Autograph

Bachs Wohltemperiertes Clavier, Titelblatt
Erste Seite von Mozarts Ave verum
Anfang von Beethovens später E-Dur-Sonate (op. 109)
Ein „Military Appointment“ vom amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, unterschrieben von ihm und seinem Kriegsminister Edwin M. Stanton am 1. Juni 1863
Aktie des Standard Oil Trust vom 5. April 1882, unterschrieben von John D. Rockefeller

Das Autograph, auch Autograf, ist das handschriftliche Schriftstück einer bedeutenden Persönlichkeit, z. B. eines Komponisten, Schriftstellers oder Politikers bzw. einer geschichtlichen Person, aber zu den inzwischen etablierten Sammelgebieten gehören auch Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Theater und Film. Als Sammelobjekt werden Autografen besonders geschätzt, wenn sie eine eigenhändige Unterschrift sowie inhaltlich bedeutende Ausführungen der Persönlichkeit tragen. Autografen können von jeder beliebigen Gattung sein, amtliche Schriftstücke oder Visitenkarten mit Unterschriften oder handschriftliche Notizen. Dementsprechend ist auch der Inhalt sehr unterschiedlich und reicht etwa von der eigenhändigen Niederschrift eines bedeutenden Werks oder Briefen bis hin zu banalen Notizen oder kurzen, floskelhaften Grüßen an eine unbedeutende Person.

Sprachliches

Das Wort Autograf geht etymologisch über spätlateinisch autographum und klassisch lateinisch autographus zurück auf altgriechisch αὐτόγραφος autógraphos „selbst geschrieben“. Der Genitiv lautet des Autografs. In der Mehrzahl schwankt die Beugung: die Autografe oder die Autografen.

Im Gegensatz zum Autograf kann ein Manuskript von einem unbedeutenden Verfasser stammen. Wenn zwar der Verfasser des Textes eine bekannte Persönlichkeit ist, das Manuskript aber von einem Kopisten oder einer anderen Schreibkraft – also „apographisch, d. h. von Schreibern ‚fremder Hand‘“ – niedergeschrieben wurde, handelt es sich ebenfalls nicht um ein Autograf.

Die bloße eigenhändige Unterschrift nennt man Autogramm. Autogramme berühmter Persönlichkeiten sind i. d. R. besonders begehrte Autografen.

Handel, Erfassung, Erschließung und Datensicherung

Nicht nur bei mittelalterlichen Verfassern ist die Existenz der eigenhändigen Niederschrift von großer textkritischer Bedeutung für die Edition. Anhand der Autografen kann man Änderungen durch den Herausgeber erkennen und den ursprünglichen Inhalt eines Werks zweifelsfrei erschließen.

Seit dem 16. Jahrhundert wurden insbesondere in Frankreich Autografe berühmter Persönlichkeiten gesammelt, wobei man sich teilweise nicht scheute, Unterschriften oder andere eigenhändige Schriftzüge aus ihrem ursprünglichen Verwendungszusammenhang zu entfernen, indem man sie etwa aus den Schriftstücken ausschnitt oder indem man Stammbuch-Blätter herauslöste. Ein Beispiel ist die Dresdner Reformatorenbibel. Mit dem zunehmenden Interesse an Autographen und dem Aufkommen bedeutender Sammlungen entstand dann seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts nach und nach auch ein Markt für Autographen und ein spezialisierter Autographenhandel mit ersten öffentlichen Versteigerungen in Paris 1801 und 1814, ein erster Autographenkatalog erschien 1822 in Paris. Heute ist dieser moderne und durchaus internationale Autographenhandel ein beachtlicher Wirtschaftszweig des Antiquariatshandels, der für Sammler aber auch öffentliche Institutionen wie die bedeutenden Archive und Bibliotheken, die Handschriften und Autographen sammeln, von großer Bedeutung ist. Herausragende Stücke erzielen bei Auktionen und Antiquariatsmessen immer wieder Höchstpreise. Aber es kommen auch immer wieder gefälschte Stücke auf den Markt, so dass Vorsicht geboten ist; selbst bedeutende Institutionen wie das Militärhistorische Museum der Bundeswehr sind schon geschickten Fälschern und Fälschungen erlegen.

Zu den großen Autografensammlern zählen in Frankreich etwa schon der Kardinal Richelieu und in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter anderem Johann Wolfgang von Goethe und Stefan Zweig sowie Wilhelm Dorow, Karl August Varnhagen von Ense, Eduard Mörike, Johannes Brahms, Elise von Koenig-Warthausen (1835–1921) sowie der eng mit Stefan Zweig befreundete Schweizer Industrielle Karl Geigy-Hagenbach, dessen herausragende Sammlung sich heute zum Großteil in der Universitätsbibliothek Basel befindet. Auch Karl von Holtei sammelte Autografen. Ein spezielles Sammelgebiet sind die seit dem 16. Jahrhundert in Mode gekommenen Stammbücher (Album amicorum), aber auch Widmungsexemplare (Dedikationsexemplare), d. h. Bücher mit eigenhändigen Widmungen des Autors oder Fotografien mit eigenhändiger Unterschrift und/oder Widmung.

Archive und Bibliotheken unterscheiden sich traditionell in der Behandlung von Autografen. Während eigenhändige Schriftstücke wie Briefe von Herrschern in Archiven im Aktenzusammenhang verbleiben und meist auch nicht gesondert erschlossen werden, werden in den Handschriftenabteilungen insbesondere der großen Bibliotheken die Autografe etwa in Nachlassbeständen einzeln erfasst, dokumentiert und auch wissenschaftlich erforscht. Ein herausragendes Beispiel aus dem Bereich der Literatur ist etwa das Deutsche Literaturarchiv in Marbach mit seinen großen Beständen. Von 1966 bis 2001 wurden Autografe an die „Zentralkartei der Autographen“ (ZKA) gemeldet, seit 2001 nimmt der Kalliope-Verbund mit seiner Datenbank am überregionalen Redaktionsverfahren für individualisierte Personennormdaten der gemeinsamen Normdatei GND der deutschen Nationalbibliothek teil. Stammbücher bzw. Stammbucheinträge werden seit 1998 auch durch das Erlanger Nachweisprojekt Repertorium Alborum Amicorum (RAA) erfasst.

Verschiedentlich werden seit einigen Jahren Autografensammlungen ganz oder teilweise digitalisiert und im Internet bereitgestellt.

In Brüssel und Paris bestand von 2004 bis 2015 das Musée des lettres et manuscrits.

Zitat

Stefan Zweig, der auch Autografensammler war, beschrieb 1923, worin die Faszination der Autografen bestehen kann:

„Die Welt der Autographen ist keine unmittelbar sichtbare und sinnliche Welt: sie ist fühlbar einzig durch Phantasie, erkenntlich erst durch Bildung und gastlich nur jenen, die ihr Verständniswillen und die nicht allzu häufige Begabung zur Ehrfurcht entgegenbringen. […]

Etwas wunderbar Substanzloses, etwas unbegreiflich Nichthandgreifliches, etwas durchaus Seelisches macht also die Schönheit, die Eigenart der Autographen aus. Denn ihr Wesen ist nicht durch ihr Gegenständliches erschöpft, weder durch die Aussage in den geschriebenen Worten, also den Inhalt eines solchen Blattes, noch durch das graphische Bild, also ihre Außenform: ihr Wesen schwebt geheimnisvoll unter und über diesen Zeichen, die nur sinnliche Materialisation höherer geistiger Gegenwart sind. […]

Und Lebensspuren, deutlicher als alle anderen bedeuten darum diese Urschriften, diese Blätter von großer Hand, denn in jedes ist irgendeine Sekunde oder Stunde ihrer sinnlichen und geistigen Existenz eingezeichnet und gleichsam durchsichtig gefangen wie eine Fliege im Bernstein.“

Siehe auch

Literatur

(absteigend chronologisch)

Wikisource: Musiker-Autographe – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. ↑ Ernst Fischer: Bibliophilie. Anton Hiersemann Verlag, Stuttgart 2026, ISBN 978-3-7772-2400-8, S. 498.
  2. ↑ Anne Bohnenkamp/Waltraut Wiethölter (Hrsg.): Der Brief - Ereignis und Objekt. Katalog der Ausstellung im Freien Deutschen Hochstift - Frankfurter Goethe-Museum. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-86600-031-5.
  3. ↑ Vgl. Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München/Wien 1965.
  4. ↑ Jörg Döring, Jürgen Wolf: Manuskript / Autograph / Typoskript. In: Natalie Binczek, Till Dembeck, Jörgen Schäfer (Hrsg.): Medien der Literatur. De Gruyter, Berlin / Boston 2014, S. 411–423 (S. 411).
  5. Joh. Günther/Otto Aug. Schulz: Handbuch für Autographensammler. Verlag von Otto August Schulz, Leipzig 1856.
    1. ↑ S. 11ff.
    2. ↑ S. 18 f.
    3. ↑ S. 18
  6. ↑ Magnus Pahl/Armin Wagner: "Verehrter Parteigenosse Landfried !" Die Sonderausstellung "Der Führer ist tot." des Militärhistorischen Museums und die Frage nach der Echtheit von Schriftstücken Claus Schenk Graf von Stauffenbergs. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift. Band 80 (2021), Nr. 1. Verlag de Gruyter Oldenbourg, S. 126–140.
  7. ↑ Goethes Autographensammlung. Katalog. Bearbeitet von Hans-Joachim Schreckenbach. Arion Verlag, Weimar 1961.
  8. ↑ Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig. Bearbeitet von Oliver Matuschek. Inlibris, Wien 2005, ISBN 3-9501809-1-5.
  9. ↑ Michael Sachs: ‘Fürstbischof und Vagabund’. Geschichte einer Freundschaft zwischen dem Fürstbischof von Breslau Heinrich Förster (1799–1881) und dem Schriftsteller und Schauspieler Karl von Holtei (1798–1880). Nach dem Originalmanuskript Holteis textkritisch herausgegeben. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 35, 2016, S. 223–291, hier S. 283 f.
  10. ↑ Christian Andree: Karl von Holtei als Autographensammler. Mit einem Nachdruck des Katalogs der Holteiischen Autographensammlung. In: Christian Andree, Jürgen Hein (Hrsg.): Karl von Holtei (1798–1880). Ein schlesischer Dichter zwischen Biedermeier und Realismus. Würzburg 2005, S. 349–397.
  11. ↑ Normdaten im Kalliope-Verbund, zugegriffen am 9. Sept. 2023
  12. ↑ Historie des Kalliope-Verbund, zugegriffen am 9. Sept. 2023
  13. ↑ Website RAA.
  14. ↑ Museum of letters and manuscripts of Brussels. Anthology. Éditions Racine, Buxelles 2011, ISBN 978-2-87386-765-2.
  15. ↑ Stefan Zweig: Die Welt der Autographen (1923). In: Martin Bircher (Hrsg.): Stefan Zweigs Welt der Autographen. Zürich 1996, ISBN 3-907495-70-5, S. 22 f.