
Dame Averil Millicent Cameron (geborene Sutton) DBE FBA (* 8. Februar 1940 in Leek, Staffordshire; † 7. April 2026) war eine britische Althistorikerin und Byzantinistin.
Averil Cameron wuchs als einziges Kind von Millicent Sutton, geborene Drew, und Tom Sutton, der in einer Papierfabrik arbeitete, in einfachen Verhältnissen in North Staffordshire auf. Ihre Eltern unterstützten ihre Ausbildung, und nach bestandener Eleven-plus-Prüfung besuchte sie ein örtliches Mädchengymnasium. Ihre Schulleiterin setzte sich dafür ein, dass Cameron ein Studium aufnahm. Nach dem Schulabschluss studierte Cameron Literae humaniores am Somerville College der University of Oxford. In den Kursen des deutsch-englischen Altphilologen Eduard Fraenkel lernte sie den Klassischen Philologen und Historiker Alan Cameron kennen, den sie 1962 heiratete. Im selben Jahr zog sie mit ihm nach Glasgow, wo er eine Stelle an der Universität angenommen hatte, und 1964 folgte sie ihm nach London. Währenddessen arbeitete sie an ihrer Dissertation über den spätantiken Historiker und Dichter Agathias. Nach dem Wechsel nach London vollendete sie die Arbeit unter der Betreuung von Arnaldo Momigliano; die 1966 eingereichte Dissertation wurde von Peter Brown geprüft und 1970 publiziert. Trotz der damals geringen Berufschancen für Frauen an britischen Universitäten wurde Cameron am King’s College London als Assistant Lecturer in Classics angestellt; 1970 folgte dort die Beförderung zum Reader in Ancient History. Die Ausweitung ihrer Lehre auf spätere Epochen im Rahmen des von A. H. M. Jones geprägten Londoner Curriculums trug dazu bei, dass sie sich von der Klassischen Philologie stärker der Geschichtswissenschaft zuwandte. 1967/68 hielt sie sich mit Alan Cameron an der Columbia University in New York auf. 1977/78 war sie Fellow am Institute for Advanced Study in Princeton; zu diesem Zeitpunkt lebte sie nach der Trennung von Alan Cameron als alleinerziehende Mutter zweier Kinder. 1980 wurde ihre Ehe mit Alan Cameron geschieden.
1978 wurde Averil Cameron Professorin für Geschichte der Antike am King’s College London und war damit die erste Frau auf diesem Lehrstuhl sowie die erste Frau an der Spitze des dortigen Classics Department. Anschließend wirkte sie dort als Professorin für spätantike und byzantinische Studien. 1983 war sie Mitgründerin der Society for the Promotion of Byzantine Studies, 1989 wurde sie Gründungsdirektorin des Centre for Hellenic Studies am King’s College London. Im Jahr 1994 wechselte sie an die University of Oxford, wo sie bis September 2010 als Warden des Keble College amtierte. Sie war die erste Frau an der Spitze des ursprünglich rein männlichen Colleges. In Oxford war sie ab 1998 Professorin und ab 2001 außerdem Pro-Vice-Chancellor der Universität. Zu ihren universitären Aufgaben gehörten unter anderem der Vorsitz im Beirat für Ehrengrade und die Mitgliedschaft im Komitee für Interessenkonflikte, im Komitee zur Nominierung der Universitätsprediger, im Wainwright Fund und im Fakultätsrat der University of Oxford. Nach ihrem Rücktritt als Warden übernahm Cameron 2010 den Vorsitz des neu gegründeten Oxford Centre for Byzantine Research, den sie bis 2023 innehatte. Sie forschte, publizierte und betreute den Wissenschaftsnachwuchs bis in ihre letzten Lebensjahre. 2024 veröffentlichte sie ihre Memoiren Transitions: A Historian’s Memoir und übergab ihr Archiv der Bodleian Library.
Ihre außeruniversitären Verpflichtungen umfassten die Vorsitze der Cathedrals Fabric Commission for England und des Institute of Classical Studies Advisory Council sowie den stellvertretenden Vorsitz der Society for the Promotion of Roman Studies. Cameron war Präsidentin der Ecclesiastical History Society und des Council for British Archaeology in the Levant und der Fédération Internationale des Associations d’Études Classiques.
Averil Cameron starb am 7. April 2026 im Alter von 86 Jahren.
Averil Cameron erforschte vor allem die spätantike und byzantinische Geschichte. Zusammen mit insbesondere Peter Brown zählte sie zu den prominentesten unter jenen Historikern, die für eine eher positive Neubewertung der Spätantike in kulturgeschichtlicher Sicht eintraten. In der Byzantinistik wandte sie sich gegen das vor allem durch Edward Gibbon geprägte Bild eines erstarrten, bürokratischen und intellektuell unproduktiven Byzantinischen Reiches. Stattdessen beschrieb sie Byzanz als dynamische, von unterschiedlichen Ideen, Sprachen und kulturellen Einflüssen geprägte Gesellschaft. Den Übergang vom mediterran geprägten Römischen Reich zum griechischsprachigen Byzantinischen Reich verstand sie nicht als bloßen Niedergang, sondern als fortlaufenden, sich wandelnden historischen Prozess. Damit trug sie wesentlich dazu bei, spätantike und byzantinische Geschichte stärker als zusammenhängendes Forschungsfeld zu etablieren.
Ihre frühen Arbeiten zu Prokopios von Caesarea, Agathias und Corippus verbanden philologische Detailarbeit mit einem breiteren historischen Interesse an den Krisen, Aushandlungen und kulturellen Wandlungen des sechsten Jahrhunderts. Charakteristisch für Camerons Arbeiten war die Verbindung klassischer Altertumswissenschaft, Byzantinistik, Kunstgeschichte, Archäologie und Religionsgeschichte. Sie gehörte zu den Forscherinnen und Forschern, die moderne theoretische Ansätze für die Untersuchung spätantiker und byzantinischer Texte nutzbar machten. Cameron war auch Mitherausgeberin der Bände 12 bis 14 der neu bearbeiteten Cambridge Ancient History.
In ihren Forschungen befasste sich Cameron unter anderem mit Aushandlungsprozessen von Orthodoxie und Häresie sowie der Debattenkultur der spätantiken und byzantinischen Zeit. Sie betonte, dass die Stellung des Christentums in den antiken und mittelalterlichen Gesellschaften des Mittelmeerraums nicht von Anfang an feststand, sondern umstritten, veränderlich und diskursiv ausgehandelt war. In Christianity and the Rhetoric of Empire argumentierte sie, dass die Durchsetzung des Christentums im Römischen Reich wesentlich mit der Ausbildung eines eigenen Deutungs- und Vorstellungsraums verbunden war. Ihre Antrittsvorlesung The sceptic and the shroud vom 29. April 1980 am Londoner Department of Classics and History widmete sie dem Turiner Grabtuch und wies darin die These von Ian Wilson zurück, das Turiner Grabtuch sei identisch mit dem Abgar-Bild. Ihre Monographie zu Prokopios von Caesarea von 1985 und ihr Handbuch The Mediterranean World in Late Antiquity galten jahrzehntelang als Standardwerke.
Für ihre Forschungen wurden Cameron zahlreiche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen. Cameron erhielt Ehrendoktorate der Universitäten Warwick, St Andrews, Aberdeen und der Queen’s University of Belfast. Sie war Fellow der Society of Antiquaries of London, der British Academy, der Ecclesiastical History Society und des King’s College London. 2000 wurde sie zum Mitglied der Academia Europaea gewählt. Cameron war seit 2006 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. 1999 wurde sie zum Commander des Order of the British Empire ernannt, 2006 wurde sie als Dame Commander desselben Ordens in den persönlichen Adelsstand erhoben und führte fortan den Namenszusatz „Dame“. 2020 erhielt sie als erst zweite Frau die Kenyon Medal for Classical Studies.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Cameron, Averil |
| ALTERNATIVNAMEN | Cameron, Averil Millicent; Sutton, Averil Millicent (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | britische Althistorikerin und Byzantinistin |
| GEBURTSDATUM | 8. Februar 1940 |
| GEBURTSORT | Leek, Staffordshire |
| STERBEDATUM | 7. April 2026 |