Barbara von Roll

Barbara von Roll, wie man sie sich 300 Jahre später vorstellte: Lithografie von Johann Heinrich Meyer um 1820
Ausschnitt aus einem Holzschnitt nach einer Zeichnung des Hans Asper um 1545, der die Stadt Solothurn zeigt, in der Chronik des Johannes Stumpf. Das Von-Roll-Haus mit Hof und Hofmauer wurde hier hellrot eingefärbt. Rechts im Bild (angeschnitten) die St. Ursenkirche.

Barbara von Roll (* 4. Dezember 1502 in Solothurn; † 26. Juni 1571 ebenda; nach ihrer Heirat auch Barbara von Luternau) war eine Solothurner Patrizierin. Sie gilt als Schweizer Pionierin der Sozialfürsorge und der Krankenpflege. Sie war weit über die Grenzen der Stadt Solothurn hinaus bekannt für ihre erfolgreiche Heiltätigkeit und wurde von namhaften Gelehrten ihrer Zeit in Gesundheitsfragen konsultiert.

Namen

Barbara von Roll wurde von ihren Zeitgenossen je nach Zusammenhang Barbara von Roll oder Barbara (Baronin) von Luternau genannt. Barbara von Roll selbst verwendete nach ihrer Heirat beide Namen, nach dem Tod ihres Ehemanns auch Barbara von Roll, Witwe von Luternau. In ihrem Herkunftsort Solothurn ist Barbara im Zusammenhang mit ihrem Geburtshaus und unter dem Namen der heute noch existierenden Familie von Roll bekannt, weshalb dieser Artikel unter dem Namen Barbara von Roll läuft.

Leben

Barbara von Roll wuchs als Tochter der Agathe von Blumenegg und des Johann (Hans) I von Roll von Emmenholz mit zwei Brüdern im von-Roll-Haus (heute Hauptgasse 69) in Solothurn auf. Sie genoss eine für ein Mädchen ihres Standes angemessene Erziehung und Bildung. Schon in jungen Jahren soll sie von ihrer Mutter Heilkräuterwissen übernommen haben. Am Tag des heiligen Matthias (24. Februar) 1519 heiratete Barbara von Roll den Edelknecht Hieronymus von Luternau, Sohn des Aarauer Schultheissen Sebastian von Luternau. Hieronymus von Luternau machte als Hauptmann in französischen Diensten Karriere als Militär, war Gesandter und Politiker. Ab 1540 bekleidete er in Solothurn das angesehene Amt des Säckelmeisters, also des höchsten Finanzbeamten.

Schon während ihrer Zeit als Ehefrau konsultierten auch auswärtige Kranke Barbara von Roll, so im Jahr 1538 Ursula Offenburg, die erste Gattin des berühmten Gelehrten Glarean, und 1547 der Speyrer Domdekan Johannes von Heppenheim genannt vom Saal. Im Jahr 1545 strömten anlässlich eines Besuchs der Solothurner Heilkundigen in Freiburg im Breisgau dermassen viele Kranke und Ratsuchende zusammen, dass Glarean selbst sie kaum zu Gesicht bekam.

Im Herbst 1549 starb Barbaras Gatte Hieronymus von Luternau. Die Ehe war kinderlos geblieben. Barbara von Roll engagierte sich als Witwe weiterhin und nun erst recht mit ihrem Gut, ihrem Wissen und Können zum Wohl der Kranken und betrieb Fürsorge für Arme. Sie muss sich ihr phytotherapeutisches Wissen weitgehend autodidaktisch erarbeitet haben. Ihr Hausgarten enthielt einen Kräutergarten, sie betrieb damit eine Heilpflanzenapotheke. Vor allem lagen ihr bedürftige Schwangere und Wöchnerinnen am Herzen. In ihrem Geburtshaus in Solothurn führte sie für sie ein kleines Privatspital.

Wenige Tage vor ihrem Tod verfasste sie ein Testament, in dem sie hauptsächlich ihren Neffen Hieronymus von Roll begünstigte. Sie starb nach längerem Leiden am 26. Juni 1571 in Solothurn.

Umfeld

Barbara von Roll bewegte sich im Kreis des Henricus Loriti, genannt Glarean, und seiner Solothurner Schüler. Glarean, der berühmte Schweizer Vertreter des Renaissance-Humanismus, schätzte Barbara von Roll und ihre Heilkunst sehr, wie mehrere Textstellen belegen. Sie war auch mit den Glarean-Schülern Hanns Wagner, genannt Carpentarius, und dessen Onkel Johannes Aal gut bekannt. Letzterer vermachte ihr in seinem Testament ein vergoldetes Becherchen, da sie ihm viel Gutes getan habe. Barbaras Neffe Hieronymus von Roll studierte ebenfalls bei Glarean in Freiburg im Breisgau.

Briefe

Sieben Briefe der Barbara von Roll an den Berner Pfarrer Valentin Rebmann, genannt Ampelander, aus den Jahren 1561–1568 sind erhalten geblieben und werden in der Burgerbibliothek Bern aufbewahrt. Sie geben Zeugnis von Barbara von Rolls eigener Sicht auf ihre Heiltätigkeit und ihre Heilpraxis.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Johannes Stumpf: Gemeiner loblicher Eydgnoſchafft Stetten Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beſchreybung. Christoph Froschauer, Zürich 1547.
  2. ↑ Ludwig Rochus Schmidlin: Genealogie der Freiherren von Roll. Union, Solothurn 1914, S. 48–60.
  3. 1 2 3 Monika Grieder: Barbara von Luternau / Barbara von Roll. In: Historisches Lexikon der Schweiz HLS. HLS, 2022, abgerufen am 10. Mai 2026.
  4. ↑ Rosmarie Kull-Schlappner: Barbara von Roll, eine grosse Ärztin in ihrer Zeit. In: Zeitschrift für Krankenpflege. Band 64, Nr. 10, 1971, S. 356–357.
  5. ↑ Henricus Loriti Glareanus: Helvetiae Descriptio (im Widmungsbrief an Barbara von Rolls Neffen Hieronymus von Roll). Basel 1554.
  6. ↑ Rolf Max Kully: Hanns Wagner alias Ioannes Carpentarius: eine Testimonienbiographie. ("Domina Barbara à Roll"). Band 3. Peter Lang, Bern 1982, S. 202.
  7. ↑ Hanns Wagner: Brief an Galean vom 10. November 1947. In: Rolf Max Kully (Hrsg.): Hanns Wagner alias Carpentarius: eine Testimonienbiographie. Band 3. Peter Lang, Bern 1982, S. 85–88.
  8. ↑ "Ich, Barbara von Roll", in: Stiftungsverfügung vom 21.11.1549, Dokument in der Zentralbibliothek Solothurn, Signatur ZBS S II 222/29 und "Barbara von Roll, weilends des Heronimussen von Lutternow ...", in: Testament vom 16.06.1571, Dokument in der Zentralbibliothek Solothurn, Signatur ZBS S II 222/30
  9. ↑ Christina Varveris: Stadtführung der besonderen Art macht Werbung für die Pflegeinitiative: "Beim Von-Roll-Haus wird Barbara von Roll zum Thema." In: Solothurner Zeitung. AZ, Solothurn 2. November 2021.
  10. ↑ Nina Köpfer: Ungewohnte Frauenbiografie. SRF, 11. April 2026, abgerufen am 10. Mai 2026.
  11. ↑ Susanna Hofer: Mädesüss und Liebstöckel. In: Solothurner Zeitung. Solothurn 26. April 2026.
  12. ↑ Schmidlin, Ludwig Rochus: Genealogie der Freiherren von Roll. Union, Solothurn 1914, S. 48 ff.
  13. ↑ A. v. L.: Barbara von Roll, eine historische Skizze. In: Schweizerisches katholisches Wochenblatt. Band 2, Nr. 49, 1902, S. 454.
  14. ↑ Ludwig Rochus Schmidlin: Genealogie der Freiherren von Roll. Union, Solothurn 1914, S. 48.
  15. ↑ Ludwig Rochus Schmidlin: Genealogie der Freiherren von Roll. Union, Solothurn 1914, S. 49.
  16. ↑ Emil Franz Josef Müller: Briefe Glareans an Aegidius Tschudi (1533–1561). In: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte. Band 28, 1934, S. 30–39.
  17. ↑ Rolf Max Kully: Hanns Wagner alias Ioannes Carpentarius: eine Testimonienbiographie. Band 3. Peter Lang, Bern 1982, S. 86.
  18. ↑ Emil Franz Josef Müller: Briefe Glareans an Aegidius Tschudi. In: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte. Band 28, 1934, S. 37–38.
  19. ↑ Ludwig Rochus Schmidlin: Genealogie der Freiherren von Roll. Union, Solothurn 1914, S. 52.
  20. ↑ Philippe-Sirice Bridel: Barbara von Roll. Hrsg.: Solothurnisches Wochenblatt. Nr. 13, 1821, S. 121–126.
  21. ↑ Mara Meier: Der Trost der Pflanzen: Barbara von Roll. Zytglogge, Basel 2026.
  22. ↑ Rosmarie Kull-Schlappner: Barbara von Roll, eine grosse Ärztin in ihrer Zeit. In: Zeitschrift für Krankenpflege. Band 64, Nr. 10, 1971, S. 356–357.
  23. ↑ Testament vom 16.06.1571, Dokument in der Zentralbibliothek Solothurn, Signatur ZBS S II 222/30
  24. ↑ Ludwig Rochus Schmidlin: Genealogie der Freiherren von Roll. Union, Solothurn 1914, S. 57.
  25. ↑ Henricus Loriti Glareanus: Brief an den Solothurner Stiftspropst Johannes Aal vom 15.04.1526. In: Rolf Max Kully (Hrsg.): Hanns Wagner alias Ioannes Carpentarius. Band 3. Peter Lang, Bern 1982, S. 67.
  26. ↑ Henricus Loriti Glareanus: Helvetiae Descriptio (Widmungsbrief an Barbara von Rolls Neffen Hieronymus von Roll). Basel 1554.
  27. ↑ Hanns Wagner: Brief an Glarean vom 10. November 1547. In: Rolf Max Kully (Hrsg.): Hanns Wagner alias Ioannes Carpentarius: eine Testimonienbiographie. Band 3. Peter Lang, Bern 1982, S. 85–88.
  28. ↑ Johannes Aal: Testament. In: Rolf Max Kully (Hrsg.): Hanns Wagner alias Ioannes Carpentarius. Band 3. Peter Lang, Bern 1982, S. 108.
  29. ↑ Inga-Mai Grote, hrsg.: Glareans Solothurner Studenten: regionale Identität und internationale Vernetzung in der frühneuzeitlichen Gelehrtenkultur. Zentralbibliothek Solothurn, Solothurn 2013.
  30. ↑ Signatur BBB Cod. A 27
  31. ↑ Monika Grieder: Barbara von Luternau, geborene von Roll (1502-1571): Was ihre Briefe an den reformierten Pfarrer Rebmann über ihr Leben und Wirken im altgläubigen Solothurn verraten. In: Zwingliana. Nr. 47, 2020, S. 17–105.
Personendaten
NAME Roll, Barbara von
ALTERNATIVNAMEN Luternau, Barbara von
KURZBESCHREIBUNG Solothurner Patrizierin
GEBURTSDATUM 4. Dezember 1502
GEBURTSORT Solothurn
STERBEDATUM 26. Juni 1571
STERBEORT Solothurn