch der Volksschule Wieglitz (Abgangszeugnis 1903) absolvierte er die Präparande in Osterburg sowie das Königlich-Preußische Evangelische Lehrer-Seminar in Quedlinburg, das er am 6. September 1911 mit der Seminar-Entlassungsprüfung abschloss.

Die Taufbescheinigung von August Huchel aus der Sammlung des Kreismuseums Osterburg.

Lehrertätigkeit und Erster Weltkrieg

Von Oktober 1911 bis September 1912 leistete Huchel Militärdienst beim Infanterie-Regiment Nr. 72. Am 1. Oktober 1912 nahm er eine Stelle als Lehrer, Küster und Organist in Heiligenfelde, Landkreis Osterburg, an, die er bis zum 2. Januar 1915 innehatte.

Mit Kriegsbeginn 1915 wurde Huchel eingezogen. Er nahm an Gefechten der 6. Kompanie des Infanterie-Regiments Nr. 66 teil und wurde am 1. Juli 1916 in der Sommeschlacht verwundet. Nach längerem Lazarettaufenthalt diente er zunächst beim Füsilierregiment Nr. 36, bevor er ab August 1917 als Flugzeugführer in der Feldfliegerabteilung 285 eingesetzt wurde. Am 12. Juni 1917 wurde er zum Leutnant der Reserve ernannt. Für seine Leistungen erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Flugzeugführerabzeichen. Mit Kriegsende schied er zum 1. Januar 1919 freiwillig aus dem Schuldienst aus.

Studium und wissenschaftliche Ausbildung

Zeugnis für August Huchel von der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft – Berlin-Dahlem.

Im Jahr 1918 heiratete Huchel Else Gagelmann aus Osterburg, Tochter des Landwirts Wilhelm Gagelmann. Von Dezember 1918 bis November 1921 war er in dessen Betrieb (ca. 77 ha, intensiver Gemüsebau) praktisch tätig, wo er erstmals mit dem Spargelanbau in Berührung kam.

Von November 1921 bis Oktober 1924 studierte er Landwirtschaftswissenschaft an der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg, wo er das Diplomexamen mit dem Gesamturteil „gut“ ablegte. Besondere Stärken zeigte er in Botanik, Pflanzenernährungslehre und Vererbungslehre. Im Wintersemester 1924/25 immatrikulierte er sich an der Albertus-Universität Königsberg, wo er Volkswirtschaft, Finanzwissenschaft und Betriebslehre studierte. Ab September 1925 arbeitete er als freiwilliger Hilfsarbeiter in der Auskunftsstelle für Pflanzenschutz der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Berlin-Dahlem unter Otto Appel, dem damals führenden deutschen Phytopathologen. Parallel besuchte er die Landwirtschaftliche Hochschule Berlin.

Rechnung der Deutschen Spargelhochzuchtgesellschaft m. b. H. Osterburg Altmark (Sammlung Kreismuseum Osterburg)

Spargelforschung und Gesellschaftsgründung in Osterburg (1926–1939)

Ab 1926 begann Huchel auf eigenen Spargelanlagen in Osterburg systematische Leistungsversuche. Die leitende Frage lautete: „Wieviel Ertrag bringt eine Spargelpflanze?“ In den Selektionsversuchen A und B der Jahre 1926–1928 erfasste er an insgesamt 1.410 Spargelpflanzen auf zwei benachbarten Feldern täglich Stangenzahl, Ertrag, Stangendurchschnittsgewicht, Triebzeitpunkt und Qualitätsmerkmale. Die Ergebnisse zeigten enorme Ertragsunterschiede zwischen einzelnen Pflanzen sowie die deutliche Überlegenheit männlicher Pflanzen im Ertrag.

Nachdem das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und der Reichsverband des deutschen Gartenbaues e.V. auf die Arbeiten aufmerksam wurden und Fördermittel bereitstellten, gründete Huchel 1929 die Deutsche Spargelhochzucht-Gesellschaft m.b.H. in Osterburg (Altmark), mit dem Reichsverband des deutschen Gartenbaues und sich selbst als Gesellschaftern. Die Geschäftsstelle befand sich in der Wallpromenade 16 (zur NS-Zeit: Hindenburgring 16) in Osterburg.

Von 1926 bis 1929 führte er an fast 1.500 Spargelpflanzen umfangreiche Leistungsprüfungen durch und schuf etwa 250 Zuchtstämme der F₁-Generation. Aus diesen gingen die Zuchtstämme 21 und 22 hervor (Kreuzungen Vater 348 × Mutter 197 bzw. Vater 359 × Mutter 197). 1933 selektierte er die besten Elternpflanzen; ab 1934 ließ er sie isoliert blühen, sodass aus der kontrollierten Kreuzung die F₂-Generation entstand – die „DSG-Leistungsauslese“. Ab 1934/35 wurde das Saatgut zum Preis von 100 RM je kg Spargelsamen und 30 RM je 1.000 Spargelpflanzen verkauft. Käufer mussten eine Verpflichtungserklärung unterzeichnen, das Material nicht für eigene Züchtungsarbeiten zu verwenden – eine privatrechtliche Vorstufe des späteren Sortenschutzes.

Die DSG-Leistungsauslese belegte im staatlichen Sortenversuch des Sortenamtes Nossen in Weinböhla (1941–1950, 15 Sorten) den ersten Platz im Ertrag.

Das Deckblatt von August Huchels Arbeit: Wieviel Ertrag bringt eine Spargelpflanze, Berlin, 1931. (Sammlung Kreismuseum Osterburg)

Die erste Publikation der Forschungsergebnisse erschien im Januar 1931: „Wieviel Ertrag bringt eine Spargelpflanze? Ein Spargel-Selektionsversuch“ (Sonderheft der Zeitschrift „Der Obst- und Gemüsebau“, Berlin 1931).

NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg (1933–1945)

Huchel war Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 5.519.098, Ortsgruppe Osterburg). Seine Gesellschaft erhielt staatliche Förderung durch NS-Reichsorganisationen; der Reichsverband des deutschen Gartenbaues war als Gesellschafter institutionell eingebunden.

Im Zweiten Weltkrieg diente Huchel als Stabsoffizier, zunächst beim I./Zerstörungsgeschwader 76, später beim II./Nachtjagdgeschwader 1. Er wurde 1940 zum Oberleutnant, 1940 zum Hauptmann und am 1. Dezember 1943 zum Major der Reserve befördert. Als Stabsmajor rettete er nach Kriegsende alle wichtigen Dokumente seiner Gruppe. Er wurde am 17. Juli 1945 in Heide (Schleswig-Holstein) aus der Wehrmacht entlassen.

Nachkriegszeit in der SBZ/DDR (1945–1953)

Da Huchel als Major der Luftwaffe nicht ohne Verhaftungsrisiko in die Sowjetisch Besetzte Zone zurückkehren konnte, lebte er ab 1947 zunächst illegal in Osterburg. Am 3. Juli 1946 wurden seine erste Ehefrau Else und eine Tochter von sowjetischen Soldaten in seinem Haus ermordet; sein Hausrat und seine Landwirtschaft wurden geplündert. Die Deutsche Spargelhochzucht-Gesellschaft wurde 1947 liquidiert.

Huchel heiratete 1949/50 Gertraude Michelmann, geb. Brämer, aus Osterburg und bemühte sich von 1946 bis 1953 um die Wiederaufnahme der Züchtungsarbeiten. Unter DDR-Abgabepflichten war ein geregelter Forschungsbetrieb nicht aufrechtzuerhalten. Im Frühjahr 1953 verließ er mit seiner Familie die DDR in Richtung Bundesrepublik.

Wiederbegründung in Walbeck (1953–1963)

Ab 1953 begründete Huchel die Deutsche Spargelhochzuchtstation in Walbeck, Kreis Geldern (Niederrhein), mit Unterstützung der Universität Bonn neu. Er entwickelte die Sorten „Huchels Staudenauslese“ und „Huchels Leistungsauslese“ und baute ein bundesweites Lizenzvermehrungsbetrieb-Netz auf. Die Keimfähigkeit des Saatguts wurde jährlich von der Versuchs- und Forschungsanstalt der Landwirtschaftskammer Rheinland in Bonn geprüft.

1957 hielt Huchel auf dem Lehrgang für gartenbauliche Pflanzenzucht und Samenbau einen Vortrag über „Erfahrungen auf dem Gebiete der Spargelzüchtung“. Im November 1959 besuchte J. Howard Ellison von der Rutgers University (New Jersey, USA) die Spargelhochzuchtstation in Walbeck; der Besuch wurde in den Horticultural News der New Jersey State Horticultural Society (Vol. 40, Nr. 6, November 1959) dokumentiert – zusammen mit Forschern aus Holland (Huyskes, Wageningen; Franken, Venlow), ein Beleg für Huchels internationale wissenschaftliche Vernetzung.

Die Todesanzeige von August Huchel (Sammlung Kreismuseum Osterburg)

Am 19. September 1963 verunglückte Huchel auf einer Rundreise zu seinen Lizenzbetrieben tödlich an einem Bahnübergang bei Quakenbrück. Er wurde am 24. September 1963 in Walbeck beerdigt. Er hinterließ seine Ehefrau Gertraude sowie zwei Töchter.

Nachfolge

Gertraude Huchel führte die Züchtungsarbeiten von 1963 bis 1971 fort. 1971 übernahm der Lizenzvermehrungsbetrieb Ernst Wehr in Ingelheim die Arbeiten; um 1982 folgte Dieter Gast in Alt-Mölln (Schleswig-Holstein).

Wissenschaftliche Leistung

Huchels zentrale Leistung liegt in der erstmaligen systematischen Einzelpflanzenerfassung im Spargelanbau: Durch jahrelange tägliche Gewichtsmessung jeder einzelnen Stange jeder einzelnen Pflanze auf großen Versuchsflächen schuf er eine datengestützte Grundlage für gezielte Selektion, die im deutschsprachigen Raum ohne Vorbild war. Vergleichbare Ansätze gab es zur gleichen Zeit lediglich an der University of California (ab 1924/25) und in Holland.

Aus dieser Arbeit resultierten folgende Erkenntnisse, die als gesicherte agrarwissenschaftliche Befunde in die Fachliteratur eingingen: Auf heutigen Spargelfeldern bringen 3–4 % der Pflanzen überhaupt keinen Ertrag; rund 50 % sind ertragsschwach. Männliche Spargelpflanzen bringen einen um ca. 25 % höheren Ertrag als weibliche, jedoch dünnere Stangen. Ertragsunterschiede zwischen einzelnen Pflanzen desselben Feldes reichen von 0 bis über 2.000 g; individuelle Pflanzenleistung ist über Jahre stabil (sog. Ertragstreue). Qualitätseigenschaften wie Zartheit, Holzigkeit und Stangenstärke sind primär pflanzengenetisch bedingt.

Die DSG-Leistungsauslese belegte im staatlichen Sortenversuch des Sortenamtes Nossen in Weinböhla (1941–1950, 15 Sorten) den ersten Platz im Ertrag.

Nachwirkung

Erinnerungstafel für August Huchel in Osterburg vor seinem ehemaligen Wohnhaus.

Seit der Gründung der Deutschen Spargelhochzucht-Gesellschaft 1929 ist der Spargelanbau mit Osterburg eng verbunden. Die Stadt bezeichnet sich heute als Spargelstadt und wählt seit 1995 jährlich eine Spargelkönigin, die die Region auf Messen und Märkten repräsentiert und veranstaltet jährlich das Osterburger Stadt- und Spargelfest.

In Walbeck wird Huchel durch den Walbecker Huchelspargel 2015 e.V. geehrt. Besonders bemerkenswert ist, dass der Huchelspargel in Walbeck bereits wieder seit 2015 angebaut wird. Auch in der Altmark wurden 2026 zum ersten Mal wieder 2000 Pflanzen von Huchels Leistungsauslese angebaut.

Einzelnachweise

  1. ↑ Stadt der Spargelhochzucht. Stadt Osterburg, abgerufen am 19. Juni 2024.
  2. ↑ Siehe angehängte Taufscheinkopie.
  3. ↑ August Huchel: Wieviel Ertrag bringt eine Spargelpflanze? Ein Spargel-Selektionsversuch. In: Der Obst- und Gemüsebau. Sonderheft. Reichsverband des deutschen Gartenbaues e. V., Berlin Januar 1931.
  4. ↑ Der Obst- und Gemüsebau : amtl. Fachbl. d. Abteilung Gartenbau im Reichsnährstand. In: zdb-katalog.de, abgerufen am 30. Mai 2026.
  5. ↑ Frank Hoche: Als Spargelfelder zum Osterburger Markenzeichen avancierten. In: Volksstimme. Mitteldeutsche Verlags- und Druckhaus GmbH, 18. September 2013, abgerufen am 21. Mai 2026.
  6. ↑ NSDAP-Mitgliederkartei. In: www.zeit.de. Die Zeit, 2026, abgerufen am 19. Mai 2026.
  7. ↑ Herzlich willkommen zum Stadt- & Spargelfest der Hansestadt Osterburg. Abgerufen am 19. Mai 2026.
  8. ↑ Huchelspargel. In: Hotel Haus Deckers. Abgerufen am 19. Mai 2026.
  9. ↑ Huchel-Spargel kehrt in die Altmark zurück. Stadt Osterburg, 5. Mai 2026, abgerufen am 19. Mai 2026.
Personendaten
NAME Huchel, August
KURZBESCHREIBUNG deutscher Diplomlandwirt und Spargelzüchter
GEBURTSDATUM 6. August 1889
GEBURTSORT Wieglitz
STERBEDATUM 19. September 1963
STERBEORT Quakenbrück