Die vorgeschriebenen Lesungen waren Phil 1,3–11LUT und Mt 18,23–35LUT, das Gleichnis vom Schalksknecht. Der Textdichter Christoph Birkmann (1703–1771) betont, vom Evangelium ausgehend, in der ersten Arie den Gegensatz „Er ist gerecht, ich ungerecht“. Die Sätze 3 und 4 beginnen beide mit den Worten Erbarme dich. Der Schlusschoral ist die sechste Strophe von Werde munter mein Gemüte von Johann Rist (1642). Bach benutzte den Vers ein weiteres Mal in seiner Matthäus-Passion, nach der Arie Erbarme dich, in der Petrus bereut, Jesus verleugnet zu haben.
Recitativo: Erbarme dich! Jedoch nun tröst ich mich
Choral: Bin ich gleich von dir gewichen
Musik
Ein dichter polyphoner Satz von Flöte, Oboe d’amore und zwei Violinen, ohne Viola, begleitet die erste Arie. Die Motive scheinen (nach Albert Schweitzer) die unsicheren Schritte und die Verzweiflung des Dieners zu illustrieren, der vor seinen Herrn zitiert wird. Die zweite Arie ist ebenso ausdrucksvoll, begleitet von einer virtuosen Flöte. Das erste Rezitativ ist secco, das zweite durch Haltetöne der Streicher bereichert.
Den abschließenden Choral, Text und Melodie setzte Bach auch in seiner Matthäuspassion ein, dort in einem komplexeren vierstimmigen Satz. Der Text erscheint in Bachs Werken nur an diesen beiden Stellen, während die Melodie häufiger vorkommt, zum Beispiel als Abschluss beider Teile der Kantate Herz und Mund und Tat und Leben.
Im Autograph stehen die ersten beiden Sätze in Konzeptschrift, der Rest ist offenbar eine Abschrift aus einer existierenden Partitur. Dies lässt vermuten, dass die drei letzten Sätze schon in Weimar komponiert wurden, möglicherweise als Teile einer verlorenen frühen Passion.
Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Kantaten: Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs. Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig 2006, ISBN 3-374-02390-8; Carus-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-89948-073-2 (Edition Bach-Archiv Leipzig)