Baber Johansen (* 15. September 1936 in Berlin; † 1. Februar 2026 in Boston, Massachusetts) war Islamwissenschaftler und Soziologe, und von 1972 bis 1995 zunächst Assistenzprofessor, dann ordentlicher Professor an der FU Berlin, 1995 bis 2004 Directeur d’études an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, und ab 2005 Professor of Islamic Religious Studies an der Harvard-Universität (Harvard Divinity School). Er wurde „Harvard Divinity School Research Professor der Islamic Studies“ in 2020. Baber Johansen entwickelte sich damit vom politisch engagierten Assistenzprofessor der Sechziger/Siebzigerjahre aus dem linken akademischen Mittelbau der Freien Universität Berlin zu einem bedeutenden, international anerkannten Experten für islamisches Recht und seine Geschichte.
Baber Johansen wurde 1936 als drittes Kind von fünf Kindern in Berlin geboren. Seine Eltern, Henry Johansen (Ernest J. Salter), Publizist, und Erna Maria Johansen, Pädagogin, waren als Gegner der nationalsozialistischen Regierung mit einem Berufsverbot belegt und ihre Mittel sehr beschränkt. Nach der deutschen Teilung lebte die Familie in West-Berlin; dort besuchte Baber Johansen die Robert Blum Oberschule und studierte anschließend ab 1956 an der Freie Universität Berlin mithilfe eines Stipendiums der Friedrich-Ebert-Stiftung. Das gewünschte Fach Politologie wählte er nach einem Semester ab und entschied sich 1957 für Islamwissenschaft, daneben noch Soziologie, Wirtschaft und Recht. An der Universität Kairo belegte er 1961/1962 mehrere Auslandssemester Arabistik und Geschichte. 1965 promovierte er an der Freien Universität Berlin mit dem Thema: »Mohammed Hussain Hayal: Europa und der Orient im Weltbild eines ägyptischem Liberalen« und arbeitete bis zu seiner Habilitation 1972 als Assistenzprofessor, im Anschluss – neben Fritz Steppat – als Professor des Instituts für Islamwissenschaft der Freien Universität. Während der Studentenunruhen nahm er Teil am intellektuellen Aufbruch der Linken Wissenschaftlichen Assistenten gegen die sogenannte Ordinarienuniversität. Seine Kritik an der renommierten Deutsche Morgenländische Gesellschaft (DMG), der er nachwies, dass sie ihre Institute im Nationalsozialismus in den Dienst der NS-Kriegs- und Rassenpolitik gestellt hatte, trug zur Unterstützung der studentischen Forderungen nach Entnazifizierung und Demokratisierung der Hochschulen bei. Er gehörte mehrere Jahre zum Redaktionsstab des Theorieorgans der Westdeutschen Linken Das Argument, veröffentlichte dort mehrere antikolonialistische und antiimperialistische Aufsätze und übernahm nach 1969, dem Jahr der Verabschiedung des neuen HSG, Leitungsfunktionen in der akademischen Selbstverwaltung. Trotz der Sympathie mit der Studentenbewegung und seiner Position als Assistenzprofessor nach der Hochschulreform 1969 lief er dennoch 1972 das Habilitationsverfahren formal durch. Die Fragestellung der Habilitation, die dem Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften der FU Berlin vorlag, war die politische Funktion religiöser Traditionen am Beispiel Marokkos. Ein gekürzter Abdruck davon wurde in „Das Argument“ (Heft 79) veröffentlicht. Er bewies damit, dass der neue, reformierte Mittelbau den traditionellen wissenschaftlichen Ansprüchen der konservativen Universitätslandschaft absolut gewachsen war. In der für die Islamwissenschaft wichtigen Debatte um den »eurozentrischen Orientalismus«, die 1978 durch die Veröffentlichung von Edward Said ausgelöst wurde, nahm er eine materialistische Position ein. Said kritisierte die Hybris westlicher Orientalisten gegenüber dem Islam, der als rückschrittlich und starr, durch die Religion gelähmt, dargestellt werden würde. Said, ein Literaturwissenschaftler, siedelte die Kritik vor allem auf der Macht der Sprache an, der literarischen und kulturellen Darstellung des Islamismus. Johansen teilte zwar im Kern Saids Kritik am Orientalismus, aber er forderte eine ökonomische und soziale Analyse statt einer rein auf religiöse oder auf sprachliche und literarische Aspekte eingeschränkten Herangehensweise. 1988 begründete er mit der Veröffentlichung »The Islamic Law on Land Tax and Rent: the Peasants Loss of Property Rights as interpreted in the Hannafite Legal Literature of the Mamluk and Ottomane Periods« seinen internationalen Ruf als Kenner des islamischen Rechts und dessen – bis dahin wissenschaftlich bestrittenen – historischen Entwicklung und Anpassung an sich verändernde gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse. 1992–1994 (später noch 2002–2003) war er vorübergehend als Gastprofessor am »Institut für Advanced Studies« an der Princeton University tätig. 1995 wechselte er nach Paris. Dem vorausgegangen war ein Methodenstreit in der Freien Universität über die Ausrichtung der Islamwissenschaft: Der bisherigen, traditionskritischen Rechtsschule, wie Johansen sie vertrat, stand, auch angesichts des aufkommenden Islamismus, die Forderung nach einer stärkeren Gegenwartsorientierung gegenüber, die einen wissenschaftlichen Beitrag zur aktuellen geopolitische Lage liefern könne. An die Stelle kritischer Analysen historischer Texte und der Entwicklung des islamischen Rechts sollten praxisnahe Analysen treten. Johansen betrachtete das als einen utilitaristischen Orientalismus, der den Orient erneut allein durch die Brille westlicher Interessen sah. – Den Hintergrund der Debatte bildeten drohende Haushaltskürzungen, durch die insbesondere die kleinen Fächer, wie die Institute der Orient Wissenschaften, in ihrem Bestand gefährdet waren. – Angesichts dieser (vorübergehenden) intellektuellen Entfremdung zu seiner Alma Mater war Johansen dem Ruf der renommierten Etude and Sciences Sociales (EHESS) gefolgt, die ihm eine Stelle als Forschungsdirektor (Directeur d'Etudes) anbot, in der er sich auf seine inzwischen international beachtete Forschung zur islamischen Normenlehre konzentrieren konnte. 1999 veröffentlichte er sein bedeutendstes Werk, dass seine internationale Anerkennung endgültig festigte: »Contingency in a Sacred Law: Legal and Ethical Norms in the Muslim Fiqh«, in dem er darlegt, dass und wie muslimische Gelehrte des zehnten bis zwölften Jahrhunderts religiöse Normen an gesellschaftliche Realitäten anpassten. Nach Erreichen der Altersgrenze der Ecole des Hautes Etudes wurde er 2005 als Professor für islamische Religionsstudien an die Harvard-Universität in Boston Harvard University berufen. 2006 wurde er außerdem an die Harvard Law School und zum Direktor des Programms "Islamic Legion studies" berufen, 2010–2013 zum Direktor des »Center for Middle Eastern Studies«. 2013 und 2014 nahm er als Fellow Teil am Wissenschaftskolleg in Berlin, an dessen Projekten er schon in den 90er Jahren beteiligt gewesen war im »Arbeitskreis Moderne und Islam«. Seine zentrale Fragestellung in der späten Phase war »A Muslim Debate on Human Nature«, auch das ein Ansatz, um zu beweisen, dass das islamische Denken dem Menschen die Fähigkeit zusprach, seine eigene Geschichte aktiv zu gestalten. Neben seinen Veröffentlichungen über Geschichte und Gegenwart Islamischen Rechts war Johansen Mitherausgeber des Journals Islamic Law und Society.
Er war zweimal verheiratet und blieb kinderlos.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Johansen, Baber |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Islamwissenschaftler und Soziologe |
| GEBURTSDATUM | 15. September 1936 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 1. Februar 2026 |
| STERBEORT | Boston, Massachusetts |